Claire Christian — Du bringst mein Leben so schön durcheinander

Kasimira28.März 2019

Du bringst mein Leben so schön durch­ein­an­der” von der aus­tra­li­schen Autorin Clai­re Chris­ti­an hat einen Roman geschrie­ben, der eine zar­te Annä­he­rung zwei­er Außen­sei­ter zeigt. Die Geschich­te über einer begin­nen­de Lie­be, über das “Nor­mal­sein”, über Ehr­lich­keit und über das Zer­bre­chen und lang­sa­me Hei­len. Ein Buch, das auf sen­si­ble Wei­se zeigt, das jeder sein Päck­chen zu tra­gen hat und dass irgend­wann, irgend­wie, alles bes­ser wer­den kann. Emo­tio­nal, mit­rei­ßend und ein­fach schön zu lesen. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Vor sechs Mona­ten ist ihre bes­te Freun­din Kel­ly gestor­ben. Sie hat sich das Leben genom­men. Seit­dem ist nichts mehr nor­mal in Avas Leben. “Ach, leckt mich alle am Arsch!” brül­le ich abschlie­ßend, dre­he mich auf den Fer­sen um, mar­schie­re durch den Saal nach hin­ten, direkt durch die zwei­flü­ge­li­ge Tür hin­durch. Ich höre, wie sie mir mit einem Knall zufällt. Super hin­ge­kriegt, Ava. Ich habe mir gera­de heu­te Mor­gen geschwo­ren, dass ich ver­su­chen wür­de, eins die­ser stil­len, unauf­fäl­li­gen Mäd­chen zu sein, die sich ihrer Umge­bung anpas­sen. Ich habe sogar mit schwar­zem Filz­stift “sei farb­los” auf mei­nen Hand­rü­cken geschrie­ben” (Zitat S.7) Auf einer Schul­ver­samm­lung ras­tet Ava aus, mit einem Mit­schü­ler prü­gelt sie sich, weil die­ser etwas Nega­ti­ves über Kel­ly gesagt hat und dann hat sieKasimira- auch wenn sie nicht genau weiß war­um — etwas mit Lin­coln ange­fan­gen, dem älte­ren Bru­der ihrer ver­stor­be­nen Freun­din. “Ich glau­be, er ist der Ein­zi­ge, der wirk­lich ver­steht, wie ich mich füh­le. Irgend­wie. Ich weiß nicht mal, ob ich ihn mag” (Zitat S.13) Aber tat­säch­lich kann sie für eine Wei­le aus­blen­den, wie kaputt sie sich fühlt, wenn sie mit Lin­coln zusam­men ist. Wenn sie ein­fach nicht mehr dar­über nach­den­ken muss, wie schei­ße sie sich fühlt. Und wie wenig Sinn ihr Leben, das einem Scher­ben­hau­fen gleicht, gera­de noch für sie macht: “Es gibt kei­ne Wor­te, die aus­drü­cken kön­nen, wie sich das anfühlt, und ich möch­te auch gar nicht dar­über reden, wie es sich anfühlt, weil alles, was seit­her pas­siert ist, alles jetzt im Moment, ein­fach nur rich­tig, rich­tig schei­ße ist und irgend­wel­che Qua­drat­glei­chun­gen erge­ben nicht den lei­ses­ten Sinn, wenn dir von Kopf bis Fuß alles weh­tut.” (Zitat S.8) Der 17-jäh­ri­ge Gide­on hält sich meis­tens für einen Voll­idio­ten. Er ist ein Spät­zün­der. Hat­te noch nie eine Freun­din. Hat wenig Selbst­be­wusst­sein. Und bereits den 4.Therapeuten. Mit 14 Jah­ren hat­te er sei­ne ers­te Depres­si­on. Er denkt viel zu viel nach, ist stän­dig ner­vös und hat Panik­at­ta­cken. Und er schreibt Gedich­te, Poe­try Slam. Aber am liebs­ten wäre er ein­fach ger­ne nor­mal: “Ich ver­wen­de ziem­lich viel Zeit auf den Ver­such, nicht wie ein Voll­idi­ot zu Kasimiraklin­gen. So ver­läuft mein Leben — ich ver­su­che, nicht wie ein Voll­idi­ot zu klin­gen und dann über­schla­ge ich mich mit mei­nen Bemü­hun­gen, jene Momen­te aus­zu­glei­chen, in denen ich zwei­fel­los wie ein Voll­idi­ot rüber­ge­kom­men bin(Zitat S.22) Seit Kur­zem arbei­tet Gide­on bei Magic Kebab, einem Imbiss, in dem auch Ava ange­stellt ist. Zunächst redet sie noch kaum mit ihm, doch als er eines Abends von ein paar afri­ka­ni­schen Jungs auf­ge­for­dert wird spon­tan mit zu rap­pen und tat­säch­lich dar­auf ein­steigt, sieht sie ihn plötz­lich mit ande­ren Augen. Und da Gide­on seit eini­ger Zeit kein Han­dy und kein Inter­net mehr benutzt, fan­gen die bei­den an sich zu schrei­ben. Schlich­te, alt­mo­di­sche Brie­fe. “Gide­on wird immer ner­vös, wenn wir zusam­men sind. Das gefällt mir an ihm. Nor­ma­ler­wei­se wer­den die Leu­te nie ner­vös, wenn sie mit mir zusam­men sind. Ich wer­de ner­vös, wenn ich bei ihnen bin. Bei jedem, nur nicht bei Gide­on. Viel­leicht gibt es da so eine Art Quo­te an Ner­vo­si­tät, die zwi­schen zwei Leu­ten auf­kom­men kann, und weil Gide­on allein die kom­plet­te Men­ge ver­braucht, spü­re ich nichts.” (Zitat S.70) Die bei­den kom­men sich näher und näher. Doch die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit sind immer noch all­ge­gen­wär­tig…

KasimiraDas Cover ist etwas unschein­ba­rer, doch beim nähe­ren Hin­se­hen erkannt man die Raf­fi­nes­se der Zeich­nung, die nur aus eini­gen unun­ter­bro­che­nen Linie zu bestehen scheint. Der Roman wird aus zwei sich abwech­seln­den Ich-Per­spek­ti­ven erzählt und lässt bei­de Prot­ago­nis­ten zu Wort kom­men. Neben Poe­try Slam Tex­ten wer­den auch ihre Brie­fe in einem unter­schied­li­chen Schrift­bild — je nach­dem von wem sie stam­men — mit abge­druckt. Die Spra­che ist zuwei­len sehr kraft­voll und poe­tisch: “Er zieht die Hän­de aus den Taschen, sie flat­tern wild durch die Luft, als er spricht. Sie pas­sen zu der Ener­gie in sei­nen Wor­ten, als wären sie Tän­zer und die Wor­te die Musik dazu. Ich bin rich­tig fas­zi­niert davon und hof­fe, dass er wei­ter­re­den wird.” (Zitat S.74) Ich muss jedoch zuge­ben, dass mir die Haupt­fi­gu­ren am Anfang tat­säch­lich eher unsym­pa­thisch gewe­sen sind. Ava, die eine zyni­sche und vom Leben ver­bit­ter­te Art hat und nur eine ober­fläch­li­che Bezie­hung mit Lin­coln führt: “Willst du kif­fen?”, fragt Lin­coln. Ich schütt­le den Kopf. Will ich nicht. “Willst du”, er zögert, sieht mich mit sei­nen gro­ßen, brau­nen Augen an und holt tief Luft, “vögeln?” (Zitat S.13) Und Gide­on, der eine Sze­ne schil­dert, in der er sich vor lau­ter Ner­vo­si­tät vor einem Vor­stel­lungs­ge­spräch in eine Toi­let­te ein­schließt, beim Betrach­ten eines Pla­ka­tes eine leich­te Erek­ti­on erhält und sich aller­lei kon­fu­se Gedan­ken über all das macht. Ein Geflecht von KasimiraErin­ne­run­gen an die Ver­gan­gen­heit wird nach und nach in die Geschich­te mit ein­ge­wo­ben und all­mäh­lich fängt man an mehr über die Hin­ter­grün­de zu erfah­ren. Ver­steht die Prot­ago­nis­ten immer bes­ser und beginnt Ver­ständ­nis auf­zu­bau­en. Beson­ders Gefüh­le — vor allem die schmerz­li­chen — wer­den in “Du bringst mein Leben so schön durch­ein­an­der” sehr authen­tisch geschil­dert: “Eine Abriss­bir­ne knall­te gegen mein kom­plet­tes bis­he­ri­ges Leben. Ich konn­te mich nicht rüh­ren. Konn­te nicht wirk­lich hören, was er sag­te. Nur mein Gehirn schwirr­te, ver­flüs­sig­te sich, tropf­te hin­ab in mein Herz, mach­te es so schwer, dass es zer­brach.” (Zitat S.37) Und selbst wenn in dem Roman hand­lungs­mä­ßig nicht son­der­lich viel pas­siert, so sind es vor allem die vie­len Emo­tio­nen, die ein­fach mit­rei­ßen. Gide­on, der ger­ne nor­mal wäre und sich unheim­lich dar­in bemüht. Und Ava, die genau das Gegen­teil emp­fin­det: “Ich weiß nicht, was Du am Nor­mal­sein so attrak­tiv fin­dest. Ich glau­be nicht, dass irgend­ei­ner von uns nor­mal ist. Wir schla­gen uns alle mit unse­rem Mist rum, aber wir alle ver­su­chen, ein­an­der dazu zu über­zeu­gen, dass wir nor­mal sind. Ich fin­de das beschis­sen. Ich mei­ne, es wäre viel bes­ser, wenn wir alle ehr­lich wären” (Zitat S.123) Am Ende zäh­len vor allem Ehr­lich­keit, Offen­heit und Ver­trau­en. Aber auch der Mut auf­ein­an­der zu zuge­hen. Und die Tat­sa­che, dass gera­de Ver­let­zun­gen und Schick­sals­schlä­ge zum Mensch­sein dazu­ge­hö­ren und zur Ent­wick­lung und zur Rei­fe bei­tra­gen kön­nen. Das Emp­fin­den von Schmerz und die gefühl­ten Ris­se im Inne­ren, das kann einem zwar nie­mand abneh­men, aber — so die posi­ti­ve Bot­schaft des Buches — kann man für­ein­an­der da sein, wäh­rend Letz­te­re lang­sam hei­len. Das Ende ist fes­selnd und anders als erwar­tet und den­noch pas­send.

Fazit: Ein rich­tig gutes Buch!

LesealternativenDie wohl inhalt­lich bes­te Alter­na­ti­ve zu “Du bringst mein Leben so schön durch­ein­an­der” ist für mich “Mein Herz in allen Ein­zel­tei­len” von Julie Bux­baum. Die­ses schil­dert eben­so die zar­te Annä­he­rung zwi­schen zwei Außen­sei­tern. Er hat das Asper­ger-Syn­drom und sie kommt mit dem Tod ihres Vaters nicht klar. Äußerst gefühl­voll erzählt! Eine sehr behut­sam erzähl­te Lie­bes­ge­schich­te ist zudem “Elea­nor & Park” von Rain­bow Rowell. Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist auch “Wenn du mich küsst” von Julia Stone, in dem vor allem die Ver­ar­bei­tung schmerz­li­cher Gefüh­le sehr gut beschrie­ben wird.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Thienemann
ISBN: 978-3-522-20257-2
Erscheinungsdatum: 11.Februar 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€ 
Seitenzahl: 320 
Übersetzer: Bettina Obrecht
Originaltitel: "Beautiful Mess" 
Originalverlag: Text Publishing

Australisches Originalcover:
Kasimira

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Australisches Cover: Homepage von Text Publishing

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