Antonia Michaelis — Tankstellenchips: Ein Heldenepos

Antonia Michaelis Tankstellenchips24.August 2018

Die deut­sche Autorin und Sprach­vir­tuo­sin Anto­nia Michae­lis hat wie­der ein neu­es Buch geschrie­ben: “Tank­stel­len­chips: Ein Hel­den­epos” und zeigt sich damit von einer ganz neu­en Sei­te. Ent­stan­den ist eine Som­mer­ge­schich­te mit Tief­gang; ein Road­mo­vie, bei dem man zwei Jungs quer durch Deutsch­land folgt und dabei unge­mei­nen Spaß hat. Ein Roman vol­ler Klug­heit, Iro­nie, Charme und Esprit. Für Fans von “Tschick” und alle ande­ren, die ein­fach rich­tig gut unter­hal­ten wer­den wol­len! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und für Erwach­se­ne.

Sie kom­men bei­de aus einem Heim. Der 8-jäh­ri­ge Davy aus einem Kin­der­heim, aus dem er abge­hau­en ist. Und der 18-jäh­ri­ge Shayan aus einem Flücht­lings­heim. Schon seit einem Jahr lebt der Ira­ner mit dem Drei-Tage­bart und dem Stroh­hut auf dem Kopf in Deutsch­land. Doch jetzt droht ihm die Abschie­bung und er will von Use­dom aus drin­gend nach Köln fah­ren, denn dort war­tet eine letz­te Hil­fe auf ihn: sei­ne Inter­net­be­kannt­schaft Lay­la, deren Vater Anwalt ist und der ihm viel­leicht noch hel­fen könn­te. Doch bevor er los­fah­ren kann, trifft Shayan, der nur Sean genannt wird, auf Davy. Sie beob­ach­ten bei­de zufäl­lig ein paar Kri­mi­nel­le beiAntonia Michaelis Tankstellenchips einem Ein­bruch in ein Feri­en­haus. “Die Schieb­tür stand offen, und von dem Glas fehl­te ein Stück — ein genau kreis­rund aus­ge­säg­tes, hand­tel­ler­gro­ßes Stück neben dem Griff. Die Deut­schen machen eben alles sehr ordent­lich. Selbst das Ein­bre­chen.” (Zitat S.13) Der uner­war­tet anwe­sen­de Besit­zer des Hau­ses wird dabei von den Böse­wich­ten ange­schos­sen und die bei­den Jungs eilen ihm zu Hil­fe. Um kurz danach selbst die Flucht zu ergrei­fen. Denn was — wenn sie selbst für die Täter gehal­ten wer­den? Also nimmt Sean den klei­nen Jun­gen, der sich nicht abschüt­teln lässt, kur­zer­hand mit in Rich­tung Köln. Davy will dort sei­nen Vater besu­chen, der ihn eigent­lich nicht haben will. “Er konn­te nicht rich­tig spre­chen, er konn­te nicht lesen, er konn­te auch nicht rech­nen: Als ein Typ mit einem Fün­fer bezahl­te und der Kaf­fee zwei Euro kos­te­te, sah Davy völ­lig rat­los aus. Aber da stand er, selbst­si­cher und fröh­lich, und auf eine komi­sche Art und Wei­se schien dort, wo er war, immer die Son­ne.” (Zitat S.82ff) Und bald erle­ben die bei­den Jungs die größ­ten Aben­teu­er. Sie rei­sen per Anhal­ter, mit der deut­schen Bahn, mit einem ech­ten Pferd und sogar per Heiß­luft­bal­lon. Denn auf ein­mal wird Sean poli­zei­lich gesucht: er hat sei­nen Aus­weis ver­lo­ren, Antonia Michaelis Tankstellenchipsaus­ge­rech­net am Tat­ort des Ein­bruchs — in dem Feri­en­haus, des­sen Besit­zer mitt­ler­wei­le den Fol­gen sei­ner Schuss­ver­let­zung erle­gen ist. Und nun wird er nicht nur des Mor­des bezeich­net, son­dern soll auch für eine gan­ze Rei­he an Ein­brü­chen auf Use­dom zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den! Dann sind ihnen auch noch die Kri­mi­nel­len dicht auf den Fer­sen, die die zwei Jungs unbe­dingt zum Schwei­gen brin­gen wol­len…

