Corinna C. Poetter — Jukli oder wie ich einen kleinen Esel an der Backe hatte und nicht mehr loswurde

Kasimira29.März 2022

Jukli oder wie ich einen klei­nen Esel an der Backe hat­te und nicht mehr los­wur­de” ist der Debüt­ro­man der deut­schen Autorin Corin­na C.Poetter. Sie erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens, das mit aller­lei sozia­len Pro­ble­me zu kämp­fen hat und eine alte Frau ken­nen­lernt, die zwei Esel hat und die sich mit die­sen auf den Weg nach Frank­reich machen will. Als etwas Unvor­her­ge­se­he­nes dazwi­schen kommt, ist es das Mäd­chen, das die­se Tour allei­ne wagt. Ein Road­mo­vie, ein Ent­wick­lungs­ro­man, eine Tier­ge­schich­te mit einer sprö­den Prot­ago­nis­tin, die man trotz allem irgend­wie ins Herz schließt und die lernt über sich hin­aus­zu­wach­sen. Unter­halt­sam und aben­teu­er­lich, beson­ders und anders! Jetzt nomi­niert für den Deutsch-Fran­zö­si­schen-Lite­ra­tur­preis 2022! Für Jugend­li­che ab 10 Jahren.

Die 11-jäh­ri­ge Flo­ra lebt mit ihrer Mut­ter und ihren zwei älte­ren Brü­dern in einer Hoch­haus­sied­lung in eher ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Einen Vater gibt es nicht mehr. Weder ihren noch den ihrer Brü­der Vin­cent und Patrick. “Das ist manch­mal sehr scha­de, wie ich fin­de. Vin­cent ver­sucht, mich dann in den Arm zu neh­men, und ver­stellt sei­ne Stim­me ganz tief. “Brü­der sind auch Papas. Nur anders”, aber ich mag es über­haupt nicht, in den Arm genom­men zu wer­den” (Zitat aus “Jukli oder wie ich einen Esel an der Backe hat­te und nicht mehr los­wur­de” S.6). Flo­ra hat es nicht immer leicht. In der Schu­le wird sie von eini­gen Mit­schü­lern geär­gert und wenn sie sich dann mal wehrt — und die erlern­ten Tricks ihrer Brü­der anwen­det — und einen Mit­schü­ler bei­spiels­wei­se in den Schwitz­kas­ten nimmt, ist es sie, die Ärger mit der Klas­sen­leh­re­rin kriegt und deren Mut­ter zum Gespräch antan­zen soll. Ihre Mut­ter hät­te es am liebs­ten, wenn Flo­ra auch end­lichKasimira eine Freun­din fän­de. Doch selbst das neue Mäd­chen in der Klas­se wen­det sich bald von ihr ab, als sie die Hän­se­lei­en der ande­ren Mit­schü­ler bemerkt: “Die ist so ein Voll­pfos­ten! […] Boah, und so häss­lich.” Coco kriegt sich gar nicht mehr ein. Ich jog­ge stur wei­ter. Bloß nicht ste­hen blei­ben. “Wie die eben geschwitzt hat… gegrunzt… wie ein klei­nes, fet­tes Schwein­chen.” Von hin­ten höre ich die drei krei­schen. Ihr übli­ches “Flo­ra, Flo­ret­ti, Fet­ti, haha…” (Zitat S.11) Eines Tages lernt Flo­ra jedoch Mamou ken­nen, eine alte Frau, die mit zwei Eseln in einem Schre­ber­gar­ten wohnt. Sie ist eine Rom­ni. “Offi­zi­ell hei­ßen sie Sin­ti und Roma. Mamou seufzt und erklärt mir, das man das bekann­te Z‑Wort nicht mehr benut­zen soll­te, auch nicht beim Schnit­zel. “Eigent­lich gibt es das Z‑Wort in unse­rer Spra­che gar nicht. So wur­den wir nur von ande­ren genannt. […] Sin­ti und Roma leben schon sehr, sehr lan­ge in Deutsch­land und in ganz Euro­pa, sie waren ein­mal ein “fah­ren­des” Volk” und sind mit ihren Pfer­de­wa­gen kreuz und quer über den Kon­ti­nent getourt.” (Zitat S.38) Und so besucht Flo­ra die alte Frau des Öfte­ren, ver­birgt ihre Exis­tenz vor ihrer Fami­lie wie ein Geheim­nis, das nur sie selbst kennt. Auch wenn sie mit den Eseln über­haupt nichts anfan­gen kann. Mit Tie­ren all­ge­mein nichKasimirat. Nicht ein­mal strei­cheln will sie den klei­nen Baby-Esel Jukli. “Lie­ber nicht”, ant­wor­te ich höf­lich. Wie kann ich Mamou jetzt erklä­ren, dass ich kein Bedürf­nis danach habe, jedes Tier mit Fell zu krau­len? Tie­re ohne Fell übri­gens auch nicht. Gar kein Tier.” (Zitat S.32) Mamou will in Kür­ze zu einem Esel­fest nach Frank­reich rei­sen. Dort soll Jukli das ers­te Mal in ein Esel-Zucht­buch ein­ge­tra­gen wer­den. Die­se Rei­se ist ihr sehr wich­tig und natür­lich hat Flo­ra schließ­lich gefragt, ob sie dabei sein kann. Auch wenn sie ihrer Fami­lie gegen­über behaup­tet hat mit ihrer neu­en Klas­sen­ka­me­ra­din nach Hol­land zu rei­sen. Doch dann bricht Mamou über­ra­schend zusam­men und muss ins Kran­ken­haus. “Jukli muss auf das Esel­fest! Flo­ra! Ver­sprich es mir”, flüs­tert sie. Ich schüt­te­le den Kopf. Aber Mamou igno­riert mich und fährt fort: “Mor­gen früh triffst du Ban­gi auf dem Rast­platz.” Ich bin total über­for­dert. Das kann ich nicht. So habe ich mir mein Som­mer­aben­teu­er nicht vor­ge­stellt. […] “Ich bin doch erst elf”, höre ich mich sagen.” (Zitat S.67) Aber schließ­lich wagt sie es doch. Mit Hil­fe ihrer Brü­der gelangt sie zum Rast­platz, steigt in den Trans­por­ter und lässt sich mit Jukli nach FrankrKasimiraeich brin­gen. Ein auf­re­gen­der Som­mer steht ihr bevor. Schafft sie es wirk­lich Mamous Wunsch zu erfüllen?

