Mit einem bildhübschen Cover wartet “Mein wildes blaues Wunder” von der amerikanischen Autorin Carlie Sorosiak auf, der zweite Roman von ihr, der ins Deutsche übersetzt wurde. Die Geschichte einer Familie, eines Verlusts, eines Sommers und eines Neuanfangs durch die Liebe. Berührend und sensibel erzählt. Für Jugendliche ab 12 Jahren und interessierte Erwachsene.
(Der fiktive Ort) Winship. Im Bundesstaat Maine. Hier lebt die 17-jährige Quinn mit ihren Eltern, ihrer Grandma und ihren Geschwistern Fern und Reed. “Das hier war mein sicherer Hafen. Der Sommer. Zusammen mit meinen Geschwistern zwischen den Bäumen zu stehen. Wir lagen nur jeweils anderthalb Jahre auseinander, was uns fast zu so etwas wie Drillingen machte. Als wir in der Grundschule Selbstporträts malen sollten, malten wir uns unabhängig voneinander alle drei Hand in Hand.” (Zitat S.20ff) Fern ist die Tänzerin, die es liebt sich an Regeln zu halten und alles genau berechnet. Reed ist der kühle Kopf, der eine Ruhe ausstrahlt, die sogar wilde Tiere anzieht, ihm zu vertrauen. Quinn hingegen ist eine hervorragende Schwimmerin und interessiert sich für Meeresbiologie. Die drei Geschwister leben auf “The Hundreds” — so nennt sich das Sommerferienlager, das ihre Familie betreibt und auf dem sie auch wohnen: “Im Mondlicht, mit der frischen Schneedecke ist es fast schon aufdringlich schön. Kleine rustikale Holzhütten. Eine Wiese voll schlafender Wildblumen. Ein hundert Morgen großes Wäldchen aus Birken, Eschen und Ahornbäumen, die nachts miteinander wispern und tu
scheln. Ganz egal, wie grün es hier im Juni auch ist, am schönsten ist The Hundreds im Herbst und im Winter. Einsam, ja, aber auch still und glatt — wie die langen, gleichmäßigen Pinselstriche auf einem Landschaftsgemälde.” (Zitat S.12) Jeden Sommer kommen wochenlang Hunderte von Menschen in ihr Lager, die sie gemeinsam mit einem abwechslungsreichen Programm unterhalten. Auch Dylan, mit dem Quinn zusammen aufgewachsen ist, ist stets mit von der Partie. Doch im letzten Sommer ist etwas geschehen. Etwas, wodurch die Bindung der Geschwister unweigerlich zerstört wurde. Weswegen Dylan jetzt nicht mehr da ist. “Letztes Jahr wäre Fern aus den Federn gehüpft, hätte […] ihre Handschuhe übergestreift und sich mit uns ins Abenteuer gestürzt. Sie wäre auf Zehenspitzen durch den Flur geschlichen, hätte bei unserem Bruder Reed angeklopft und wir hätten uns zu dritt durch die Eingangshalle nach draußen in den diesig weißen Garten gestohlen. Aber mittlerweile passiert so was nicht mehr. Jetzt läuft es so: Fern schießt mit dolchscharfen Blicken um sich, Reed bringt die Erde zum Beben, wo immer er auch hinstapft. und ich… Na ja, ich denke, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es keinem von uns gut geht.” (Zitat S.7ff) Denn Dylan ist tot. Und Quinn gibt sich die Schuld daran. Erst als in der Nachbarschaft der geheimnisvolle Alexander mit seiner Großmutter einzieht und sie diesem langsam näher kommt, fängt sie an sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen…
“Mein wildes blaues Wunder” ist ein ruhig erzählter und sanft choreografierter Roman. Er stellt vor allem eine ländliche Kleinstadtidylle in den Vordergrund, eine heimelige Atmosphäre, in der noch an Seeungeheuer und die Magie der Natur geglaubt wird und in der vor allem das Familienzusammenleben eine große Rolle spielt. Eine Familie, die — wie in Quinns Fall — nicht mehr so ist, wie sie es einmal war. In der aber trotzdem versucht wird, weiterzumachen. Da fordert die Großmutter (toller Charakter!) die Sprösslinge samt Eltern schon mal auf, im Winterwald stundenlang nach einem geeignet Weihnachtsbaum zu suchen, der dann mit der Axt eigenhändig gefällt wird. Da