Anto­nia Michae­lis hat in “Tank­stel­len­chips: Ein Hel­den­epos” zwei ganz wun­der­ba­re Cha­rak­te­re geschaf­fen: Davy und Sean. Zwei Anti-Hel­den, die irgend­wie doch ein biss­chen hel­den­haft erschei­nen, die lie­bens­wert und sym­pa­thisch sind und die man ein­fach nur in sein Herz schlie­ßen kann! Wie sie von einem Fett­näpf­chen ins Nächs­te tre­ten und eine Spur der unfrei­wil­li­gen Zer­stö­rung durch das Land zie­hen, das liest sich mit unheim­lich viel Humor. Da wer­den schon mal ver­se­hent­lich Stie­re frei­ge­las­sen, die ein Erd­beer­feld zer­stö­ren oder es explo­diert eine Kaf­fee­ma­schi­ne beim Befül­len mit den fal­schen Boh­nen. Dazwi­schen immer wie­der Kühe, die an den unmög­lichs­ten Stel­len auf­tau­chen und für Cha­os sagen. Dies zeigt bereits der ers­te Satz des Buches, im “Kapi­tel 0”, mit dem der Roman star­teAntonia Michaelis Tankstellenchipst: “Der Anfang vom Ende beginnt damit, dass ich auf einem Auto­dach ste­he.” (Zitat S.7) Umringt von Kühen und das Poli­zei­au­to fährt bereits direkt auf die bei­den zu. Dann beginnt das Buch mit dem ers­ten Kapi­tel, das erzählt, was alles zuvor geschah. Und inter­es­san­ter­wei­se wird jedes Kapi­tel mit einem Gericht oder einem Lebens­mit­tel bezeich­net (z.B. “Erd­bee­ren”, “Wurst­gu­lasch” oder “Roh­kotz­sa­lat”). Erzählt wird die Geschich­te aus Sean’s Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve, der am liebs­ten der Held eines Films wäre und sich man­che Din­ge, die er erlebt als Teil einer Film­sze­ne vor­stellt, die sei­ne Fami­lie daheim — auf dem Sofa sit­zend und mit Knab­be­rei­en in der Hand — gera­de ansieht. Von sei­nem Vater wird er für einen Ver­sa­ger gehal­ten, dabei möch­te er doch ein­fach nur ein Held sein und ein­mal alles rich­tig machen. Und so ent­ste­hen für den Leser manch köst­li­che Sze­nen, bei denen Sean zum Bei­spiel am Ticket­schal­ter der Deut­schen Bahn um ein Ticket feilscht oder in einem Café mit per­si­schem Tee dafür sorgt, dass die Men­schen an den Tischen plötz­lich zusam­men­rü­cken. Neben jeder Men­ge Lokal­ko­lo­rit und vie­len Städ­ten, die bereist und deren Sehens­wür­dig­kei­ten erwähnt wer­den, tau­chen auch immer wie­der Cha­rak­te­ri­sie­run­gen der Deut­schen auf: “Es gibt immer Fahr­rad­stän­der. […] Das liegt am Antonia Michaelis Tankstellenchipsöko­lo­gi­schen Gewis­sen der Men­schen hier. Wenn die Deut­schen Fahr­rad­stän­der sehen, haben sie das Gefühl, sie könn­ten theo­re­tisch mit dem Fahr­rad gekom­men sein und so den welt­wei­ten CO₂-Aus­stoß ver­rin­gert haben, und dann sind sie glück­lich.” (Zitat S.19) und “Sand­wi­ches hei­ßen in Deutsch­land Stul­le und sind aus dunk­lem Brot vol­ler Kör­ner. Wenn man es kaut, ist es, als wür­de man in einen Kies­weg bei­ßen.” (Zitat S.34) Mit schlich­ter, bestechen­der Klug­heit zeich­net Anto­nia Michae­lis das Bild der Deut­schen, wie es von einem Lan­des­frem­den wahr­ge­nom­men wer­den könn­te und trifft den Nagel zuwei­len direkt auf den Kopf: ..in Deutsch­land gibt es bei­na­he alles tief­ge­kühlt, man muss es nur auf­tau­en: Piz­za, fri­sche Him­bee­ren, gan­ze Reis­ge­rich­te. Scha­de, dass es kei­ne Zeit gibt, die man ein­frie­ren kann, die könn­ten die ewig gehetz­ten Deut­schen sich kau­fen und bei Bedarf her­aus­ho­len und in die Mikro­wel­le stel­len.” (Zitat S.79) Jedoch bekom­men zum Bei­spiel auch die Japa­ner ihr Fett weg: “Auf dem Dom­platz stan­den Japa­ner und foto­gra­fier­ten sich mit Sel­fie-Sticks, alle ein­zeln, obwohl es beque­mer gewe­sen wäre, sich gegen­sei­tig zu foto­gra­fie­ren.” (Zitat S.172) Eine sprach­li­che Beson­der­heit ist auch, dass Davy einen Sprach­feh­ler hat und manch gram­ma­ti­ka­lisAntonia Michaelis Tankstellenchipsch unkor­rek­te Sät­ze von sich gibt, die ihn aber umso sym­pa­thi­scher machen. Und dass Sean eben­falls mit der deut­schen Spra­che noch so eini­ge Schwie­rig­kei­ten hat und so viel Situa­ti­ons­ko­mik ent­steht: “Sie ist mei­ne Bru­der!” “Sie ist für Mäd­chen!”, schnaub­te ein ande­rer. […] “Sie ist für Sachen mit -in”, knurr­te Pavel stör­risch. “Okay, okay”, lenk­te ich ein. “Sie ist mei­ne Bru­derin.” (Zitat S.51ff) War­um Sean übri­gens aus dem Iran geflüch­tet ist, das erfährt man erst nach und nach. Am liebs­ten wür­de er hier­zu einen Hel­den­ge­schich­te erfin­den, aber die gibt es nicht. Dafür jede Men­ge Andeu­tun­gen zu dem, was gesche­hen ist und einem Geheim­nis, das erst am Ende gelüf­tet wird. Der Aus­gang des Buches: pas­send und schön.

