Clare Furniss — The things we leave behind

13.August 2025

“The things we lea­ve behind” ist ein dys­to­pi­scher, preis­ge­krön­ter Roman der bri­ti­schen Autorin Cla­re Fur­niss. Sie erzählt die Geschich­te eines jun­gen Mäd­chens namens Clem, die mit ihrer klei­nen Schwes­ter Bil­lie plötz­lich auf sich allein gestellt ist, als poli­ti­sche Unru­hen Eng­land erschüt­tern und ein rechts­extre­mer Poli­ti­ker an die Macht gerät. Ihre Stief­mut­ter wird ver­haf­tet, ihr Vater kämpft gegen den Wider­stand und ist in stän­di­ger Gefahr. Die bei­den Mäd­chen sol­len sich auf den Weg zum Groß­va­ter machen, von dem sie schon seit lan­ger Zeit nichts mehr gehört haben… Ein sehr berüh­ren­der und bewe­gen­der Roman, der atmo­sphä­risch und mit­rei­ßend geschrie­ben ist und schnell in sei­nen Bann zieht. Eine Geschich­te über Hoff­nung auf Sicher­heit, auf Fami­lie und auf den Nor­mal­zu­stand in einer außer Kon­trol­le gera­te­nen Welt. Sehr lesens­wert und mit einem beson­de­ren Clou am Ende! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

An ihrem fünf­zehn­ten Geburts­tag war noch alles in Ord­nung. Clem, ihr Vater, ihre Stief­mut­ter Clau­dia und ihre klei­ne (Stief-)Schwester Bil­lie fei­er­ten aus­ge­las­sen mit Freun­den und Bekann­ten im Gar­ten. “…die­ser Tag war magisch. Dem Wet­ter­be­richt zum Trotz schien die Son­ne und wir rekel­ten uns wie Kat­zen faul und zufrie­den in der Wär­me. Wir aßen Kek­se mit bun­tem Zucker­guss, Cock­tail­würst­chen am Spieß und eine Scho­ko­la­den­tor­te.” (Zitat aus “The things we lea­ve behind” S.6) Doch jetzt ist alles anders gewor­den. Nach und nach. Bis Clem plötz­lich in einem Art Heim gelan­det ist, zusam­men mit ihrer Schwes­ter, mit der sie sich eigent­lich auf den Weg zu ihrem Groß­va­ter machen soll­te, als Eng­land durch poli­ti­sche Unru­hen und Aus­nah­me­zu­stän­de aus den Angeln brach. “Schließ­lich wur­de das Gesetz ver­ab­schie­det, das Ein­wan­de­rung ver­bot und Mas­sen­ab­schie­bun­gen ermög­lich­te. Euro­pa ver­häng­te Sank­tio­nen gegen unser Land. Schott­land erklär­te sei­ne Unab­hän­gig­keit. Die Wirt­schaft brach zusam­men, und die Prei­se stie­gen ins Uner­mess­li­che. Unru­hen bra­chen aus. Toby Knight sicher­te sich neue Not­stands­be­fug­nis­se, mit denen er die wach­sen­de Pro­test­be­we­gung bekämpf­te, “eine Bedro­hung für anstän­di­ge Bür­ger die­ses Lan­des”.” (Zitat S.46) Pol­ly, die Psy­cho­lo­gin, die sich um Clem nun küm­mert, möch­te ihre Geschich­te erfah­ren, möch­te wis­sen, was auf der Flucht von zu Hau­se pas­siert ist und zuvor. “Pol­ly glaubt, wenn ich all ihre Fra­gen beant­wor­te, wenn ich alles erzäh­le, wird mir das hel­fen. Sie irrt sich. Ich erin­ne­re mich an die freund­li­che Sor­ge in ihrer Mie­ne, ihre Zuver­sicht, dass ich ihr alles sagen wer­de, wenn sie mir nur genü­gend Zeit lässt. Meinst du, du kannst das, Clem? Nein, das kann ich nicht.” (Zitat S.29) Es wird schwer für Clem, sich an alles zu erin­nern und dar­über zu sprechen…

