“Wann werden wir uns wiedersehen?” ist ein Roman der deutschen Autorin Constanze Neumann, die sich dem Thema Leben in der DDR und Flucht aus dieser widmet. Im Mittelpunkt die Freundschaft zweier Mädchen. Die Familie der einen arbeitet für die Stasi, während die Familie der anderen mit dem Leben dort unzufrieden ist und mit einem Paddelboot über die Ostsee flüchten will. Ein großes Geheimnis und eine Freundschaft, die auf eine Probe gestellt wird… Bewegend, authentisch und mitreißend. Ideal auch für eine Buchvorstellung oder als Klassenlektüre, um in jene Zeit einen Einblick zu bekommen. Mit ausführlichen Zusatzinformationen. Für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
1985. Jana und Katja sind beide 12 Jahre alt. Sie leben in Leipzig und sind beste Freundinnen seit der ersten Klasse. Jetzt stehen die Sommerferien bevor und die beiden Mädchen müssen sich
für einige Zeit trennen. Jana fährt mit ihren Eltern zur Insel Hiddensee, wo ihre Großmutter wohnt. “Katja verbrachte die Sommerferien mit ihren Eltern immer in Prerow auf dem Darß, im Erwin-Fischer-Heim des Ministeriums für Staatssicherheit, für das Katjas Vater arbeitete. Jedes Jahr wollten die Mädchen sich in den Sommerferien an der Ostsee treffen, aber es klappte nur selten. Nicht nur, weil Hiddensee und der Darß doch recht weit voneinander entfernt lagen. Janas Eltern hatten ganz andere politische Ansichten als Katjas Eltern und trafen sich nicht besonders gern.” (Zitat aus “Wann werden wir uns wiedersehen?” S.7) Katjas Eltern sind glücklich mit dem Leben in der DDR. Ihr Vater arbeitet bei der Stasi. Janas Eltern sind unzufrieden mit der aktuellen Situation. “Ihre Eltern kritisierten die DDR bei jeder Gelegenheit, sie erklärten Jana, was sie nicht richtig fanden. Dass man das Land nicht verlassen durfte. Dass man nicht sagen durfte, was man dachte und wenn man etwas schlecht fand. Dass man in der SED, der Staatspartei, sein musste, um im Beruf voranzukommen. Dass sie kein Abitur würde machen können, wenn sie nicht bei den Jungen Pionieren war wie außer ihr alle in der Klasse.” (Zitat S.21) Doch trotz der
unterschiedlichen Ansichten ihrer Eltern kann dies ihrer Freundschaft nichts anhaben. Die beiden Mädchen treffen sich regelmäßig und verbringen viel Zeit miteinander. Aber dann verhält sich Jana nach den Ferien plötzlich völlig anders. “Vor zwei Wochen hatte das neue Schuljahr angefangen, und Katja verstand die Welt nicht mehr. Jana war verändert. Sie schien mit den Gedanken immer woanders zu sein. Sie hörte ihr nie zu, dauernd musste Katja wiederholen, was sie gesagt hatte.” (Zitat S.102) Manchmal hat Katja den Eindruck, dass sie nicht einmal mehr gemeinsam mit ihr zur Schule gehen will. Auch viele Treffen sagt sie ab. Was ist nur mit ihr los? Jana hingegen hat große Schwierigkeiten damit, ein Geheimnis zu hüten. Denn ihre Eltern wollen mit ihr zusammen die DDR verlassen. “Jana, wir haben uns das nicht gestern überlegt, wir planen das seit zwei Jahren. Deshalb das Marathontraining, deshalb die Wochenenden zu zweit — da haben wir mit dem Paddelboot trainiert.” Jana war überrascht gewesen, als ihre Eltern vor einem Jahr plötzlich angefangen hatten, fast jeden Tag zu laufen. Für einen Marathon, hatten sie ihr gesagt. Bei ihrem Vater hatte sie das nicht gewundert
, aber ihre Mutter war eigentlich nie besonders sportlich gewesen. Das war also der Grund. Sie hatten das hier von langer Hand geplant.” (Zitat S.23) Sie wollen mit einem Paddelboot über die Ostsee flüchten. Deshalb waren sie in den Sommerferien, nachdem sie bei ihrer Großmutter waren, auch einige Zeit am Stechlinsee, weil sie dort niemand kannte, um heimlich und intensiv das Paddeln zu üben. Jana musste ihren Eltern versprechen, dass sie Katja nichts von ihren Plänen erzählt. Doch eines Tages hält Jana es nicht mehr aus. Sie sagt Katja die Wahrheit. Das hat ungeahnte Folgen…
Das Cover ist ein Traum! Es verspricht eine Sommer- und Freundschaftsgeschichte, und erst wenn man genauer hinschaut, erkennt man den Stacheldraht und merkt dem Roman die ernste Hintergrundthematik an. Das Buch ist in personaler Erzählperspektive sowohl aus Janas als auch aus Katjas Sicht geschrieben. Die Kapitel wechseln sich hierbei ab. Das Leben in der DDR wird authentisch und vorstellbar dargestellt.
