Astrid Frank — Unsichtbare Wunden

Astrid Frank Unsichtbare Wunden10.März 2016

Unsicht­ba­re Wun­den” von der deut­schen Auto­rin Astrid Frank ist ein Roman über ein hoch­bri­san­tes The­ma: Mob­bing. Vor dem Hin­ter­grund eines töd­li­chen Unfalls, der viel­leicht kei­ner war, erzählt sie die Geschich­te eines jun­gen Mäd­chens, das unver­hofft zum Opfer wird. Eine authen­ti­sche Schil­de­rung, von der Ent­ste­hung bis hin zu ihrem dra­ma­ti­schen Ende. Äußerst packend und ergrei­fend geschrie­ben. Ein Buch, das man so schnell nicht aus den Hän­den legen wird! Für Jugend­li­che ab 12 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Sep­tem­ber 2013. Zu ihrem 13. Geburts­tag erhält Anna, deren Mut­ter vor fünf Jah­ren an einem Tumor gestor­ben ist, von ihrem Vater ein Tage­buch. “Für dei­ne Geheim­nis­se”, hat Papa gesagt, als ich dich [das Tage­buch] aus dem Geschenk­pa­pier gewi­ckelt habe. “Ich habe doch gar kei­ne Geheim­nis­se, habe ich geant­wor­tet. “Noch nicht”, hat Papa gesagt. “Aber mit 13 bekommt man wel­che.” (Zitat aus “Unsicht­ba­re Wun­den” S.7) Und all­mäh­lich gibt es dann doch ein paar Din­ge, die Anna ihrem Tage­buch anver­traut. Din­ge, die sie ihrem Vater nicht erzählt. Wie sich in der Schu­le eini­ges ver­än­dert hat, seit Nina — eine neue Mit­schü­le­rin — zu ihnen gekom­men ist. Denn Manu, Annas bes­te Freun­din und See­len­ver­wand­te, ist auf ein­mal auch mit Nina eng befreun­det. Die bei­den spie­len Karao­ke auf der Play­sta­ti­on, lachen über Sachen, Astrid Frank Unsichtbare Wundendie Anna gar nicht lus­tig fin­det und Nina wagt es sogar, obwohl sie neu ist, sich den all­ge­mei­nen Froz­ze­lei­en über Anton anzu­schlie­ßen. Anton, den Anna schon seit dem Kin­der­gar­ten kennt, der ihr bes­ter Freund ist. Der zwar den schwar­zen Gür­tel hat, sich aber nie traut sich zu weh­ren. Anna ver­tei­digt ihn, auch gegen­über Nina, was die­ser gar nicht gefällt. Und plötz­lich wird Anna immer öfters von gemein­sa­men Unter­neh­mun­gen aus­ge­schlos­sen. Ins Feri­en­la­ger fah­ren Manu und Nina ohne sie. Sogar an Annas 14. Geburts­tag gehen die bei­den lie­ber auf ein Kon­zert, anstatt mit ihr zu fei­ern. Sie fra­gen nicht ein­mal, ob Anna mit­kom­men möch­te. Rich­tig schlimm wird es, als Manus heim­li­cher Schwarm Paul eher an Anna als an Manu inter­es­siert zu sein scheint. Ihre ehe­mals bes­te Freun­din beschimpft sie, wie sie es wagen kann Paul anzu­bag­gern, obwohl das doch eigent­lich anders her­um war. Bald fan­gen die ers­ten Hän­se­lei­en an. Alle ande­ren aus ihrer Cli­que wen­den sich nach und nach von ihr ab. Nie­mand will mehr etwas mit Anna zu tun haben. Außer Anton, der aber selbst gedisst wird. Dann geht das Mob­bing rich­tig los. “Ich weiß lang­sam nicht mehr, was mit mir los ist, ich könn­te den gan­zen Tag nur noch heu­len. Mei­ne Fin­ger zit­tern und mein Herz beginnt zu rasen, sobald ich mor­gens die Augen auf­ma­che und mir die Schu­le ein­fällt.” (Zitat S.201) Haben die ande­ren Recht? Ist wie viel­leicht wirk­lich so schei­ße? All­mäh­lich rich­tet Anna den Hass der ande­ren gegen sich selbst…

Astrid Frank Unsichtbare WundenUnsicht­ba­re Wun­den” ist aus inter­es­san­ten Erzähl­per­spek­ti­ven geschrie­ben. Es beginnt mit einem Tage­buch­ein­trag im Jah­re 2013, als Anna die­ses von ihrem Vater zum 13. Geburts­tag geschenkt bekommt. Dann wech­selt die Geschich­te abrupt in das Jahr 2015 und schil­dert die Per­spek­ti­ve eines Poli­zis­ten, der eine Frau beru­higt, die soeben einen Unfall erlebt hat. Sie ist mit dem Auto auf der Bun­des­stra­ße ent­lang­ge­fah­ren, als plötz­lich wie aus dem Nichts ein Pferd samt Rei­ter dort hin­auf­ga­lop­piert ist. “Wenn das Pferd doch nur reden könn­te. Viel­leicht könn­te es ihnen sagen, was genau pas­siert war. Aber es konn­te nicht reden. Es bäum­te sich auf, es wie­her­te, es schlug mit dem Kopf, aber es sprach kein ver­ständ­li­ches Wort. Und es wür­de ihm nicht dabei hel­fen, den Eltern die schreck­lichs­te Nach­richt zu über­brin­gen, die Eltern über­haupt nur erhal­ten konn­ten: die Nach­richt, dass ihr Kind soeben bei einem grau­en­vol­len Unfall ihr Leben ver­lo­ren hat­te.” (Zitat S.14) Es war Anna, die auf dem Pferd saß. Anna, die nun tot ist. Ihr Vater, des­sen Sicht eben­falls in dem Roman mit ein­fließt, kann es nicht fas­sen. Nun hat er nicht nur sei­ne Frau ver­lo­ren, son­dern auch sei­ne ein­zi­ge Toch­ter. Doch vor allem die Umstän­de des Unfalls irri­tie­ren ihn: “Bun­des­stra­ße? Anna ritt nie über die Bun­des­stra­ße, die durch den Wald führ­te! Das hat­te sie ihm fest ver­spro­chen! Und Elrond soll­te durch­ge­gan­gen sein? Elrond war noch nie durch­ge­gan­gen! Nicht ein­mal, als er von die­sem Hund ange­grif­fen und ver­letzt wor­den war! Nein, das konn­te nicht wahr sein. Er träum­te nur irgend­ei­nen blö­den Alb­traum, aus dem er gleich erwa­chen wür­de.” (Zitat S.19) Auch Anton, des­sen Per­spek­ti­ve immer wie­der ein­ge­blen­det wird, macht sich Gedan­ken dar­über. War die­ser Unfall viel­leicht gar kein Unfall? Wäh­rend der Leser eben­so ahnungs­los ist wie Anton und Simon — Annas Vater — wird das aktu­el­le Gesche­hen (und Simons Rache­ge­dan­ken) immer wie­der von Tage­buch­aus­schnit­ten unter­bro­chen. Annas kom­plet­te Geschich­te Astrid Frank Unsichtbare Wundenwird durch die­se kur­siv abge­druck­ten Aus­schnit­te erzählt. Das Datum ihrer Erzäh­lun­gen nähert sich dem Unfall­da­tum hier­bei unwei­ger­lich. Dies erzeugt unglaub­lich viel Span­nung, zieht den Leser gera­de­zu in einen Sog und liest sich sehr sehr emo­tio­nal. Denn Annas Vater liest die­ses Tage­buch, obwohl er dies nie zuvor getan hat. Obwohl er Annas Sor­gen, die sie ihm zwi­schen­durch ein­mal anver­traut hat, nie so ernst genom­men hat­te. Durch sei­ne Andeu­tun­gen über das Gele­se­ne, zum Bei­spiel als er einen von Annas Mit­schü­lern bei der Beer­di­gung wütend anfährt, erhält man immer mehr Infor­ma­tio­nen, die man sich mit den Tage­buch­aus­schnit­ten nach und nach zusam­men­puz­zeln muss: “Jetzt war Paul dran. Ein blas­ser Jun­ge, der mit den Trä­nen kämpf­te, wäh­rend er ans Grab trat. […] “Das hät­test du dir viel­leicht vor­her über­le­gen sol­len”, zisch­te er ihm zu. Paul zuck­te zusam­men. […] “Wie bit­te?” “Scher dich weg”, stieß Simon Mar­tin her­vor. “Du hast kein Recht, hier zu ste­hen und so zu tun, als wärst du trau­rig! Geh! Geh!” (Zitat S.57) Was hat Paul getan? Wer hat Schuld an dem Mob­bing? Gibt es über­haupt einen Schul­di­gen? Oder sind es meh­re­re? Ein inter­es­san­tes Zitat von Albert Ein­stein taucht zu die­sen Fra­gen bereits zu Beginn des Romans auf: “Die Welt ist viel zu gefähr­lich, um dar­in zu leben — nicht wegen der Men­schen, die Böses tun, son­dern wegen der Men­schen, die dane­ben ste­hen und sie gewäh­ren las­sen.” (Zitat S.11) Es ist jedoch auch die Fra­ge, ob man das Unglück hät­te ver­hin­dern kön­nen, die sowohl Anton als auch Simon beschäf­ti­gen: “Wann hät­te man das Blatt wen­den kön­nen? An wel­cher Stel­le hät­te er noch die Chan­ce gehabt zu ver­hin­dern, was gesche­hen war? Wo hät­te er ein­grei­fen müs­sen, damit Anna nicht vor die­ses Auto gefal­len und gestor­ben wäre?” (S.79) Dra­ma­tur­gisch ist die Geschich­te, Astrid Frank Unsichtbare Wundenvor allem die Ent­wick­lung des Mob­bings, sehr gut auf­ge­baut. Es zeigt des­sen Ent­ste­hung, die Ver­än­de­rung einer Freund­schaft und die der Haupt­fi­gur durch die bald täg­li­chen Angrif­fe auf äußerst rea­lis­ti­sche Wei­se. Man kann sich unheim­lich gut in Anna hin­ein­füh­len. Die Spra­che ist ein­fach, klar und sehr flüs­sig. Das Cover sowie der Titel des Buches sind abso­lut pas­send gewählt. Letz­te­rer wird von Anna selbst in einem Abschnitt erklärt und ist zugleich signi­fi­kant für Mob­bing: “Manch­mal wünsch­te ich, sie wür­den mich schla­gen. Denn wenn man geschla­gen wird, gucken die Leu­te hin! Nur wegen ein paar gemei­ner Wor­te oder Bli­cke greift nie­mand ein. Wenn sie mich schla­gen wür­den, dann hät­te ich sicht­ba­re Wun­den! […] Mei­ne Wun­den sind tie­fer. Sie sind unter mei­ner Haut ver­bor­gen und damit unsicht­bar. Sie sind in mei­nem Her­zen, in mei­nem Bauch, mei­nem Kopf und mei­ner See­le. Sie zer­stö­ren mich von innen her­aus. Und nie­mand bekommt es mit.” (Zitat S.236)
Inter­es­san­ter­wei­se hat Astrid Frank das The­ma Mob­bing auf­grund einer eige­nen Erfah­rung in ihrer Fami­lie (die ihres Soh­nes) auf­ge­grif­fen, um dar­über einen Roman zu schrei­ben. Auf einer eige­nen, sehr gelun­ge­nen Inter­net­sei­te zum Buch erfährst du jede Men­ge Tipps und Anre­gun­gen um mit Mob­bing umzu­ge­hen.

Unsicht­ba­re Wun­den” eig­net sich zudem her­vor­ra­gend für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re.

Zum The­ma Mob­bing gibt es die­ses Früh­jahr eini­ge (gelun­ge­ne) LesealternativenNeu­erschei­nun­gen: “Die Welt wär bes­ser ohne dich” von Sarah Darer Litt­man (sehr gut geschrie­ben) “Home­vi­deo” von Karin Kaçi (kras­se Geschich­te, wur­de auch ver­filmt), “Hass gefällt mir” von Johan­na Nils­son (sehr hef­tig!), “For your eyes only: 4YEOvon Caro­lin Phil­ipps (flott zu lesen) und “End­lich will ich flie­gen, so ein­fach ist das” von Kata­ri­na von Bre­dow (neu als Taschen­buch, klas­se!). Eine sehr gute Alter­na­ti­ve, wie sich Mob­bing all­mäh­lich ent­wi­ckelt, ist auch “Böses Spiel” von Rea­li­ty-Auto­rin Bri­git­te Blo­bel. Sehr bewe­gend fand ich auch “Opfer­land: Wenn die ande­ren dich fer­tig machen” von Bri­git­te Obrecht. Wenn du neben “Unsicht­ba­re Wun­den” noch ande­re Bücher von Astrid Frank lesen möch­test, dann schau doch mal auf ihrer Home­page direkt nach. Sie schreibt aller­dings haupt­säch­lich Pfer­de­ro­ma­ne.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-7966-3
Erscheinungsdatum: 24.Februar 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,90€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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2 Kommentare

  1. Thekla

    Kann das Buch bit­te ver­filmt wer­den?

    Antworten
    1. Kasimira (Beitrag Autor)

      Hal­lo Thek­la!

      Ja, das wäre in der Tat eine sehr gute Idee! :-)

      Lg Kasi­mi­ra

      Antworten

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