Carolin Wahl — Zwei Leben in einer Nacht

Kasimira16.Oktober 2020

Zwei Leben in einer Nacht” ist bereits das drit­te Jugend­buch der deut­schen Autorin Caro­lin Wahl. Eine Geschich­te über zwei jun­ge Men­schen, die sich bei­de das Leben neh­men wol­len und über ein Inter­net­fo­rum an einer Chal­len­ge teil­neh­men, die nach fünf zu erle­di­gen­den Auf­ga­ben mit dem Tod enden soll. Ein Roman über Ver­zweif­lung und Todes­sehn­sucht, über eine zar­te Annä­he­rung, über Schick­sals­schlä­ge und Hoff­nung, dass das Leben wei­ter­geht. Ein sprach­lich sehr schön erzähl­tes Buch. Unglaub­lich bewe­gend und berüh­rend geschrie­ben. Auf­grund von immer wie­der auf­tau­chen­den “Blue Wha­le Chal­len­ges” im Inter­net und auf sozia­len Netz­wer­ken — lei­der höchst aktu­ell. Aber ACHTUNG: kei­ne leich­te Kost! Für rei­fe Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Sie tref­fen sich an den Bahn­glei­sen. Cas­par und Sam. Cas­par dach­te, dass Sam der Name eines Jun­gen sei und ist über­rascht, dass Sam ein Mäd­chen ist. Sam, das Mäd­chen mit den blau­en Haa­ren, kennt sei­nen rich­ti­gen Namen nicht, Cas­par hat sich online nur Cyber genannt. “Mein ech­ter Name. Glaubst du wirk­lich, es spielt eine Rol­le, dass du ihn nicht kennst? Am Ende der Nacht sind wir bei­de sowie­so tot.” (Zitat aus “Zwei Leben in einer Nacht” S.15) Denn nur des­we­gen sind sie hier. Um am Ende zu ster­ben. Sie haben sich bei­de in einem Inter­net­fo­rumnamens Deathwish ange­mel­det. “Frei­tag, der 13. Der Tag, auf den Kasimirasie so lan­ge gewar­tet hat. Auch wenn sie sich gleich­zei­tig davor gefürch­tet hat, die Nach­richt auf ihrem Han­dy zu fin­den. Bist du bereit? Die Ein­la­dung zu die­sem Spiel. Spiel. Dabei ist es töd­li­cher Ernst. Jeder, der sich in Deathwish ange­mel­det hat, weiß das. Jeder dar­in ist bereit zum Äußers­ten zu gehen, jede Gren­ze aus­zu­tes­ten. Und den letz­ten Schritt in den Abgrund zu machen.” (Zitat S.38ff) Sie erhal­ten nun per Han­dy fünf Aufga­ben, die sie zu erfül­len haben. Und am Ende der Nacht wer­den sie ster­ben. Gemein­sam. Das ist der Sinn bei Deathwish, weil man allei­ne am Ende eher noch einen Rück­zie­her macht, als zu Zweit. Das ist ihnen bei­den klar. “Kurz fragt er sich, was wohl ihr Grund dafür ist, dass sie hier ist. War­um sie sich aus­ge­rech­net für die­ses Ende ent­schie­den hat. Viel­leicht, weil sie wie er selbst sämt­li­che Mög­lich­kei­ten durch­ge­kaut hat. Den Strick. Den KasimiraWald. Die Bade­wan­ne. Den Zug. Ein Mes­ser. Eine Plas­tik­tü­te.” (Zitat S.18) Wie sie am Ende ster­ben wer­den, das wis­sen sie nicht. Das ent­schei­det Ghost, der anony­me Spiel­lei­ter, der den Tag aus­ge­wählt hat und die zwei Per­so­nen bestimmt hat, die meist nicht all­zu weit von­ein­an­der weg­woh­nen. “Es ist nur ein Spiel. […] Mehr nicht. Ein Spiel mit Regeln und einem kla­ren Aus­gang.” Als sie nicht ant­wor­tet, fährt er fort und zeigt erst auf sich und dann auf sie: “Wir bei­de. Tot.” Sei­ne Wor­te sind so scho­nungs­los, dass sich eine Gän­se­haut über­all auf ihren Armen aus­brei­tet.” (Zitat S.13ff) Doch die Nacht ist noch lang. Und die ers­te Auf­ga­be, die vor­sieht, dass sie heim­lich in einen Fried­hof ein­stei­gen und sich für eine hal­be Stun­de in ein offe­nes Grab legen, lässt viel Zeit ein­an­der bes­ser ken­nen­zu­ler­nen. “Ich woll­te einen Deal vor­schla­gen”, fährt er jetzt fort. “Wie wäre es, wenn wir nur ehr­lich mit­ein­an­der sind? KasimiraHeu­te? Also, egal, bei wel­chem The­ma. Wir sagen uns immer die Wahr­heit. Kei­ne Lügen. Schließ­lich bist du der letz­te Mensch, mit dem ich eine Unter­hal­tung füh­re, und irgend­wie fän­de ich es trau­rig, wenn ich mit dem Gedan­ken ster­be, nicht wirk­lich ich selbst gewe­sen zu sein.” (Zitat S.94) Aber was wird sein, wenn sie ein­an­der bes­ser ken­nen? Wird es dann ein­fach oder gar schwe­rer wer­den zu ster­ben? Und wol­len sie das über­haupt?