Gerade beide Sichtweisen mitzuerleben, macht einen besonderen Reiz aus. Da ist zum einen Katja, die stark von ihren Eltern beeinflusst wird: “Ihr Vater war, so wie ihre Mutter, überzeugt davon, dass sie im richtigen Staat lebten. Nicht alles war so, wie es sein sollte, aber das würde sich noch ändern. Sie arbeiteten daran. Er war bei der Staatssicherheit und erzählte ihr immer, dass er die DDR schützte und ihnen allen ein gutes Leben ermöglichte. Ein Leben, in dem es gerecht zuging. Das war ihm sehr wichtig. Alle hatten eine Wohnung, und alle hatten Arbeit. Keiner war sehr reich oder sehr arm.” (Zitat S.15) Und zum anderen Jana, die zunächst überrascht ist über die Pläne ihrer Eltern, aber auch immer wieder die Vorteile und Freiheiten schmackhaft gemacht bekommt: “Jana, es wird alles anders, wenn wir im Westen sind: Wir können überall hinreisen, nach Paris, nach Italien und Spanien. Vati kann endlich forschen, wie er möchte, er kann auf alle Kongresse fahren. Ich kann bei Peter in der Praxis arbeiten und brauche keinen Schichtdienst mehr zu machen. Er hat Geräte, von denen wir hier nur träumen können. […] Keiner lacht darüber, dass wir sonntags in die Kirche gehen, oder macht deswegen Schwierigkeiten. Du
kannst Abitur machen und dir aussuchen, was du studieren willst und wo du studieren willst. Dort hast du alle Möglichkeiten, hier hast du keine.” (Zitat S.24) Die Freundschaft läuft trotz der unterschiedlichen Haltung der Eltern sehr harmonisch. Nur zuweilen geraten die Mädchen aneinander. Doch eine echte inhaltliche Auseinandersetzung erfolgt leider nicht. Hier hätte ich mir manchmal noch etwas mehr gewünscht, ein wenig mehr Tiefe. “Darauf prangte in großen roten Buchstaben die Aufschrift “Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen”.“Nach Sieg sieht es aber nicht aus, der Spruch blättert mit dem Putz von der Hauswand”, hatte Jana vor ein paar Tagen gesagt und gekichert, als sie daran vorbeigelaufen waren. “Na ja, deine Eltern finden das alles hier ja toll”, hatte sie dann hinzugefügt. Das hatte Katja geärgert. Jana musste es gemerkt haben, denn sie hatten schnell von etwas anderem gesprochen.” (Zitat S.13ff) Vor allem am Ende wäre eine ausführliche Reflektion von Katja wünschenswert gewesen, gerade als die Proteste laut werden und die Grenzen
schließlich geöffnet werden, dies wird nur sehr zaghaft angedeutet, als sie an einer Demonstration teilnimmt. Auch über die prägenden Geschehnisse am Strand in ihrem Urlaub, als auf einen Mann geschossen wird, spricht sie nicht mit ihrer Freundin. Dennoch halten die beiden Mädchen zusammen, lassen nichts an ihre Freundschaft herankommen. “Ich mag deine Freundin, sie ist ein kluges, freundliches Mädchen. Aber du musst die Mutti verstehen, dass uns eine Freundin lieber wäre, die auch bei den Jungspionieren ist und nicht dauernd Westfernsehen sieht. Die Ansichten der Gärtners teilen wir nicht.” Katja schwieg. Jana war ihre beste Freundin und würde es auch bleiben, davon ließ sie sich nicht abbringen.” (Zitat S.16) Die Sprache von Constanze Neumann ist sehr flüssig und eher einfach geschrieben. Die Geschichte ist mitreißend und fesselnd. Gerade die Vorbereitungen für die Flucht von Janas Familie mitzuerleben und die Flucht dann selbst, liest sich sehr spannend. Zum Schluss gibt es noch einen Ausblick auf die Ereignisse einige Jahre später. Am Ende gibt es noch ein ausführliches Glossar, in dem wichtige Begrifflichkeiten (die im Text selbst fett markiert sind) näher erläutert werden. Schön und passend sind auch die anschließenden Zusatzkapitel “Flucht über die Ostsee”, in welchem die historischen Hintergründe dazu noch deutlicher erklärt werden und die Zeittafel der geschichtlichen Ereignisse. Ebenso ein Quellenverzeichnis schließt sich dem an.
Dich interessiert eine weitere Fluchtgeschichte aus der DDR? Dann greif zu “Jenseits der blauen Grenze” von Dorit Linke, die zwei Jugendliche
beschreibt, die schwimmend über die Ostsee flüchten wollen, 50 Kilometer lang, nur verbunden mit einer dünnen Schnur, während ihre Kräfte mehr und mehr nachlassen. Hierzu gibt es auch eine Fortsetzung, die diesen Monat erst erschienen ist: “So leicht kommen wir nicht davon”. Oder lies “Alles nur aus Zuckersand” von Dirk Kummer, in dem ebenfalls die Freundschaft zweier Jungs im Mittelpunkt steht, die eine Flucht über einen unterirdischen Tunnel planen. Dasselbe haben die Protagonisten in “Der Tunnelbauer” von Maja Nielsen vor. Vielleicht könnte auch “Im Labyrinth der Lügen” von Ute Krause etwas für dich sein. Ein Klassiker ist zudem “Die Flaschenpost” von Klaus Kordon, dieses Buch wurde damals noch vor dem Mauerfall geschrieben.
Bibliografische Angaben:Verlag: Karibu ISBN: 978-396129-589-0 Erscheinungsdatum: 1.Juli 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 14,99€ Seitenzahl: 192
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Verlag: Karibu
ISBN: 978-396129-589-0
Erscheinungsdatum: 1.Juli 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 192
