Christian Linker — Und dann weiß jeder, was ihr getan habt

Kasimira26.Februar 2019

Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” von dem deut­schen Autoren Chris­ti­an Lin­ker ist ein Thril­ler über ein Mäd­chen, das einen heim­tü­cki­schen Plan ver­folgt, als sie vier Mit­schü­ler unter einem Vor­wand zu sich nach Hau­se ein­lädt. Mit Hil­fe einer ver­steck­ten Kame­ra, die live ins Inter­net streamt, will sie einen der Jugend­li­chen, der für das Ver­schwin­den einer Mit­schü­le­rin ver­ant­wort­lich sein soll, zu einem Geständ­nis zwin­gen. Eine Geschich­te über Schuld, Rache und eine Situa­ti­on, die bald zu eska­lie­ren droht. Ein Kam­mer­spiel der beson­de­ren Art. Inten­siv, bewe­gend und mit­rei­ßend. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Ganz plötz­lich reif­te die­ser Plan in ihr. Kurz vor der Abi­fei­er. Bevor all ihre Wege aus­ein­an­der­ge­hen. Denn Muri­el ist im Film­team gelan­det, in dem die bes­ten Sequen­zen von acht gemein­sa­men Schul­jah­ren zusam­men­ge­schnit­ten wer­den sol­len. Eigent­lich hat sie — die erst in der 9.Klasse in die­ser Schu­le dazu­stieß — über­haupt kei­nen Bock auf so etwas. Doch dann kam ihr eine plötz­li­che Visi­on: Wie wir über die Stu­di­en­rei­se an die Ost­see spre­chen. Und über Pre­cious, die plötz­lich nicht mehr da war. Wie ich Con­stan­tin aus der Reser­ve Kasimiralocke, die Sache zuspit­ze und eine Eska­la­ti­on pro­vo­zie­re, bis es irgend­wie aus ihm her­aus­bricht. Viel­leicht, weil er sich ver­plap­pert. Oder weil er mit sei­ner Lüge nicht mehr län­ger leben will, was weiß ich. In Fern­seh­fil­men klappt so was auch. War­um also nicht in mei­nem Film?” (Zitat aus “Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” S.24) Muri­el ist davon über­zeugt, dass ihr belieb­ter Mit­schü­ler Con­stan­tin für das Ver­schwin­den von Pre­cious ver­ant­wort­lich ist. Dass er eine Mit­schuld dar­an trägt, dass man die Jacke der aus Nige­ria geflüch­te­ten Mit­schü­le­rin vor über einem hal­ben Jahr im Meer trei­bend fand und von ihr bis­her jede Spur fehlt. Man fand ledig­lich einen Zet­tel in ihrer Jacken­ta­sche, auf dem “The rest is silence” stand. Die Poli­zei hat die Suche nach ihr schließ­lich ein­ge­stellt. Sie wur­de nicht für tot erklärt, son­dern ledig­lich als ver­misst gemel­det. “Nie­mand glaubt mir, dass Con­stan­tin an Pre­cious’ Selbst­mord schuld ist. Die meis­ten Kasimirabezwei­feln, dass sie über­haupt tot ist — und wenn doch, so sagen sie, könn­te es doch ein Unfall gewe­sen sein. Erst recht glaubt nie­mand, dass es irgend­ei­ne Ver­bin­dung zu Con­stan­tin gibt. Ich könn­te es ja erklä­ren, wenn mir irgend­je­mand in Ruhe zuhö­ren wür­de. Aber nie­mand tut das.” (Zitat S.15) Des­halb hat Muri­el die Zügel nun selbst in die Hand genom­men. Die schnip­pi­sche und gegen alles rebel­lie­ren­de Schul­spre­che­rin Özge mel­det sich als Mode­ra­to­rin im Film­team, um die ein­zel­nen Sequen­zen zu kom­men­tie­ren. Und Muri­el schlägt eine Dop­pel­mo­de­ra­ti­on vor, mit männ­li­chem Gegen­part, zu der schließ­lich Con­stan­tin genom­men wird. “Dass aus­ge­rech­net Özge die ande­re Hälf­te ist, war Zufall, kommt mir aber sehr ent­ge­gen. Denn wenn ich nicht ganz dane­ben­lie­ge, hat auch sie einen Anteil an Pre­cious’ Tod. (Zitat S.25) Dann ist noch Len­nardt, der über­ge­wich­ti­ge Klas­sen­clown und Kum­pel­typ mit dabei. Und KasimiraDalia, Con­stan­tins Freun­din und “pas­sio­nier­te Fleiß­kärt­chen­samm­le­rin” (Zitat S.25), die die Mode­ra­to­ren­tex­te schrei­ben wird. Dann kommt der alles ent­schei­den­de Tag, als Muri­el die vier Jugend­li­chen zu sich nach Hau­se ein­lädt. Denn neben der offen­sicht­li­chen Kame­ra im High­tech-Kino­raum ihres Vaters hat sie auch eine wei­te­re, gehei­me Kame­ra in dem Zim­mer ange­bracht. Eine, die alles, was gespro­chen wird, direkt ins Inter­net streamt. Aber als die Lage sich mehr und mehr zuspitzt, kom­men immer mehr unge­ahn­te Din­ge ans Tages­licht und Muri­el merkt rasch, dass ihr Plan völ­lig außer Kon­trol­le gerät…

