“Die tausend Teile meines Herzens” ist mittlerweile der 13. Roman der amerikanischen Bestsellerautorin Colleen Hoover, der Meisterin der Emotionen. Mit ihrem neuen Werk zeigt sie eine ganz neue Seite an sich. Voller Skurrilität und vor Sarkasmus strotzend erzählt sie nicht nur eine Liebes- und Adoleszenzgeschichte, sondern auch die einer ganz außergewöhnlichen Familie. Überaus unterhaltsam und toll! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Hopkins County. Texas. Die 17-jährige Merit gibt nicht viel auf ihr Äußeres. Und sie mag alles, das etwas anders ist. So hat sie auch eine einzigartige Sammlung von Pokalen daheim. Pokale, die sie nicht gewonnen hat. Einer ist geklaut, die anderen sind alle aus einem Antiquitätengeschäft. Und immer, wenn in ihrem Leben mal wieder etwas gehörig schief geht, dann kauft sie sich aus Ausgleich dazu einen neuen. So wie auch an diesem Tag, als sie sie plötzlich bemerkt, dass sie bei ihrem Vorhaben beobachtet wird. “Ich habe den Pokal gerade mit beiden Händen vom Regal genommen und will damit zur Kasse, als ich auf der Galerie im ersten Stock einen Typen bemerke, der mich beobachtet. Das Kinn auf die Hand gestützt, lehnt er lässig am Geländer, sieht aus, als würde er schon eine ganze Weile so dastehen. Als ich zu ihm hochschaue, lächelt er und ich lächle zurück — was extrem untypisch für mich ist.” (Zitat aus “Die tausend Teile meines Herzens” S.9) Mit Jungs hat Merit normalerweise nicht viel Glück. Doch dieser scheint irgendwie anders zu sein. “Ich kann mich nicht erinnern, schon jemals in meinem Leben
von jemandem so angesehen worden zu sein. So, als… als fände er mich total faszinierend, obwohl wir uns überhaupt nicht kennen.” (Zitat S.16) Und unerwartet kommt Merit diesem Unbekannten sogar so nah, dass er sie küsst! Einfach so. “Wenn es nicht so schön wäre, würde ich darüber lachen, dass dieser wildfremde Junge mich küsst, als hätte er sich genau das schon sein ganzes Leben lang gewünscht. Wieso tut er das? Es ist absurd. Aber er nimmt mein Gesicht in beide Hände und küsst mich, als hätten wir von heute an bis in alle Ewigkeit nichts anderes mehr zu tun.” (Zitat S.17) Doch dann wird ihr klar, dass ihre vermeintlich schicksalhafte Begegnung nicht einfach so geschah. Denn dieser Junge, der im Übrigen Sagan heißt, hat sie nur mit ihrer Zwillingsschwester Honor wechselt. Er hielt Merit für seine Freundin. Und nur deshalb hat er sie geküsst. “Sag ihr bloß nicht, was passiert ist”, flüstere ich. “Sag es niemandem. Niemals.” Er zögert, dann nickt er. Sobald ich die Bestätigung habe, dass Honor nichts erfahren wird, drehe ich mich um und gehe schnell davon. Das ist das Peinlichste, was mir in meinem ganzen Leben jemals passiert ist.” (Zitat S.20) Doch obwohl Sagan ihrer Schwester nichts verrät, taucht er immer wieder zu Hause bei Merit, Honor und ihrer Familie auf. Zu den unmöglichsten Zeiten. Zuweilen sitzt er bereits morgens beim Frühstückstisch bei ihnen.
Geht ein und aus und stellt Merits Leben gehörig auf den Kopf. Denn die Gefühle für ihn, die muss sie um jeden Preis verhindern. Nie könnte sie ihrer Zwillingsschwester einfach so in den Rücken fallen…
“Die tausend Teile meines Herzens” wird durchgehend aus Merits Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Zu Beginn dachte ich schon, okay, das ist jetzt tatsächlich mal eine Stelle in Colleen Hoovers Roman, die mir nicht ganz authentisch vorkommt. Dass Merit einfach so von einem Wildfremden geküsst wird, erschien mir nicht ganz glaubwürdig. Doch führt die Autorin den Leser geschickt an der Nase herum und bleibt authentisch wie eh und je;-) Und sie zeigt zudem eine ganz außergewöhnliche Facette ihres Erzählstils. Mit beißender Ironie und ganz ungewöhnlich komischen Charakteren überzeugt aber auch diese Seite ihres Schreibens. Besonders hervorstechend ist dabei Merits Familie selbst: “Von außen betrachtet würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass hier eine siebenköpfige Familie wohnt, zu deren Mitgliedern unter anderem ein eingefleischter Atheist, eine ehemalige heimliche Geliebte, eine Ex-Ehefrau mit
