Christina Erbertz — Drei fast perfekte Wochen

Christina Erbertz - Drei fast perfekte Wochen9.März 2018

Die deut­sche Autorin Chris­ti­na Erbertz hat mit “Drei fast per­fek­te Wochen” einen Roman geschrie­ben, der mit einer urlaubs­haf­ten Leich­tig­keit daher­kommt, aber mit einem erns­ten The­ma auf­war­tet: sexu­el­ler Über­griff im Feri­en­camp. Eine kurz­wei­li­ge, ein­fach erzähl­te Geschich­te für Jugend­li­che (Jungs und Mäd­chen) ab 12 Jah­ren. Jetzt neu als Taschen­buch erschie­nen.

Die Eltern der 14-jäh­ri­gen Nele haben sich gera­de erst getrennt, da darf sie allei­ne auf eine Sport-Frei­zeit fah­ren: “Das Camp ist sicher das Rich­ti­ge für mich. Acht Stun­den Sport am Tag, die meis­te Zeit davon lau­fen wir. Beim Lau­fen füh­le ich mich immer so leicht.” (Zitat S.10) Drei Wochen im Teu­to­bur­ger Wald. Drei Wochen nicht über fami­liä­re Pro­ble­me nach­den­ken und jede Men­ge neue Erfah­run­gen sam­meln. Ein net­tes Mäd­chen lernt Nele auch gleich zu Beginn ken­nen: “Sie heißt Rita und fängt an zu erzäh­len. Wie groß­ar­tig alles wer­den wird. Und dann sehe ich die­se per­fek­ten drei Wochen im Wald vor mir.” (Zitat S.13) Mit Rita, die mit ihren Rei­zen nicht geizt und knap­pe Out­fits ein­ge­packt hat, darf Nele sich auch gleich ein Zim­mer tei­len. Und sie lernt Nico ken­nen, für den sie bald zu schwär­men beginnt. Nico, der Jun­ge mit dem gro­ßen Schlaf­be­dürf­nis, der alles ent­spannt sieht: “In der Schu­le ver­ste­he ich mich allen, unge­lo­gen. Ich sehe alles locker, ich bin ja auch immer total erschöpft tags­über, da stresst man sich nicht.” (Zitat S.8) Doch auch Rita scheint sichChristina Erbertz - Drei fast perfekte Wochen für ihn zu inter­es­sie­ren. Bald fol­gen die ers­ten Lek­tio­nen im Ori­en­tie­rungs­lauf, das Zurecht­fin­den mit Kom­pass und Kar­te, aber auch die ers­te heim­li­che Par­ty auf dem Zim­mer der Jungs; ein­ge­schleus­ter Alko­hol; die gro­ße Fra­ge, wer in wen ver­liebt ist und der ers­te Stress mit den bei­den Trai­nern. Das Cample­ben ist äußerst abwechs­lungs­reich. Etwas unheim­lich fin­det Nele nur die­sen komi­schen Jun­gen, der stän­dig mit sei­nem Motor­rad durch den Wald rast und sie bei­na­he umfährt. Er ist der Sohn der Camp­lei­te­rin. Doch dann wird Nele eines Tages uner­war­tet Zeu­gin einer schreck­li­chen Tat: “Da schreit ein Mäd­chen. […] Weit, weit hin­ten, ver­deckt von Far­nen und Büschen, blitzt etwas auf. Grü­ne Shorts. Rita. Sie liegt auf dem Boden. Ich sehe, wie ihr Kopf sich hebt, aber ich glau­be, sie kommt nicht hoch. Weil irgend­wer sie, glau­be ich, run­ter­drückt. Schlägt sie da nicht mit den Armen um sich? Wie­der höre ich das Motor­rad, die­ses Knal­len und Knat­tern. Dann rennt einer weg…” (Zitat S.75) Aber Rita strei­tet ab, dass etwas pas­siert ist. Mit nie­man­dem will sie dar­über spre­chen und tut so, als sei alles in Ord­nung. Nele kann doch nicht nichts sagen, oder…?

