Christian Linker — Toxische Macht

C23.Februrar 2021

Toxi­sche Macht” ist der neue Roman des deut­schen Autoren Chris­ti­an Lin­ker. Er stellt eine jun­ge Stu­den­tin in den Mit­tel­punkt, die unbe­ab­sich­tigt die rich­ti­gen Wor­te zur rich­ti­gen Zeit von sich gibt und an die Spit­ze der neu­en Par­tei FUTURE lan­det und tat­säch­lich kurz davor ist Bun­des­kanz­le­rin zu wer­den. Doch aus­ge­rech­net ihr Ex-Freund scheint dies ver­hin­dern zu wol­len und plant einen Mord­an­schlag auf sie. Fas­zi­nie­rend und sehr unter­halt­sam. Für poli­tisch inter­es­sier­te Jugend­li­che ab 16 Jah­ren und Erwachsene.

Con­stan­ze, genannt Coco, 24 Jah­re alt und VWL-Stu­den­tin, hat einen Höhen­flug hin­ter sich. “Den Tag heu­te mit­ge­rech­net, ist sie wäh­rend des Wahl­kampfs ein­hun­dert­drei­mal auf­ge­tre­ten, in ein­hun­dert­drei ver­schie­de­nen Städ­ten, manch­mal drei an einem Tag, erst ges­tern waren sie noch in… ja, wo denn bloß?” (Zitat aus “Toxi­sche Macht” S.7) Die Wahl steht kurz bevor und sie, die an die Spit­ze der in Coro­na-Zei­ten neu gegrün­de­ten Par­tei FUTURE gelangt ist, könn­te die nächs­te Bun­des­kanz­le­rin wer­den! Noch vor zwei Jah­ren hät­te Coco dies nie­mals für mög­lich gehal­ten. Ein biss­chen die Welt ret­ten, mal mit ihrer Freun­din Tabea an einer Demons­tra­ti­on teil­neh­men, ein biss­chen “Fri­days-For-Future” unter­stüt­zen, das war voll ihrs. Aber so rich­tig in die Poli­tikKasimirazu gehen, das hät­te sie sich nie­mals vor­stel­len kön­nen. “Das ist ja das Pro­blem. Ich mer­ke, dass ich zu ganz vie­len The­men über­haupt kei­ne Mei­nung habe, weil ich mich viel zu wenig aus­ken­ne. (Zitat S.44) Als sie Mai­kel ken­nen­lernt und mit ihm und ein paar Freun­den auf ein poli­ti­sches Camp geht, wel­ches zum Ziel hat eine neue Par­tei zu grün­den, denkt sie sich nichts groß dabei. Auch ihre Mei­nung dort zu ver­kün­den, kommt ihr nicht falsch vor: “Unse­re Eltern dach­ten, wenn man sich mehr anstrengt, kann man sich auch mehr leis­ten. Aber heu­te musst du dich nur immer noch mehr anstren­gen, bloß um nicht abzu­stür­zen. Davon wird man doch krank. Und dann kam das Virus und hat beim Pla­ne­ten die Pau­se­tas­te gedrückt.” (Zitat S.47ff) Doch plötz­lich ver­stum­men die Gesprä­che um sie her­um und die Leu­te hören ihr zu. Sogar das Fern­se­hen wird auf sie auf­merk­sam und filmt sie: “Machen wir wei­ter wie vor­her? Oder erfin­den wir uns neu? Schaf­fen wir einen Markt, dem es nicht mehr um Wachs­tum geht, und eine Poli­tik, der es nicht ums Durch­set­zen von KasimiraInter­es­sen geht? Schaf­fen wir eine Gesell­schaft, die sich Zeit nimmt für sich selbst?” (Zitat S.48) Coco wünscht sich eine neue Lang­sam­keit, eine neue Art der Frei­heit. Weni­ger Auto­fah­ren, weni­ger Fleisch essen, mehr acht­sam mit sich selbst umge­hen, mehr Ent­schleu­ni­gung. Die Reak­tio­nen auf die­se Wor­te sind enorm. Ihre Rede wird im “Heu­te Jour­nal” gezeigt, der Clip wird online immer wie­der geteilt. Und schließ­lich beginnt Coco damit poli­tisch aktiv zu wer­den. Nutzt ihre plötz­li­che Bekannt­heit um mehr zu errei­chen. Doch kurz vor der ent­schei­den­den Wahl ist ihr alles ein wenig zu viel gewor­den. Sie flüch­tet in das Wochen­end­haus einer Freun­din. Will nie­man­den sehen. Mit nie­man­dem reden. Nur mit einer Per­son: “Sie hat sein Mona­ten prak­tisch nichts ande­res mehr getan, als zu reden. Gefühlt mit allen acht­zig Mil­lio­nen Men­schen in die­sem Land, bis auf einen ein­zi­gen. Den, mit dem sie eigent­lich am aller­bes­ten reden kann. Den hat sie seit fast einem Jahr nicht mehr gespro­chen. Aber sei­ne Han­dy­num­mer hat sie noch.” (Zitat S.8) Ihrem Ex-Freund Mai­kel. Aber Coco ahnt nicht, dass aus­ge­rech­net er ihre poli­ti­schen Auf­stieg ver­hin­dern will und den Auf­trag bekom­men hat, sie zu töten…

KasimiraDas leuch­ten­de Oran­ge des Tex­tes und das abge­bil­de­te Laby­rinth — das Cover fällt auf. Der Roman ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben und wird sowohl aus Cocos Sicht, als auch aus Mai­kels Sicht erzählt. Schon die ers­ten Sät­ze kata­pul­tie­ren den Leser mit­ten ins Gesche­hen: “Immer­hin wird er mal von sich sagen kön­nen, er habe mit der spä­te­ren Bun­des­kanz­le­rin geschla­fen. Aber wer will so etwas schon hören? Pein­li­ches Gepo­se von einem, der ver­lo­ren hat.” (Zitat S.5). Die Spra­che von Chris­ti­an Lin­ker ist eine fas­zi­nie­ren­de Mischung aus locker und umgangs­sprach­lich, aber durch­aus auch anspruchs­voll und mit hoch­geis­ti­gen Voka­bu­lar. Man­che Stel­len zeu­gen von einer schön unter­schwel­li­gen Iro­nie: “Sie kann­te Mai­kel kaum vier Wochen und bis jetzt hat­ten sie so gut wie nichts mit­ein­an­der erlebt außer Sex und lan­gen Gesprä­chen und Piz­zabe­stel­len und Seri­en­schau­en. Ande­rer­seits gab es sicher Leu­te, deren Ehe über Jahr­zehn­te hin­weg so funk­tio­nier­te.” (Zitat S.19) “Toxi­sche Macht” ist ein Gesell­schaftsrKasimiraoman, ein poli­ti­scher Ent­wick­lungs­ro­man, der vor allem die weib­li­che Prot­ago­nis­tin stark in Sze­ne setzt. Sie, die poli­tisch doch so gar nicht ambi­tio­niert ist, sich vom media­len Rum­mel zunächst völ­lig über­for­dert fühlt, lan­det mit­ten in einer neu­en Welt. Was auf dem Papier noch Gedan­ken­spie­le­rei war (wer könn­te wel­chen Pos­ten im Kanz­ler­amt beset­zen, wel­che Funk­tio­nen hat man dort über­haupt?) wird plötz­lich Wirk­lich­keit: “Was haben sie gelacht, wäh­rend sie Namen in das Orga­ni­gramm krit­zel­ten. So wie wenn du dir mit drei­zehn aus­malst, dein eige­nes Leben wür­de mal ver­filmt, und du über­legst, wel­cher Hol­ly­wood­star wel­chen Mit­schü­ler ver­kör­pern könn­te.” (Zitat S.13) Vie­le Dis­kus­sio­nen um poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che The­men spi­cken den Roman, auch die Rol­le des Man­nes spielt eine wich­ti­ge Rol­le dar­in. Auch wenn es ab und zu mal Stel­len gibt, die etwas weni­ger tem­po­reich und teils sehr aus­ufernd sind — Cocos Wer­de­gang mit­zu­ver­fol­gen, liest sich äußerst fas­zi­nie­rend. Das Buch wird in gro­ßen Tei­len in Rück­blen­den erzählt, um den Beginn ihrer poli­ti­sche Kar­rie­re zu skiz­zie­ren und schließ­lich in der Jetzt­zeit wie­der anzu­kom­men, in der sie Opfer eines Atten­tats zu wer­den droht. Auch wie sie Mai­kel ken­nen­ge­lernt hat, wird genau­er erklärt: “Dating in Zei­ten der Aus­gangs­be­schrän­kun­gen — es hat­te den Reiz des Ver­bo­te­nen. […] Irgend­wann blie­ben sie ste­hen und Mai­kel unter­schritt den Sicher­heits­ab­standKasimira. Und Coco schob ihm den Hut aus der Stirn und küss­te ihn” (Zitat S.17ff) Mai­kel nimmt eine beson­de­re Stel­lung in dem Roman ein und sorgt für jede Men­ge Span­nung. Denn zu Beginn weiß man bereits, dass er ihr den Sieg wohl schon gön­nen wür­de, aber den­noch poli­tisch zu agie­ren ver­sucht hat, um sie zu stop­pen: “Sie haben alles ver­sucht. Posch und Mai­kel, die Aka­de­mie, die alter­na­ti­ven Medi­en bis hin zu Bot- und Troll­ar­me­en. Aber ganz egal, was sie unter­nah­men: Coco und ihre Par­tei sind bloß immer stär­ker gewor­den.” (Zitat S.9) War­um ist ihre Bezie­hung aus­ein­an­der­ge­gan­gen? War­um ruft Coco nun aus­ge­rech­net ihn an? Und wie sehr hat er sich in dem ver­gan­ge­nen Jahr, in dem sie kei­ner­lei Kon­takt mehr hat­ten, wei­ter­ent­wi­ckelt, um nun bereit zu sein sie zu töten? Eine Andeu­tung ver­letz­ter Gefüh­le wird gemacht: “Jetzt wäre es hilf­reich, Hass zu spü­ren. Hass ist die Waf­fe gegen Zwei­fel. Er ruft sich das Bild ins Gedächt­nis. Coco und Kerim. Es funk­tio­niert.” (Zitat S.12) Aber den genau­en Hin­ter­grün­den nach­zu­spü­ren, das gelingt erst im wei­te­ren Ver­lauf des Buches. Wäh­rend alles auf den ent­schei­den­den Moment zusteu­ert: wird Mai­kel sie tat­säch­lich töten oder nicht? Das Ende ist wahn­sin­nig span­nend und endet mit einem Pau­ken­schlag, der fast ein wenig gemein ist;-)

Dir gefällt der Erzähl­stil von Chris­ti­an Lin­ker? Dann greif noch zu sei­nen ande­ren Büchern, er hat bis­her eini­ges für Jugendliche/(junge) Erwach­se­ne geschrie­ben: “Raum­Zeit” (2002), “Das Hel­den­pro­jekt” (20Lesealternativen05), “Dop­pel­Po­ker” (2007), “Blitz­licht­ge­wit­ter” (2008), “Abso­lut am Limit” (2010), “Stadt der Wöl­fe” (2015), “Dschi­had Cal­ling” (2015), “Der Schuss” (2017), “Script­kid: Erpresst im Darknet” (2018), “Und dann weiß jeder, was ihr getan habt” (2019) und “Influ­ence: Feh­ler im Sys­tem” (2020). Du magst Bücher mit poli­ti­schen Hin­ter­grün­den? Dann lies zum Bei­spiel “End­land”“Sein Reich” oder (noch aktu­el­ler) “Clean­land” von Mar­tin Schäub­le, der eben­falls sehr kon­tro­ver­se The­men auf­greift. Einen Anschlag berei­tet auch der Prot­ago­nist in dem etwas lite­ra­ri­sche­rem “Die Atten­tä­ter” von Anto­nia Michae­lis vor. Das Aus­bre­chen aus fes­ten Struk­tu­ren erlebst du auch in dem schon etwas älte­ren “Die Liga der Guten” von Rüdi­ger Bert­ram und der Neu­erschei­nung “Fürch­tet uns, wir sind die Zukunft” von Lea-Lina Opper­mann. Hin­sicht­lich der plötz­li­chen Berühmt­heit der Haupt­per­son muss­te ich auch ein wenig an “Ein wirk­lich erstaun­li­ches Ding” von Hank Green denken.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: bold (dtv)
ISBN: 978-3-423-23024-7
Erscheinungsdatum: 19.Februar 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 14,90€
Seitenzahl: 336
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.