Constanze Neumann — Wann werden wir uns wiedersehen?

26.August 2026

Wann wer­den wir uns wie­der­se­hen?” ist ein Roman der deut­schen Autorin Con­stan­ze Neu­mann, die sich dem The­ma Leben in der DDR und Flucht aus die­ser wid­met. Im Mit­tel­punkt die Freund­schaft zwei­er Mäd­chen. Die Fami­lie der einen arbei­tet für die Sta­si, wäh­rend die Fami­lie der ande­ren mit dem Leben dort unzu­frie­den ist und mit einem Pad­del­boot über die Ost­see flüch­ten will. Ein gro­ßes Geheim­nis und eine Freund­schaft, die auf eine Pro­be gestellt wird… Bewe­gend, authen­tisch und mit­rei­ßend. Ide­al auch für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re, um in jene Zeit einen Ein­blick zu bekom­men. Mit aus­führ­li­chen Zusatz­in­for­ma­tio­nen. Für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

1985. Jana und Kat­ja sind bei­de 12 Jah­re alt. Sie leben in Leip­zig und sind bes­te Freun­din­nen seit der ers­ten Klas­se. Jetzt ste­hen die Som­mer­fe­ri­en bevor und die bei­den Mäd­chen müs­sen sich für eini­ge Zeit tren­nen. Jana fährt mit ihren Eltern zur Insel Hid­den­see, wo ihre Groß­mutter wohnt. “Kat­ja ver­brach­te die Som­mer­fe­ri­en mit ihren Eltern immer in Pre­row auf dem Darß, im Erwin-Fischer-Heim des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit, für das Kat­jas Vater arbei­te­te. Jedes Jahr woll­ten die Mäd­chen sich in den Som­mer­fe­ri­en an der Ost­see tref­fen, aber es klapp­te nur sel­ten. Nicht nur, weil Hid­den­see und der Darß doch recht weit von­ein­an­der ent­fernt lagen. Janas Eltern hat­ten ganz ande­re poli­ti­sche Ansich­ten als Kat­jas Eltern und tra­fen sich nicht beson­ders gern.” (Zitat aus “Wann wer­den wir uns wie­der­se­hen?” S.7) Kat­jas Eltern sind glück­lich mit dem Leben in der DDR. Ihr Vater arbei­tet bei der Sta­si. Janas Eltern sind unzu­frie­den mit der aktu­el­len Situa­ti­on. “Ihre Eltern kri­ti­sier­ten die DDR bei jeder Gele­gen­heit, sie erklär­ten Jana, was sie nicht rich­tig fan­den. Dass man das Land nicht ver­las­sen durf­te. Dass man nicht sagen durf­te, was man dach­te und wenn man etwas schlecht fand. Dass man in der SED, der Staats­par­tei, sein muss­te, um im Beruf vor­an­zu­kom­men. Dass sie kein Abitur wür­de machen kön­nen, wenn sie nicht bei den Jun­gen Pio­nie­ren war wie außer ihr alle in der Klas­se.” (Zitat S.21) Doch trotz der unter­schied­li­chen Ansich­ten ihrer Eltern kann dies ihrer Freund­schaft nichts anha­ben. Die bei­den Mäd­chen tref­fen sich regel­mä­ßig und ver­brin­gen viel Zeit mit­ein­an­der. Aber dann ver­hält sich Jana nach den Feri­en plötz­lich völ­lig anders. “Vor zwei Wochen hat­te das neue Schul­jahr ange­fan­gen, und Kat­ja ver­stand die Welt nicht mehr. Jana war ver­än­dert. Sie schien mit den Gedan­ken immer woan­ders zu sein. Sie hör­te ihr nie zu, dau­ernd muss­te Kat­ja wie­der­ho­len, was sie gesagt hat­te.” (Zitat S.102) Manch­mal hat Kat­ja den Ein­druck, dass sie nicht ein­mal mehr gemein­sam mit ihr zur Schu­le gehen will. Auch vie­le Tref­fen sagt sie ab. Was ist nur mit ihr los? Jana hin­ge­gen hat gro­ße Schwie­rig­kei­ten damit, ein Geheim­nis zu hüten. Denn ihre Eltern wol­len mit ihr zusam­men die DDR ver­las­sen. “Jana, wir haben uns das nicht ges­tern über­legt, wir pla­nen das seit zwei Jah­ren. Des­halb das Mara­thon­trai­ning, des­halb die Wochen­en­den zu zweit — da haben wir mit dem Pad­del­boot trai­niert.” Jana war über­rascht gewe­sen, als ihre Eltern vor einem Jahr plötz­lich ange­fan­gen hat­ten, fast jeden Tag zu lau­fen. Für einen Mara­thon, hat­ten sie ihr gesagt. Bei ihrem Vater hat­te sie das nicht gewun­dert, aber ihre Mut­ter war eigent­lich nie beson­ders sport­lich gewe­sen. Das war also der Grund. Sie hat­ten das hier von lan­ger Hand geplant. (Zitat S.23) Sie wol­len mit einem Pad­del­boot über die Ost­see flüch­ten. Des­halb waren sie in den Som­mer­fe­ri­en, nach­dem sie bei ihrer Groß­mutter waren, auch eini­ge Zeit am Stech­lin­see, weil sie dort nie­mand kann­te, um heim­lich und inten­siv das Pad­deln zu üben. Jana muss­te ihren Eltern ver­spre­chen, dass sie Kat­ja nichts von ihren Plä­nen erzählt. Doch eines Tages hält Jana es nicht mehr aus. Sie sagt Kat­ja die Wahr­heit. Das hat unge­ahn­te Folgen…

Das Cover ist ein Traum! Es ver­spricht eine Som­mer- und Freund­schafts­ge­schich­te, und erst wenn man genau­er hin­schaut, erkennt man den Sta­chel­draht und merkt dem Roman die erns­te Hin­ter­grund­the­ma­tik an. Das Buch ist in per­so­na­ler Erzähl­per­spek­ti­ve sowohl aus Janas als auch aus Kat­jas Sicht geschrie­ben. Die Kapi­tel wech­seln sich hier­bei ab. Das Leben in der DDR wird authen­tisch und vor­stell­bar dar­ge­stellt. Gera­de bei­de Sicht­wei­sen mit­zu­er­le­ben, macht einen beson­de­ren Reiz aus. Da ist zum einen Kat­ja, die stark von ihren Eltern beein­flusst wird: “Ihr Vater war, so wie ihre Mut­ter, über­zeugt davon, dass sie im rich­ti­gen Staat leb­ten. Nicht alles war so, wie es sein soll­te, aber das wür­de sich noch ändern. Sie arbei­te­ten dar­an. Er war bei der Staats­si­cher­heit und erzähl­te ihr immer, dass er die DDR schütz­te und ihnen allen ein gutes Leben ermög­lich­te. Ein Leben, in dem es gerecht zuging. Das war ihm sehr wich­tig. Alle hat­ten eine Woh­nung, und alle hat­ten Arbeit. Kei­ner war sehr reich oder sehr arm.” (Zitat S.15) Und zum ande­ren Jana, die zunächst über­rascht ist über die Plä­ne ihrer Eltern, aber auch immer wie­der die Vor­tei­le und Frei­hei­ten schmack­haft gemacht bekommt: “Jana, es wird alles anders, wenn wir im Wes­ten sind: Wir kön­nen über­all hin­rei­sen, nach Paris, nach Ita­li­en und Spa­ni­en. Vati kann end­lich for­schen, wie er möch­te, er kann auf alle Kon­gres­se fah­ren. Ich kann bei Peter in der Pra­xis arbei­ten und brau­che kei­nen Schicht­dienst mehr zu machen. Er hat Gerä­te, von denen wir hier nur träu­men kön­nen. […] Kei­ner lacht dar­über, dass wir sonn­tags in die Kir­che gehen, oder macht des­we­gen Schwie­rig­kei­ten. Du kannst Abitur machen und dir aus­su­chen, was du stu­die­ren willst und wo du stu­die­ren willst. Dort hast du alle Mög­lich­kei­ten, hier hast du kei­ne.” (Zitat S.24) Die Freund­schaft läuft trotz der unter­schied­li­chen Hal­tung der Eltern sehr har­mo­nisch. Nur zuwei­len gera­ten die Mäd­chen anein­an­der. Doch eine ech­te inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung erfolgt lei­der nicht. Hier hät­te ich mir manch­mal noch etwas mehr gewünscht, ein wenig mehr Tie­fe. Dar­auf prang­te in gro­ßen roten Buch­sta­ben die Auf­schrift “Von der Sowjet­uni­on ler­nen heißt sie­gen ler­nen”.“Nach Sieg sieht es aber nicht aus, der Spruch blät­tert mit dem Putz von der Haus­wand”, hat­te Jana vor ein paar Tagen gesagt und geki­chert, als sie dar­an vor­bei­ge­lau­fen waren. “Na ja, dei­ne Eltern fin­den das alles hier ja toll”, hat­te sie dann hin­zu­ge­fügt. Das hat­te Kat­ja geär­gert. Jana muss­te es gemerkt haben, denn sie hat­ten schnell von etwas ande­rem gespro­chen.” (Zitat S.13ff) Vor allem am Ende wäre eine aus­führ­li­che Reflek­ti­on von Kat­ja wün­schens­wert gewe­sen, gera­de als die Pro­tes­te laut wer­den und die Gren­zenKasimira schließ­lich geöff­net wer­den, dies wird nur sehr zag­haft ange­deu­tet, als sie an einer Demons­tra­ti­on teil­nimmt. Auch über die prä­gen­den Gescheh­nis­se am Strand in ihrem Urlaub, als auf einen Mann geschos­sen wird, spricht sie nicht mit ihrer Freun­din. Den­noch hal­ten die bei­den Mäd­chen zusam­men, las­sen nichts an ihre Freund­schaft her­an­kom­men“Ich mag dei­ne Freun­din, sie ist ein klu­ges, freund­li­ches Mäd­chen. Aber du musst die Mut­ti ver­ste­hen, dass uns eine Freun­din lie­ber wäre, die auch bei den Jung­spio­nie­ren ist und nicht dau­ernd West­fern­se­hen sieht. Die Ansich­ten der Gärt­ners tei­len wir nicht.” Kat­ja schwieg. Jana war ihre bes­te Freun­din und wür­de es auch blei­ben, davon ließ sie sich nicht abbrin­gen.” (Zitat S.16) Die Spra­che von Con­stan­ze Neu­mann ist sehr flüs­sig und eher ein­fach geschrie­ben. Die Geschich­te ist mit­rei­ßend und fes­selnd. Gera­de die Vor­be­rei­tun­gen für die Flucht von Janas Fami­lie mit­zu­er­le­ben und die Flucht dann selbst, liest sich sehr span­nend. Zum Schluss gibt es noch einen Aus­blick auf die Ereig­nis­se eini­ge Jah­re spä­ter. Am Ende gibt es noch ein aus­führ­li­ches Glos­sar, in dem wich­ti­ge Begriff­lich­kei­ten (die im Text selbst fett mar­kiert sind) näher erläu­tert wer­den. Schön und pas­send sind auch die anschlie­ßen­den Zusatz­ka­pi­tel “Flucht über die Ost­see”, in wel­chem die his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de dazu noch deut­li­cher erklärt wer­den und die Zeit­ta­fel der geschicht­li­chen Ereig­nis­se. Eben­so ein Quel­len­ver­zeich­nis schließt sich dem an.

