Camryn Garrett — Off the record: Unsere Worte sind unsere Macht

Kasimira26.Dezember 2021

Off the record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” ist das ers­te Buch der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Cam­ryn Gar­rett, das ins Deut­sche über­setzt wur­de (übri­gens von Isa­bel Abe­di). Eine Autorin, die als Jugend­li­che selbst jour­na­lis­tisch tätig war, setzt ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt, das einen Zeit­schrif­ten­wett­be­werb gewinnt und die Pres­se­rei­se eines neu­en Films beglei­ten darf, um ein Por­trät über einen der Film­stars zu schrei­ben. Dabei stößt sie auf Fäl­le von sexu­el­ler Beläs­ti­gung und muss ent­schei­den, ob sie schwei­gen oder den Mut haben wird, ihre Wor­te zu nut­zen und die Wahr­heit zu sagen. Ein #metoo-Roman, der hoch­bri­sant, manch­mal ein biss­chen über­frach­tet, aber doch sehr unter­halt­sam, bewe­gend und wich­tig ist. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 17-jäh­ri­ge Josie hat an einem Talent­wett­be­werb der Zeit­schrift Deep Focus teil­ge­nom­men. “Seit über vier­zig Jah­ren ist Deep Focus das schla­gen­de Herz popu­lä­rer Kul­tur. Alle, die irgend­wie berühmt sind, waren schon mal auf dem Titel­blatt.” (Zitat aus “Off the record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” S.36). Wenn sie gewin­nen soll­te, darf sie die Titel­sto­ry ver­fas­sen! Josie, die selbst Schwarz ist, hat einen Arti­kel überKasimira Ras­sis­mus geschrie­ben. Ver­öf­fent­licht öfters Arti­kel für Zeit­schrif­ten oder Web­sites. “Schrei­ben war schon immer mei­ne größ­te Lei­den­schaft, aber die Tat­sa­che, dass ich für mei­ne Arti­kel bezahlt wer­de, erhöht den Spaß enorm. Ich muss nie­man­den anbet­teln, mir heim­lich einen Milch­shake zu kau­fen, son­dern kann mir selbst einen gön­nen. Ich ver­su­che es ja, ich ver­su­che es wirk­lich, aber die­se Diät, mit der Mom mich stän­dig unter Druck setzt, funk­tio­niert ein­fach nicht.” (Zitat S.21) Ihre Eltern hal­ten sie für etwas schräg und neben ihren zwei schlan­ken Schwes­tern fühlt sich Josie mit ihrer kräf­ti­gen Figur nicht immer wohl am Platz. Auch lei­det sie unter einer Angst­stö­rung und ist in The­ra­pie. “…du gehst nie aus”, ent­geg­net Dad. “Du gehst nicht auf Schul­bäl­le oder in Clubs. Du bringst nie irgend­wen mit nach Hau­se. Wir wol­len dich nicht in die Enge trei­ben — aber viel­leicht soll­ten wir die­ses The­ma wirk­lich mal bei Lau­ra bespre­chen.” (Zitat S.20) Doch nun gewinnt Josie tat­säch­lich den TalentKasimirawett­be­werb und darf für zwei Wochen die Crew und den Cast für den Film “Inci­dent on 57th Street” auf Pres­se­tour beglei­ten. Mit dabei ist Mari­us Canet, ein New­co­mer und begna­de­ter Schau­spie­ler, den sie immer wie­der inter­view­en darf, um letzt­end­lich ein Por­trät über ihn zu schrei­ben. “Ich glau­be, ich habe noch nie einen Schau­spie­ler in die­sem Alter gese­hen, der so aus­drucks­voll spielt und der Din­ge aus­spricht, ohne dabei den Mund zu öff­nen.” (Zitat S.58) Uner­war­tet kommt Josie Mari­us dabei näher. Und dann erfährt sie plötz­lich noch etwas. Der Regis­seur, mit dem Mari­us in Kür­ze ein neu­es Pro­jekt star­ten wird, soll eini­ge Frau­en sexu­ell beläs­tigt haben. Nie­mand spricht dar­über, obwohl zahl­rei­che Men­schen Bescheid wis­sen. Bis Josie anfängt sich der Sache anzu­neh­men. Doch ist sie wirk­lich mutig genug, um die­se Geschich­ten zu erzäh­len und zu veröffentlichen?