unterstützt die beste Freundin die mit der Trauer überforderte Protagonistin dabei ein altes Boot zu restaurieren, um wieder etwas gutzumachen: “Ich habe so viel kaputt gemacht. An manchen Tagen fühlt es sich an, als hätte ich die Welt meiner Familie in winzig kleine Fetzen gerissen und zugelassen, dass der Wind sie Tausende Kilometer in alle Richtungen davonträgt. Aber was… was, wenn es mir gelingt, zumindest ein paar von diesen Fetzen wieder zurückzuholen? Was, wenn ich es schaffe, etwas zu reparieren und einige Fragmente dieser Welt wieder zusammenzusetzen?” (Zitat S.41) Der Wunsch nach Abbitte ist groß, das tägliche, ablehnende Verhalten der Geschwister scherzvoll, das Gefühl “ein Monster” zu sein noch viel schmerzvoller. Was ist passiert im letzten Sommer? Warum ist Dylan gestorben und was hat Quinn damit zu tun? Diese Fragen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, der in einer teils einfachen, dann aber wieder schön poetisch kraftvollen
Sprache geschrieben ist: “All die Worte, die ich zu ihr sagen sollte, steigen flatternd in meiner Kehle auf und stürzen sich dann im Sturzflug zurück nach unten. Es tut mir leid. Das ist alles meine Schuld. Verzeih mir. Aber habe ich das alles nicht schon eine Zillion Mal gesagt? Sie weiß, dass ich mich ebenfalls wie zerknülltes Krepppapier fühle.” (Zitat S.26) Denn sowohl Quinn hatte eine ganz besondere Verbindung zu Dylan, als auch ihre Geschwister. Dem wird in einem sehr facettenreichen und intensiven Auseinandersetzung nachgegangen. Denn “Mein wildes blaues Wunder” verzeichnet zwei große Erzählstränge. Einen in der Gegenwart, die zeitlich gesehen im Herbst beginnt und bis in den Winter hineinreicht und mit den jeweiligen Monatsangaben vor jeder Kapitelüberschrift versehen ist. Und einen in der Vergangenheit, der jenen Sommer beschreibt, der unaufhaltsam auf das Ereignis zusteuert, das alles veränderte. Darin eingeflochten eine sehr sehr zarte Liebesgeschichte. Das Ende: passend und berührend.
Fazit: Ein besonderes Buch mit Tiefgang und einem ruhigeren Erzähltempo, das Charaktere lebendig und authentisch werden lässt.
Wenn dir “Mein wildes blaues Wunder” gefallen hat, dann kannst du noch das erste Buch von Carlie Sorosiak lesen
: “If birds fly back: Über die Liebe unter Berücksichtigung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten”. Zwei gute Alternative hinsichtlich zarter Liebesgeschichte und Auseinandersetzung mit Trauer sind “Das tiefe Blau der Worte” von Cath Crowley und “Mein Herz in allen Einzelteilen” von Julie Buxbaum (beides Neuerscheinungen aus diesem Frühjahr). Romane, in denen ein Feriencamp eine große Rolle spielt, sind zum Beispiel “Unsere fünf Sommer” von Una LaMarche, “Schmetterlingswochen” von Sarah Combs und “Der Isabell Faktor” von Gayle Friesen. Du magst Familiengeschichten? Dann wären vielleicht “Es wird schon nicht das Ende der Welt sein” von Ali Lewis oder “Vielleicht sogar wir alle” von Marie-Aude Murail etwas für dich. Herauszufinden, was letzten Sommer geschehen ist, das muss die Protagonistin in dem herausragend erzählten “Solange wir lügen” von E.Lockhart.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arena ISBN: 978-3-401-60352-0 Erscheinungsdatum: 29.Juni 2018 Einbandart: Hardcover Preis: 17,00€ Seitenzahl: 360 Übersetzer: Ulrike Köbele Originaltitel: "Wild blue wonder" Originalverlag: Harper Teen Amerikanisches Originalcover:
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Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60352-0
Erscheinungsdatum: 29.Juni 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 360
Übersetzer: Ulrike Köbele
Originaltitel: "Wild blue wonder"
Originalverlag: Harper Teen
Amerikanisches Originalcover: