Christian Handel — Becoming Elektra: Sie bestimmen, wer du bist

1.September 2019

Beco­m­ing Elek­tra: Sie bestim­men wer du bist” von dem deut­schen Autoren und Fan­ta­sy-Exper­ten Chris­ti­an Han­del ist ein Thril­ler, der in die nahe Zukunft des Jah­res 2083 ent­führt, in der das Klo­nen von Men­schen bereits selbst­ver­ständ­lich ist. Eine Geschich­te über das Spiel mit den Iden­ti­tä­ten, einer Welt vol­ler Intri­gen und einem Mäd­chen, das ihr Ori­gi­nal nach deren uner­war­te­ten Tod plötz­lich erset­zen soll. Eine unter­halt­sa­me Geschich­te, die zum Nach­den­ken anregt. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Isa­bel lebt im Insti­tut. Mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter Kel­sey. Das Insti­tut haben sie noch nie ver­las­sen. “Jeden­falls nicht bis zu mei­nem zwan­zigs­ten Geburts­tag, dem Zeit­punkt, an dem mich mei­ne Eigen­tü­mer aus mei­ner Pflicht ent­las­sen, weil dann die nächs­te Genera­ti­on alt genug ist, unse­re Plät­ze ein­zu­neh­men.” (Zitat aus “Beco­m­ing Elek­tra” S.9) Denn Isa­bel und Kel­sey sind Klo­ne. Men­schen zwei­ter Klas­se, die in einer abge­schie­de­nen Welt leben, bis sie — oder Tei­le von ihren Orga­nen — von ihren Besit­zern gebraucht wer­den. “Nicht jeder ver­fügt über das not­wen­di­ge Klein­geld, einen Klon her­stel­len zu las­sen — oder zwei, oder drei. Wir sind Ersatz­teil­la­ger für Orga­ne, Extre­mi­tä­ten, Kno­chen­mark und Horn­haut. […] Ein Anruf genügt, und eine neue Nie­re wird auf dem Sil­ber­ta­blett gelie­fert” (Zitat S.11ff) Vor allem die rei­chen, ein­fluss­rei­chen Men­schen kön­nenKasimirasich Klo­ne leis­ten. Und auch nicht jeder Klon weiß, wel­che Per­son ihr Besit­zer ist. Isa­bel und Kel­sey, die durch heim­lich ein­ge­schleus­te Zeit­schrif­ten man­ches mit­be­kom­men, wis­sen es. Es ist Elek­tra Hamil­ton — “…die Toch­ter des Eigen­tü­mer des Insti­tuts — des Man­nes, der aus dem Klo­nen ein Geschäft gemacht hat.” (Zitat S.19) Doch sie spre­chen nicht ger­ne über ihr Ori­gi­nal. Kel­sey muss­te Elek­tra bereits einen Nie­re spen­den und erfreut sich — im Gegen­satz  zu Isa­bel — nicht mehr bes­ter Gesund­heit. “Wenn ich in den Spie­gel bli­cke, sehe ich nicht mich. Ich sehe auch nicht Kel­sey. Ich sehe nur sie. Und ich has­se es.” (Zitat S.10) Doch nun wird Isa­bel plötz­lich ins Büro der Direk­to­rin geru­fen. Dort war­ten die Eltern von Elek­tra Hamil­ton auf sie: Pria­mos und Sabi­ne Hamil­ton. Ist nun Isa­bel an der Rei­he etwas für deren Toch­ter zu spen­den? “Dir ist bekannt, dass unse­re Toch­ter vor Kur­zem einen Ehe­schlie­ßungs­ver­trag mit Phil­ip von Hal­men geschlos­sen hat?”[…] “Mei­nen herz­li­chen Glück­wunsch”, sage ich, ohne mich von ihr abzu­wen­den. “Sie sind sicher über­glück­lich.” “Gewiss”, erwi­dert Pria­mos Hamil­ton und zieht mei­ne Auf­merk­sam­keit wie­der auf sich. “Es gibt nur ein Pro­blem. Elek­tra ist tot.” (Zitat S.25) Und Isa­bel soll ihren Platz ein­neh­men, ohne Kasimiradass die Öffent­lich­keit etwas davon merkt. Nach eini­ger Bedenk­zeit lässt sie sich dar­auf ein und lan­det in einer völ­lig neu­en Welt. Vol­ler Reich­tum, Feind­se­lig­keit und Intri­gen. “Die­se Fami­lie ist eis­kalt. Und ich muss genau­so wer­den, wenn ich über­le­ben will.” (Zitat S.71) Denn Elek­tra, wie sie schließ­lich erfährt, kam gar nicht bei einem Reit­un­fall ums Leben, sie wur­de ermor­det. Und der Mör­der ist noch immer auf frei­em Fuß…

Ein opu­lent gestal­te­tes Cover, eine inter­es­sant in Sze­ne gesetz­te Figur, die sich spie­gelt und per­fekt den Inhalt des Buches wie­der­gibt — “Beco­m­ing Elek­tra” macht bereits von außen neu­gie­rig auf die­se Geschich­te. Hilf­reich um Ver­wandt­schafts­kon­stel­la­tio­nen bes­ser im Über­blick zu behal­ten, bie­tet der Stamm­baum am Anfang des Romans. Die Geschich­te selbst star­tet mit einem Pro­log und einer Tanz­sze­ne mit Phil­lip — ein Moment wie in einem Mär­chen. Doch der Schein trügt: “Es gibt jeman­den, der mich tot sehen will. […] Denn das ist die Wirk­lich­keit: Ich bin nicht Cin­de­rel­la. Und dies ist kein Mär­chen.” (Zitat S.7) Dann beginnt der Haupt­text mit drei Wochen zuvor. Das Buch ist in ein­zel­ne Kapi­tel unter­teilt und wird kom­plett aus Isa­bels Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Das JKasimiraahr 2083 war­tet mit eini­gen Neue­run­gen auf und die­se — zusam­men mit Isa­bel, die vie­les in der Welt außer­halb ihres Insti­tuts nicht kennt — zu ent­de­cken, liest sich sehr fas­zi­nie­rend. Man taucht schnell ein in eine Welt vol­ler neu­ar­ti­ger Erfin­dun­gen wie Intel­li­Len­ses, Magne­ta­xen, Elas­tos­re­ens und VitaScans. Dann drän­gen sich aber auch rasch ethi­sche Fra­gen auf. Darf man Men­schen ein­fach so klo­nen? Als Ersatz­teil­la­ger miss­brau­chen? “Man kann uns ohne schlech­tes Gewis­sen aus­schlach­ten, denn wir wur­den ja nur gezüch­tet, nicht gebo­ren. Wir sind kei­ne frei­en Men­schen, son­dern Besitz. Man hat viel Geld in uns inves­tiert -, und des­halb glau­ben unse­re Eigen­tü­mer, ein Recht dar­auf zu haben, uns zu benut­zen, aus­zu­wei­den und weg­zu­wer­fen, wenn nichts mehr übrig ist, was noch gebraucht wer­den kann.” (Zitat S.12) Chris­ti­an Han­del setzt sich mit einem wich­ti­gen The­ma aus­ein­an­der und ver­packt dies in eine unter­halt­sa­me Geschich­te, ver­knüpft mit der Suche nach der eige­nen Iden­ti­tät. Lässt die Bedro­hung und die Bedeu­tung für die Klo­ne sKasimiraelbst, schnell greif­bar wer­den: “Was könn­te Elek­tra dies­mal von uns brau­chen? Eine von Kel­seys Nie­ren hat sie schon. Mit einem Schau­dern den­ke ich an Alis­sa und die bei­den schwar­zen Löcher in ihrem Gesicht, dort, wo einst ihre Augen saßen.” (Zitat S.22) Mir per­sön­lich hat manch­mal etwas die Dra­ma­tik gefehlt. Die­ses von Anfang an Mit­ge­ris­sen wer­den. Natür­lich fie­bert man mit, wer der Mör­der von Elek­tra gewe­sen sein könn­te — es wer­den eine gro­ße Anzahl mög­li­cher Täter genannt — aber den­noch stei­gert sich die Span­nungs­kur­ve nur sehr gemäch­lich. Das Ende bie­tet einen klei­nen Show­down, war mir in einer Hin­sicht raf­fi­niert geschrie­ben, in ande­rer Hin­sicht jedoch zu schwach, da es zu vie­les, das noch kom­men könn­te, andeu­tet, aber — so wie der Autor in einem Nach­wort beschreibt — als Ein­zel­ti­tel kon­zi­piert ist. 

Du suchst Lese­al­ter­na­ti­ven zu “Beco­m­ing Elek­tra”? Über das The­ma Klo­nen wur­de in der Jugend­li­te­ra­tur eini­ges geschrie­ben. Lies zum Bei­spiel den KLesealternativenlas­si­ker “Blue­print” von Char­lot­te Ker­ner oder “Per­fect Copy: Die zwei­te Schöp­fung” von Andre­as Esch­bach. In eine ähn­li­che Rich­tung gehen auch “Dupli­kat Jonas 7” von Bir­git Rabisch und “Lost Girl: Im Schat­ten der Ande­ren” von San­gu Man­dan­na. Sehr gut gefiel mir auch “Zwei­und­die­sel­be” von Mary E.Pearson. Etwas älter ist “Das Skor­pio­nen­haus” von Nan­cy Far­mer, und etwas hef­ti­ger mit der The­ma­tik setzt sich Neal Shus­ter­man in sei­ner gelun­ge­nen “Voll­endet”-Rei­he aus­ein­an­der. Ande­re Klon-Roma­ne sind “Remake” von Ali­son Allen-Gray, “Mein böses Blut” von Geoff­rey Girard, “Machi­ne Boy” von Andre­as Schlü­ter und “Beta” von Rachel Cohn. Ande­re Bücher von Chris­ti­an Han­del sind “Hin­ter Dor­nen­he­cken und Zau­ber­spie­geln”“Rosen und Kno­chen: Die Hexen­wald-Chro­ni­ken”, “In Hexen­wäl­dern und Feen­tür­men” und “Von Fuchs­geis­tern und Wun­der­lam­pen”

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-7094-3
Erscheinungsdatum: 12.Juli 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,95€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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