“Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht” ist das erste Buch der amerikanischen Autorin Camryn Garrett, das ins Deutsche übersetzt wurde (übrigens von Isabel Abedi). Eine Autorin, die als Jugendliche selbst journalistisch tätig war, setzt ein Mädchen in den Mittelpunkt, das einen Zeitschriftenwettbewerb gewinnt und die Pressereise eines neuen Films begleiten darf, um ein Porträt über einen der Filmstars zu schreiben. Dabei stößt sie auf Fälle von sexueller Belästigung und muss entscheiden, ob sie schweigen oder den Mut haben wird, ihre Worte zu nutzen und die Wahrheit zu sagen. Ein #metoo-Roman, der hochbrisant, manchmal ein bisschen überfrachtet, aber doch sehr unterhaltsam, bewegend und wichtig ist. Für Jugendliche ab 14 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die 17-jährige Josie hat an einem Talentwettbewerb der Zeitschrift Deep Focus teilgenommen. “Seit über vierzig Jahren ist Deep Focus das schlagende Herz populärer Kultur. Alle, die irgendwie berühmt sind, waren schon mal auf dem Titelblatt.” (Zitat aus “Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht” S.36). Wenn sie gewinnen sollte, darf sie die Titelstory verfassen! Josie, die selbst Schwarz ist, hat einen Artikel über
Rassismus geschrieben. Veröffentlicht öfters Artikel für Zeitschriften oder Websites. “Schreiben war schon immer meine größte Leidenschaft, aber die Tatsache, dass ich für meine Artikel bezahlt werde, erhöht den Spaß enorm. Ich muss niemanden anbetteln, mir heimlich einen Milchshake zu kaufen, sondern kann mir selbst einen gönnen. Ich versuche es ja, ich versuche es wirklich, aber diese Diät, mit der Mom mich ständig unter Druck setzt, funktioniert einfach nicht.” (Zitat S.21) Ihre Eltern halten sie für etwas schräg und neben ihren zwei schlanken Schwestern fühlt sich Josie mit ihrer kräftigen Figur nicht immer wohl am Platz. Auch leidet sie unter einer Angststörung und ist in Therapie. “…du gehst nie aus”, entgegnet Dad. “Du gehst nicht auf Schulbälle oder in Clubs. Du bringst nie irgendwen mit nach Hause. Wir wollen dich nicht in die Enge treiben — aber vielleicht sollten wir dieses Thema wirklich mal bei Laura besprechen.” (Zitat S.20) Doch nun gewinnt Josie tatsächlich den Talent
wettbewerb und darf für zwei Wochen die Crew und den Cast für den Film “Incident on 57th Street” auf Pressetour begleiten. Mit dabei ist Marius Canet, ein Newcomer und begnadeter Schauspieler, den sie immer wieder interviewen darf, um letztendlich ein Porträt über ihn zu schreiben. “Ich glaube, ich habe noch nie einen Schauspieler in diesem Alter gesehen, der so ausdrucksvoll spielt und der Dinge ausspricht, ohne dabei den Mund zu öffnen.” (Zitat S.58) Unerwartet kommt Josie Marius dabei näher. Und dann erfährt sie plötzlich noch etwas. Der Regisseur, mit dem Marius in Kürze ein neues Projekt starten wird, soll einige Frauen sexuell belästigt haben. Niemand spricht darüber, obwohl zahlreiche Menschen Bescheid wissen. Bis Josie anfängt sich der Sache anzunehmen. Doch ist sie wirklich mutig genug, um diese Geschichten zu erzählen und zu veröffentlichen?