Das Cover wirkt sehr ver­spielt und tief­grün­dig, die ange­deu­te­ten Vögel spie­len in dem Roman eine beson­de­re Rol­le. “The things we lea­ve behind” wird durch­ge­hend aus Clem Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt und beginnt mit ihrem 15.Geburtstag. “…und lach­ten noch mehr, weil das alles so lus­tig war und weil wir glück­lich waren, wir selbst zu sein. Und als wir Arm in Arm, son­nen­be­nom­men und wein­be­du­selt, durch die stau­bi­gen Stra­ßen von Lon­don nach Hau­se gin­gen und laut und schief sagen, fie­len die ers­ten Trop­fen des vor­her­ge­sag­ten leich­ten bis mäßi­gen Schau­er. Wir dreh­ten die Gesich­ter zum Him­mel, wäh­rend der inten­si­ve Geruch des Som­mer­re­gens vom Asphalt auf­stieg, und Mischa brei­te die Arme aus und nahm mei­ne Hand, als ein Don­ner groll­te.” (Zitat S.8) Das Buch ist sehr atmo­sphä­risch, man ist gleich drin in der Geschich­te, in der Stim­mung die­ses beson­de­ren Tages. Das Ende das Kapi­tel deu­tet das erwar­ten­de Unheil bereits an. “Mein fünf­zehn­ter Geburts­tag war der letz­te Tag, an dem alles per­fekt war.” (Zitat S.9) Der Erzähl­ton ist sehr ange­nehm, die Spra­che zum Teil sehr in die Tie­fe gehend. Die Autorin schreibt vie­les in Rück­blen­den, lässt ihre sym­pa­thi­sche Haupt­fi­gur resü­mie­ren, was in der Ver­gan­gen­heit alles gesche­hen ist. “In dem Jahr, als ich acht wur­de, wur­de Toby Knight in einer über­ra­schen­den Nach­wahl als Abge­ord­ne­ter ins Par­la­ment gewählt. […] Er befür­wor­te­te die Todes­stra­fe. Er woll­te jeg­li­che Ein­wan­de­rung ver­bie­ten. Er war der Mei­nung, man habe die Staats­bür­ger­schaft nur ver­dient, wenn man die­ses Land lieb­te. Hier und da wur­de er als Extre­mist bezeich­net.” (Zitat S.42) Denn im Grun­de ist der Roman ein Erin­nern, ein Erzäh­len von dem, was war. Clem hat immer ein Notiz­buch bei sich, in das sie Geschich­ten schreibt. “Es sind nur dum­me Geschich­ten. Mär­chen. Nicht mal das. Mein Groß­va­ter hat mir Sagen und Legen­den erzählt, als ich klein war. Die habe ich geliebt. […] Mitt­ler­wei­le kann ich mich aber nur noch an Bruch­stü­cke erin­nern. Des­halb den­ke ich mir eine eige­ne Ver­si­on für Bil­lie aus.” (Zitat S.25) Das was sie erzählt, erzählt sie Pol­ly, der Psy­cho­lo­gin, die ver­sucht ihr Ver­trau­en und ihre Ver­si­on der Ereig­nis­se zu erfah­ren. Bei Clems Berich­ten drängt sich immer wie­der der Ver­dacht auf, das sie eine unzu­ver­läs­si­ge Erzäh­le­rin sein könn­te, dass sie Din­ge ver­schweigt. “Doch ihre Augen sagen: Was erzählst du mir nicht? Was von dem, was du mir erzählst, soll­te ich nicht glau­ben? Weiß sie es? Kann sie es erra­ten? Kei­ne Ahnung. Aber ich bin gut im Geschich­ten­er­zäh­len.” (Zitat S.142) Zwi­schen­zeit­lich tau­chen auch kur­ze Absät­ze eines zusam­men­hän­gen­den Mär­chens auf, das Clem für Bil­lie geschrie­ben hat und das inhalt­lich genau zu den Gescheh­nis­sen in der Ver­gan­gen­heit passt. Was die poli­ti­sche Situa­ti­on des Buches anbe­langt — ein Extre­mist, der in Fol­ge von Bom­ben­an­schlä­gen im Sta­di­um, zum Pre­mier­mi­nis­ter gewählt wur­de und nach und nach die Demo­kra­tie des Lan­des durch Not­stands­be­fug­nis­se außer Kraft setzt und die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik ver­schärft - so ist dies höchst aktu­ell und zugleich besorg­nis­er­re­gend. Clems Stief­mut­ter ist Schwarz, ihre Groß­el­tern stam­men aus Jamai­ka. Sie hat sich nie etwas zu Schul­den kom­men las­sen und wird trotz­dem ver­haf­tet. Alle unlieb­sa­me Geg­ner des Staa­tes wer­den mund­tot gemacht. Auch der Vater, der als Jour­na­list arbei­tet, ist stets in gro­ßer Gefahr. Clem und Bil­lie gera­ten mit­ten hin­ein in die­se Ereig­nis­se, sehen sich eigent­lich nur nach Nor­ma­li­tät und ihrer Fami­lie und müs­sen bei­des schlag­ar­tig ver­lie­ren. Das Ende offen­bart eine über­ra­schen­de Wen­dung und ist sehr gut und pas­send durch­dacht und ver­leiht dem Buch das gewis­se Etwas. Die Geschich­te ist in sich abgeschlossen.

LesealternativenDir gefällt Cla­re Fur­niss’ Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch von ihr “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb”, dies war ihr Debüt­ro­man, der sehr gelun­gen ist! Eine warm­her­zi­ge Geschich­te, die noch lan­ge nach­wirkt. Außer­dem schrieb sie noch “Mor­gen ist heu­te schon vor­bei”, wel­ches mir eben­so sehr gut gefiel (ein­fühl­sam, mit bezau­bern­den Cha­rak­te­ren). Du suchst Lese­al­ter­na­ti­ven? Die poli­ti­sche Situa­ti­on hat mich gleich an “End­land” von Mar­tin Schäub­le erin­nert, die in die­sem eben­falls dys­to­pi­schen Roman jedoch noch etwas extre­mer geschil­dert wird. Viel­leicht könn­te auch die Neu­erschei­nung “Tomor­row Land” von Anto­nia Michae­lis und Peer Mar­tin etwas für dich sein. Hin­sicht­lich der Flucht der Schwes­tern und das Leben in einer klei­nen Hüt­te im Wald hat mich dies an das gelun­ge­ne “Das letz­te Auf­ge­bot” von Moritz Sei­bert den­ken lassen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rotfuchs
ISBN: 978-3-7571-0195-4
Erscheinungsdatum: 13.August 2025
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,90€
Seitenzahl: 336
Übersetzer*in: Anne Brauner
Originaltitel: "The Things We Leave Behind"
Originalverlag: Simon & Schuster

Britisches Originalcover:








Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Clare Furniss

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