Das Cover wirkt ein biss­chen alt­ge­ba­cken, sticht aber doch irgend­wie her­vor durch die auf­fäl­li­gen Far­ben. Es ist anders und außer­ge­wöhn­lich, genau­so wie die Geschich­te um Flo­ra und ihre Bekannt­schaft mit Mamou und den Eseln. Der Roman ist in Kapi­tel ein­ge­teilt, die mit einem abge­druck­ten Esels­bild star­ten, und wird durch­ge­hend aus Flo­ras Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Das Mäd­chen ist kein ein­fa­cher Cha­rak­ter. Am Anfang hat­te ich fast etwas Schwie­rig­kei­ten mit ihr warm­zu­wer­den. Sie ist rau und sprö­de, stampft schon mal wütend auf dem Boden, wenn ihr etwas nicht passt oder schlägt um sich, wie bereits der ers­te Satz des Buches deut­lich macht: “Alles an die­sem Tag war schei­ße. Wütend mähe ich mit einem Stock die Brenn­nes­seln nie­der. “Schei­ße!”, flu­che ich und lau­sche dem knal­len­den Klang die­ses Wor­tes. Ich dre­sche noch hef­ti­ger auf die Pflan­zen ein, dass sie links und rechts zur Sei­te flie­gen.” (Zitat S.5) Sie ist kein typi­sches Mäd­chen, das Tie­re sofort in ihr Herz schließt, mag kei­ne Berüh­runKasimiragen und muss in der Schu­le ordent­lich ein­ste­cken. Auch irgend­wel­che Bega­bun­gen oder prä­gen­de Hob­bys hat sie kei­ne: “Ich habe kein Talent. Zumin­dest keins, von dem ich etwas weiß. Mei­ne Mut­ter seufzt dann immer und betrach­tet ich von der Sei­te, sie denk wahr­schein­lich, ich mer­ke das nicht. Dann räus­pert sie sich und schlägt mir irgend­ei­ne Akti­vi­tät vor, was ich “ein­mal aus­pro­bie­ren könn­te, um mei­ne Talen­te zu wecken.” Ich wäre ja froh, wenigs­tens eins zu haben, aber gleich meh­re­re Talen­te?” (Zitat S.13) Die Freund­schaft zu Mamou lässt Auf­bruchs­stim­mung ver­hei­ßen, selbst wenn Flo­ra zunächst noch vor unbe­que­men Wahr­hei­ten davon­läuft. So ist sie äußerst erschro­cken, als sie von Mamous Fami­lie erfährt: “Mei­ne Mut­ter ist die Ein­zi­ge aus der Fami­lie, die den Ter­ror der Nazis im Drit­ten Reich über­lebt hat.” Rat­los fra­ge ich: “Und die ande­ren Kin­der auf dem Foto?” […] “Ach, čhaj, die sind alle tot. Die Nazis haben sie umge­bracht. […] Es waren Z‑Kinder, dar­um!” (Zitat S.40) Damit kann Flo­ra gar nicht umge­hen. Doch sie wagt — auch wenn das fast ein wenig unvor­stell­bar scheint, wie sie ihre Mut­ter mit Aus­re­den an der Nase her­um­führt, als sie angeb­lich mit einer Freun­din nach KasimiraHol­land reist — die Rei­se nach Frank­reich. Wird eben­so dort wie­der mit der Geschich­te der Sin­ti und Roma kon­tron­tiert, als sie wei­te­re Ver­wand­te von Mamou ken­nen­lernt. Die The­ma­tik der Sin­ti und Roma hat Corin­ne C.Poetter äußerst gut in die Geschich­te ein­ge­baut. Nicht mit hoch erho­be­nem Zei­ge­fin­ger, son­dern ein­fach so neben­bei klärt sie Jugend­li­che über die­ses Volk auf und spricht selbst Vor­ur­tei­le an: “Wir müs­sen vie­le Vor­ur­tei­le aus­hal­ten, uns traut nie­mand etwas zu. Wir haben angeb­lich kei­ne rich­ti­ge Schul­bil­dung, leben von Sozi­al­hil­fe — vie­le Men­schen haben von uns ein bestimm­tes Bild im Kopf.” (Zitat S.95) Flo­ra macht am Ende eine glaub­haf­te Wand­lung durch. Das Buch klingt mit einem kind­ge­rech­ten Hap­py­end aus. Etwas gefehlt hat jedoch die Mob­bing­the­ma­tik, die zum Schluss lei­der gar nicht mehr ange­spro­chen wur­de. Da hät­te ich mir noch ein run­de­res Ende oder zumin­dest eine Andeu­tung über eine mög­li­che Ver­bes­se­rung gewünscht. Auch was genau eigent­lich Mamou und dem zwei­ten Esel pas­siert ist, war mir irgend­wie nicht ganz klar.

