Der Roman “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen” von der deutschen Autorin Ava Reed ist zugleich ihr persönlichstes Buch. Die Autorin, die selbst angibt, unter einer Angststörung zu leiden, erzählt die fiktive Geschichte eines Mädchens, das kurz vor dem Abitur steht und auf einmal seltsame Panikattacken bekommt. Ein Leben, das aus den Fugen zu geraten droht. Ein im Jugendbuch bisher noch eher seltenes Thema, bravourös und meisterhaft umgesetzt. Authentisch, unheimlich bewegend und mitreißend geschrieben. Ein wichtiges Buch. Lesetipp! Jetzt neu als Taschenbuch erschienen. Für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene.
Leni hat gerade die Sommerferien hinter sich gelassen und startet in das neue Schuljahr, als ihr auf einmal bewusst wird, dass es tatsächlich das letzte Jahr vor ihrem Abitur ist. Die letzten Monate, um zu entscheiden, wohin der Weg ihrer Zukunft sie führen wird. Was sie danach machen wird. Ob sie studieren oder eine Ausbildung beginnen oder verreisen soll. In welche Richtung ihr Leben gehen wird. Doch Leni kann all diese Fragen einfach nicht beantworten. “Ich wünschte, in mir würde sich auch nur eine Kleinigkeit formen, der Ansatz einer Antwort, aber da ist nichts als Leere. Ich weiß es nicht.” (Zitat aus “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen” S.31) Da ist ein Raum voller Möglichkeiten vor ihr und gleichzeitig eine große Enge in ihrer Brust. Leni weiß auch, dass das Abitur für sie hart werden wird, dass sie mehr lernen muss als andere. Nichts so wie
ihre beste Freundin Emma, der vieles einfach so zufällt. “Ich schlucke schwer, während meine Augen in das fröhliche Gesicht meiner besten Freundin blicken, die gar nicht erwarten kann, erwachsen zu werden. Ich beneide sie. Das erste Mal in meinem Leben beneide ich sie wirklich tiefgehend um etwas und ich kann es ihr nicht sagen.” (Zitat S.25) Und dann während eines unangekündigten Tests in der Schule passiert es plötzlich: Leni, die sich noch gar nicht intensiv mit dem Geschichtsthema befasst hatte, wird auf einmal ganz schlecht. Ihr Magen verkrampft sich. Ihre Atmung wird flacher. Ihre Hände fangen an zu schwitzen. “Das, was gerade mit mir passiert, macht mich richtig nervös. Weil ich es nicht einordnen kann, weil es mir nie passiert ist. Ich kenne es nicht und habe keine Ahnung, was es ist oder woher es kommt. Mir wird richtig warm und ich wische die Hände an der Jeans ab, als der Test vor mir abgelegt wird. Verrückt. Mir ist so heiß, trotzdem zittern meine Hände. Mein Mund ist staubtrocken, ich schaffe es kaum zu schlucken.” (Zitat S.37) Schließlich weiß Leni sich nicht anders zu helfen, als das Klassenzimmer zu verlassen. Sie rennt hinaus und übergibt sich
im Flur vor den Schulspinten. Auch wenn alle glauben, dass sie sich nur einen Magendarmvirus eingefangen hat, so spürt Leni innerlich doch irgendwie, dass dem nicht so ist. Dass irgendetwas mit ihr nicht in Ordnung ist. Als sie wieder zur Schule geht, hat sie immer wieder Panik. Ihr bricht der Schweiß aus, ihre Hände zittern und selbst beim Fahren mit der U‑Bahn fühlt sie sich nicht wie sie selbst. “Wie eine Fremde. Ja, ich fühle mich wie eine… Ich kann nicht mehr atmen, ich sehe verschwommen. “Leni?” Ich sehe Emma an. “Es tut mir leid”, wispere ich. “Aber was denn? Was tut dir leid? Ich verstehe es nicht!” “Mir geht es gut, Emma”, wiederhole ich, dieses Mal fester und ich kann beobachten, wie dieser Satz der erste Stein einer Mauer wird, die sich zwischen uns erhebt.” (Zitat S.65). Immer wieder versucht Leni sich einzureden, dass alles okay ist. Dass es ihr gut geht. Dass sie nur schlecht geschlafen hat. Doch es wird immer schlimmer. Eines Tages kann sie gar nicht mehr in die Schule gehen…
“Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen” schillert dem Leser sogleich mit einem wirklich bezaubernd gestalteten Cover entgegen. Ava Reed hat sich in ihrem neuen Roman einem wichtigen Thema angenommen. Eines, das in der Jugendliteratur viel zu selten behandelt wird. In einem Vorwort geht die Autorin weiter auf diese Problematiken ein. Sehr schön ist auch ihre Widmung zuvor. Denn das Buch beginnt mit folgenden Worten: “Ich bin wundervoll” Oh ja, das bist du! Dieses Buch ist für dich! Es ist für alle, die jeden Tag einen unsichtbaren Kampf kämpfen. Gegen Krankheiten und Ängste, die zu viele haben und zu wenige verstehen.” Sie ermuntert dazu an sich selbst zu glauben und macht bewusst, dass man niemals allein ist. Der Roman ist in durchnummerierte Kapitel unterteilt. Er stellt zunächst die Ich-Perspektive der Erzählerin Leni in den Vordergrund, später kommt aber auch Mattis Perspektive hinzu. Immer wieder ergänzen kunstvoll arrangierte und teils mit Zeichnungen versehene Tagebucheinträge den Fließtext, was sehr liebevoll und schön gemacht ist und von der Autorin selbst angefertigt wurde. Sich in Leni hineinzuversetzen, das funktioniert mühelos. Ihre Empfindungen und zwiespältigen Gefühle darzustellen, das ist Ava Reed