Christina Erbertz - Drei fast perfekte WochenDrei fast per­fek­te Wochen” wird aus zwei sich abwech­seln­den Ich-Per­spek­ti­ven erzählt. Nicos und Neles Sicht­wei­se zu erle­ben, lässt den Roman viel­schich­ti­ger wir­ken, obgleich er manch­mal ein wenig ober­fläch­lich zu sein scheint. Dies liegt vor allem an der eher lapi­da­ren Spra­che, der sehr ein­fa­chen Wort­wahl und der gerad­li­ni­gen Satz­bau­art: “Wir che­cken noch mal die Lage. Lukas geht so was von ab, bringt sei­nen unför­mi­gen Kör­per mit mal krei­sen­den, mal zucken­den Bewe­gun­gen zum Vibrie­ren, dass es eine Offen­ba­rung ist. “Was für eine coo­le Sau”, flüs­tert Mar­lon. Alle glot­zen. Kei­ner bewegt sich. Selbst Rita traut sich nicht auf die Tanz­wie­se. Die Kon­kur­renz ist zu fett.” (Zitat S.48) Zuwei­len hat man den Ein­druck durch ein Fern­glas zu sehen: mal gesto­chen scharf, die Gefüh­le genau auf dem Punkt gebracht, die Jugend­li­chen greif­bar und echt; dann wie­der ver­schwom­men und nur an der Ober­flä­che. Man­che The­men wer­den auch nur leicht ange­schnit­ten, so wie die Tren­nung von Neles Eltern, die unge­klär­te (Homo-)Sexualität eines Jun­gen und die ver­gan­ge­ne Krank­heit eines ande­ren Jun­gen. Gera­de die The­ma­tik des sexu­el­len Über­griffs wird aus­führ­li­cher behan­delt, lässt aber auch wie­der­um gegen Ende des Buches (zu) viel Raum für eige­ne Gedan­ken. Da hät­te ich mir per­sön­lich noch etwas mehr gewünscht, eine Aus­sa­ge, eine Bot­schaft. Als Klas­sen­lek­tü­re ist der Roman, der ins­ge­samt gese­hen recht unter­halt­sam zu lesen ist, sehr gut geeig­net. Gut gefal­len hat mir auch die unter­schwel­li­ge Iro­nie, die sich manch­mal in den Text schleicht: “Wir sind sChristina Erbertz - Drei fast perfekte Wochenchon viel zu spät! VERDAMMT NOCH MAL, NICO, RUNTER MIT DIR. ABER SO-FORT!” Das war Pit. Mir fällt auf, ich habe total ver­ges­sen, mich anzu­zie­hen. Ehr­lich gesagt lie­ge ich noch im Bett.” (Zitat S.9) Beson­ders Nico ist als Cha­rak­ter gut getrof­fen und wirkt sehr erfri­schend. Ein Jun­ge, der eher nacht­ak­tiv ist und tags­über viel Schlaf braucht und durch den Sport im Camp ein wenig uner­war­te­te Wach­heit erfährt. Er hält sich auch mit Gedan­ken über Selbst­be­frie­di­gung nicht zurück und berich­tet vom Grö­ßen­ver­gleich beim Pin­keln, aber auch vom roman­ti­schen Näher­kom­men mit Nele und ers­ten Küs­sen. Ein­ge­lei­tet wird sein Erle­ben zu Beginn von einem Volks­lied­text: “Sah ein Knab ein Rös­lein ste­hen, Rös­lein auf der Hei­den…” , das er immer wie­der im Bezug zu Nele, aber auch zu der Miss­brauch­s­tat sieht — eine gelun­ge­ne Umrah­mung der Geschich­te.

Roma­ne zum The­ma Miss­braucLesealternativenh gibt es vie­le, die meis­ten fin­den im nähe­ren Fami­li­en­um­feld statt, wie zum Bei­spiel “Herz­sprung: Wenn Lie­be miss­braucht wird” von Rea­li­ty-Autorin Bri­git­te Blo­bel (Stief­va­ter) oder in dem fast schon moder­nen Klas­si­ker “Rot­käpp­chen muss wei­nen” von Bea­te Tere­sa Hani­ka (Opa). Auf einer Par­ty ver­ge­wal­tigt, das fin­dest du in dem wirk­lich bewe­gen­den “Almost” von Anne Eli­ot und in “Sprich” von Lau­rie Hal­se Ander­son. Eine gute Alter­na­ti­ve, die neben Miss­brauch auch das The­ma Freund­schaft mit­ein­schließt, ist “Ent­schei­de dich!von Anni­ka Thor. Sehr zu emp­feh­len ist außer­dem “Wach auf, wenn du dich traust” von Ange­la Mohr, das eben­so in einem Zelt­la­ger spielt und Zivil­cou­ra­ge und Mut in den Vor­der­grund steht, zudem sehr span­nend erzählt.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74866-9
Erscheinungsdatum: 27.Februar 2018
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,95€ 
Seitenzahl: 160 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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