Courtney Summers — Sadie: Stirbt sie, wird niemand die Wahrheit erfahren.

Kasimira13.Februar 2019

Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren.” ist bereits das zwei­te Buch der kana­di­schen Schrift­stel­le­rin Court­ney Sum­mers, das ins Deut­sche über­setzt wur­de. Die Autorin, die von sich selbst erzählt, dass sie im Alter von 14 Jah­ren — und dem Ein­ver­ständ­nis ihrer Eltern — die Schu­le abge­bro­chen hat, um selbst wei­ter zu ler­nen, erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens, die sich auf die Suche nach dem Mör­der ihrer Schwes­ter gemacht hat und die nun selbst ver­misst wird. Bis ein Repor­ter sich auf ihre Spu­ren begibt. Ein Road­mo­vie, ein True-Crime-Pod­cast, ein Thril­ler und ein über­aus erfolg­rei­cher New York Times Bestel­ler. Der beson­de­re Page­tur­ner — ein unglaub­lich inten­siv und packend erzähl­tes Buch! Lese­tipp!! Für (rei­fe) Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

Cold Creek, Colo­ra­do. Ein 800-See­len­dorf mit­ten in der Ein­öde. Wer hier wohnt, tut dies nur, weil er hier gebo­ren wur­de. “Ich lebe an einem Ort, der zu nichts taugt außer zum Weg­ge­hen, mehr muss nicht gesagt wer­den” (Zitat S.16) Hier lebt auch Sadie mit ihrer klei­nen Schwes­ter Mat­tie. In einem Trai­ler­park, in ärms­ten Ver­hält­nis­sen. Mit einer dro­gen­ab­hän­gi­gen Mut­ter namens Clai­re und May Beth, der Ersatz­groß­mutter der bei­den, der Besit­ze­rin des Trai­ler­parks. “Nun, Clai­re war schwie­rig und dafür gab es kei­nen Grund. Man­che Kin­der sind ein­fach so… schlecht. Sie fing mit zwölf an zu trin­ken. Mit fünf­zehn war sie auf Pott, Koka­in. Mit acht­zehn auf Hero­in. Sie wur­de mehr­fach ver­haf­tet wegen Gele­gen­heits­dieb­stahls und ande­rer Klei­nig­kei­ten. Ein­fach unbe­re­chen­bar.” (Zitat S.28) Clai­re hat wech­seln­de Män­ner­be­zie­hun­gen. Und ihre Toch­ter Sadie eine über­aus ein­sa­me Kind­heit, in wel­cher ihre Mut­ter (auf­grund ihrer KasimiraSucht) sich kaum um sie küm­mern und so etwas wie Lie­be ihr gegen­über emp­fin­den konn­te - ehe nach sechs Jah­ren, ihre klei­ne Schwes­ter Mat­tie gebo­ren wur­de. Mit Mat­tie ist auf ein­mal alles anders. “Sadie lieb­te Mat­tie von gan­zem Her­zen und die­se Lie­be für Mat­tie hat ihr eine Auf­ga­be gege­ben. Sadie mach­te es zu ihrem Lebens­in­halt, sich um ihre klei­ne Schwes­ter zu küm­mern.” (Zitat S.49) Und sie von den “Pro­ble­men” ihrer Mut­ter mög­lichst fern­zu­hal­ten. Auch als Clai­re ein­fach weg­geht und ihre Töch­ter allei­ne zurück­lässt, als Sadie 16 Jah­re alt war und Mat­tie 10, da ver­sucht sie alles Mög­li­che, damit es ihrer Schwes­ter wei­ter­hin gut geht. Bis drei Jah­re spä­ter Mat­tie tot auf­ge­fun­den wird. Ein stump­fes Schä­del­trau­ma. Eine Lei­che auf einer Apfel­wie­se. Kurz zuvor ein Streit zwi­schen den Schwes­tern und Mat­tie, die weg­ge­lau­fen ist. “Sadie ist dar­an zer­bro­chen, an Mat­ties Ermor­dung. Sie war danach nicht mehr die­sel­be, und das ist ver­ständ­lich, aber die Poli­zei hat das Mons­ter nie gefun­den, den Kerl, der das getan hat.” (Zitat S.22) Doch nun ist — Mona­te spä­ter — eben­so Sadie ver­schwun­den und May Beth bit­tet einen Repor­ter, sich an ihre Spu­ren zu hef­ten. Denn Sadie hat sich schein­bar auf die Suche nach dem Mör­der ihrer Schwes­ter gemacht…