Fazit: Herz­er­wär­mend und höchst amü­sant!

PS: Ein Blick unter den Ein­band offen­bart eine beson­de­re Über­ra­schung;-)

Du magst Road­mo­vies? Davon gibt es jede Men­ge im Jugend­buch. Allen vor­an natür­lich das bekann­te “Tschick” von Wolf­gang Herrn­dorf. Etwas skur­ri­ler sind auch “Abge­fah­ren” von Dirk Pope und “Der Som­mer, in dem ich die Bie­nen ret­te­te” von Robin Ste­ven­son. Oder lies Die ers­te Lie­be (nach 19 ver­geb­li­chen Ver­su­chen)” von Best­sel­ler­au­tor John Green. Den Peter-Härt­ling-Preis 2017 erhal­ten hat Strom auf der Tape­te” von Ada Badey und Clau­dia Kühn. Rich­tig klas­se fand ich auch die zwei Road­mo­vies “Die Köni­gin­nen der Würst­chen” von Clé­men­ti­ne Beau­vais und “Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se, die bei­de in Frank­reich spie­len. Natür­lich kannst du auch noch alle ande­ren Jugend­bü­cher von Anto­nia Michae­lis lesen, die wirk­lich rich­tig tol­le Bücher schreibt und davon unzäh­li­ge geschrie­ben hat. Hier ihre Jugend­bü­cher chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wun­der­li­che Rei­se von Oli­ver und Twist” (2003), “Mor­gen­stern” (2004), “Das Adop­tiv­zim­mer” (2004), “Tiger­mond” (2005), “Das Geheim­nis des 12.Kontinents” (2007),  “Lau­ra und der Sil­ber­wolf” (2007), “Dra­che der Fins­ter­nis” (2008), “Die Nacht der gefan­ge­nen Träu­me” (2008), “Jen­seits der Fins­ter­bach­brü­cke” (2009),“Wenn der Wind­mann kommt” (2009), Die gehei­me Rei­se der Mari­po­sa” (2010), “Der Mär­chen­er­zäh­ler” (2011), “Wolfs­gar­ten” (2011), “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” (2011), “Solan­ge die Nach­ti­gall singt” (2012), “Nash­ville oder Das Wolfs­spiel” (2013), “Nie­mand liebt Novem­ber” (2014), “Das Blau­beer­haus” (2015), “Die Atten­tä­ter” (2016) und “Grenz­land­ta­ge” (zusam­men mit Peer Mar­tin, 2016), “Wind und der gehei­me Som­mer” (2018). 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7891-0918-8
Erscheinungsdatum: 23.Juli 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 18,00€ 
Seitenzahl: 368 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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