Dich inter­es­siert das Volk der Sin­ti und Roma? Deren hef­ti­ge Erleb­nis­se im Drit­ten Reich kannst du zum Bei­spielLesealternativen in “Denk nicht, wir blei­ben hier!” Die Lebens­ge­schich­te des Sin­to Hugo Höl­len­rei­ter” oder “Mano: Der Jun­ge, der nicht wuss­te, wo er war” oder “Muscha” von Anja Tucker­mann lesen. Eine Geschich­te, in der ein Tier vor­kommt und eine Haupt­per­son über sich hin­aus­wächst? Das fin­dest du in der Neu­erschei­nung “Der Jun­ge, der mit den Wöl­fen spricht” von Sam Thomp­son. Ein Road­t­rip, der quer durch Frank­reich führt? Das kannst du in “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” von Clé­men­ti­ne Beau­vais, in “Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se oder in “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de Smet ent­de­cken. Sehr gut gefie­len mir eben­falls die­se (nicht in Frank­reich spie­len­den) Road­t­rips: “Mari­lu” von Tania Wit­te, “Lie­be sich, wer kann” von Annet­te Miers­wa und “Mut. Machen. Lie­be.” von Hans­jörg Nessensohn.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-4743-1
Erscheinungsdatum: 15.Februar 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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