Camryn Garrett — Friday I’m in Love

20.Mai 2024

“Fri­day I’m in Love” ist der neu­es­te Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Cam­ryn Gar­rett (über­setzt von Isa­bel Abe­di). Eine Par­ty, die ein Leben ver­än­dert? Dar­auf hofft die Schwar­ze Prot­ago­nis­tin Maha­lia, die ihre Que­er­ness mit einer Par­ty fei­ern möch­te. Denn abge­se­hen von ihrer bes­ten Freun­din weiß nie­mand über ihr Coming-out Bescheid, vor allem ihre Mut­ter nicht. Doch Maha­lia ist von Geld­nö­ten geplagt, muss jeden Cent zusam­men­krat­zen, um die Par­ty ihrer Träu­me über­haupt fei­ern zu kön­nen. Dann ver­liebt sie sich auch noch in ihre neue Mit­schü­le­rin, strei­tet sich mit ihrer bes­ten Freun­din und ihre Mut­ter wird krank. Alles scheint drun­ter und drü­ber zu gehen. Wird sie ihre Par­ty trotz­dem fei­ern kön­nen? Eine locker-leicht zu lesen­de, sehr unter­halt­sa­me LGBTQIA+ Romance mit einer sym­pa­thi­schen Prot­ago­nis­tin, in der auch erns­te The­men wie Ras­sis­mus, Geld­sor­gen und das emo­tio­na­le Auf und Ab einer ers­ten Lie­be eine Rol­le spie­len. Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

South Caro­li­na. Die 16-jäh­ri­ge Maha­lia ist auf der Sweet-Six­teen-Par­ty ihrer bes­ten Freun­din Nao­mi ein­ge­la­den. Seit Maha­lia klein ist, hat sie sich solch eine Par­ty selbst gewünscht, aber auf­grund von Geld­nö­ten konn­te ihre Mut­ter ihr die­se lei­der nicht finan­zie­ren. “Rech­nun­gen müs­sen bezahlt wer­den, Maha­lia. Mie­te und Strom und Heiz­kos­ten und Essen, all die­se Rech­nun­gen. Oder hät­test du lie­ber dei­ne Par­ty und wür­dest dafür den Rest des Jah­res hun­gern?” (Zitat aus “Fri­day I’m in Love” S.10) Ihr Vater ist abge­hau­en und hat jetzt eine neue Fami­lie, “ver­gisst” zwi­schen­durch mal den Unter­halt zu zah­len. Maha­li­as Mut­ter arbei­tet in einem Pfle­ge­heim, um irgend­wie über die Run­den zu kom­men. Nao­mis Fami­lie hin­ge­gen ist ver­mö­gend. Für sie ist so eine Par­ty kein Pro­blem. Ein Licht­blick für Maha­lia ist an dem Abend zumin­dest die Bekannt­schaft mit einem Mäd­chen auf der Damen­toi­let­te, als sie ihr ver­lau­fe­nes Make-up erneu­ern will und die­se ihr hilft. “Ich weiß nicht mal, wie die­ses Mäd­chen heißt, aber sie ist mir so nah, und ich kann nicht auf­hö­ren sie anzu­schau­en. Sie drückt das Tuch gegen mei­ne Wan­ge und tupft sanft. Ich beob­ach­te, wie sich ihre dunk­len Augen­brau­en kon­zen­triert zusam­men­zie­hen. Ihre Berüh­rung ist warm. Jeder Teil mei­nes Kör­pers ist warm. “Da”, sagt sie und schmatzt aner­ken­nend mit den Lip­pen. “Per­fekt.” Das ist sie abso­lut. Und sie ist auch das Ein­zi­ge, an das ich den gan­zen rest­li­chen Abend den­ken kann.” (Zitat S.20) Bald stellt sich her­aus, dass sie Siob­han heißt und sogar neu in ihre Klas­se kommt! Maha­lia steht auf Mäd­chen. Doch das weiß eigent­lich nur Nao­mi. Ihrer Mut­ter oder ande­ren Mitschüler:innen hat sie nie davon erzählt. Als sie sich mit Nao­mi über ihr Coming-out unter­hält, hat sie plötz­lich eine Ein­ge­bung. Wie­so nicht doch eine Par­ty fei­ern, wenn schon kei­ne Sweet-Six­teen-Par­ty, dann zumin­dest eine Coming-out-Par­ty? “Ich stel­le mir mei­ne eige­ne Coming-out-Par­ty vor, auf der ich im Regen­bo­gen­kleid in den Ball­saal kom­me, wäh­rend irgend­wo eine Regen­bo­gen­kon­fet­ti­ka­no­ne los­geht und Tegan und Sara im Hin­ter­grund spie­len. Ich wür­de im Mit­tel­punkt ste­hen. Mei­ne Sexua­li­tät fei­ern, anstatt sie aufs Abstell­gleis zu ran­gie­ren, wo ich nur mit Nao­mi drü­ber reden kann.” (Zitat S.35ff) Sie müss­te auch nicht allen per­sön­lich davon erzäh­len oder einen Post auf Insta­gram ver­fas­sen, der dann sowie­so nicht kom­men­tiert wird. Eif­rig begin­nen Nao­mi und Maha­lia Plä­ne zu schmie­den und Letz­te­re beginnt flei­ßig zu spa­ren. Wird sie es schaf­fen die Par­ty ihrer Träu­me zu fei­ern? Und kann das etwas wer­den zwi­schen ihr und Siob­han? Die eigent­lich einen Freund hat? Es lie­gen eini­ge Hür­den auf Maha­li­as Weg…