Was bei “Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren.” sogleich auf­fällt, ist das aus­drucks­star­ke, geschickt gestal­te­te Cover: die aus­ge­stanz­ten, schwar­zen Buch­sta­ben. Tei­le des Buches, die feh­len, eben­so wie sie die Prot­ago­nis­tin der Geschich­te: Sadie. Ihren KasimiraCha­rak­ter näher ken­nen­zu­ler­nen, ihre Eigen­ar­ten, ihren Gedan­ken zu fol­gen, den Erleb­nis­sen ihrer Ver­gan­gen­heit nach­zu­spü­ren, macht einen beson­de­ren Reiz beim Lesen aus: “Ich bin nicht für die fei­ne­ren Din­ge des Lebens gemacht. Mein Kör­per ist so kan­tig, dass man Glas damit schnei­den kann, und braucht drin­gend ein paar Run­dun­gen, aber manch­mal ist mir das egal. Ein Kör­per mag nicht immer schön sein, kann aber eine schö­ne Täu­schung sein. Ich bin stär­ker, als ich aus­se­he.” (Zitat S.31) Sadie ist eine eher sprö­de­re Figur, sie ist eigen­wil­lig und stur und hat ger­ne das letz­te Wort. Small­talk beherrscht sie gar nicht und als klei­nes Mäd­chen hat sie ange­fan­gen zu stot­tern und damit auch nie wie­der auf­ge­hört. Sie hat Ecken und Kan­ten und wirkt ein­fach echt. Und auch wenn sie eine Kämp­fe­rin ist, ist sie den­noch von einer gewis­sen Hoff­nungs­lo­sig­keit erfüllt. Sie weiß, dass sie vom Leben nicht all zu viel zu erwar­ten hat: Ich war sechs­zehn. Ich habe die High­school geschmis­sen, was längst nicht so kom­pli­ziert war, wie ich ange­nom­men hat­te. Ich weiß noch, wie ich vor der Schu­le stand, dar­auf gewar­tet habe, dass mich jemand auf­hält, mir sagt, dass ich mei­ne Zukunft weg­wer­fe, aber so viel Fan­ta­sie gab es an die­sem Ort nicht. Für man­che Leu­te ist Zukunft eine Chan­ce. Für ande­re ist es nur Zeit, die noch kommt, und da, wo ich auf­ge­wach­sen bin, war es nur Zeit.” (Zitat S.176) Gera­de Sadies Cha­rak­ter so inten­siv und authen­tisch zu beschrei­ben, aber auch eine gewis­se beklem­men­de und Kasimiradrü­cken­de Stim­mung zu erzeu­gend, ist Court­ney Sum­mers über­aus gut gelun­gen. Es ist Sadie, die den Roman aus der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Ihre Kapi­tel wer­den mit ihrem Namen beti­telt und gren­zen sich durch das Schrift­bild von einer wei­te­ren Per­spek­ti­ve ab. Denn es gibt noch eine wei­te­re Sicht­wei­se in “Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren.” und dies ist der beson­de­re Clou des Buches: es ist nicht ein­fach nur der Repor­ter, der berich­tet, son­dern es ist ein Pod­cast, der abge­druckt wird: “Heu­te fan­gen wir etwas Neu­es an — etwas Gro­ßes. Statt der übli­chen Fol­ge von Always Out The­re star­ten wir mit der ers­ten Fol­ge unse­rer neu­en Pod­cast-Serie The Girls. […] Ins Leben geru­fen und mode­riert von unse­rem lang­jäh­ri­gen Pro­du­zen­ten West McCray, ergrün­det The Girls, was pas­siert, wenn ein fürch­ter­li­ches Ver­bre­chen ein zutiefst beun­ru­hi­gen­des Geheim­nis ans Tages­licht bringt. Es ist eine Geschich­te über Fami­lie, über Schwes­tern und das Leben in einer ame­ri­ka­ni­schen Klein­stadt. Dar­über, wie weit wir gehen, um unse­re Liebs­ten zu beschüt­zen … und wie hoch der Preis ist, wenn es uns nicht gelingt. Und sie beginnt, wie so vie­le Geschich­ten, mit einem toten Mäd­chen.” (Zitat S.5) Hier erzählt West McCray von sei­nen Recher­chen, fährt zu dem Ort, in dem Sadie und ihre Schwes­ter groß gewor­den sind, spricht mit unzäh­li­gen Men­schen und reist wei­ter, immer ihrer Spur nach. Die zwei Sicht­wei­sen wech­seln sich ab. Sadie ist West McCray immer ein wenig vor­aus. Bis er schließ­lich nach ihr auf die Per­so­nen trifft, mit denen auch sie gespro­chen hat und die sie wei­ter dazu geführt haben den Mann zu fin­den, der ihre KasimiraSchwes­ter ermor­det hat. Gera­de die­se sich abwech­seln­den Kapi­tel zu lesen, die meist mit einem Cliff­han­ger enden, ist über­aus dra­ma­tisch und span­nend, gera­de­zu ner­ven­zer­rei­ßend! Vor allem da man immer noch nicht weiß, was mit Sadie pas­siert ist. Die Poli­zei hat nur das Auto, das sie sich gekauft hat und ihre Sachen gefun­den ver­las­sen vor­ge­fun­den. Mei­len­weit von Zuhau­se ent­fernt. Was das Gan­ze noch auf­wüh­len­der macht, ist außer­dem, dass der Leser zu Beginn bereits rela­tiv schnell weiß, was Sadie vor­hat, wenn sie den Mör­der fin­det: “Ich wer­de einen Mann töten. Ich will ihm das Licht aus den Augen steh­len. Ich will sehen, wie es erlischt. Man soll auf Gewalt nicht mit noch mehr Gewalt ant­wor­ten, aber manch­mal glau­be ich, dass Gewalt die ein­zi­ge Ant­wort ist. Nicht weni­ger hat er Mat­tie ange­tan und des­halb ver­dient er auch nicht weni­ger.” (Zitat S.53) Es ist ein Wett­lauf mit der Zeit, ein Lese-Sog, dem man sich — vor allem gegen Ende — kaum mehr ent­zie­hen kann! Denn die Wahr­heit in der Geschich­te ent­blät­tert sich erst lang­sam. Wie eine alte, zer­fled­der­te Tape­te. Und was dar­un­ter ist, das ist nicht schön. Das ist schmerz­lich und zer­stö­rend. Daher sei auch eine gewis­se Rei­fe beim Leser vor­aus­ge­setzt. Das Ende — macht sprach­los und nach­denk­lich. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es gut oder schlecht fin­de… aber pas­send ist es in gewis­ser Wei­se schon irgend­wie.