Auf­fäl­lig sticht das Cover von “Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” her­vor. Mit Kasimiraeiner grell leuch­ten­den Schrift macht es auf sich auf­merk­sam. Und lei­der auch mit einem Recht­schreib­feh­ler (“weiss” statt “weiß”), was wahr­schein­lich der gra­fi­schen Gestal­tung geschul­det ist, aber den­noch nicht unbe­dingt Vor­bild­funk­ti­on für eine tadel­lo­se Ortho­gra­fie ist;-) Der Thril­ler wird in sie­ben Tei­len erzählt und ist aus den unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen der fünf Schü­ler in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. Jeder Abschnitt wird — schön über­sicht­lich — mit dem Namen der berich­ten­den Per­son beti­telt. Am Anfang hat­te ich ein wenig Schwie­rig­kei­ten in die Geschich­te hin­ein­zu­fin­den: Muri­el, die den größ­ten Anteil der Per­spek­ti­ven für sich bezieht, wirkt eher unsym­pa­thisch. Sie schreibt Gedich­te und hält sich selbst für gestört (“Er hält mich näm­lich nicht nur für gestört (was ich ja auch ohne Fra­ge bin), son­dern auch für rest­los unbe­gabt, was Tech­nik…” (Zitat S.13)), wird auch von ande­ren als nicht nor­mal ange­se­hen und hat kei­ner­lei Freun­de. Bis auf Pre­cious, der sie etwas näKasimiraher kam, wenn­gleich die­se — auf­grund ihrer Vor­ge­schich­te — auch auf kei­ne “klas­si­sche” Freund­schaft aus war. Zuwei­len war mir ihr Erzähl­stil etwas zu hoch­ge­sto­chen und mit zu viel Pathos ver­se­hen: “Das Schick­sal von Aber­tau­sen­den liegt im Dun­keln; in der ewi­gen Nacht am Grun­de der See, wo die zer­fres­se­nen Res­te ihrer Lei­chen zer­ge­hen. Nie­mand will dafür ver­ant­wort­lich sein. Aber Pre­cious starb auf dem fal­schen Meer. Und der, der an ihrem Tod schuld ist, trägt einen Namen.” (Zitat S.8) Jedoch legt sich dies glück­li­cher­wei­se recht bald und man fin­det mehr Ein­blick in ihren Cha­rak­ter, bemerkt auch, dass sie mit ihrem Plan zeit­wei­len ins Wan­ken gerät und nicht nur so mit­leids­los ist, wie sie zu Beginn dar­ge­stellt wird: “…ich weiß schon selbst, dass mei­ne Idee skru­pel­los ist. Viel­leicht sogar grau­sam. Aber not­wen­dig. Schon immer hat­ten die Men­schen das Bedürf­nis, dann und wann jeman­den öffent­lich abzu­schlach­ten. Die Römer ver­an­stal­te­ten Gla­dia­to­ren­spie­le und KasimiraKreu­zi­gun­gen, im Mit­tel­al­ter ver­brann­te man Ket­zer auf dem Schei­ter­hau­fen und flocht Ver­rä­ter aufs Rad. Heu­te haben wir das Inter­net. Und ich wer­de es benut­zen.” (Zitat S.9) Die abwech­seln­den Erzähl­per­spek­ti­ven bie­ten ein fas­zi­nie­ren­des Geflecht aus ober­fläch­li­chen und tief­grün­di­gen Gesprä­chen, aus zum Teil sogar gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen The­men, aus Ver­gan­gen­heit und Zukunft der Schü­ler und immer wie­der — im Mit­tel­punkt — die Suche nach der Wahr­heit. Was ist jener Nacht gesche­hen? Wie ist Pre­cious gestor­ben? Und wel­chen Anteil haben ihre Mit­schü­ler dar­an? Die Spra­che des Buches ist sehr authen­tisch und oft auch recht jugend­sprach­lich. Schön gemacht ist die Abgren­zung der ein­zel­nen Per­so­nen von­ein­an­der. Con­stan­tin erzählt bei­spiels­wei­se in ein­ge­rück­ten, recht kur­zen Zei­len. Und Len­nardt hat einen ganz eige­nen abkür­zen­den Sprach­stil: “Ich lass grad den Film lau­fen, den Nina Fried­richs von der Füh­rung durch irgend so 1 Fische­rei­mu­se­um gemacht hat. Die 2 Ladys gucken zu: Muri­el iwie abwei­send & Özge mehr so voll genervt.” (Zitat S.51) Das Ende liest sich sehr ergrei­fend und macht nach­denk­lich.

Fazit: Ein flott erzähl­ter Thril­ler mit Tief­gang.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Lesealternativen“Und dann weiß jeder, was ihr getan habt”? Dann lies doch noch die ande­ren Bücher von Chris­ti­an Lin­ker, der eini­ges bis­her geschrie­ben hat: “Raum­Zeit” (2002), “Das Hel­den­pro­jekt” (2005), “Dop­pel­Po­ker” (2007), “Blitz­licht­ge­wit­ter” (2008), “Abso­lut am Limit” (2010), “Stadt der Wöl­fe” (2015), “Dschi­had Cal­ling” (2015), “Der Schuss” (2017), “Script­kid: Erpresst im Dar­knet” (2018). Eine sehr gute Alter­na­ti­ve über Jugend­li­che, die alle vor­ein­an­der etwas zu ver­ber­gen haben, ist “One of us is lying” von Karen M. McMa­nus oder lies die Novi­tät “Nie­mals­welt” von Mari­sha Pes­sl, in der jeder der Haupt­per­so­nen ein Geheim­nis hat. Oder greif zu “Match­box Boy” von Ali­ce Gaba­thuler, ein wirk­lich super span­nen­der Psy­cho­thril­ler über dunk­le Geheim­nis­se, mensch­li­che Sen­sa­ti­ons­gier und die gefähr­li­che Macht des Inter­nets. Oder lies “Cold Calls” von Charles Benoit, das in eine ähn­li­che Rich­tung geht.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: dtv
ISBN: 978-3-423-74042-5
Erscheinungsdatum: 31.Januar 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 14,95€ 
Seitenzahl: 256 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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