äußerst gut gelungen. “Es entgleitet mir. Vor meinen Augen. Das alles. Ich habe die Kontrolle verloren, ich weiß nicht, wovon, aber ich spüre es. ICH. KANN. NICHT. ATMEN! Tränen fluten meine Augen, ohne dass ich es verhindern kann, ein Schluchzer entfährt meiner Kehle, so laut und tief, dass ich glaube, er hinterlässt Risse in mir.” (Zitat S.68) Auch wenn ich ihre poetische, kraftvolle Sprache (wie in “Die Stille meiner Worte”) zunächst ein wenig vermisst habe, so wird man erzählerisch sofort in die Geschichte hineingesogen. Beginnt zu verstehen, wie schwer das Schicksal der Protagonistin ist und wie schwer der unsichtbare Kampf ist, den sie ausfechtet. “Wie erklärt man jemandem, dass es dunkel ist, wenn man in einem hellen Raum steht? Oder dass Aufstehen anstrengend ist, wenn man doch nur die Beine über die Bettkante schieben und einfach aufstehen muss.” (Zitat S.188) Das Ende ist berührend und realistisch. In einem Nachwort geht Ava Reed noch genauer auf ihre eigenen Erfahrungen mit der Angst ein, macht Betroffenen Mut und ruft dazu auf, sich Hilfe zu holen.
Wenn dir “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen” gefallen hat, dann lies noch ihre anderen Bücher: “Die Spiegel-Saga”: “Spiegelsplitter” (Band 1) und “Spiegelstaub” (Band 2, beide 2015), “For Good: Über die Liebe und das Leben” (2016) und “Mondprinzessin” (2016). Richtig toll fand ich “Wir fliegen, wenn wir fallen” (2017) und absolut grandios “Die Stille meiner Worte” (2018). Bücher über Panikattacken sind im Jugendbuch bisher noch recht überschaubar: “Verrückt vor Angst” von der Reality-Vielschreiberin Jana Frey, “Klippen springen” von Claire Zorn (bewegend) und “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kinsella. Ein Junge, der das 
Haus aufgrund von Ängsten schon seit langer Zeit nicht mehr verlassen hat, das findest du in “Hochgradig unlogisches Verhalten” von John Corey Whaley und in dem brillanten “Born scared” von Kevin Brooks. Sehr gelungen fand ich ebenfalls “Mein Sommer auf dem Mond” von Adriana Popescu, in welchem sich ein paar Jugendliche in einer psychiatrischen Einrichtung ihren Problemen stellen müssen (u.a. auch ein Mädchen mit einer Angststörung). Einen Heilungsweg gehen, das tun ebenso die Hauptfiguren in dem gelungenen “Clean” von Juno Dawson. Psychische Ausnahmezustände auf sehr einfühlsame Art und Weise beschreiben, das kann zudem natürlich Bestsellerautor John Green in “Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken”, welches neben Ängsten ebenso Zwänge thematisiert. Ein Buch, an das ich beim Lesen von “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwischen” auch sofort denken musste, ist “Graue Wolken im Kopf” von Juliane Breinl, in dem die Protagonistin zunächst nicht wirklich versteht, was mit ihr plötzlich los ist und schließlich die Diagnose Depression erhält. Romane über Depressionen gibt es im Jugendbuch einige. Eine weibliche Hauptfigur, der dies passiert, erlebst du in “Schwarze Zeit” von Jana Frey (sehr flüssig geschrieben), in “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolitzer und in “Mein Herz und andere schwarze Löcher” von Jasmine Warga. Einen männlichen Protagonisten findest du in “Eine echt verrückte Story” von Ned Vizzini, “Allein unter Schildkröten” von Marit Kaldhol (sehr heftig!) und “Das hier ist kein Tagebuch” von Erna Sassen (zwei Mal nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016).
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-8415-0645-0 Erscheinungsdatum: 24.August 2020 Einbandart: Taschenbuch Preis: 10,00€ Seitenzahl: 320 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Die Autorin erzählt von ihrem Buch:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-8415-0645-0
Erscheinungsdatum: 24.August 2020
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 10,00€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Die Autorin erzählt von ihrem Buch: