Christine Werner — Silberregen glitzert nicht

5.März 2023

Die deut­sche Autorin Chris­ti­ne Wer­ner hat sich mit ihrem Roman “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” an ein abso­lu­tes Tabu­the­ma im Kin­der­buch her­an­ge­wagt! Sie stellt die Tablet­ten­sucht einer Mut­ter in den Mit­tel­punkt ihrer Geschich­te und die Aus­wir­kun­gen, die dies auf ihre Fami­lie hat. Erzählt aus der Sicht der ältes­ten Toch­ter, die ver­sucht sich um ihre jün­ge­ren Geschwis­ter zu küm­mern und den fami­liä­ren All­tag irgend­wie zu bewäl­ti­gen, weil ihre Mut­ter immer müde ist und sel­ten aus dem Bett her­aus­kommt. Ein Roman über eine Sucht, über Hilfs­lo­sig­keit und Ver­ant­wor­tung, aber auch Freund­schaft und Zusam­men­halt. Mit einer lie­bens­wer­ten, sym­pa­thi­schen Prot­ago­nis­tin, die über sich hin­aus­wächst und dann erkennt, dass man­che Geheim­nis­se zu schwer sind, um sie allei­ne zu tra­gen und die Unter­stüt­zung erhält. Mit­rei­ßend und unheim­lich bewe­gend geschrie­ben. Ein sehr wich­ti­ges Buch! Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Eme­ly liebt Bana­nen­eis, Skate­boar­den mit ihrem bes­ten Freund Mathis, das Nach­bars­ka­nin­chen Mop­pel und Quiz­sen­dun­gen in Fern­se­hen, die sie mit ihrer gan­zen Fami­lie anschaut. Vor allem ihre Mut­ter ist bril­lant im Fra­gen­be­ant­wor­ten. “Ich strah­le sie an, sprin­ge auf den Ses­sel, hüp­fe dar­auf her­um, dass er schnauft und ächzt, trö­te einen Tusch — und schüt­te eine gan­ze Tüte Sil­ber­pa­pier­chen über Mama aus. Die Papier­chen segeln auf ihre Haa­re, blei­ben an ihrem kusche­li­gen Pull­over hän­gen, fal­len auf Han­nah. Mama sitzt in einer gro­ßen, glit­zern­den Sil­ber­re­gen­wol­ke. Plötz­lich steht sie auf, tanzt mit Han­nah im Arm und lacht. Mama ist mei­ne Köni­gin des Sil­ber­re­gens.” (Zitat aus “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” S.6) Regel­mä­ßig denkt Eme­ly sich sogar selbst Quiz­fra­gen aus, die sie in ein Büch­lein notiert. Doch in letz­ter Zeit ist kaum Zeit fürs Quiz­sen­dun­gen und Fröh­lich­keit. Denn ihre Mut­ter ist öfters immer müde. Selt­sam müde. Schläft sogar tags­über und manch­mal steht sie mor­gens gar nicht erst aus dem Bett auf. Das, obwohl der 3‑jährige Lukas und die noch klei­ne­re Han­nah doch ver­sorgt wer­den müs­sen. “Der Wecker hat schon drei­mal geklin­gelt” Sie schlägt kurz die Augen auf, guckt mich müde an. Im Flur tram­pelt Lukas her­um, er sucht sei­nen Flit­zer, und im Kin­der­zim­mer brab­belt Han­nah vor sich hin. Alle sind wach. Fast alle. “Stehst du bit­te auf. Ich muss in die Schu­le.” “Gleich”, sagt Mama lei­se. Gleich. Gleich kann dau­ern. Gleich ist zu spät.(Zitat S.147) Und Eme­lys Vater muss mor­gens auch meist früh raus, ist für sei­ne Arbeit sogar manch­mal meh­re­re Tage unter­wegs. Also küm­mert sich Eme­ly dann um ihre Geschwis­ter. Macht ihrem Bru­der einen Kakao, zieht die bei­den an. Bringt Han­nah in die Krip­pe und Lukas zur Nach­ba­rin, die die­sen mit ihrem eige­nen Sohn zum Kin­der­gar­ten mit­nimmt. Wenn dann Kasimiramit­tags kein Essen auf dem Tisch steht, muss auch Eme­ly sich dar­um küm­mern, muss ein­kau­fen gehen und kochen. Und immer wie­der tau­chen in der Woh­nung die­se Sil­ber­pa­pier­chen auf. “Auf Mamas Tel­ler lie­gen noch die Gur­ken­spi­ra­len. Sie hat kei­ne ein­zi­ge geges­sen. Ich ste­cke mir eine in den Mund und noch eine und noch eine und räu­me den Tisch ab. Als ich die Spül­ma­schi­ne auf­ma­che, ent­de­cke ich neben dem Brot­kas­ten ein Sil­ber­pa­pier­chen.” (Zitat S.34) Manch­mal kann Eme­ly nicht mit zum Skate­park kom­men oder muss sich mit dem Eis­essen mit ihrem bes­ten Freund Mathis beei­len, weil sie ihre Geschwis­ter gleich abho­len muss. Doch dann gibt es Tage, an denen es ihrer Mut­ter wie­der bes­ser geht. Sie ver­spricht sogar mit Eme­ly ein­kau­fen zu gehen. Hört ihren Erzäh­lun­gen zu, wenn sie ihrer Mut­ter vor­schwärmt, wel­che neu­en Tricks sie auf dem Skate­park gelernt hat. Dass ihre Mut­ter sie sich doch ein­mal anse­hen könn­te. Dort beim Trai­ni­ne­ren. Das machenKasimira wir am Wochen­en­de”, sagt sie irgend­wann. “Ja, mit Papa zusam­men! Ich zei­ge euch dann auch…” “Eme­ly.” Ihre Stim­me klingt wie­der ganz lei­se. Sie stützt ihren Kopf mit der rech­ten Hand ab. “Ich bin doch noch müde.” “Hmmm.” Mehr zur Tisch­plat­te als zu mir sagt sie: “Ganz schön müde.” (Zitat S.33) Aber meist hält ihre Mut­ter ihre Ver­spre­chen nicht und Eme­ly ist ent­täuscht. Und dann scheint all­mäh­lich alles mehr und mehr aus dem Ruder zu lau­fen. Als Mathis zum Bei­spiel an der Woh­nungs­tür steht, als Eme­lys Mut­ter noch im Nacht­hemd her­um­läuft. Als sie ihn anlü­gen muss, dass sie doch kei­ne Zeit hat. Eigent­lich darf ja nie­mand wis­sen, was bei ihr Zuhau­se los ist, oder?

Ich mag Cover, auf denen Ele­men­te abge­bil­det sind, die in dem Buch eine Rol­le spie­len — bei “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” ist dies tat­säch­lich der Fall. Denn dort wer­den alle Gegen­stän­de abge­bil­det, die Eme­ly in einer klei­nen Kis­te auf­be­wahrt: “Eine Fuß­ball­kar­te. Der Tor­wart von Uru­gu­ay lächelt mich an. […] Ich betrach­te ihn lan­ge, strei­che ein­mal mit dem Fin­ger drü­ber und lege ihn in das Käst­chen. Zu dem Foto von Luky, dem Not­gro­schen und den Sil­ber­pa­pier­chen.” (Zitat S.146) Die (Sammler-)Karte ist eine der kost­bars­ten, die Mathis besitzt und die schenkt er ihr, weil man sie gegen alles ein­tau­schen kann. Auch den Not­gro­schen (=1€) und das Foto von Mathis Kat­ze Luky über­reicht er ihr, weil sie kein eige­nes Haus­tier hat und nur Mop­pel, das Nach­bars­ka­nin­chen (das eben­falls auf einem Foto ist) ab und zu besucht. Mop­pel kennt Eme­lys Sor­gen, ihm erzählt sie alles. Mathis etwas von ihrer Situa­ti­on zu Hau­se zu berich­ten, das traut sie sich nicht. Der Roman ist durch­gän­gig aus Eme­lys Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Chris­ti­ne Wer­ner ver­wen­det eine sehr ange­neh­me, kla­re und ein­fa­che Spra­che. DieKasimira Kapi­tel­über­schrif­ten sind immer in Fra­gen­form gehal­ten: “Wann wer­den aus Locken Schling­pflan­zen?” (S.35) oder “Passt jedes Geheim­nis in eine Schub­la­de?” (Zitat S.89) Und zwi­schen­durch wer­den immer wie­der — inhalt­lich pas­send zu dem, was Eme­ly gera­de erlebt — ihre selbst erfun­de­nen Quiz­fra­gen ein­ge­blen­det: Wie nennt man es, wenn ein Ver­spre­chen gebro­chen wird? A: Wort­ge­bre­chen B: Bruch­wort C: Wort­bruch” (Zitat S. 65) Das lockert den Lese­fluss etwas auf, ist mal etwas ganz Ande­res und ver­leiht der Lek­tü­re eine gewis­se Leich­tig­keit und auch eine humor­vol­le Note. Denn natür­lich ver­birgt sich in “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” eine erns­te The­ma­tik. Eine, die jedoch auf ganz unver­fäng­li­che Wei­se näher gebracht wird. Die ganz behut­sam und kind­ge­recht an die Ziel­grup­pe her­an­ge­tra­gen wird: “Papa hat mal gesagt, dass Mama vor eini­ger Zeit alles über den Kopf gewach­sen ist. Ich hab mir das damals vor­ge­stellt, wie bei Mama plötz­lich Grün­zeugs auf dem Kopf wächst. Far­ne, Schling­pflan­zen, Sträu­cher und Brom­beer­he­cken, die sich umein­an­der ran­ken und auf­tür­men bis man Mamas Haa­re nicht mehr sieht.” (Zitat S.35) Schon allein der bild­haf­te Ver­gleich mit dem Gestrüpp auf dem Kopf ist bril­lant getrof­fen und lässt Leser*innen das Befin­den der Mut­ter ver­ständ­li­cher erschei­nen, denn mit deut­li­chen Bezeich­nun­gen wird die Krankheit/Sucht der Mut­ter tat­säch­lich in “Sil­ber­re­gen glit­zert nicht” nicht erwähnt. “Ich hab mir vor­ge­stellt, wie über ihrem Kopf alles so zuwu­chert, dass man selbst mit einer gro­ßen Gar­ten­sche­re nicht mehr durch­kommt. Jetzt sehe ich das Gestrüpp auf Mamas Kopf wie­der vor mir. Ich ver­su­che mich durch­zu­kämp­fen, aber es ist dicht und ver­schlun­gen wie ein Dschun­gel.” (Zitat S.36) Von Eme­lys All­tag zu lesen ist sehr ergrei­fend. Aber auch trau­rig. Ein jun­ges Mäd­chen, das sich eigent­lich nicht um Haus­halt und Geschwis­ter­er­zie­hung küm­mernKasimira soll­te und genau dazu unfrei­wil­lig gezwun­gen wird. Auch wenn der Onkel mal zur Beauf­sich­ti­gung kommt oder der Vater ab und zu hilft, meis­tens wird Eme­ly mit ihren Sor­gen allei­ne gelas­sen. Kei­ner sieht wirk­lich, wie es ihr mit der gan­zen Situa­ti­on geht. Auch sie lernt man­ches erst zu ver­ste­hen: “Ganz am Anfang habe ich zu Mama mal gesagt: Für mei­ne nächs­te Quiz­show könn­te ich noch mehr Sil­ber­pa­pier­chen brau­chen. Papa hat das mit­ge­kriegt. Er ist in mein Zim­mer gekom­men, hat sich auf die Bett­kan­te gesetzt, an sei­nen Fin­gern her­um­ge­spielt und gesagt, dass das kei­ne gute Idee ist. Damals habe ich das nicht ver­stan­den.” (Zitat S.102) Die Sil­ber­pa­pier­chen ste­hen für jede Tablet­te, die die Mut­ter ein­nimmt. Die Dra­ma­tik spitzt sich in dem Roman immer wei­ter zu. Es gibt kei­ne fri­sche Klei­dung mehr, der Kakao brennt an und Eme­ly kommt sogar zu spät zur Schu­le, weil sie es nicht recht­zei­tig schafft ihre Geschwis­ter in Kita/Krippe zu brin­gen. Alles glei­tet der Prot­ago­nis­tin immer mehr, man spürt ihre Ver­zweif­lung und Hilfs­lo­sig­keit. Das Ende war mir per­sön­lich etwas zu abrupt und abge­hackt, hier hät­te ich mir noch mehr gewünscht. Auch ein aus­führ­li­cher Anhang mit mehr Erklä­run­gen über die Krank­heit bei­spiels­wei­se wäre ide­al gewesen. 

Dir gefällt Chris­ti­ne Wer­ners Erzähl­stil? Dann lies noch ihr vor­he­ri­ges Jugend­buch “Blitz­ein­schlag im Ter­ri­to­ri­um”. Wenn die Mut­ter krank ist und Kinder/Jugendliche ver­su­chen den All­tag zu bewäl­ti­gen, davon kannst du in die­sen Roma­nen eini­ges ent­de­cken: “Das Schwei­gen in mei­nen Kopf” von Kim Hood (bril­li­ant undLesealternativen bewe­gen!), “Das Gegen­teil von fröh­lich” von Kat­rin Steh­le, “Mei­ne wah­re erfun­de­ne Welt” von Kaat Vran­cken, “Abge­mel­det” von Bri­git­te Schlie­per und “Easy” von Chris­toph Wort­berg. Zum The­ma Ver­nach­läs­si­gung gibt es wei­te­re Roma­ne im Jugend­buch: “Der Mär­chen­er­zäh­ler” von Anto­nia Michae­lis (sprach­ge­wal­tig, geni­al! Hier küm­mert sich ein Jun­ge um sei­ne klei­ne Schwes­ter), “For­bidden” von Tab­itha Suzu­ma (sehr bewe­gend! Hier küm­mern sich Jun­ge und Mäd­chen um ihre jün­ge­ren Geschwis­ter), “8 Tage im Juni” von Bri­git­te Gla­ser (Mäd­chen küm­mert sich um klei­nen Bru­der) und “Abge­mel­det” von Bir­git Schlie­per (Mäd­chen küm­mert sich um Geschwis­ter). Die Mut­ter ist in fol­gen­den Roma­nen sogar ganz abge­taucht: “Der Som­mer der Eulen­fal­ter” von Sara Pen­ny­pa­cker (ab 11 Jah­ren, toll!), Fünf­zehn kopf­lo­se Tage” von Dave Cou­sins und “About Ruby” von Sarah Des­senSehr bewe­gend ist auch “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von Estel­le Lau­re

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Mixtvision
ISBN: 978-3-95854-197-9
Erscheinungsdatum: 8.Februar 2023
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 208
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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