Das far­ben­fro­he Cover macht ordent­lich was her und ist per­fekt gewählt! Der Titel, der aus dem Lied von The Cure stammt, was eben­falls ein­gangs zitiert wird und auch spä­ter eine Rol­le spielt, hat außer­dem — selbst beim Lesen — Ohr­wurm­po­ten­ti­al;-) Der Roman ist in meh­re­re Tei­le ein­ge­teilt, die mit Mona­ten gekenn­zeich­net wer­den und von April bis Juni gehen. Er wird durch­ge­hend aus der Ich-Per­spek­ti­ve von Maha­lia erzählt und zwi­schen­zeit­lich durch Ein­schü­be einer Play­list-Auf­lis­tung samt Kom­men­ta­ren ergänzt. Die Spra­che ist sehr ange­nehm und flüs­sig, teils mit etwas sar­kas­ti­schem Humor durch­zo­gen: “So eine Loca­ti­on kön­nen sich nur Nao­mis Eltern leis­ten. So eine Loca­ti­on hät­te ich mir für mei­ne nicht exis­ten­te Par­ty gewünscht. Aber das ist jetzt auch egal. Für mei­nen Sweet-Six­teen bin ich zu spät dran und so etwas wie ein Sweet-Seven­teen exis­tiert nicht. Die nächst­bes­te gro­ße Par­ty an mei­nem Hori­zont ist wohl am ehes­ten eine Hoch­zeit oder eine Beer­di­gung.” (Zitat S.12ff) “Fri­day I’m in Love” ist eine Melan­ge aus Sehn­süch­ten, Träu­men, Musik, ers­ter Lie­be und Que­er­ness. Manch­mal kon­zen­triert sich die Geschich­te sehr auf Details, wie eine Par­ty am bes­ten geplant wer­den kann, wel­ches Kleid anzu­zie­hen ist, wel­che Musik spie­len soll, oder was für eine Geschichts­pro­jekt in der Schu­le alles unter­nom­men wer­den muss. Den­noch ist “Fri­day I’m in Love” unter­halt­sam zu lesen, das liegt vor allem an der Prot­ago­nis­tin, die sich zuwei­len recht klu­ge Gedan­ken macht und auch die Leser:innen mit ihren Über­le­gun­gen zum Sin­nie­ren brin­gen könn­te: “Dass sich Men­schen die gay sind, outen müs­sen, kommt mir unge­recht vor. War­um soll­te hete­ro der Stan­dard sein?” Ich kann Nao­mi nicht mal übel­neh­men, dass sie mir das Wort abschnei­det. Ehr­lich gesagt, ist das auch eine mei­ner Lieb­lings­stel­len im Film. War­um soll­te hete­ro der Stan­dard sein? Ich hab mei­ner Mom nicht erzählt, dass ich Mäd­chen mag, und irgend­wie wün­sche ich mir, ich müss­te es nicht. Ich wün­sche mir, dass nie­mand mich ein­fach für hete­ro hält.” (Zitat S.34) Auch mit dem The­ma Ras­sis­mus setzt sich Maha­lia aus­ein­an­der, als bei­spiels­wei­se im Deutsch­un­ter­richt aus Huck­le­ber­ry Finn von Mark Twa­in laut vor­ge­le­sen wird und sich ihre Mitschüler:innen förm­lich dar­um rei­ßen, weil sie das N‑Wort aus­spre­chen dür­fen (auf die­ser Stel­le weist der Are­na-Ver­lag sinn­vol­ler­wei­se mit einer Trig­ger­war­nung zu Anfang des Buches bereits hin). “Ich bin nicht der Typ, der sich auf­regt, wenn Rap­per das N‑Wort in ihren Songs benut­zen oder wenn es im Fern­se­hen vor­kommt, aber das liegt nor­ma­ler­wei­se dar­an, dass es in die­sen Fäl­len Schwar­ze Men­schen sind. […] Aber die Tat­sa­che, dass mei­ne Mut­ter das Wort nie aus­spricht und ich gese­hen habe, dass Schwar­ze Stu­die­ren­de wie Nao­mis Bru­der Mar­cus Ärger krieg­ten, weil sie es taten, wäh­rend Mr Lewis ohne Ein­wand hin­nimmt, dass nicht-Schwar­ze Schüler:innen aus sei­ner Klas­se das Wort laut vor­le­sen? Dass er sie nicht mal aus­bremst, um mit uns dar­über zu spre­chen, war­um es dane­ben ist?” (Zitat S.54) Ein gro­ßer, bedeut­sa­mer Aspekt in “Fri­day I’m in Love” sind vor allem die Geld­sor­gen der Haupt­fi­gur. Dies ist in dem Roman sehr gut gelöst, da bei jedem Kapi­tel­be­ginn Maha­li­as aktu­el­ler Kon­to­stand ein­ge­blen­det wird, wel­che Aus­ga­ben sie hat und was ihr Spar­ziel ist. Wie teu­er der All­tag eines Mäd­chens ist, das für Ben­zin- und Han­dy­kos­ten selbst auf­kom­men muss, aber auch Par­tyu­ten­si­li­en kau­fen muss, lässt sich so trans­pa­rent mit­ver­fol­gen. Aber auch in ihrer Freund­schaft zu Nao­mi, die kei­ner­lei Geld­nö­te hat, gibt es Rei­be­rei­en. Die­se möch­te ihr hel­fen und ihr das feh­len­de Geld für die Par­ty ein­fach geben, was Maha­lia jedoch kei­nes­falls anneh­men möch­te. “Dass sie mir im Februrar fünf­hun­dert Dol­lar zu mei­nem Geburts­tag gege­ben hat, ist schlimm genug. Ich hab ver­sucht, es ihr zurück­zu­zah­len, und sie war tat­säch­lich sau­er auf mich. Bis jetzt hat Geld noch nie eine so gro­ße Rol­le in unse­rer Freund­schaft gespielt. Je älter wir wer­den, des­to schwie­ri­ger wird es, das zu ver­mei­den.” (Zitat S.47) Die Roma­nik kommt in dem Roman auch nicht zu kurz, dafür sor­gen gele­gent­li­che, schön beschrie­be­ne Momen­te wie die­ser: “Sie schüt­telt den Kopf, aber als sie ihre Hand vom Mund nimmt, erscheint dahin­ter ein Lächeln. Und so fühlt sich das Zusam­men­sein mit ihr gera­de für mich an — als wür­de alles in mir lächeln.” (Zitat S.82) Man fie­bert mit der Prot­ago­nis­tin ein­fach mit, hofft und bangt mit ihr und wünscht sich, dass der Traum von ihrer Par­ty und ihrem Coming-out sich erfül­len wird. Dass dann doch alles ganz anders kommt, wie geplant, scheint vor­pro­gram­miert zu sein (vor allem hin­sicht­lich Maha­li­as schwin­den­der Finan­zen). Das Ende liest sich sehr berührend.

