Ashley Herring Blake — Eine Handvoll Lila

16.März 2018

Dass die ame­ri­ka­ni­sche Auto­rin Ash­ley Her­ring Bla­ke tol­le Fami­li­en­ge­schich­ten schrei­ben kann, hat sie bereits mit ihrem ers­ten Roman “Lie­be ist wie Dra­chen­stei­gen” unter Beweis gestellt. “Eine Hand­voll Lila” ist ihr zwei­tes und neu­es­tes Buch, das übers Erwach­sen­wer­den, über die Lie­be zwi­schen zwei Mäd­chen und eine kom­pli­zier­te Fami­li­en­si­tua­ti­on berich­tet. Berüh­rend und beson­ders sen­si­bel erzählt. Ein Feu­er­werk der Emo­tio­nen! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Cape Kathe­ri­ne. In einem klei­nen (fik­ti­ven) Ört­chen in Neu­eng­land. Noch ein klei­nes Kind war Grace, als ihr Vater, an den sie sich kaum mehr erin­nern kann, in Afgha­ni­stan starb. Seit­dem lebt sie mit ihrer Mut­ter mal hier, mal dort. Je nach­dem mit wel­chem Mann die­se gera­de liiert ist: “Ich habe schon lan­ge den Über­blick ver­lo­ren, mit wie vie­len Typen Mom in den seit­dem vier­zehn Jah­ren “zusam­men war”. Und die durch die Bank weg alle die Ehre hat­ten, unge­fähr zehn Minu­ten lang “Der Rich­ti­ge” zu sein. (Zitat aus “Eine Hand­voll Lila” S.10) Jetzt ist Grace gera­de von einem zwei­wö­chi­gen Kla­vier-Work­shop aus Bos­ton zurück­ge­kehrt und schon hat ihre Mut­ter wie­der deAshley Herring Blake - Eine Handvoll Lilan Wohn­ort gewech­selt. Sie woh­nen nun bei Pete und sei­nem Sohn Juli­an. Neben einem Leucht­turm. “Ich habe die­sen Leucht­turm immer geliebt. Als ich sechs oder sie­ben war, kam er mir magisch vor. Aller­dings ver­liert das Leben jedes Mal ein wenig an Zau­ber, wenn man sei­ner eige­nen Mut­ter die Haa­re zurück­hält, wäh­rend sie Wod­ka aus­kotzt. Und das muss­te ich oft.” (Zitat S.18) Denn Graces Mut­ter ist nicht wie ande­re Müt­ter. Und Grace muss­te schon früh ler­nen Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men: “Ich bin schon vor lan­ger Zeit erwach­sen gewor­den, damals, als ich das ers­te Mal ins Wohn­zim­mer kam und sie bewusst­los mit einer Fla­sche Wod­ka auf der Couch fand. Das war ich acht. Und es war mein Geburts­tag.” (Zitat S.51) Bereits mit jun­gen Jah­ren hat Grace einen Neben­job ange­nom­men, um zu ver­hin­dern, dass ihnen der Strom abge­stellt wird. Denn der Online­ver­kauf von selbst­ge­mach­ten Schmuck, den ihre Mut­ter her­stellt, wirft nicht gera­de viel ab. Und wenn ihre Erzeu­ge­rin mal wie­der aus der Woh­nung gewor­fen wur­de oder ihre neu­es­te Bezie­hung in die Brü­che ging, kann es schon mal sein, dass Grace sie mit­ten aus einer Knei­pe zer­ren und zum Aus­nüch­tern nach Hau­se brin­gen muss. Daher lässt sie — außer ihren bes­ten Freund Luca — auch nie­man­den an sich her­an. “Eine Zeit lang war ich ein ziem­lich nor­ma­les, net­tes Mäd­chen. Ich hat­te sogar eine Hand­voll Freun­de hier und da, aber bei dem gan­zen Auf und Ab in mei­nem Leben war es ein­fa­cher, mei­ne Welt so klein wie mög­licAshley Herring Blake - Eine Handvoll Lilah zu hal­ten. Weni­ger Erklä­run­gen. Weni­ger Lügen, um zu ver­ber­gen, war­um ich schon wie­der umge­zo­gen war. […] Mom ist nicht immer eine Kata­stro­phe. Sie hat auch ihre guten Tage. Gute Mona­te sogar. Ich weiß bloß nie, wann ein guter Tag sich plötz­lich in ein tota­les Desas­ter ver­wan­delt.” (Zitat S.39) Als Grace die jun­ge Eva ken­nen­lernt — ein Mäd­chen, das Lucas Fami­lie bei sich auf­ge­nom­men hat, weil ihre Mut­ter vor Kur­zem gestor­ben ist — will sie auch Eva eigent­lich auf Abstand hal­ten und ihr so wenig wie mög­lich über sich erzäh­len. Doch Eva ist irgend­wie anders. Fas­zi­nie­rend. Und sie steht auf Mäd­chen. So wie Grace, die neben einer Bezie­hung mit einem Jun­gen, eben­falls schon mal in ein Mäd­chen ver­liebt war. “Ihr Blick wan­dert zu mir, und ich mer­ke, dass ich wie­der star­re. Kein Wun­der bei ihrem Gesicht, ver­traut und neu zugleich. Und schön. Ich zwin­ge mich weg­zu­se­hen.” (Zitat S.47ff) Aber auch Graces Mut­ter hat Eva zu ihrem per­sön­li­chen “Pro­jekt” aus­er­ko­ren und will sie unbe­dingt von der Trau­er um ihre ver­stor­be­ne Mut­ter befrei­en: “Und jetzt sitzt sie hier und ist drauf und dran, sich ein Bein aus­zu­rei­ßen und Geld aus­zu­ge­ben, das wir nicht haben, und das alles für ein Mäd­chen, das sie kaum kennt. Plötz­lich schrumpft die­se Welt auf die Grö­ße einer Erb­se und ich bin zu klein dar­in. Zu klein für mei­ne Mut­ter.” (Zitat S.95) Das erzeugt äußerst wider­sprüch­li­che Gefüh­le bei Grace…