Zwei Leben in einer Nacht”, das mit einem fas­zi­nie­ren­den, bereits das The­ma andeu­ten­de Cover auf­war­tet, beginnt mit einer beson­de­ren Wid­mung (“Für alle schwar­zen Scha­fe in der wei­ßen Her­de”) und einer sehr sinn­vol­len Trig­ger­war­nung, wel­che den Leser auf die Inhal­te des Buches vor­be­rei­tet. Caro­lin Wahl hat erns­te The­men aus­ge­wählt: “Depres­si­on, KasimiraTrau­er, Tod, Sui­zid, Ängs­te”. Die Geschich­te geht defi­ni­tiv an die Sub­stanz, da sie sich mit sehr exis­ten­ti­el­len The­men beschäf­tigt. Bereits der ers­te Satz des Buches macht deut­lich, hier wird nicht lan­ge her­um­ge­zö­gert, der Leser wird sofort in die bedrü­cken­de Stim­mung und mit­ten ins Gesche­hen hin­ein­ge­zo­gen“Heu­te ist die Nacht, in der sie ster­ben wird. Sam lauscht in sich hin­ein, doch da ist nichts. Kei­ne drü­cken­de Angst. Kei­ne alles ver­schlin­gen­de Panik, nur ein Gefühl von Erleich­te­rung. Es ist, als ob end­lich eine rie­si­ge Bür­de von ihren Schul­tern fällt.” (Zitat S.9) Cas­par und Sam berich­ten in sich abwech­seln­den, in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­be­ne Per­spek­ti­ven. Teil­wei­se gibt es Rück­blen­den, die durch ein “Jetzt” und ein “Davor” gekenn­zeich­net wer­den. Auch Chat­aus­zü­ge aus dem Forum, in dem sich bei­de ange­mel­det haben, wer­den abge­druckt. “Zwei Leben in einer Nacht” ist ein stel­len­wei­se sehr trau­ri­geKasimiras Buch: “Eigent­lich will ich nicht ster­ben”, sagt Cas­par und gesteht sich und ihr mehr ein, als er ertra­gen kann. “Eigent­lich will ich ein­fach nur nicht mehr leben.” (Zitat S.115). Es stellt zwei Prot­ago­nis­ten in den Mit­tel­punkt, die Schwe­res im Leben erlebt haben und über deren Hin­ter­grund­ge­schich­ten man zunächst nur in Andeu­tun­gen erfährt, so wie bei­spiels­wei­se bei Sam: “Bei dem Gedan­ken an ihre Schwes­ter mel­det sich wie­der ihr schlech­tes Gewis­sen, kratzt an ihrem Bewusst­sein, doch sie schiebt es bei­sei­te. Wie alles, was mit ihrer Fami­lie zu tun hat.” (Zitat S.38) Erst all­mäh­lich wird mehr über sie ver­ra­ten und ein immer kom­ple­xe­res, tief­grün­di­ge­res Bild der Cha­rak­te­re ent­steht. Caro­lin Wahl erzählt die Geschich­te auf sehr ein­fühl­sa­me, sen­si­ble Wei­se, hat ein Händ­chen für ein lang­sa­mes Ent­blät­tern der Wahr­heit (die man irgend­wann, wenn man sorg­fäl­tig Kasimiraliest zu ahnen beginnt). Und sie ver­wen­det eine sehr schö­ne Spra­che: “Er selbst ver­gräbt die Hän­de in den Tie­fen sei­ner Hosen­ta­schen, auf der Suche nach etwas Halt. Um sie her­um herrscht das ein­ver­nehm­li­che Schwei­gen einer Unter­hal­tung, die noch gar nicht rich­tig begon­nen hat” (Zitat S.22) Den­noch ist “Zwei Leben in einer Nacht” kein ein­fa­ches Buch, son­dern eine Geschich­te, mit der man sich inten­siv aus­ein­an­der­set­zen muss, auch mit zum Teil sehr hef­ti­gen Sze­nen (wie die der Selbst­ver­let­zung mit­tels einer Glas­scher­be). Dass das kein Spa­zier­gang ist, des­sen soll­te man sich vor Beginn der Lek­tü­re bewusst sein. Den­noch ist es ein sehr wich­ti­ges Buch, dies wird vor allem gegen Ende der Geschich­te klar.

Dir gefällt Caro­lin Wahls Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch “Staat X: Wir haben die Macht!” von ihr, das mir sehr gut gefal­len hat. Ihr ers­tes Jugend­buch war “Mond­schein­küs­se hal­ten län­ger”. SehLesealternativenr gut könn­te ich mir auch “Für nie­mand” von Tobi­as Elsä­ßer vor­stel­len, hier ver­ab­re­den sich eben­falls drei Jugend­li­che über ein Inter­net­fo­rum zum gemein­sa­men Sui­zid. Ein Jun­ge und ein Mäd­chen, die gemein­sam ster­ben wol­len und sich im Inter­net ken­nen­ler­nen, das erlebst du außer­dem (sehr lesens­wert) in “Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga. Ein Thril­ler für Erwach­se­ne über die “Blue Wha­le Chal­len­ges” ist “Ein Spiel für Gewin­ner” von Nadi­ne D’A­rach­art und Sarah Wed­ler. Das “Davor” und “Jetzt” fin­dest du eben­falls in dem fes­seln­den “Jetzt ist alles, was wir haben” von Amy Giles. Dich inter­es­sie­ren mehr Roma­ne über das The­ma Sui­zid? Dann stö­be­re hier. Beson­de­re Chal­len­ges fin­dest du zudem in “Panic: Wer Angst hat, ist raus!”, “Ner­ve: Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen” von Jean­ne Ryan, “Got­cha!” von Shel­ley Hrd­litsch­ka und “But­ter” von Erin Jade Lan­ge (hef­tig).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0746-2
Erscheinungsdatum: 8.Oktober 2020
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 360
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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