Dich inter­es­siert eine wei­te­re Flucht­ge­schich­te aus der DDR? Dann greif zu “Jen­seits der blau­en Gren­ze” von Dorit Lin­ke, die zwei Jugend­li­cheLesealternativen beschreibt, die schwim­mend über die Ost­see flüch­ten wol­len, 50 Kilo­me­ter lang, nur ver­bun­den mit einer dün­nen Schnur, wäh­rend ihre Kräf­te mehr und mehr nach­las­sen. Hier­zu gibt es auch eine Fort­set­zung, die die­sen Monat erst erschie­nen ist: “So leicht kom­men wir nicht davon”. Oder lies “Alles nur aus Zucker­sand” von Dirk Kum­mer, in dem eben­falls die Freund­schaft zwei­er Jungs im Mit­tel­punkt steht, die eine Flucht über einen unter­ir­di­schen Tun­nel pla­nen. Das­sel­be haben die Prot­ago­nis­ten in “Der Tun­nel­bau­er” von Maja Niel­sen vor. Viel­leicht könn­te auch “Im Laby­rinth der Lügen” von Ute Krau­se etwas für dich sein. Ein Klas­si­ker ist zudem “Die Fla­schen­post” von Klaus Kor­don, die­ses Buch wur­de damals noch vor dem Mau­er­fall geschrieben.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Karibu
ISBN: 978-396129-589-0
Erscheinungsdatum: 1.Juli 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 14,99€
Seitenzahl: 192

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Kasimiras Bewertung:

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