Clare Furniss — Morgen ist heute schon vorbei

Kasimira27.April 2019

Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” ist das zwei­te Buch der bri­ti­schen Autorin Cla­re Fur­niss. In dem Roman steckt viel mehr als das Road­mo­vie eines jun­gen Mäd­chens und ihrer Groß­tan­te durch das som­mer­li­che Eng­land — es ist zugleich die Geschich­te einer Fami­lie, einer Rei­se in die Ver­gan­gen­heit und gegen das Ver­ges­sen und ein Som­mer, in dem ein jun­ges Mäd­chen sich der wohl schwers­ten Ent­schei­dung ihres Lebens stel­len muss. Ein opu­len­tes, ein­fühl­sam erzähl­tes Werk mit bezau­bern­den Cha­rak­te­ren! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Lon­don. Der Som­mer der 17-jäh­ri­gen Har­riet, genannt Hat­tie, hät­te nicht schlim­mer begin­nen kön­nen. In den weni­gen Tagen bevor ihre Mut­ter und ihr Ver­lob­ter Carl mit ihren zwei jün­ge­ren Geschwis­tern, den Zwil­lin­gen Ali­ce und Ollie, in den Urlaub nach Mal­lor­ca flie­gen, darf sie sich um die zwei Rauf­bol­de küm­mern. Eigent­lich wäre es schön gewe­sen, das Haus für sich allei­ne zu haben, sie hät­te ihre bes­ten Freun­de Kat und Reu­ben ein­la­den kön­nen. Doch auch die­se Zwei sind plötz­lich ver­reist. Kat wird von ihrer besitz­ergrei­fen­den, eifer­süch­ti­gen, neu­en Freun­din beschlag­nahmt und darf nicht ein­mal groß Kon­takt zu Hat­tie Kasimirahal­ten. Und Reu­ben ist zu sei­nem Vater nach Süd­frank­reich abge­düst um in Reich­tum, Par­tys und zu viel Alko­hol zu ver­sin­ken. Gele­gent­lich tref­fen ein paar E‑Mails von ihm ein. Als dann auch noch Glo­ria auf ein­mal in Hat­ties Leben auf­taucht, ist das Cha­os per­fekt: sie ist ihre Groß­tan­te, von der nie­mand gewusst hat. Eine exzen­tri­sche, alte Dame, die sagt, was sie denkt und mit begin­nen­der Demenz zu kämp­fen hat. “Also, ich mag Veil­chen­pra­li­nen, und ich mag Cham­pa­gner. Und wenn ich das zum Früh­stück essen will, dann tue ich das ver­dammt noch mal auch.” (Zitat aus “Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” S.84). Wäh­rend Glo­ria sich Hat­tie gegen­über zunächst eher abwei­send und unfreund­lich ver­hält, ändert sich ihre Ein­stel­lung nach und nach. Und schließ­lich star­ten die Zwei in ein außer­ge­wöhn­li­ches Aben­teu­er. Eine Woche lang wol­len sie gemein­sam Orte aus Glo­ri­as Ver­gan­gen­heit abfah­ren. Denn die Erin­ne­run­gen an damals sind plötz­lich wie­der sehr prä­sent und ein dunk­les Kapi­tel aus Glo­ri­as Leben droht an die Ober­flä­che zu kom­men. Doch auch Hat­tie muss sich die­sen KasimiraSom­mer mit einem wich­ti­gen The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Denn sie ist schwan­ger. Von ihrem bes­ten Freund Reu­ben. Und sie hat bis­her kein Wort dar­über ver­lo­ren…