Fazit: Ein unheim­lich auf­wüh­len­des, fes­seln­des Buch. Eine Geschich­te, die man nicht mehr ver­ges­sen wird!

Übri­gens: Einen Teil des Pod­casts kannst du dir hier im eng­li­schen Ori­gi­nal anhö­ren. Der deut­sche Beltz & Gel­berg Ver­lag hat auch eine schö­ne Zusatz­sei­te zu “Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren” ange­fer­tigt mit eini­gen Fotos und Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen.

Court­ney Sum­mers hat im Deut­schen zuvor noch ein ande­res Jugend­buch ver­öf­fent­licht: “Außer sich”, in dem sie das The­ma Ver­ge­wal­ti­gung the­ma­ti­siert. Ich muss gestehLesealternativenen, dass ich die­ses Buch damals ange­fan­gen, aber nicht zu Ende gele­sen habe, weil es mich nicht ganz so mit­ge­ris­sen hat. Aber am bes­ten selbst eine Mei­nung bil­den;-) Eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren” könn­te die zwei­bän­di­ge “The Ama­teurs”-Rei­he von Sarah Shepp­ard sein: “Wer zuletzt stirbt” (Band 1) und “Wenn drei sich strei­ten” (Band 2). Hier ist die Schwes­ter der Haupt­fi­gur ver­schwun­den und als fünf Jah­re spä­ter die Lei­che gefun­den, aber die Poli­zei den Fall schließ­lich zu den Akten legt, beginnt die Prot­ago­nis­tin selbst der Wahr­heit auf den Grund zu gehen. Tote oder ver­schwun­de­ne Mäd­chen, das fin­dest du eben­so in “Schat­ten­flü­gel” von Kath­rin Lan­ge, in “Schmet­ter­lings­schat­ten” von Vero­ni­ka Bicker und in “Der Atem der Angst” von Ale­xa von Hen­nig Lan­ge. Von der Stim­mung her muss­te ich auch ein wenig an “Nur in der Dun­kel­heit leuch­ten die Ster­ne” von Marie­ke Nij­kamp den­ken. Eben­falls “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles könn­te dir gut gefal­len!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN:  978-3-407-81240-7
Erscheinungsdatum: 13.Februar 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 16,95€ 
Seitenzahl: 359 
Übersetzer: Friederike Levin
Originaltitel: "Sadie"
Originalverlag: MacMillan USA

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira











Deutscher Trailer zum Buch:
 
Die Autorin spricht über das Schreiben des Buches (auf Englisch):
Die Autorin spricht über True Crime und Podcasts (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

 

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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Amerikanisches Cover: Homepage von Courtney Summers

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