ausgeprägter Angststörung und ein Mädchen mit fast schon nekrophilen Neigungen gehören. Von innen würde man allerdings auch nicht darauf kommen, dass irgendetwas ungewöhnlich sein könnte, weil sämtliche Mitglieder der Familie Voss Meister im Bewahren dunkler Geheimnisse sind.” (Zitat S.25) Eine Mutter, die nach langer Krankheit wieder gesundet, aber eine Angsterkrankung entwickelt hat und seit Jahren das Haus nicht mehr verlassen hat. Die nur noch im Keller lebt. Ein Vater, der sich in die damalige Pflegerin der Mutter verliebte und nun mit dieser und einem bereits gezeugten Kind unter demselben Dach lebt. Ein älterer Bruder, der sich in Angepasstheit und Perfektionismus übt. Eine Zwillingsschwester, die nur Beziehungen mit Totgeweihten führt, die sie dann auf dem Sterbebett begleitet. Und Merit selbst, die keine Freunde hat und seit einiger Zeit sogar die Schule schwänzt, was aber niemandem in ihrer Familie groß auffällt. Überhaupt haben die Familienmitglieder eine Menge Geheimnisse voreinander. “So viele Geheimnisse. Am meisten belastet mich das worüber ich schon vor Jahren hätte sprechen sollen, das ich aber am tiefsten in mir begraben habe.” (Zitat S.155) Merit erscheint ein wenig schrullig zu Beginn, manchmal sogar fast unsympathisch (wenn sie ihre Familie anblafft), aber je näher man sie kennenlernt, desto mehr versteht man ihre Art und “Die
tausend Teile ihres Herzens”. Denn während man zu Beginn des Buches noch eher die Leichtigkeit, Lockerheit und Lässigkeit spürt (an manchen Stellen musste ich wirklich laut auflachen!), so wird im hinteren Teil der Geschichte (neben einer psychischen Erkrankung) ein sehr ernstes, tragisches Thema angeschnitten: ein Sich-Unsichtbar-Fühlen in der eigenen Familie und in der Umwelt. “Wenn ich nicht mehr da wäre, würde das Leben einfach ganz normal weitergehen. Mit Merit genauso wie ohne Merit. In den letzten zwei Wochen haben gerade mal zwei Leute aus meiner Klasse eine Nachricht geschrieben und gefragt, ob ich krank bin. Zwei. Mehr nicht. […] Hier in dieser Familie interessiert sich auch niemand für mich.” (Zitat S.197) Im Englischen ist der Titel noch etwas deutlicher in Bezug auf diese Thematik, da es im Originaltitel “Without Merit” heißt. Doch letztendlich offenbart das Buch, in das diesmal wirklich sehr viele Problemthemen eingearbeitet sind, eine schöne Botschaft: dass es unerlässlich ist miteinander zu sprechen und dass vieles ganz anders wirken kann, wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Faszinierend fand ich auch die Zeichnungen, die Sagan anfertigt und die immer wieder zwischendurch abgebildet werden.
Fazit: Eine Familiengeschichte mit besonderem Humor, Tiefgang und ganz großen Gefühlen!
Lies am besten noch mehr von Colleen Hoover - Zum Beispiel die “Will & Layken”-Reihe, mit der sie erst so richtig erfolgreich wurde: “Weil ich Layken liebe” (Band 1), “Weil ich Will liebe” (Band 2), “Weil wir uns lieben” (Band 3)
. Danach erschien die “Sky & Dean”-Reihe: “Hope forever” (Band 1), “Looking for hope” (Band 2), “Finding Cinderella” (Spin-Off). Dann gibt es noch die zweibändige Reihe “Maybe someday” und “Maybe not”. Einzelne Titel sind (chronologisch nach Erscheinungsdatum) “Love and confess”, “Zurück ins Leben geliebt” (ab 16), “Nächstes Jahr am selben Tag” und “Never never” (zusammen mit Tarryn Fisher). Eine schöne Alternative für eine Familiengeschichte, in der Geheimnisse unter der Oberfläche brodeln, ist “Mein wildes blaues Wunder” von Carlie Sorosiak oder (schon etwas älter) “Es wird schon nicht das Ende der Welt sein” von Ali Lewis. Eine wirklich bewegende Neuerscheinung über die Schatten einer Familie ist “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles. Darüber wie wichtig es ist in einer Familie immer miteinander zu sprechen, das kannst du zum Beispiel in diesen Büchern entdecken: “Glücksdrachenzeit” von Katrin Zipse, “Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte” von Chan Crystal (bereits ab 11, bezaubernd!!) und “Nichts ist so perfekt wie das Leben” von Christine Hurley Deriso (hier steht die Protagonistin ebenfalls im Schatten ihrer Schwester).
Bibliografische Angaben:Verlag: dtv ISBN: 978-3-423-74041-8 Erscheinungsdatum: 26.Oktober 2018 Einbandart: Broschur Preis: 14,95€ Seitenzahl: 352 Übersetzer: Katarina Ganslandt Originaltitel: "Without Merit" Originalverlag: Simon & Schuster Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):
Die Autorin spricht u.a. über ihr Buch (auf Englisch):
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------------ Amerikanisches Cover: Homepage von Colleen Hoover


Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74041-8
Erscheinungsdatum: 26.Oktober 2018
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 352
Übersetzer: Katarina Ganslandt
Originaltitel: "Without Merit"
Originalverlag: Simon & Schuster
Amerikanisches Originalcover:
Trailer zum Buch (auf Englisch):