Carlie Sorosiak — Mein wildes blaues Wunder

Carlie Sorosiak - Mein wildes blaues Wunder9.Juli 2018

Mit einem bild­hüb­schen Cover war­tet “Mein wil­des blau­es Wun­der” von der ame­ri­ka­ni­schen Auto­rin Car­lie Soro­siak auf, der zwei­te Roman von ihr, der ins Deut­sche über­setzt wur­de. Die Geschich­te einer Fami­lie, eines Ver­lusts, eines Som­mers und eines Neu­an­fangs durch die Lie­be. Berüh­rend und sen­si­bel erzählt. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

(Der fik­ti­ve Ort) Win­ship. Im Bun­des­staat Mai­ne. Hier lebt die 17-jäh­ri­ge Quinn mit ihren Eltern, ihrer Grand­ma und ihren Geschwis­tern Fern und Reed. “Das hier war mein siche­rer Hafen. Der Som­mer. Zusam­men mit mei­nen Geschwis­tern zwi­schen den Bäu­men zu ste­hen. Wir lagen nur jeweils andert­halb Jah­re aus­ein­an­der, was uns fast zu so etwas wie Dril­lin­gen mach­te. Als wir in der Grund­schu­le Selbst­por­träts malen soll­ten, mal­ten wir uns unab­hän­gig von­ein­an­der alle drei Hand in Hand.” (Zitat S.20ff) Fern ist die Tän­ze­rin, die es liebt sich an Regeln zu hal­ten und alles genau berech­net. Reed ist der küh­le Kopf, der eine Ruhe aus­strahlt, die sogar wil­de Tie­re anzieht, ihm zu ver­trau­en. Quinn hin­ge­gen ist eine her­vor­ra­gen­de Schwim­me­rin und inter­es­siert sich für Mee­res­bio­lo­gie. Die drei Geschwis­ter leben auf “The Hund­reds” — so nennt sich das Som­mer­fe­ri­en­la­ger, das ihre Fami­lie betreibt und auf dem sie auch woh­nen: “Im Mond­licht, mit der fri­schen Schnee­de­cke ist es fast schon auf­dring­lich schön. Klei­ne rus­ti­ka­le Holz­hüt­ten. Eine Wie­se voll schla­fen­der Wild­blu­men. Ein hun­dert Mor­gen gro­ßes Wäld­chen aus Bir­ken, Eschen und Ahorn­bäu­men, die nachts mit­ein­an­der wis­pern und tuCarlie Sorosiak - Mein wildes blaues Wunderscheln. Ganz egal, wie grün es hier im Juni auch ist, am schöns­ten ist The Hund­reds im Herbst und im Win­ter. Ein­sam, ja, aber auch still und glatt — wie die lan­gen, gleich­mä­ßi­gen Pin­sel­stri­che auf einem Land­schafts­ge­mäl­de.” (Zitat S.12) Jeden Som­mer kom­men wochen­lang Hun­der­te von Men­schen in ihr Lager, die sie gemein­sam mit einem abwechs­lungs­rei­chen Pro­gramm unter­hal­ten. Auch Dylan, mit dem Quinn zusam­men auf­ge­wach­sen ist, ist stets mit von der Par­tie. Doch im letz­ten Som­mer ist etwas gesche­hen. Etwas, wodurch die Bin­dung der Geschwis­ter unwei­ger­lich zer­stört wur­de. Wes­we­gen Dylan jetzt nicht mehr da ist. “Letz­tes Jahr wäre Fern aus den Federn gehüpft, hät­te […] ihre Hand­schu­he über­ge­streift und sich mit uns ins Aben­teu­er gestürzt. Sie wäre auf Zehen­spit­zen durch den Flur geschli­chen, hät­te bei unse­rem Bru­der Reed ange­klopft und wir hät­ten uns zu dritt durch die Ein­gangs­hal­le nach drau­ßen in den die­sig wei­ßen Gar­ten gestoh­len. Aber mitt­ler­wei­le pas­siert so was nicht mehr. Jetzt läuft es so: Fern schießt mit dolch­schar­fen Bli­cken um sich, Reed bringt die Erde zum Beben, wo immer er auch hin­stapft. und ich… Na ja, ich den­ke, es ist nicht über­trie­ben zu sagen, dass es kei­nem von uns gut geht.” (Zitat S.7ff) Denn Dylan ist tot. Und Quinn gibt sich die Schuld dar­an. Erst als in der Nach­bar­schaft der geheim­nis­vol­le Alex­an­der mit sei­ner Groß­mut­ter ein­zieht und sie die­sem lang­sam näher kommt, fängt sie an sich mit ihrer Ver­gan­gen­heit aus­ein­an­der­zu­set­zen…

Carlie Sorosiak - Mein wildes blaues WunderMein wil­des blau­es Wun­der” ist ein ruhig erzähl­ter und sanft cho­reo­gra­fier­ter Roman. Er stellt vor allem eine länd­li­che Klein­stadt­idyl­le in den Vor­der­grund, eine hei­me­li­ge Atmo­sphä­re, in der noch an See­unge­heu­er und die Magie der Natur geglaubt wird und in der vor allem das Fami­li­en­zu­sam­men­le­ben eine gro­ße Rol­le spielt. Eine Fami­lie, die — wie in Quinns Fall — nicht mehr so ist, wie sie es ein­mal war. In der aber trotz­dem ver­sucht wird, wei­ter­zu­ma­chen. Da for­dert die Groß­mut­ter (tol­ler Cha­rak­ter!) die Spröss­lin­ge samt Eltern schon mal auf, im Win­ter­wald stun­den­lang nach einem geeig­net Weih­nachts­baum zu suchen, der dann mit der Axt eigen­hän­dig gefällt wird. Da unter­stützt die bes­te Freun­din die mit der Trau­er über­for­der­te Prot­ago­nis­tin dabei ein altes Boot zu restau­rie­ren, um wie­der etwas gut­zu­ma­chen: “Ich habe so viel kaputt gemacht. An man­chen Tagen fühlt es sich an, als hät­te ich die Welt mei­ner Fami­lie in win­zig klei­ne Fet­zen geris­sen und zuge­las­sen, dass der Wind sie Tau­sen­de Kilo­me­ter in alle Rich­tun­gen davon­trägt. Aber was… was, wenn es mir gelingt, zumin­dest ein paar von die­sen Fet­zen wie­der zurück­zu­ho­len? Was, wenn ich es schaf­fe, etwas zu repa­rie­ren und eini­ge Frag­men­te die­ser Welt wie­der zusam­men­zu­set­zen?” (Zitat S.41) Der Wunsch nach Abbit­te ist groß, das täg­li­che, ableh­nen­de Ver­hal­ten der Geschwis­ter scherz­voll, das Gefühl “ein Mons­ter” zu sein noch viel schmerz­vol­ler. Was ist pas­siert im letz­ten Som­mer? War­um ist Dylan gestor­ben und was hat Quinn damit zu tun? Die­se Fra­gen zie­hen sich wie ein roter Faden durch den Roman, der in einer teils ein­fa­chen, dann aber wie­der schön poe­tisch kraft­vol­len Carlie Sorosiak - Mein wildes blaues WunderSpra­che geschrie­ben ist: All die Wor­te, die ich zu ihr sagen soll­te, stei­gen flat­ternd in mei­ner Keh­le auf und stür­zen sich dann im Sturz­flug zurück nach unten. Es tut mir leid. Das ist alles mei­ne Schuld. Ver­zeih mir. Aber habe ich das alles nicht schon eine Zil­li­on Mal gesagt? Sie weiß, dass ich mich eben­falls wie zer­knüll­tes Krepp­pa­pier füh­le.” (Zitat S.26) Denn sowohl Quinn hat­te eine ganz beson­de­re Ver­bin­dung zu Dylan, als auch ihre Geschwis­ter. Dem wird in einem sehr facet­ten­rei­chen und inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung nach­ge­gan­gen. Denn “Mein wil­des blau­es Wun­der” ver­zeich­net zwei gro­ße Erzähl­strän­ge. Einen in der Gegen­wart, die zeit­lich gese­hen im Herbst beginnt und bis in den Win­ter hin­ein­reicht und mit den jewei­li­gen Monats­an­ga­ben vor jeder Kapi­tel­über­schrift ver­se­hen ist. Und einen in der Ver­gan­gen­heit, der jenen Som­mer beschreibt, der unauf­halt­sam auf das Ereig­nis zusteu­ert, das alles ver­än­der­te. Dar­in ein­ge­floch­ten eine sehr sehr zar­te Lie­bes­ge­schich­te. Das Ende: pas­send und berüh­rend.

Fazit: Ein beson­de­res Buch mit Tief­gang und einem ruhi­ge­ren Erzähl­tem­po, das Cha­rak­te­re leben­dig und authen­tisch wer­den lässt.

Wenn dir “Mein wil­des blau­es Wun­der” gefal­len hat, dann kannst du noch das ers­te Buch von Car­lie Soro­siak lesenLesealternativen: “If birds fly back: Über die Lie­be unter Berück­sich­ti­gung all­ge­mei­ner Gesetz­mä­ßig­kei­ten”. Zwei gute Alter­na­ti­ve hin­sicht­lich zar­ter Lie­bes­ge­schich­te und Aus­ein­an­der­set­zung mit Trau­er sind “Das tie­fe Blau der Wor­te” von Cath Crow­ley und “Mein Herz in allen Ein­zel­tei­len” von Julie Bux­baum (bei­des Neu­erschei­nun­gen aus die­sem Früh­jahr). Roma­ne, in denen ein Feri­en­camp eine gro­ße Rol­le spielt, sind zum Bei­spiel “Unse­re fünf Som­mer” von Una LaMar­che, “Schmet­ter­lings­wo­chen” von Sarah Combs und “Der Isa­bell Fak­tor” von Gayle Frie­sen. Du magst Fami­li­en­ge­schich­ten? Dann wären viel­leicht “Es wird schon nicht das Ende der Welt sein” von Ali Lewis oder “Viel­leicht sogar wir alle” von Marie-Aude Murail etwas für dich. Her­aus­zu­fin­den, was letz­ten Som­mer gesche­hen ist, das muss die Prot­ago­nis­tin in dem her­aus­ra­gend erzähl­ten “Solan­ge wir lügen” von E.Lockhart.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60352-0
Erscheinungsdatum: 29.Juni 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€ 
Seitenzahl: 360 
Übersetzer: Ulrike Köbele
Originaltitel: "Wild blue wonder" 
Originalverlag: Harper Teen

Amerikanisches Originalcover:
Carlie Sorosiak - Mein wildes blaues Wunder






Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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