Das Cover von “Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht” ist sehr schön inszeniert und passend gestaltet. Erzählt wird der Roman durchgehend aus Josies Sicht in der Ich-Perspektive. Ihre Kapitel werden von kurzen Twitter-Zitaten von ihr selbst eingeleitet. Man kommt schnell in die Geschichte hinein, begegnet einem Mädchen, das einen großen Traum hat, aber auch voller Sorgen ist: “Laut meinen Schwestern mache ich mir über alles Sorgen, sogar über unnötige, insbesondere aber über die wirklichen wichtigen Dinge.” (Zitat S.8) Ständig ist ein “Sorgenkarrussell” in ihrem Kopf. Dennoch kämpft Josie für ihren Traum Journalistin zu werden. Erhält von Fremden Anerkennung, die sie in ihrem Umfeld nicht wirklich wahrnehmen. In der Schule hat sie niemandem, mit dem sie über ihr Schreiben sprechen kann. “…ich hab das Schreiben im Blut. Ich bin gut darin. Ich weiß es, seit Monique die ersten Essays auf meinem Blog
gelesen hat und mich per E‑Mail bat, Filmkritiken für das Essence-Magazin zu schreiben. Ich weiß es, seit ich ihr mein Alter verraten habe und sie komplett ausgeflippt ist. […] “In deinen Worten steckt eine Kraft, die viel bewegen kann”, legt Monique nach.” (Zitat S.25) Dass Josie viel bewegen zu vermag, diese Ahnung zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Dass sie am Ende mutig sein und sich Wahrheiten stellen muss, um gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Das Mädchen wirkt sehr sympathisch, allerdings wurde ihr Charakter fast ein wenig überstrapaziert an Außergewöhnlichkeiten. Bisexuell und schwarz und übergewichtig und unter Panikattacken leidend und sozial eher eine Einzelgängerin, das ist fast ein wenig too much. Dazu noch Themen wie Rassismus, sexueller Missbrauch und Homosexualität (“Der Film handelt von einem schwulen Jungen, der in ein Konvertierungscamp geschickt wird, und von dem nachhaltigen Einfluss, den dieser Horrortrip bei ihm und seiner Familie auslöst.” (Zitat S.56)). Etw
as weniger wäre da fast mehr gewesen, zumal der Fokus definitiv auf der #metoo-Thematik liegt. Dennoch ist “Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht” insgesamt sehr angenehm und flüssig zu lesen. Ist eine Mischung aus Liebesgeschichte, Selbstfindung und Entwicklungsgeschichte und der einer ernsten und wichtigen Thematik. Das Ende wird noch einmal richtig dramatisch und ist zum Teil auch etwas offen, da hätte ich mir noch ein paar mehr Infos gewünscht.
Erzählerisch passende Alternativen zu “Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht” sind zum Beispiel “Meat Market: Schöner Schein” von Juno Dawson und “Not your girl” von Annette Mierswa, beide thematisieren Missbrauch in der Modewelt. der aufgedeckt wird. Zwei etwas ältere Bücher sind “Kurzer Rock” von Christina Wahld
én und “Eigentlich ist gar nichts passiert” von Norma Mazer. Andere Beiträge zur #Metoo-Debatte sind “#Fingerweg” und “Ich will das nicht!” von Susanne Fülscher. Oder lies den Kurzgeschichtenband “Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht” von Lina Muzur. Heftig, aber sehr bewegend ist zudem “Du wolltest es doch” von Louise O’Neill. Auf einer Party vergewaltigt worden zu sein, das behandeln folgende zwei Romane: “Almost” von Anne Eliot (sehr bewegend) und “Sprich” von Laurie Halse Anderson. Oder lies “Entscheide dich!” von Annika Thor, in welchem es zu einem Übergriff mehrerer Personen auf ein Mädchen kommt. Oder stöbere in dieser Kategorie nach noch anderen Büchern über das Thema Missbrauch. Worte, die Macht haben? Diese Thematik kannst du in diesen Büchern entdecken: “Wenn Worte meine Waffe wären” von Kristina Aamand, in “Project Jane: Ein Wort verändert die Welt” von Lynette Noni und in “Wunderworte” von Abby Cooper.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arena ISBN: 978-3-401-60645-3 Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2021 Einbandart: Broschur Preis: 15,00€ Seitenzahl: 416 Übersetzer: Isabel Abedi Originaltitel: "Off the record" Originalverlag: Knopf Books for Young Readers Amerikanisches Originalcover:
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------------------------------------------------ Amerikanisches Cover: Homepage von Camryn Garret

Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60645-3
Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 416
Übersetzer: Isabel Abedi
Originaltitel: "Off the record"
Originalverlag: Knopf Books for Young Readers
Amerikanisches Originalcover:
