Christian Linker — Y‑Game: Sie stecken alle mit drin

Kasimira14.Februar 2022

Y‑Game: Sie ste­cken alle mit drin” ist das neu­es­te Jugend­buch des deut­schen Autoren Chris­ti­an Lin­ker. Eine Geschich­te über einen Jun­gen, der zum Außen­sei­ter gewor­den ist und sei­ne Freun­de dadurch beein­dru­cken will, dass er ein Alter­na­te Rea­li­ty Game, das in sei­ner Stadt zu spie­len scheint, als Ers­tes lösen will und dabei in gro­ße Gefahr gerät. Denn was steckt wirk­lich hin­ter dem Spiel? Was ist Lüge? Was ist Rea­li­tät? Ein höchst aktu­el­ler Thril­ler und ein span­nen­des, unter­halt­sa­mes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment. Das “Ere­bos” der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker;-) Ide­al auch als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung, da es jede Men­ge Dis­kus­si­ons­stoff bie­tet. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Als er zu sei­nen Kum­pels stößt, die sich irgend­et­was auf einem Han­dy anschau­en und abge­wim­melt wird, wird es Janusz das ers­te Mal bewusst: “Es ist mir bis­her nie so deut­lich auf­ge­fal­len wie in die­sem Augen­blick: Ver­dammt, ich gehö­re gar nicht dazu! Wann fing das an? Kam das schlei­chend? War das schon immer so? Ich bin Luft für die drei.” (Zitat aus “Y‑Game: Sie ste­cken alle mit drin” S.9) Sei­ne Freun­de schei­nen ihn nicht mehr dabei­ha­ben zu wol­len und sie haben offen­bar ein mys­te­riö­ses Alter­na­te Rea­li­ty Game ent­deckt, das sie lösen wol­len. Ein Unbe­kann­ter, der selt­sa­me Hin­wei­se streut. Hin­wei­se, die nicht nur vir­tu­ell zu fin­den sind, son­dern offen­bar auch Kasimira im ech­ten Leben. Hand­lungs­ort ist sogar die Stadt, in der Janusz lebt. “Sie haben die­ses Game ent­deckt und kei­nen Bock, mich mit­spie­len zu las­sen. Ich mer­ke, dass ein Jagd­in­stinkt in mir erwacht. Natür­lich hal­ten die drei sich für die bes­se­ren Gamer. Aber das könn­te sich ja noch her­aus­stel­len.” (Zitat S.12) Er will ihnen also bewei­sen, dass er defi­ni­tiv etwas drauf hat und durch­aus in der Lage ist, so ein Rät­sel zu lösen. Der ers­te Hin­weis führt Janusz an die Aue­brü­cke, die angeb­lich “das Por­tal zur Höl­le” (Zitat S.20) ist. Ein gewis­ser “M.F.” soll schul­dig sein und Kin­der gefan­gen hal­ten. “Das Spiel beginnt, mich zu fas­zi­nie­ren. M.F. hält also Kin­der gefan­gen. Wer immer sich die­ses Spiel aus­ge­dacht hat, ist jeden­falls nicht zim­per­lich mit sei­ner Fan­ta­sie.” (Zitat S.22) Doch Janusz ist sei­nen Freun­den bald noch einen Schritt vor­aus, denn er kommt Kasimiradar­auf, wer sich hin­ter M.F. ver­ber­gen könn­te: “Fürst der Fins­ter­nis. M.F. Mar­tin Fürst. Der Ober­bür­ger­meis­ter. Wow. Das ist kei­ne schlech­te Idee. Mir kommt ein Foto in den Sinn, das vor ein paar Tagen in der Zei­tung war — wie Bür­ger­meis­ter Fürst einen neu­en Kin­der­gar­ten ein­weiht. In gewis­ser Wei­se ist so ein Kin­der­gar­ten ja auch ein Ort, an dem er die Kin­der gefan­gen hal­ten könn­te.” (Zitat S.31) Also nimmt Janusz Kon­takt zu der Außen­sei­te­rin Chia­ra auf, die vor Kur­zem erst ein Prak­ti­kum im Büro des Bür­ger­meis­ters gemacht hat. Viel­leicht kann sie ihm ja mehr Infor­ma­tio­nen lie­fern? Unfrei­wil­lig kommt er Chia­ra näher und taucht mit­ten ein in eine Welt, in der er auch auf ande­re trifft, die das Rät­sel zu lösen ver­su­chen: “Wie ich schon sag­te — ich den­ke, dass Y TKasimiraeil der QAnon-Bewe­gung ist. Es geht dar­um, sich gegen die Plä­ne der Neu­en Welt­ord­nung zu weh­ren. Gegen die kor­rup­ten Eli­ten, die uns kne­beln und aus­sau­gen. Und dar­um, den gefan­ge­nen Kin­dern zu hel­fen. So was ist kein Game.” (Zitat S.130) Steckt hin­ter dem Spiel wirk­lich mehr, als er für mög­lich gehal­ten hat? Und wenn ja, wel­che Wahr­heit ist die rich­ti­ge? Bald gerät Janusz in größ­te Gefahr…

Das Cover ist anspre­chend und per­fekt an die Ziel­grup­pe aus­ge­rich­tet. Deu­tet selbst das The­ma Ver­schwö­rungs­theo­rien in “Y‑Game: Sie ste­cken alle mit drin” durch den Unter­ti­tel indi­rekt an. Der Klap­pen­text ver­rät Kasimiranicht wirk­lich viel, nur der im Innen­teil lässt mehr ver­lau­ten. Wäh­rend der größ­te Teil des Buches aus Janusz’ Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, wer­den immer wie­der grau unter­leg­te Sei­ten zwi­schen­ge­scho­ben, die die Sicht­wei­se des gro­ßen Unbe­kann­ten, von Y, zei­gen: “Wenn du wei­ter­liest, könn­te es durch­aus sein, dass du mich für ver­rückt hal­ten wirst. Das stört mich nicht, du wärst nicht der Ers­te. Du könn­test aber auch zu dem Schluss kom­men, dass gar nicht ich ver­rückt bin, son­dern die Welt um uns her­um. Wenn du wei­ter­liest, wirst du viel­leicht ver­ste­hen, war­um ich so vor­ge­hen muss­te. War­um es kei­nen Sinn hat­te, zur Poli­zei zu gehen.” (Zitat S.15) Man­ches wirkt völ­lig abstrus, vie­le Andeu­tun­gen wer­den gemacht, vie­le ver­meint­li­che Wahr­hei­ten aus­ge­spro­chen: “Das Inter­net ist voll von Web­sites, auf denen über Kasimiraunter­ir­di­sche Tun­nel­sys­te­me berich­tet wird. Die gehei­men Bun­ker, wo ent­führ­te Kin­der gefan­gen gehal­ten wer­den. […] Ein Stoff­wech­sel­pro­dukt aus Adre­na­lin. Wenn man es aus Kin­der­kör­pern extra­hiert und zu sich nimmt, wirkt es wie ein magi­scher Ver­jün­gungs­trank. Klingt völ­lig abwe­gig. Natür­lich. Hab ich anfangs auch gedacht. […] Wenn aber genau das der Trick dabei ist?” (Zitat S.24) Denn gera­de das Spiel mit den Rea­li­tä­ten ist in “Y‑Game: Sie ste­cken alle mit drin” ein beson­de­res The­ma. Dies macht sich Janusz selbst beim Zocken bewusst, als er eine der Figu­ren ein­frie­ren lässt, um das Spiel zu pau­sie­ren und kurz den Gedan­ken­gang zulässt, was wäre, wenn er selbst eine die­se Figu­ren wäre, selbst nur ein Spiel­stein einer ganz ande­ren Rea­li­tät und jemand anders ihn gele­gent­lich ein­frie­ren lie­ße? “Okay, Yves labert Kack­mist. Aber ich Kasimiraver­ste­he eine Sache durch­aus: sei­ne Zwei­fel dar­an, dass unse­re Wirk­lich­keit wirk­lich so ist, wie wir viel­leicht glau­ben sol­len.” (Zitat S.140) Was ist echt, was sind Fake News? Wo sind die Gren­zen zwi­schen Wahr­heit und Lüge? Und sind Abgren­zun­gen wirk­lich so leicht mög­lich? Chris­ti­an Lin­ker über­rascht mit phi­lo­so­phi­schen Unter­tö­nen und bringt sei­ne Leser mit unauf­dring­li­cher Art dazu, nach­zu­den­ken, in dem er bei­spiels­wei­se die Per­spek­ti­ve eines ein­fa­chen Sta­chel­draht­zauns für ein inter­es­san­tes Gedan­ken­spiel benutzt: “…fah­re zwi­schen den Fel­dern hin­durch und fra­ge mich, ob der Sta­chel­draht eigent­lich die Fel­der zur Stra­ße hin ein­zäunt oder doch eher die schma­le unbe­fes­tig­te Stra­ße zum Rest der Welt hin wie einen engen Kor­ri­dor ohne Ent­kom­men. Wo ist aus Sicht die­ses Sta­chel­drahtKasimiras jetzt drin­nen und wo ist drau­ßen?” (Zitat S.63) Den­noch ist der Thril­ler ins­ge­samt in einem sehr locke­ren, leich­ten, jugend­sprach­li­chen, manch­mal schon etwas der­ben Erzähl­ton geschrie­ben: “Night Lovell glotzt mich an, ein gro­ßes Pos­ter von ihm hängt über mei­nem Bett. Er guckt zu ultra­ab­ge­fuckt, dass ich mich irgend­wie ver­stan­den füh­le, wenn ich mor­gens auf­ste­he. […] Der Typ lebt in Otta­wa, Kana­da, da ist es ja viel­leicht rich­tig arsch­kalt und nicht so eine klamm­feuch­te Nebel­grüt­ze wie hier bei uns.” (Zitat S.26) Fas­zi­nie­rend fand ich vor allem die Ver­glei­che, die der Autor zuwei­len ein­flie­ßen lässt und die ein äußerst pas­sen­des Bild von Janusz Fami­lie bei­spiels­wei­se ent­ste­hen las­sen. Denn wäh­rend sei­ne Mut­ter sich über­schwäng­lich über jeden ein­ge­la­de­nen Gast freut und fast schon Freu­den­tän­ze auf­führt, weil ihr Sohn nun kein Außen­sei­ter mehrKasimira ist, kom­men Emo­tio­nen zwi­schen Janusz und sei­nem Vater nicht wirk­lich zustan­de: Mein Vater und ich gucken uns an wie zwei Talk­show­gäs­te unter­schied­li­cher Spra­che, die rat­los dar­auf war­ten, dass die Dol­met­sche­rin erscheint.” (Zitat S.29ff) Auch die­se Meta­pher, die auf der Suche nach Arte­fak­ten ver­wen­det wird, ist sehr gelun­gen: “Aus­la­dend und ein­sam steht die Eiche da wie ein fest­ge­wur­zel­ter König, der sich fragt, war­um sich sein Heer nicht wie befoh­len mit ihm auf die­sem Hügel zur Schlacht ver­sam­melt hat. Viel­leicht soll­te ich weni­ger The Last King­dom schau­en. (Zitat S.64) Die Span­nung in dem Thril­ler, der teil­wei­se eher etwas “Roman”-hafter her­über­kommt, ver­läuft manch­mal etwas wel­len­för­mig. Ein Hin­weis nach dem nächs­ten wird ver­sucht zu ent­schlüs­seln. Vor allem die Sicht­wei­se des Unbe­kann­ten, der nichts Gutes im Schil­de führt, spitzt die Situa­ti­on immer wei­ter zu: “Ich lege behut­saKasimiram die Spur zu den gefan­ge­nen Kin­dern. Es ist eine Geschich­te wie die von Hän­sel und Gre­tel. Wer immer die Kru­men fin­det und der Spur folgt, muss selbst zum not­wen­di­gen Ent­schluss kom­men. Ein ein­sa­mer Wolf, der nichts zu ver­lie­ren hat. Wie David S. im Mün­che­ner Ein­kaufs­zen­trum. Oder die Mas­sen­mör­der von Utøya oder Christ­church, von Hal­le oder Hanau. […] Solch einen ein­sa­men Wolf brau­che ich. Nur einen ein­zi­gen. Einer wird ja wohl dabei sein.” (Zitat S.90ff) Auch eine klei­ne Lie­bes­ge­schich­te ist in “Y‑Game: Sie ste­cken alle mit drin” mit ent­hal­ten, ers­te sexu­el­le Erfah­run­gen wer­den, ohne abzu­blen­den und in lan­gen, punkt­lo­sen Sät­zen, geschil­dert. Das Ende des Buches hat mich noch ein­mal rich­tig über­rascht und schließt mit ein paar letz­ten Sät­zen ab, die ein­fach per­fekt sind! (Ich lie­be sol­che Enden!!)

Dir gefällt der Erzähl­stil von Chris­ti­an Lin­ker? Dann greif noch zu sei­nen ande­ren Büchern, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Raum­Zeit” (2002), “Das Hel­den­pro­jekt” (20Lesealternativen05), “Dop­pel­Po­ker” (2007), “Blitz­licht­ge­wit­ter” (2008), “Abso­lut am Limit” (2010), “Stadt der Wöl­fe” (2015), “Dschi­had Cal­ling” (2015), “Der Schuss” (2017), “Script­kid: Erpresst im Darknet” (2018), “Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” (2019), “Influ­ence: Feh­ler im Sys­tem” (2020) und “Toxi­sche Macht” (2021). Ver­schwö­rungs­theo­rien im Jugend­buch? Hier wäre “Shel­ter” von Ursu­la Pozn­an­ski ide­al oder “Sein Reich” von Mar­tin Schäub­le. Eine beson­de­re Schnit­zel­jagd fin­dest du auch in der “Worl­dRun­ner”-Rei­he von Tho­mas Thie­mey­er oder in “Cache” von Mar­le­ne Röder.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74076-0
Erscheinungsdatum: 12.Januar 2022
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.