Die deutsche Autorin Christina Erbertz hat mit “Drei fast perfekte Wochen” einen Roman geschrieben, der mit einer urlaubshaften Leichtigkeit daherkommt, aber mit einem ernsten Thema aufwartet: sexueller Übergriff im Feriencamp. Eine kurzweilige, einfach erzählte Geschichte für Jugendliche (Jungs und Mädchen) ab 12 Jahren. Jetzt neu als Taschenbuch erschienen.
Die Eltern der 14-jährigen Nele haben sich gerade erst getrennt, da darf sie alleine auf eine Sport-Freizeit fahren: “Das Camp ist sicher das Richtige für mich. Acht Stunden Sport am Tag, die meiste Zeit davon laufen wir. Beim Laufen fühle ich mich immer so leicht.” (Zitat S.10) Drei Wochen im Teutoburger Wald. Drei Wochen nicht über familiäre Probleme nachdenken und jede Menge neue Erfahrungen sammeln. Ein nettes Mädchen lernt Nele auch gleich zu Beginn kennen: “Sie heißt Rita und fängt an zu erzählen. Wie großartig alles werden wird. Und dann sehe ich diese perfekten drei Wochen im Wald vor mir.” (Zitat S.13) Mit Rita, die mit ihren Reizen nicht geizt und knappe Outfits eingepackt hat, darf Nele sich auch gleich ein Zimmer teilen. Und sie lernt Nico kennen, für den sie bald zu schwärmen beginnt. Nico, der Junge mit dem großen Schlafbedürfnis, der alles entspannt sieht: “In der Schule verstehe ich mich allen, ungelogen. Ich sehe alles locker, ich bin ja auch immer total erschöpft tagsüber, da stresst man sich nicht.” (Zitat S.8) Doch auch Rita scheint sich
für ihn zu interessieren. Bald folgen die ersten Lektionen im Orientierungslauf, das Zurechtfinden mit Kompass und Karte, aber auch die erste heimliche Party auf dem Zimmer der Jungs; eingeschleuster Alkohol; die große Frage, wer in wen verliebt ist und der erste Stress mit den beiden Trainern. Das Campleben ist äußerst abwechslungsreich. Etwas unheimlich findet Nele nur diesen komischen Jungen, der ständig mit seinem Motorrad durch den Wald rast und sie beinahe umfährt. Er ist der Sohn der Campleiterin. Doch dann wird Nele eines Tages unerwartet Zeugin einer schrecklichen Tat: “Da schreit ein Mädchen. […] Weit, weit hinten, verdeckt von Farnen und Büschen, blitzt etwas auf. Grüne Shorts. Rita. Sie liegt auf dem Boden. Ich sehe, wie ihr Kopf sich hebt, aber ich glaube, sie kommt nicht hoch. Weil irgendwer sie, glaube ich, runterdrückt. Schlägt sie da nicht mit den Armen um sich? Wieder höre ich das Motorrad, dieses Knallen und Knattern. Dann rennt einer weg…” (Zitat S.75) Aber Rita streitet ab, dass etwas passiert ist. Mit niemandem will sie darüber sprechen und tut so, als sei alles in Ordnung. Nele kann doch nicht nichts sagen, oder…?
“Drei fast perfekte Wochen” wird aus zwei sich abwechselnden Ich-Perspektiven erzählt. Nicos und Neles Sichtweise zu erleben, lässt den Roman vielschichtiger wirken, obgleich er manchmal ein wenig oberflächlich zu sein scheint. Dies liegt vor allem an der eher lapidaren Sprache, der sehr einfachen Wortwahl und der geradlinigen Satzbauart: “Wir checken noch mal die Lage. Lukas geht so was von ab, bringt seinen unförmigen Körper mit mal kreisenden, mal zuckenden Bewegungen zum Vibrieren, dass es eine Offenbarung ist. “Was für eine coole Sau”, flüstert Marlon. Alle glotzen. Keiner bewegt sich. Selbst Rita traut sich nicht auf die Tanzwiese. Die Konkurrenz ist zu fett.” (Zitat S.48) Zuweilen hat man den Eindruck durch ein Fernglas zu sehen: mal gestochen scharf, die Gefühle genau auf dem Punkt gebracht, die Jugendlichen greifbar und echt; dann wieder verschwommen und nur an der Oberfläche. Manche Themen werden auch nur leicht angeschnitten, so wie die Trennung von Neles Eltern, die ungeklärte (Homo-)Sexualität eines Jungen und die vergangene Krankheit eines anderen Jungen. Gerade die Thematik des sexuellen Übergriffs wird ausführlicher behandelt, lässt aber auch wiederum gegen Ende des Buches (zu) viel Raum für eigene Gedanken. Da hätte ich mir persönlich noch etwas mehr gewünscht, eine Aussage, eine Botschaft. Als Klassenlektüre ist der Roman, der insgesamt gesehen recht unterhaltsam zu lesen ist, sehr gut geeignet. Gut gefallen hat mir auch die unterschwellige Ironie, die sich manchmal in den Text schleicht: “Wir sind s
chon viel zu spät! VERDAMMT NOCH MAL, NICO, RUNTER MIT DIR. ABER SO-FORT!” Das war Pit. Mir fällt auf, ich habe total vergessen, mich anzuziehen. Ehrlich gesagt liege ich noch im Bett.” (Zitat S.9) Besonders Nico ist als Charakter gut getroffen und wirkt sehr erfrischend. Ein Junge, der eher nachtaktiv ist und tagsüber viel Schlaf braucht und durch den Sport im Camp ein wenig unerwartete Wachheit erfährt. Er hält sich auch mit Gedanken über Selbstbefriedigung nicht zurück und berichtet vom Größenvergleich beim Pinkeln, aber auch vom romantischen Näherkommen mit Nele und ersten Küssen. Eingeleitet wird sein Erleben zu Beginn von einem Volksliedtext: “Sah ein Knab ein Röslein stehen, Röslein auf der Heiden…” , das er immer wieder im Bezug zu Nele, aber auch zu der Missbrauchstat sieht — eine gelungene Umrahmung der Geschichte.
Romane zum Thema Missbrauc
h gibt es viele, die meisten finden im näheren Familienumfeld statt, wie zum Beispiel “Herzsprung: Wenn Liebe missbraucht wird” von Reality-Autorin Brigitte Blobel (Stiefvater) oder in dem fast schon modernen Klassiker “Rotkäppchen muss weinen” von Beate Teresa Hanika (Opa). Auf einer Party vergewaltigt, das findest du in dem wirklich bewegenden “Almost” von Anne Eliot und in “Sprich” von Laurie Halse Anderson. Eine gute Alternative, die neben Missbrauch auch das Thema Freundschaft miteinschließt, ist “Entscheide dich!” von Annika Thor. Sehr zu empfehlen ist außerdem “Wach auf, wenn du dich traust” von Angela Mohr, das ebenso in einem Zeltlager spielt und Zivilcourage und Mut in den Vordergrund steht, zudem sehr spannend erzählt.
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-74866-9 Erscheinungsdatum: 27.Februar 2018 Einbandart: Taschenbuch Preis: 7,95€ Seitenzahl: 160 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(3,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-74866-9
Erscheinungsdatum: 27.Februar 2018
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,95€
Seitenzahl: 160
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -