Wie Boxen und Musik zusammenpassen kann (oder auch nicht;-)), das zeigt der norwegische Autor Arne Svingen in seinem Roman “Die Ballade von der gebrochenen Nase”. Er erzählt vom Erwachsenwerden, von Stärken und Schwächen und dem Mut, zu sich selbst zu stehen. Auf beschwingte und zugleich ernste Weise und mit viel Situationskomik. Ein kurzweiliges (192S.) und sehr schönes Buch! Besonders für Jungs ab 12 Jahren geeignet.
Norwegen. Seine Mutter hat den 12-jährigen Bart nach einer Figur aus den “Simpsons” benannt. Etwas Großes soll aus ihm werden. Und hart im Nehmen, das soll er am besten auch sein. Deshalb schickt seine Mutter, die zuweilen mal vergisst die Stromrechnungen zu bezahlen und ihr Geld vom Sozialamt bekommt, ihn auch zum Boxen. “Ich glaube, Mama hätte gerne einen Sohn, der härter im Nehmen ist. Deshalb gehe ich zum Boxen. Irgendwann wirst du mir dafür dankbar sein, dass du das gelernt hast, sagt Mama immer. Nicht, dass ich jemals Geldeintreiber oder Auftragskiller werden möchte, aber es kann doch sein, dass jemand vorhat, mich zum Krüppel zu schlagen. Und dann kann es ja sein, dass ich Mama dankbar bin. Es kommt ein bisschen darauf an, wer gewinnt.” (Zitat aus “Die Ballade von der gebrochenen Nase” S.12). Barts große Leidenschaft hingegen ist das
Singen von Opern. Allerdings kann er nur alleine auf der Toilette singen, ohne Publikum. Nicht mal vor seiner Mutter und seiner Oma bringt er einen Ton heraus. “Klar hab ich davon geträumt, auf einer Bühne zu stehen und Applaus und Jubel zu erleben. Dieses Gefühl ist vermutlich noch besser als fantastisch. Aber es wird nicht passieren. Das Schöne an mir ist, dass ich einfach hinnehme, dass sich im Leben eben nicht alles findet. Nur Trottel glauben, dass es gut ausgeht.” (Zitat S.34) Bart ist ein sehr genügsamer Mensch. So möchte er auch nicht, dass in der Schule jemand von seinem Hobby weiß. Der schönen Ada, die im Unterricht sitzt, erzählt er lieber, dass er Fotos von Massenmördern sammelt. So etwas ist viel cooler. Doch eines Tages findet sie das mit dem Singen heraus und als Bart ihr ausnahmsweise eine Tonaufnahme seiner Stimme ausleiht, plaudert sie sein Geheimnis aus. Das hat ungeahnte Folgen. Denn an der Schule soll ein Sommerfest mit einer Talentshow stattfinden, an dem die Klassen gegeneinander antreten. Der Lehrer ist ganz aus dem Häuschen, als er Barts Aufnahme hört. Und auch bei den anderen Schülern ist der sonstige nur mittelbeliebte Junge plötzlich gefragter. Er soll unbedingt an dem Wettbewerb teilnehmen! “Was glaubst du, wie die Antwort lautet, Bart?” fragte unser Lehrer in der nächsten Stunde vorn an der Tafel. “Äh”, fange ich an und weiß nicht mal, welches Fach gerade dran ist, “Ich hab eigentlich gerade vor
allem ans Singen gedacht”, sage ich dann. “Das ist gut so, Bart. Wirklich gut so. Mach nur weiter. Ich frag einfach jemand anderen.” (Zitat S.50). Aber dann erzählt Ada aus Versehen auch von ihrem Besuch bei Bart Zuhause. Dass er in einer Sozialwohnung lebt und seine Mutter übergewichtig ist. Jetzt ist mit einem Male sogar Bertram — der größte Außenseiter der Klasse, der auf dem Sommerfest rappen will — beliebter als Bart! Bart, der auf einmal gemobbt wird. Die Talentshow scheint seine einzige Chance zu sein, es allen zu zeigen. Aber wie soll er das bloß mit dem Singen machen? Wo er doch in Gesellschaft anderer keinen richtigen Ton herausbringt…?
“Die Ballade von der gebrochenen Nase” fällt sogleich durch sein Cover auf, das wirklich schön gemacht ist und vor allem sehr treffend im wahrsten Sinne des Wortes. Bart ist ein unheimlich sympathischer Charakter. Liebenswert, genügsam und sehr optimistisch. Das zeigt schon der erste Satz des Romans, als er beim Boxtraining einen Schlag ins Gesicht abbekommt: “Das macht doch nichts. So was passiert.” (Zitat S.5) Er zeigt sehr viel Verständnis. Für seinen Boxpartner (“Aber der Schmerz geht vorüber, und ich kann ja immer noch sehen.” (Zitat S.6)). Für Ada, als sie seine Geheimnisse ausplaudert (er kann ihr nicht wirklich böse sein). Und für seine Mutter, die manchmal vergisst etwas fürs Abendessen
mitzubringen und es dann nur Salzstangen oder Donats gibt. Oder auch wenn ein Herr plötzlich vor der Türe steht und einen Auftrag hat: “Ich muss leider bei euch den Strom abdrehen.” Es kommt vor, dass Mama mit den Rechnungen in Verzug gerät. Das kann doch allen mal passieren. […] “Sie hat das sicher einfach nur vergessen.” “Seit über einem Jahr?” (Zitat S.8/9) Bart berichtet in der Ich-Perspektive, erzählt dem Leser seine Geschichte, wenn er ihn auch nicht direkt anspricht, sondern Formulierungen wie “Jetzt denkt sicher irgendwer…” (Zitat S.13) “Jetzt glaubt sicher irgendwer, ich wäre…” (Zitat S.14) verwendet. Die Sätze sind recht einfach und schlicht gehalten. Manche Wahrheiten hält Bart durch seinen Erzählstil jedoch auch zurück. Beispielsweise spricht sein Trainer ihn eines Tages darauf an, ob denn das Boxen wirklich das Richtige für ihn sei. Und es kommt erst allmählich heraus, dass er mit der Verteidigung nun zwar schon so seine Erfahrungen hat aber das Schlagen selbst noch nie ausprobiert hat. Auch die Verhältnisse, in denen er mit seiner Mutter lebt, treten erst wirklich zum Vorschein, als Ada ihn zu Hause besucht: “Vermutlich hätte ich die Wohnung schon längst beschreiben sollen. Aber das hat sich irgendwie nicht so ergeben. Wir wohnen nicht in so einer Wohnung, die die Immobilienmakler als luxuriös bezeichnen. Mama und ich wohnen in einem Zimmer. Ich schlafe auf einem Schlafsofa und Mama auf einem normalen Sofa.” (Zitat S.55/56) Viel unterschwellige Ironie findet sich in “Die Ballade von der gebrochenen Nase”, es gibt viele Momente, in denen man echt Schmunzeln muss. Besonders die Botschaft des Romans hat mir gut gefallen: ein jeder hat sein eigenes Tempo, um sich an manche Dinge heranzuwagen. Ausdauer und Mut zu haben, am Ende zahlt es sich aus!
Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Buch!
Die wohl beste Alternative zu “Die Ballade von der gebrochenen Nase” ist der Roman von T.S. Easton “Ben Fletchers total geniale Maschen”. Auch hier hat die Hauptperson ein total ungewöhnliches Talent entdeckt: das Stricken, das es geheim zu halten gilt. Vor dem Vater gibt er lieber vor einen Töpferkurs zu besuchen. Ein Mädchen und ein Wettbewerb ändern jedoch alles… Sehr gut kann ich mir auch den Roman der französischen Bestsellerautorin Marie-Aude Murail vorstellen: “Über kurz oder lang”, über einen Jungen, der Talent fürs Haareschneiden hat und eine Laufbahn einschlägt, mit der niemand gerechnet hätte. Beide Romane sind ebenfalls sehr humorvoll geschrieben.
Bibliografische Angaben:Verlag: Boje ISBN: 978-3-414-82431-8 Erscheinungsdatum: 8.Oktober 2015 Einbandart: Hardcover Preis: 12,99€ Seitenzahl: 192 Übersetzer: Gabriele Haefs Originaltitel: "Sangen om en brukket nese" Originalverlag: Gyldendal Norwegisches Originalcover:
Schwedischer Trailer:
Kasimiras Bewertung:
(5 von 5 möglichen Punkten)
--------------------------------------------------------------------------------- Norwegisches Cover: Homepage von Arne Svingen

Verlag: Boje
ISBN: 978-3-414-82431-8
Erscheinungsdatum: 8.Oktober 2015
Einbandart: Hardcover
Preis: 12,99€
Seitenzahl: 192
Übersetzer: Gabriele Haefs
Originaltitel: "Sangen om en brukket nese"
Originalverlag: Gyldendal
Norwegisches Originalcover:
Schwedischer Trailer: