Ceylan Scott — Auf einer Skala von 1 bis 10

10.Juni 2019

Auf einer Ska­la von 1 bis 10” ist der Debüt­ro­man der noch recht jun­gen, bri­ti­schen Autorin Cey­lan Scott. Die Geschich­te eines Mäd­chens, das in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik gelan­det ist und sich die Schuld am Tod ihrer Freun­din gibt. Die Autorin, die in ihrer Jugend selbst unter psy­chi­schen Pro­ble­men litt und mit 16 in einer Kli­nik war, weiß wovon sie schreibt. Authen­tisch, hef­tig und bewe­gend. Kein ein­fa­ches Buch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Tamar ist in Lime Gro­ve gelan­det. In einer psych­ia­tri­schen Kli­nik. Sie muss sich bis auf die Unter­wä­sche aus­zie­hen und wird mit Metall­de­tek­to­ren abge­scannt. Auch ihre Sachen wer­den durch­sucht. “Kulis sind ver­bo­ten. Zu spitz. Kei­ne Kulis, kein Make-up, kein Par­füm, kei­ne Kla­mot­ten mit Kor­del­zug, kei­ne Schnür­sen­kel — alles ver­bo­ten. Ich spü­re ihre Bli­cke auf mei­nen Armen: Nar­ben­ge­we­be, Lini­en kreuz und quer, glän­zend und rot, dazu ein paar fri­sche Schnit­te.” (Zitat aus “Auf einer Ska­la von 1 bis 10” S.12) War­um sie hier ist, das möch­te Tamar den ande­ren Mit­pa­ti­en­ten nicht erzäh­len. Vor allem nicht KasimiraDr. Flo­res, der sie mit Fra­gen immer­zu bom­bar­diert. Er will über Iris reden. Iris, die jetzt nicht mehr da ist und an deren Tod Tamar sich schul­dig fühlt (“War­um ich hier bin? Weil ich eine Mör­de­rin bin.” Zitat S.24). Stän­dig wird sie über­wacht, darf nicht ein­mal allei­ne duschen oder schla­fen. Immer hat man sie genau im Blick. Aber was genau pas­siert ist, das kriegt nie­mand aus ihr her­aus. Denn es gibt eine Stim­me in Tamar, die sie zum Schwei­gen bringt. “Ich sage nichts. Das Mons­ter lässt mich nicht.” (Zitat S.9) Also lässt sie den Kli­nik­all­tag über sich erge­ben, fin­det Anschluss an ande­re Mit­pa­ti­en­ten und wünscht sich nur eines: bald wie­der von hier ver­schwin­den zu kön­nen. Doch irgend­wann muss Tamar sich der Ver­gan­gen­heit stel­len und das wird schmerz­haf­ter als gedacht…

KasimiraDas auf­fäl­li­ge Cover von “Auf einer Ska­la von 1 bis 10” zieht die Bli­cke auf sich. Ein Faden, der zum Zer­rei­ßen gespannt ist. Ein Leben, das in eine Sack­gas­se gera­ten ist. Ein Mäd­chen in der Psych­ia­trie. Tamar erzählt aus ihrer eige­nen Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Immer wie­der soll sie ihr aktu­el­les Emp­fin­den ein­schät­zen, auf einer Ska­la von 1 bis 10 — der Titel passt wie die Faust aufs Auge. Den­noch ist Tamar nicht immer greif­bar, ist ein kom­ple­xer, schwie­ri­ger Cha­rak­ter, zu dem eine Bezie­hung auf­zu­bau­en, nicht gera­de ein­fach ist. Ihr selbst ver­let­zen­des Ver­hal­ten, ihr unver­hoh­le­ner Selbst­hass, ihre Aus­sa­ge, eine Mör­de­rin zu sein, das liest sich recht hef­tig. Die Spra­che: zuwei­len rasier­mes­ser­scharf, auf den Punkt tref­fend und ohne jeg­li­che Ver­schö­ne­rung. Die Autorin, die selbst an einer Bor­der­line-Stö­rung lei­det, zeigt wie schlimm eine psy­chi­sche Krank­heit sein kann: “Das Pro­blem ist bloß: Sobald das KasimiraSchwin­del­ge­fühl weg ist, krei­schen die bösen Gedan­ken gleich wie­der los, noch wil­der und schlim­mer als vor­her. Jetzt bist du nicht nur jäm­mer­lich, häss­lich und fett, son­dern auch noch ein dum­mer klei­ner Depp, der sich ein­bil­det, er könn­te Gedan­ken zum Schwei­gen brin­gen, indem er sich den Kopf anhaut. Also knallt dei­ne Stirn, bevor du rich­tig weißt, was pas­siert, schon wie­der gegen die Wand, ein ech­ter Teu­fels­kreis.” (Zitat S.39) Cey­lan Scott ent­ta­bui­siert. Sie zeigt den All­tag in einer Kli­nik. In all sei­nen Facet­ten. Rückt Mit­pa­ti­en­ten in den Vor­der­grund, die eben­falls ihr Päck­chen zu tra­gen haben. Raf­fi­niert ist die Erzähl­wei­se in “Auf einer Ska­la von 1 bis 10”. Sie wech­selt zwi­schen JETZT und VORHER. Letz­te­res setzt nach Iris Tod an und rückt immer wei­ter vor in die Gegen­wart. Was ist pas­siert? Wäh­rend ein begin­nen­der Pro­log noch zwei Mäd­chen beschreibt, die betrun­ken an einem Wei­her sit­zen und die eine die ande­re dazu auf­for­dert ins Was­ser zu sprin­gen, klafft schnell eine Lücke auf. “Spring, Iris”, sag­te die Blon­de. “Ich kom­me dann auch.” (Zitat KasimiraS.8) Was danach geschah, wie Iris gestor­ben ist, das wird nicht ver­ra­ten. Ein Geheim­nis, das sich erst zum Ende des Romans lüf­ten wird. Den Mit­tel­teil fand ich per­sön­lich etwas zäh zuwei­len. Tamar, die ihren Kli­nik­all­tag beschreibt und Freund­schaf­ten knüpft, Erfah­run­gen sam­melt. Posi­ti­ve wie nega­ti­ve. Der Roman macht sen­si­bel für psy­chi­sche Krank­hei­ten und erzählt von Tamars Kran­ken­ge­schich­te, die auch schon lan­ge Zeit vor der Kli­nik ihren Anfang nahm: “Als ich ver­rückt gewor­den bin, haben sich die Leu­te vor mir zurück­ge­zo­gen. Sie haben ziem­lich schnell kapiert, wer ich bin: Tamar, die durch­ge­knall­te Ein­zel­gän­ge­rin mit Nar­ben auf den Ober­schen­keln und Spinn­we­ben im mod­ri­gen Hirn. “Hal­tet euch von Tamar fern”, warn­ten die Eltern ihre Kin­der. […] Dabei war ich gar kein schlech­ter Umgang, es ging mir ein­fach nur schlecht.” (Zitat S.35) Das Ende ist bewe­gend. Im Anhang wer­den noch Adres­sen und Kon­tak­te ange­ge­ben, an die man sich in Not­si­tua­tio­nen wen­den kann.

Du magst Roma­ne, die in einer Kli­nik spie­len? Hier­von gibt es jede Men­ge: “1:0 für die Idio­ten” von Kar­li­jn Stof­fels (Sui­zid), “Von gan­zem Her­zen, Emi­ly” von Tanya Byr­ne (Rache), Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer (Trau­er; groß­ar­ti­ge Lite­ra­tur!), “Cut” von Patri­cia McCor­mick (SelbLesealternativenstver­let­zung) und “Letz­te hel­le Tage” von Mar­tyn Bed­ford (Trau­er). Sehr vie­le Roma­ne, die in einer Kli­nik spie­len behan­deln das The­ma Ess­stö­rung: “Nichts leich­ter als das” von Mar­nel­le Tokio, Heu­te will ich leben” von Nora Pri­ce (sehr bewe­gend!), Das Lächeln der Lee­re” von Anna Sofia Höpf­ner (die­ses beschreibt vor allem den Pro­zess der Hei­lung) und “Alles so leicht” von Meg Has­ton (dra­ma­tisch und schmerz­haft, mit auto­bio­gra­fi­schen Zügen). Sehr gut gefal­len haben mir die Roma­ne “Clean” von Juno Daw­son (Dro­gen), “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu (ver­schie­de­ne The­men) und die Neu­erschei­nung “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwi­schen.” von Ava Reed (Panik­at­ta­cken). Gut könn­te ich mir auch “Mäd­chen in Scher­ben” von Kath­le­en Glas­gow vor­stel­len, das eben­falls etwas hef­ti­ger ist. Eine Neu­erschei­nung von die­sem Jahr ist eben­so “Zusam­men wie Schwes­tern” von Gayle For­man. Etwas span­nen­der ist “Feu­er­schwes­ter” von Emi­ko Jean und erzäh­le­risch und lite­ra­risch gran­di­os ist “Wicker King” von Kay­la Ancrum. Aktu­ell nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis ist zudem “Kom­pass ohne Nor­den” von Neal Shus­ter­man (Schi­zo­phre­nie). Bücher über die Bor­der­line Stö­rung sind zum Bei­spiel “Ich spür mich nicht” von Jana Frey, “Wir bei­de in Schwarz-Weiß” von Kira Gembri, “Grenz­land” von Mar­ti­na Wild­ner und “Wun­der, die wir tei­len” von Sara Ber­nard.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Chicken House
ISBN: 978-3-551-52111-8
Erscheinungsdatum: 31.Mai 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 256
Übersetzer: Beate Schäfer
Originaltitel: "On a scale of 1 to 10"
Originalverlag: Chicken House

Britisches Originalcover:
Kasimira











Interview mit der Autorin (auf Englisch):
 

Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Britisches Cover: Homepage von Chicken House

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