KasimiraDas Cover von “Off the record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” ist sehr schön insze­niert und pas­send gestal­tet. Erzählt wird der Roman durch­ge­hend aus Josies Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Ihre Kapi­tel wer­den von kur­zen Twit­ter-Zita­ten von ihr selbst ein­ge­lei­tet. Man kommt schnell in die Geschich­te hin­ein, begeg­net einem Mäd­chen, das einen gro­ßen Traum hat, aber auch vol­ler Sor­gen ist: “Laut mei­nen Schwes­tern mache ich mir über alles Sor­gen, sogar über unnö­ti­ge, ins­be­son­de­re aber über die wirk­li­chen wich­ti­gen Din­ge.” (Zitat S.8) Stän­dig ist ein “Sor­gen­kar­rus­sell” in ihrem Kopf. Den­noch kämpft Josie für ihren Traum Jour­na­lis­tin zu wer­den. Erhält von Frem­den Aner­ken­nung, die sie in ihrem Umfeld nicht wirk­lich wahr­neh­men. In der Schu­le hat sie nie­man­dem, mit dem sie über ihr Schrei­ben spre­chen kann. “…ich hab das Schrei­ben im Blut. Ich bin gut dar­in. Ich weiß es, seit Moni­que die ers­ten Essays auf mei­nem Blog Kasimiragele­sen hat und mich per E‑Mail bat, Film­kri­ti­ken für das Essence-Maga­zin zu schrei­ben. Ich weiß es, seit ich ihr mein Alter ver­ra­ten habe und sie kom­plett aus­ge­flippt ist. […] “In dei­nen Wor­ten steckt eine Kraft, die viel bewe­gen kann”, legt Moni­que nach.” (Zitat S.25) Dass Josie viel bewe­gen zu ver­mag, die­se Ahnung zieht sich wie ein roter Faden durch den gesam­ten Roman. Dass sie am Ende mutig sein und sich Wahr­hei­ten stel­len muss, um gegen Unge­rech­tig­keit anzu­kämp­fen. Das Mäd­chen wirkt sehr sym­pa­thisch, aller­dings wur­de ihr Cha­rak­ter fast ein wenig über­stra­pa­ziert an Außer­ge­wöhn­lich­kei­ten. Bise­xu­ell und schwarz und über­ge­wich­tig und unter Panik­at­ta­cken lei­dend und sozi­al eher eine Ein­zel­gän­ge­rin, das ist fast ein wenig too much. Dazu noch The­men wie Ras­sis­mus, sexu­el­ler Miss­brauch und Homo­se­xua­li­tät (“Der Film han­delt von einem schwu­len Jun­gen, der in ein Kon­ver­tie­rungs­camp geschickt wird, und von dem nach­hal­ti­gen Ein­fluss, den die­ser Hor­ror­trip bei ihm und sei­ner Fami­lie aus­löst.” (Zitat S.56)). EtwKasimiraas weni­ger wäre da fast mehr gewe­sen, zumal der Fokus defi­ni­tiv auf der #metoo-The­ma­tik liegt. Den­noch ist “Off the record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” ins­ge­samt sehr ange­nehm und flüs­sig zu lesen. Ist eine Mischung aus Lie­bes­ge­schich­te, Selbst­fin­dung und Ent­wick­lungs­ge­schich­te und der einer erns­ten und wich­ti­gen The­ma­tik. Das Ende wird noch ein­mal rich­tig dra­ma­tisch und ist zum Teil auch etwas offen, da hät­te ich mir noch ein paar mehr Infos gewünscht.

Erzäh­le­risch pas­sen­de Alter­na­ti­ven zu “Off the record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht” sind zum Bei­spiel Meat Mar­ket: Schö­ner Schein” von Juno Daw­son und “Not your girl” von Annet­te Miers­wa, bei­de the­ma­ti­sie­ren Miss­brauch in der Mode­welt. der auf­ge­deckt wird. Zwei etwas älte­re Bücher sind “Kur­zer Rock” von Chris­ti­na WahldLesealternativenén und “Eigent­lich ist gar nichts pas­siert” von Nor­ma Mazer. Ande­re Bei­trä­ge zur #Metoo-Debat­te sind “#Fing­er­weg und “Ich will das nicht!” von Susan­ne Fül­scher. Oder lies den Kurz­ge­schich­ten­band “Sag­te sie. 17 Erzäh­lun­gen über Sex und Macht” von Lina Muzur. Hef­tig, aber sehr bewe­gend ist zudem “Du woll­test es doch” von Loui­se O’Neill. Auf einer Par­ty ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein, das behan­deln fol­gen­de zwei Roma­ne: “Almost” von Anne Eli­ot (sehr bewe­gend) und “Sprich” von Lau­rie Hal­se Ander­son. Oder lies “Ent­schei­de dich!” von Anni­ka Thor, in wel­chem es zu einem Über­griff meh­re­rer Per­so­nen auf ein Mäd­chen kommt. Oder stö­be­re in die­ser Kate­go­rie nach noch ande­ren Büchern über das The­ma Miss­brauch. Wor­te, die Macht haben? Die­se The­ma­tik kannst du in die­sen Büchern ent­de­cken: “Wenn Wor­te mei­ne Waf­fe wären” von Kris­ti­na Aamand, in “Pro­ject Jane: Ein Wort ver­än­dert die Welt” von Lynet­te Noni und in “Wun­der­wor­te” von Abby Coo­per.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60645-3
Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 416
Übersetzer: Isabel Abedi
Originaltitel: "Off the record"
Originalverlag: Knopf Books for Young Readers

Amerikanisches Originalcover: 
Kasimira





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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Camryn Garret

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