„Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen“ von der deutschen Autorin Bettina Obrecht ist ein Buch, das sich mit Mobbing und dessen Folgen auseinandersetzt. Ein sehr bewegender und in jugendlicher Sprache gehaltener Roman, der einfühlsam geschrieben ist und nachdenklich macht. Für Jugendliche ab 12 Jahren.
Cedric ist 15 Jahre alt und wohnt seit einiger Zeit nicht mehr zu Hause. Er ist zu Bekannten seiner Eltern gezogen, um auf eine andere Schule, weit weg von daheim, gehen zu können. In seiner alten hat er es nicht mehr ausgehalten. Tägliches, übelstes Mobbing seiner Mitschüler hat seinen Alltag bestimmt. Doch auch wenn er jetzt versucht möglichst unauffällig und angepasst zu bleiben, holt ihn die Vergangenheit dennoch wieder ein: in der Theatergruppe, in der er bisher gerne Mitglied war, soll ein Stück über Mobbing aufgeführt werden und ausgerechnet Cedric ist für die Hauptrolle vorgesehen! Das passt ihm gar nicht und das lässt er auch seinen Leiter lautstark spüren. Als ihn Lars — einer der beliebtesten Mitschüler der Gruppe – aus Spaß „Opfer“ nennt, rastet Cedric aus. Er schlägt Lars direkt ins Gesicht. Sinja, das Mädchen, mit der er befreundet ist, ist total überrascht über seinen unerwarteten Ausbruch. Zumal er in seinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen hat. Aber Cedric hat ihr auch nichts von seiner Vergangenheit erzählt. Doch bald darauf versucht Lars herauszubekommen, warum Cedric die Schule gewechselt hat. Mittels Facebook startet er einen Aufruf und veröffentlicht ein heimlich geschossenes Foto von Cedric. Geht jetzt schon wieder alles von vorne los?
„Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen“ wird durchgängig aus Cedrics Perspektive erzählt. Zu Beginn musste ich mich ein wenig an die Sprache gewöhnen, die sehr an der der Jugendlichen orientiert ist. Es heißt hier nicht „schlagen“, sondern „auf die Fresse hauen“, nicht „laufen“, sondern „latschen“, nicht „betrunken“, sondern „besoffen“. Allerdings sind diese Ausdrücke wirklich nur sporadisch zu finden und führen irgendwie auch zu einer gewissen Authentizität der Hauptfigur.
Insgesamt ist „Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen“ sehr flüssig und angenehm zu lesen. In Cedric kann man sich sehr gut einfühlen. Er erzählt abwechselnd aus der jetzigen Zeit und (in kursiver Schrift) aus der Vergangenheit, in der sich das Mobbing ereignet hat. Dieses hat schon in der Grundschule gleich in der ersten Klasse begonnen, als er mit Tränen in den Augen in die neue, fremde Klasse kam und ein Junge ihn „Mädchen!“ nannte. Cedric verstand dies zunächst nicht einmal als Schimpfwort, da er mit Mädchen eigentlich sehr gut auskam. Doch er interessierte sich eben nicht für Fußball und weinte öfters, da seine Eltern mit ihm in eine fremde Stadt gezogen sind.
Es ist erschreckend zu lesen, wie schnell sich Mobbing ausbreiten kann. Bald ärgern ihn sogar Kinder aus anderen Klassen. Irgendwann kennt ihn die ganze Schule. Cedric ist machtlos gegen die Anfeindungen seiner Mitschüler, selbst Lehrer bezeichnen ihn als „Unruhestifter“, weil er sich nicht anders zu helfen weiß, als laut „Lass das!“ zu rufen oder mit Schimpfwörtern um sich zu werfen, wenn die anderen ihn mit Papierkügelchen, Radiergummis oder Tannenzapfen beschmeißen. Auch ist er überaus intelligent und langweilt sich im Unterricht, weil er das Meiste bereits kann. Die Lehrer rufen ihn nie auf, weil sie den anderen Schülern auch eine Chance geben wollen und er ja ohnehin alles weiß. Wenn er dann jedoch in sein Heft zeichnet, weil er unterfordert ist, wird er auch angemeckert, weil er angeblich nicht aufpasst.
Die Spannung wird in „Opferland: Wenn die anderen dich kaputt machen“ durchgängig gehalten, die Frage nach der Schuld zieht sich durch den ganzen Roman. Hat Cedric eine Mitschuld? Hätte er etwas anders machen können? Oder wurde er einfach zum Opfer? Was hätten die Lehrer besser machen können? Wie hätte man ihm helfen können?
Interessant gestaltet fand ich auch das Cover: auf der Vorderseite ist eine Schlange in blau (=Täter) und ein Hase in rot (=Opfer) dargestellt. In dem Titel „Opferland“ ist aber „Opfer“ blau geschrieben. Eigentlich müsste das Opfer ja der Hase sein und nicht die Schlange. Auf der Rückseite sind die Farben der Tiere allerdings wieder vertauscht. Auch diese Gestaltung lässt Rückschlüsse darauf zu, dass die Schuldfrage nicht immer eindeutig geklärt werden kann. Die Geschichte macht in jedem Falle nachdenklich, erschüttert und zeigt wie hilflos und verzweifelt man sich als Gemobbter fühlen kann. Ob und was man dagegen tun kann, zeigt der Roman gegen Ende auf sehr bezeichnende Weise.
Bücher, die ähnlich erschüttern, angesichts dessen, was den Hauptpersonen widerfährt
(unabhängig von Mobbing), sind zum Beispiel „In deinem Licht und Schatten“ von Louisa Reid und „Das Schweigen in meinem Kopf“ von Kim Hood. Lesenswerte Romane zum Thema Mobbing sind “Die Liga der Guten” von Rüdiger Bertram, „Wunder” von Raquel J. Palacio (Deutscher Jugendliteraturpreis 2014, von den Jugendlichen selbst gewählt!), “Tausend Mal gedenk ich dein” von Heike Eva Schmidt und „Matchbox Boy“ von Alice Gabathuler. Eine aktuelle Neuerscheinung wäre „Weil es nie aufhört“ von Manfred Theisen, der sich im Besonderen mit Cybermobbing auseinandersetzt. Er hat jedoch auch einen Roman speziell nur zum Thema Mobbing geschrieben: „Täglich die Angst“. Eine weitere Novität ist „Wie ein flammender Schrei“ von Mats Wahl, der sehr genau zeigt, was auf (schwedischen) Schulhöfen so los ist.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbj ISBN: 978-3-570-40248-1 Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2014 Einbandart: Taschenbuch Preis: 7,99€ Seitenzahl: 288 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
--------------------------------------------------------------------------------- 2.Bild v.oben: © Anne Garti/pixelio.de

Verlag: cbj
ISBN: 978-3-570-40248-1
Erscheinungsdatum: 13.Oktober 2014
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 7,99€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Die Verzweiflung eines Gemobbten zeichnet das Jugendbuch realistisch nach und es kann auf jeden Fall jungen Leuten, wie auch den Eltern und Lehrern empfohlen werden.