Das Cover samt Titel von “Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” sind wun­der­bar gewählt. Das Buch ist mit 490 Sei­ten rei­nem Erzähl­text recht umfang­reich. Es wird meist aus Hat­ties Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Jedoch gibt es immer wie­der Ein­schü­be in kur­si­ver Schrift, in denen Glo­ria zu Wort kommt und sich ent­we­der in der Gegen­wart befin­det oder in Erin­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit schwelgt. Die Spra­che ist sehr ange­nehm und flüs­sig. Was mir beson­ders gut an dem Roman gefal­len hat, sind die lie­be­voll skiz­zier­ten Cha­rak­te­re. Auch die Rand­fi­gu­ren sind bes­tens gelun­gen, wie zum Bei­spiel die klei­ne Ali­ce: “Ich sit­ze auf dem zuge­klapp­ten Klo­de­ckel im Gäs­te-WC unten im Erd­ge­schoss, mein Han­dy in der einen Hand, in der ande­ren einen wei­te­ren Schwan­ger­schafts­test, unKasimirad ver­su­che klar zu den­ken. Was nicht gera­de ein­fach ist, weil Ali­ce vor der ver­schlos­se­nen Tür steht und FBI-Über­fall­kom­man­do spielt. “DU HAST KEINE CHANCE, PETROWITSCH!”, brüllt sie mit pseu­do­ame­ri­ka­ni­schen Akzent. “DAS HAUS IST UMSTELLT, KOMM MIT ERHOBENEN HÄNDEN RAUS, SONST KOMMEN WIR REIN!” (Zitat S.20) Zu Beginn gibt es daher beson­ders viel Situa­ti­ons­ko­mik. Der Roman ist mit beson­ders viel Klug­heit erzählt. Selbst wenn Tei­le davon sicher­lich etwas kom­pri­mier­ter hät­ten erzählt wer­den kön­nen und man etwas Geduld haben muss, hin­ter die Geheim­nis­se von Glo­ria zu kom­men, aber auch Details zu Hat­ties Geschich­te mit Reu­ben zu erfah­ren, so wird man durch die lie­be­vol­le Aus­ar­bei­tung der Ent­wick­lung der Cha­rak­te­re belohnt. Und zudem mit einem Ende, das für so man­che Über­ra­schun­gen sorgt und sprach­lich sehr poe­tisch her­über­kommt.

Fazit: Eine außer­ge­wöhn­li­che, behut­sam erzähl­te Fami­li­en­ge­schich­te, die ein­fach berührt und sich zu lesen lohnt!

Du magst Cla­re Fur­niss’ Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt “Das Jahr, nach­dem die Welt ste­hen blieb”, das mir rich­tig gut gefal­len hat. Sehr gute Lese­al­ter­na­ti­ven hin­sicht­lich der Demenz- und FamLesealternativenili­en­ge­schich­te sind “Arthur oder Wie ich lern­te den T‑Bird zu fah­ren” von Sarah N.Harvey und “Obwohl es dir das Herz zer­reißt” von Jen­ny Down­ham. In Kom­bi­na­ti­on mit einem Road­mo­vie — das fin­dest du in “Herr Lie­be und die Mond­pha­sen” von Nila Wolf­ram. Ein Klas­si­ker ist auch “Die blau­en und die grau­en Tage” von Moni­ka Feth. Mit sehr viel Humor geschrie­ben ist “Par­don, Mon­sieur, ist die­ser Hund blind?” von Her­vé Jaou­en. Oder lies “Fos­ter ver­ges­sen” von Dian­ne Tou­chell. Ein Road­mo­vie, in dem die Prot­ago­nis­ten am Ende sich ihrer Ver­gan­gen­heit stel­len müs­sen, das erlebst du in “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de Smet und “Per­fect Escape” von Jen­ni­fer Brown. Das The­ma uner­war­te­te Schwan­ger­schaft und die Schwie­rig­keit sich zu ent­schei­den, damit wird sich in fol­gen­den Büchern aus­ein­an­der­ge­setzt: “Rück­wärts ist kein Weg” von Jana Frey, “Elf­te Woche” von Chris­ti­ne Fehér und “Ein biss­chen schwan­ger” von Kris­ti­na Dun­ker (bewe­gend!).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Rowohlt
ISBN: 978-3499-21812-5
Erscheinungsdatum: 16.April 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 14,99€ 
Seitenzahl: 496 
Übersetzer: Christine Steen
Originaltitel: "How not to disappear" 
Originalverlag: Simon & Schuster

Britisches Originalcover:
Kasimira












Britischer Trailer:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Originalcover: Homepage von Simon & Schuster

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