Ashley Herring Blake - Eine Handvoll LilaEine Hand­voll Lila” war­tet mit einem fas­zi­nie­ren­den Cover auf. Doch in dem Buch steckt viel mehr als eine Geschich­te über die Musik, wie die Abbil­dung sug­ge­riert. Es ist die Geschich­te eines Mäd­chens, das mit einer labi­len Mut­ter und in äußerst zer­rüt­te­ten Ver­hält­nis­sen auf­wach­sen muss. Die Musik und das Spie­len auf dem Kla­vier ist für Grace wie eine Zuflucht, wie ein klei­nes Zuhau­se, das sie von Zeit zu Zeit auf­su­chen muss. Ihr bes­ter Freund hat ihr gehol­fen ein Demo­vi­deo in einem rich­ti­gen Ton­stu­dio auf­zu­neh­men, das sie an eine Musik­hoch­schu­le gesandt hat. Und die Man­hat­tan School of Music, bei der man sich nicht ein­fach bewer­ben kann, son­dern bei der man so gut sein muss, dass man ein­ge­la­den wer­den muss, hat ihr tat­säch­lich einen Ter­min für ein Vor­spie­len geschickt. Doch Graces Wunsch nach einer gro­ßen Zukunft steht immer wie­der in Kon­flikt mit dem Zustand ihrer Mut­ter. Kann sie sie über­haupt allei­ne las­sen? Oder bekommt sie dann gar nichts mehr auf die Rei­he? “Eine Hand­voll Lila” ist ein viel­schich­ti­ges Buch, eines, das — kom­plett aus Graces Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt — beson­ders fein­füh­lig auf sei­ne Cha­rak­te­re ein­geht. Das zeigt, wie schwie­rig das Erwach­sen­wer­den sein kann, wenn man dazu gezwun­gen wird zu früh und zu viel Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Für Grace ist das Los­lö­sen von der Mut­ter ist ein schmerz­vol­ler Pro­zess, auf dem der Leser sie in vie­len emotAshley Herring Blake - Eine Handvoll Lilaiona­len Momen­ten beglei­ten darf. Einer ist beson­ders bezeich­nend für das (zum Teil fast mani­sche) Ver­hal­ten ihrer Mut­ter: “Es war kein Platz?” Mei­ne Stim­me wird zu einem Krei­schen. “Ach du Schei­ße”, mur­melt Luca. “Wir muss­ten auch Petes und Jays Sachen unter­brin­gen. Aber kei­ne Sor­ge. Ich hab einen guten Preis dafür bekom­men.” Ich muss bei­na­he kot­zen. “Du hast es ver­kauft? Du hast mein Kla­vier ver­kauft? Ich muss in sechs Wochen vor­spie­len.” (Zitat S.57) Es ist eine Ach­ter­bahn der Gefüh­le für die Prot­ago­nis­tin; der stän­di­ge Ein­druck, dass die nächs­te Kata­stro­phe frü­her oder spä­ter über sie her­ein­bre­chen wird. Dass sie bald wie­der ihre Zel­te abbre­chen und zum nächs­ten Lieb­ha­ber ihrer Mut­ter zie­hen wer­den. Dass Grace wie­der ent­täuscht und ver­letzt wer­den wird, so wie jedes Mal. “Frü­her hat sie oft ihre Hand­flä­chen an mei­ne gepresst, jede unse­rer sich berüh­ren­den Fin­ger­spit­zen geküsst und bei jedem Kuss einen alber­nen Wunsch aus­ge­spro­chen. Ich habe immer die Grö­ße unse­rer Hän­de ver­gli­chen und sehn­süch­tig auf den Tag gewar­tet, an dem mei­ne genau­so groß sein wür­den wie ihre. Ich dach­te, je älter ich wer­de, umso älter wird sie und umso weni­ger Sor­gen müss­te ich mir um sie machen.” (Zitat S.8) Sehr gut gewählt für die Bezie­hung von Grace und ihrer Mut­ter zuein­an­der ist der Titel des Buches, der sich auf den lila far­bi­gen Nagel­lack bezieht, den sie bei­de ver­wen­den. “Es ist schon Jah­re her, dass wir zusam­men auf der Coach geku­schelt und unse­re Nägel lackiert haben. […] Aber unge­fäAshley Herring Blake - Eine Handvoll Lilahr, als ich zwölf wur­de und Mom mein­te, ich sei alt genug, um von ihren gele­gent­li­chen One-Night-Stands zu hören, etwas, das ein Mäd­chen, das noch nicht mal sei­ne ers­te Peri­ode hat­te, nun wirk­lich nicht zu wis­sen brauch­te, hat­te ich genug von die­sem Ritu­al.” (Zitat S.62ff) Seit­dem lackie­ren sie sich ihre Nägel nicht mehr gemein­sam, aber immer noch in lila. Auch wenn Grace ihre Nägel mitt­ler­wei­le — als eine Art Akt der Rebel­li­on — in unter­schied­li­chen Lila­tö­nen bemalt. Sie hängt an ihrer Mut­ter, liebt sie, aber lei­det gleich­zei­tig unter ihr. Durch das Zusam­men­kom­men und die zar­te Lie­be, die sich zwi­schen Eva und ihr ent­wi­ckelt, muss Grace erst­mals ihr gesam­tes Leben über­den­ken und sich die Fra­ge stel­len, ob sie auch bereit ist einen eige­nen, einen neu­en Weg zu gehen. Mir hat “Eine Hand­voll Lila” nicht nur sprach­lich, son­dern vor allem inhalt­lich sehr gut gefal­len. Man kommt in die Geschich­te unheim­lich gut hin­ein und die Cha­rak­te­re sind authen­tisch, greif­bar und zugleich so kom­plex, dass sie eben manch­mal auch nicht greif­bar und in Kate­go­ri­en zu pres­sen sind. Die­se Tief­grün­dig­keit hat mir beson­ders gut gefal­len. Das Ende des Buches: an Dra­ma­tik und Gefühl kaum zu über­bie­ten!

Fazit: Eine Lie­bes­ge­schich­te vor dem Hin­ter­grund einer Fami­li­en­tra­gö­die — schil­lernd schön und schmerz­voll echt.

Wenn die Mut­ter anders ist oder krank, dann wirft das den Lebens­all­tag eines jun­gen Mäd­chens oft völ­lig durch­ein­an­der. Dies fin­dest du eben­so in “Dein Lächeln an die­sen ver­damm­ten Tagen” von Katie McGar­ry und in “Das Schwei­gen in mei­nem Kopf” von KimLesealternativen Hood. Bei­de Bücher fand ich äußerst gelun­gen. Rich­tig klas­se und eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve ist “Jeden Tag ein biss­chen mehr” von Loui­sa Reid, die lei­der noch ein Geheim­tipp ist. Hier muss die Haupt­per­son auch ler­nen sich von der Mut­ter zu lösen, aller­dings noch mit einem ande­ren the­ma­ti­schen Hin­ter­grund. Die Rol­le der Mut­ter über­neh­men, dazu ist eben­falls die Prot­ago­nis­tin in der Taschen­buch-Neu­erschei­nung  “Gegen das Glück hat das Schick­sal kei­ne Chan­ce” von Estel­le Lau­re gezwun­gen. Sehr bewe­gend ist hin­ge­gen “Apple und Rain” von Sarah Crossan, in dem die Mut­ter abge­taucht ist, als Apple 3 Jah­re alt war und dann plötz­lich wie­der auf­taucht, um das Leben ihrer nun jugend­li­chen Toch­ter gehö­rig auf den Kopf zu stel­len. Du magst Lie­bes­ge­schich­ten zwi­schen Mäd­chen? Dann lies doch mal “Wie ein Him­mel vol­ler See­hun­de” von Sara Löves­tam oder “Mut ist der Anfang vom Glück” von Hei­ke Karen Gürt­ler oder “Hen­ri­et­ta, mein Geheim­nis” von Maja Hjert­zell. Dir gefällt Ash­ley Her­ring Blakes Erzähl­stil? Dann greif noch zu ihrem ers­ten Buch “Lie­be ist wie Dra­chen­stei­gen”. Oder ihr drit­ter Roman, der im Eng­li­schen im Mai erschei­nen wird: “The girl made of stars”.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5030-1
Erscheinungsdatum: 18.Januar 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€ 
Seitenzahl: 352 
Übersetzer: Birgit Salzmann
Originaltitel: "How to make a wish" 
Originalverlag: Houghton Mifflin Harcourt

Amerikanisches Cover:
Ashley Herring Blake - Eine Handvoll Lila

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Ashley Herring Blake

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