Du magst den Erzähl­stil von Cam­ryn Gar­rett? Sie hat bereits ein wei­te­res Buch im Deut­schen ver­öf­fent­licht: “Off the Record: Unse­re Wor­te sind unse­re Macht”. LesealternativenSehr unter­halt­sam und bewe­gend geschrie­ben, es the­ma­ti­siert #metoo. Sich trau­en sich zu outen, dar­über kannst du auch in dem sehr gelun­ge­nen Roman von Mer­edith Rus­so lesen: “Bir­th­day: Eine Lie­bes­ge­schich­te”. Eine äußerst emp­feh­lens­wer­te Neu­erschei­nung ist außer­dem “Six times we kissed (und was beim 7. Mal pas­siert ist)” von Tess Shar­pe oder lies “Vom Mond aus betrach­tet, spielt das alles kei­ne Rol­le” von Anne Frey­tag. Emp­feh­len kann ich eben­so “More hap­py than not” von Adam Sil­ve­ra, “Mut.Machen.Liebe” von Hans-Jörg Nes­sen­sohn und “Eine Hand­voll Lila” von Ash­ley Her­ring Bla­ke. Noch mehr Bücher zu Homo­se­xua­li­tät und Tran­si­den­ti­tät fin­dest du unter den jewei­li­gen Links.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60738-2
Erscheinungsdatum: 17.Mai 2024
Einbandart: Broschur
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 312
Übersetzer*in: Isabel Abedi
Originaltitel: "Friday I'm in Love"
Originalverlag: Penguin Random House

Amerikanisches Originalcover:



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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Camryn Garrett
Bilder im Textbeitrag nach Cover: KI generiert, außer das letzte Bild

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