“The things we leave behind” ist ein dystopischer, preisgekrönter Roman der britischen Autorin Clare Furniss. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens namens Clem, die mit ihrer kleinen Schwester Billie plötzlich auf sich allein gestellt ist, als politische Unruhen England erschüttern und ein rechtsextremer Politiker an die Macht gerät. Ihre Stiefmutter wird verhaftet, ihr Vater kämpft gegen den Widerstand und ist in ständiger Gefahr. Die beiden Mädchen sollen sich auf den Weg zum Großvater machen, von dem sie schon seit langer Zeit nichts mehr gehört haben… Ein sehr berührender und bewegender Roman, der atmosphärisch und mitreißend geschrieben ist und schnell in seinen Bann zieht. Eine Geschichte über Hoffnung auf Sicherheit, auf Familie und auf den Normalzustand in einer außer Kontrolle geratenen Welt. Sehr lesenswert und mit einem besonderen Clou am Ende! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
An ihrem fünfzehnten Geburtstag war noch alles in Ordnung. Clem, ihr Vater, ihre Stiefmutter Claudia und ihre kleine (Stief-)Schwester Billie feierten ausgelassen mit Freunden und Bekannten im Garten. “…dieser Tag war magisch. Dem Wetterbericht zum Trotz schien die Sonne und wir rekelten uns wie Katzen faul und zufrieden in der Wärme. Wir aßen Kekse mit buntem Zuckerguss, Cocktailwürstchen am Spieß und eine Schokoladentorte.” (Zitat aus “The things we leave behind” S.6) Doch jetzt ist alles anders geworden. Nach und nach. Bis Clem plötzlich in einem Art Heim gelandet ist, zusammen mit ihrer Schwester, mit der sie sich eigentlich auf den Weg zu ihrem Großvater machen sollte, als England durch politische Unruhen und Ausnahmezustände aus den
Angeln brach. “Schließlich wurde das Gesetz verabschiedet, das Einwanderung verbot und Massenabschiebungen ermöglichte. Europa verhängte Sanktionen gegen unser Land. Schottland erklärte seine Unabhängigkeit. Die Wirtschaft brach zusammen, und die Preise stiegen ins Unermessliche. Unruhen brachen aus. Toby Knight sicherte sich neue Notstandsbefugnisse, mit denen er die wachsende Protestbewegung bekämpfte, “eine Bedrohung für anständige Bürger dieses Landes”.” (Zitat S.46) Polly, die Psychologin, die sich um Clem nun kümmert, möchte ihre Geschichte erfahren, möchte wissen, was auf der Flucht von zu Hause passiert ist und zuvor. “Polly glaubt, wenn ich all ihre Fragen beantworte, wenn ich alles erzähle, wird mir das helfen. Sie irrt sich. Ich erinnere mich an die freundliche Sorge in ihrer Miene, ihre Zuversicht, dass ich ihr alles sagen werde, wenn sie mir nur genügend Zeit lässt. Meinst du, du kannst das, Clem? Nein, das kann ich nicht.” (Zitat S.29) Es wird schwer für Clem, sich an alles zu erinnern und darüber zu sprechen…
Das Cover wirkt sehr verspielt und tiefgründig, die angedeuteten Vögel spielen in dem Roman eine besondere Rolle. “The things we leave behind” wird durchgehend aus Clem Sicht in der Ich-Perspektive erzählt und beginnt mit ihrem 15.Geburtstag. “…und lachten noch mehr, weil das alles so lustig war und weil wir glücklich waren, wir selbst zu sein. Und als wir Arm in Arm, sonnenbenommen und weinbeduselt, durch die staubigen Straßen von London nach Hause gingen und laut und schief sagen, fielen die ersten Tropfen des vorhergesagten leichten bis mäßigen Schauer. Wir drehten die Gesichter zum Himmel, während der intensive Geruch des Sommerregens vom Asphalt aufstieg, und Mischa breite die Arme aus und nahm meine Hand, als ein Donner grollte.” (Zitat S.8) Das Buch ist sehr atmosphärisch, man ist gleich drin in der Geschichte, in der Stimmung dieses besonderen Tages. Das Ende das Kapitel deutet das erwartende Unheil bereits an. “Mein fünfzehnter Geburtstag war der letzte Tag, an dem alles perfekt war.” (Zitat S.9) Der Erzählton ist sehr angenehm, die Sprache zum Teil sehr in die Tiefe gehend. Die Autorin schreibt vieles in Rückblenden, lässt ihre sympathische Hauptfigur resümieren, was in der
Vergangenheit alles geschehen ist. “In dem Jahr, als ich acht wurde, wurde Toby Knight in einer überraschenden Nachwahl als Abgeordneter ins Parlament gewählt. […] Er befürwortete die Todesstrafe. Er wollte jegliche Einwanderung verbieten. Er war der Meinung, man habe die Staatsbürgerschaft nur verdient, wenn man dieses Land liebte. Hier und da wurde er als Extremist bezeichnet.” (Zitat S.42) Denn im Grunde ist der Roman ein Erinnern, ein Erzählen von dem, was war. Clem hat immer ein Notizbuch bei sich, in das sie Geschichten schreibt. “Es sind nur dumme Geschichten. Märchen. Nicht mal das. Mein Großvater hat mir Sagen und Legenden erzählt, als ich klein war. Die habe ich geliebt. […] Mittlerweile kann ich mich aber nur noch an Bruchstücke erinnern. Deshalb denke ich mir eine eigene Version für Billie aus.” (Zitat S.25) Das was sie erzählt, erzählt sie Polly, der Psychologin, die versucht ihr Vertrauen und ihre Version der Ereignisse zu erfahren. Bei Clems Berichten drängt sich immer wieder der Verdacht auf, das sie eine unzuverlässige Erzählerin sein könnte, dass sie Dinge verschweigt. “Doch ihre Augen sagen: Was erzählst
du mir nicht? Was von dem, was du mir erzählst, sollte ich nicht glauben? Weiß sie es? Kann sie es erraten? Keine Ahnung. Aber ich bin gut im Geschichtenerzählen.” (Zitat S.142) Zwischenzeitlich tauchen auch kurze Absätze eines zusammenhängenden Märchens auf, das Clem für Billie geschrieben hat und das inhaltlich genau zu den Geschehnissen in der Vergangenheit passt. Was die politische Situation des Buches anbelangt — ein Extremist, der in Folge von Bombenanschlägen im Stadium, zum Premierminister gewählt wurde und nach und nach die Demokratie des Landes durch Notstandsbefugnisse außer Kraft setzt und die Einwanderungspolitik verschärft - so ist dies höchst aktuell und zugleich besorgniserregend. Clems Stiefmutter ist Schwarz, ihre Großeltern stammen aus Jamaika. Sie hat sich nie etwas zu Schulden kommen lassen und wird trotzdem verhaftet. Alle unliebsame Gegner des Staates werden mundtot gemacht. Auch der Vater, der als Journalist arbeitet, ist stets in großer Gefahr. Clem und Billie geraten mitten hinein in diese Ereignisse, sehen sich eigentlich nur nach Normalität und ihrer Familie und müssen beides schlagartig verlieren. Das Ende offenbart eine überraschende Wendung und ist sehr gut und passend durchdacht und verleiht dem Buch das gewisse Etwas. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen.
Dir gefällt Clare Furniss’ Erzählstil? Dann lies unbedingt noch von ihr “Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb”, dies war ihr Debütroman, der sehr gelungen ist! Eine warmherzige Geschichte, die noch lange nachwirkt. Außerdem schrieb sie noch “Morgen ist heute schon vorbei”, welches mir ebenso sehr gut gefiel (einfühlsam, mit bezaubernden Charakteren). Du suchst Lesealternativen? Die politische Situation hat mich gleich an “Endland” von Martin Schäuble erinnert, die in diesem ebenfalls dystopischen Roman jedoch noch etwas extremer geschildert wird. Vielleicht könnte auch die Neuerscheinung “Tomorrow Land” von Antonia Michaelis und Peer Martin etwas für dich sein. Hinsichtlich der Flucht der Schwestern und das Leben in einer kleinen Hütte im Wald hat mich dies an das gelungene “Das letzte Aufgebot” von Moritz Seibert denken lassen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Rotfuchs ISBN: 978-3-7571-0195-4 Erscheinungsdatum: 13.August 2025 Einbandart: Hardcover Preis: 19,90€ Seitenzahl: 336 Übersetzer*in: Anne Brauner Originaltitel: "The Things We Leave Behind" Originalverlag: Simon & Schuster Britisches Originalcover:
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Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
-------------------------------------------- Britisches Cover: Homepage von Clare Furniss

Verlag: Rotfuchs
ISBN: 978-3-7571-0195-4
Erscheinungsdatum: 13.August 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,90€
Seitenzahl: 336
Übersetzer*in: Anne Brauner
Originaltitel: "The Things We Leave Behind"
Originalverlag: Simon & Schuster
Britisches Originalcover: