Christina Stein — Searching Lucy

Kasimira17.März 2021

Sear­ching Lucy” ist der neu­es­te Thril­ler der deut­schen Autorin Chris­ti­na Stein. Schon vor ein paar Jah­ren hat mich ihr Span­nungs­ro­man “Won­der­land” sehr begeis­tert. Und auch ihr aktu­el­les Werk hat mich wie­der abso­lut über­zeugt! Eine Geschich­te über ein Mäd­chen, deren Vater und — einen Monat spä­ter — auch deren Zwil­lings­schwes­ter spur­los ver­schwun­den sind und die nicht auf­gibt die­se zu suchen und es sich zur täg­li­chen Auf­ga­be gemacht hat, in Häu­ser ein­zu­bre­chen, um Spu­ren zu fin­den. Fes­selnd. Inten­siv. Vol­ler spür­ba­rer Ver­zweif­lung. Wahn­sin­nig gut erzählt. Die­se Autorin ver­dient defi­ni­tiv mehr Auf­merk­sam­keit! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Das Leben der 17-jäh­ri­gen Amber ist völ­lig aus den Fugen gera­ten. Denn nicht nur ihr Vater, son­dern auch ihre Zwil­lings­schwes­ter Lucy sind spur­los ver­schwun­den. “Bei Lucy kann ich mir noch einen Grund zusam­men­rei­men. Sie ist so hübsch, wie gesagt. Da habe ich gleich irgend­wel­che Bil­der vor Augen. Von Män­nern, die über sie her­fal­len. Aber Dad? Ein 45-jäh­ri­ger Gym­na­si­al­leh­rer, der Deutsch, Eng­lisch und Geschich­te unter­rich­tet? Er war so beliebt, nicht nur in der Leh­rer­schaft, son­dern auch bei den Schü­lern, war sogar Ver­trau­ens­leh­rer.” (Zitat aus “Sear­ching Lucy” S.35ff) Nie­mand hat eine Spur. Auch die lei­ten­den Beam­ten, die immer sel­te­ner für ihre Befra­gun­gen vor­bei­kom­men, haben kei­ner­lei Hin­wei­se gefun­den. Doch Amber gibt nicht auf. Sie hat es sich zur Gewohn­heit gemachtKasimira in Häu­ser ihres Wohn­orts ein­zu­bre­chen. “Ein Vor­teil ist, dass ich vie­le der Häu­ser und Woh­nun­gen bereits ken­ne. Die Men­schen dar­in natür­lich auch. Man­che sind unmit­tel­ba­re Nach­barn, Freun­de oder Bekann­te. Bei eini­gen weiß ich sogar, unter wel­chen Blu­men­töp­fen der Ersatz­schlüs­sel ver­steckt liegt.” (Zitat S.20) Jeder, der irgend­wie ver­däch­tig ist, lan­det auf ihrer Lis­te. Denn irgend­wo müs­sen Lucy und ihr Vater doch sein. Wer­den viel­leicht in irgend­ei­nem der Kel­ler gefan­gen gehal­ten? Des­halb durch­sucht sie alles: “…ihre Kel­ler, Unter­la­gen, nach Mög­lich­keit den Brow­ser­ver­lauf der Lap­tops. Man weiß ja nie. Ich gra­be nach einem Schat­ten­da­sein, einer Unter­welt zwi­schen dem Leben, das sie vor­ge­ben, und dem, das sie wirk­lich füh­ren.” (Zitat S.21) Doch nun ist sie bei einem ihrer Ein­brü­che erwischt wor­den. Von ihrem Mit­schü­ler Jamie. “Noch so ein Wich­tig­tu­er Kasimiramit affek­tier­tem Namen. Er ist an unse­re Schu­le gekom­men, kurz bevor Lucy ver­schwand. Wie immer hän­gen ihm sei­ne brau­nen Sträh­nen tief ins Gesicht. Als woll­te er sich hin­ter ihnen ver­ste­cken. Er schaut einen auch sel­ten direkt an, sein Blick hat immer etwas Ver­husch­tes, Schüch­ter­nes.” (Zitat S.26) Jamie, der irgend­et­was zurück­hält. Der sich mit nie­man­dem groß unter­hält. Er hat eine uner­war­te­te For­de­rung an Amber. Er will sie fort­an bei ihren Ein­brü­chen beglei­ten, sonst ver­rät er sie an die Poli­zei. Wohl oder übel lässt Amber sich dar­auf ein und kommt ihm uner­war­tet näher. Ihm, und dem Geheim­nis um ihre Schwester…

KasimiraDas Cover ist wirk­lich (alb-)traumhaft schön gestal­tet und ein ech­ter Hin­gu­cker! Der Roman wird durch­ge­hend aus Ambers Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Schon der ers­te Satz kata­pul­tiert den Leser bereits mit­ten ins Gesche­hen: “Manch­mal brau­che ich für einen Ein­bruch nur zehn Sekun­den” (Zitat S.7) Ein Mäd­chen, das in Häu­ser ein­bricht und die­se durch­sucht um ihre ver­miss­te Schwes­ter und ihren ver­miss­ten Vater zu fin­den? Ein außer­ge­wöhn­li­ches, her­vor­ra­gend gewähl­tes Set­ting, das eine wirk­lich span­nen­de Aus­gangs­la­ge bie­tet und auch inner­halb des Thril­lers immer wie­der für auf­re­gen­de Momen­te sorgt. “Das ist mei­ne Aus­zeit. Ein kur­zer Abste­cher auf einen ande­ren Pla­ne­ten, wo ich in mei­nem Raum­an­zug rum­schwe­be und es kei­ne Schmer­zen und bren­nen­den Sti­che im Bauch gibt. Statt­des­sen rauscht Auf­re­gung durch mei­ne Adern, pri­ckeln­de Angst, elek­tri­sie­ren­des Adre­na­lin. Ein per­fek­ter KasimiraCock­tail. Bes­ser als jeder Voll­rausch.” (Zitat S.8) Es ist äußerst fas­zi­nie­rend zu ver­fol­gen, wel­che Tricks sich Amber im Vor­feld dazu ange­eig­net hat. Wie sie gelernt hat Schlös­ser zu kna­cken; wie sie vor­her immer ganz lan­ge sturm­klin­gelt (ein Trick aus dem Inter­net), um aus­zu­schlie­ßen, dass jemand zu Hau­se ist (sie bricht nur tags­über ein); wie sie die Men­schen aus­spio­niert, um zu erfah­ren, wann sie nicht daheim sein wer­den; wie sie sich sogar Tra­cker besorgt, die sie unter die Autos der jewei­li­gen Per­so­nen anbringt, um die­se bes­ser im Blick zu haben. Als Cha­rak­ter hat mir das 17-jäh­ri­ge Mäd­chen sehr gut gefal­len. Sie ist authen­tisch, sie ist irgend­wie abge­brüht und nicht mehr die, die sie vor­her war: “Mein altes Leben ist futsch. Weg ist die stil­le, lie­be Amber, die zu allem Ja, Bit­te, Ger­ne und Dan­ke sag­te. Was soll ich mit dKasimiraiesen Locken? Dar­auf war­ten, dass ein neu­er Tay­lor kommt und sie strei­chelt? Tay­lor, was ist das über­haupt für ein beschis­se­ner Name?” (Zitat S.25) Ihr Freund hat mit ihr Schluss gemacht, sie hat sich ihre lan­gen, locki­gen, roten Haa­re abge­schnit­ten. Sie hat einen abso­lut pas­sen­den, rot­zi­gen, sar­kas­ti­schen Ton, sagt “Alter”, “Dig­ger”, “WTFoder “Real­ly?”. Man spürt ihr die Ver­zweif­lung förm­lich an. “Sear­ching Lucy” ist kein ein­fa­ches Buch, es ist inten­siv, bewe­gend und kann weh tun. Es treibt sei­ne Prot­ago­nis­tin an ihre Gren­zen, ist trau­rig und vol­ler Schmerz. “Jetzt schluchzt mei­ne Mut­ter. Ich strei­che ihr lie­be­voll über den Rücken, las­se sie aber am Tisch zurück, weil ich ihren Schmerz nicht aus­hal­ten kann. Es ist zu viel. Nicht nur ihr Rücken ist krumm, son­dern auch ihre See­le. Die­se Ver­zweif­lung, die aus jeder Pore ihres Kör­pers tropft, die­ser elen­de Kum­mer. Ich has­se es, sie so zu Kasimirasehen! Es ist, als wür­de ich gera­de­wegs in mein Spie­gel­bild star­ren. (Zitat S.49) Ihre Mut­ter ist so labil gewor­den, dass sie mehr trinkt, als sie soll­te. Sich an man­chen Tagen gar nicht auf­raf­fen kann auf­zu­ste­hen oder etwas zu essen. Nicht ein­mal Ambers jün­ge­ren Bru­der Tom vom Kin­der­gar­ten abzu­ho­len, kann sie mehr. Neben dra­ma­ti­schen Momen­ten wagt es jedoch auch eine zar­te Lie­bes­ge­schich­te in den Thril­ler Ein­zug zu hal­ten. Die Dia­lo­ge zwi­schen Jamie und Amber sind höchst mit­rei­ßend und emo­tio­nal zu lesen. Auch die Spra­che von Chris­ti­na Stein hat mir sehr gut gefal­len: “Lucy?” Das Wort ist nur geflüs­tert, brennt aber in mei­ner Keh­le wie bil­li­ger Fusel. Ihren Namen aus­zu­spre­chen stoppt die Adre­na­lin­flut. Trau­rig­keit ist ein kleb­ri­ges Spin­nen­netz. Selbst auf frem­den Pla­ne­ten nicht so leicht abzu­strei­fen. Genau­so wie die Trä­nen, Kasimiradie mir jetzt in die Augen schie­ßen.” (Zitat S.8) Gera­de die­se Mischung hin­zu­be­kom­men aus jugend­sprach­li­chen Aus­drü­cken und lite­ra­ri­schen Umschrei­bun­gen, das ist eine beson­de­re Kunst! Chris­ti­na Stein beherrscht sie tadel­los. Das Ende ist höchst ner­ven­zer­rei­ßend! Ob ich den aller­letz­ten Satz auch gut fin­de, dar­über muss ich noch ein wenig nach­den­ken;-) Einer­seits mag ich sol­che Aus­gän­ge, ande­rer­seits bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob dies wirk­lich pas­send ist.

Fazit: Soll­te man gele­sen haben! Eine unge­stü­me, ver­ein­nah­men­de und authen­ti­sche Geschich­te, die durch ihre taf­fe und zugleich lei­den­de Prot­ago­nis­tin besticht.

Dir gLesealternativenefällt Chris­ti­na Steins Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch ihr ers­tes Buch: “Won­der­land”, das auch ziem­lich hef­tig, aber rich­tig gut geschrie­ben ist. Von ihr ist außer­dem “Stum­me Angst”. 2019 wur­de “Drei­vier­tel­tot” von ihr ange­kün­digt, erschien aber lei­de nie. Ein ver­miss­tes Mäd­chen? Das fin­dest du außer­dem in dem höchst span­nen­den Thril­ler “Sadie: Stirbt sie, wird nie­mand die Wahr­heit erfah­ren” von Court­ney Sum­mers. Das Ver­schwin­den von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und eine sehr taf­fe Prot­ago­nis­tin kannst du auch in “Weiß­zeit” von Christoff­er Carls­son ent­de­cken. Das The­ma Ein­bruch aus “Sear­ching Lucy” hat mich auch ein wenig an den Roman “Luft­schlös­ser sind schwer zu kna­cken” von Ant­je Leser den­ken lassen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Fischer
ISBN: 978-3-7373-5712-8
Erscheinungsdatum: 24.März 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 13,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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