Antonia Michaelis: Paradies für alle

Antonia Michaelis Paradies für alle3.August 2015

Die bekann­te, deut­sche Kin­der- und Jugend­buch­au­torin Anto­nia Michae­lis hat 2013 ihren ers­ten Roman in einem bel­le­tris­ti­schen Ver­lag vor­ge­legt, der jetzt frisch als Taschen­buch erschie­nen ist: “Para­dies für alle” beschäf­tigt sich mit Unge­rech­tig­keit, Ver­gäng­lich­keit und der außer­ge­wöhn­li­chen Visi­on eines Kin­des: dem Wunsch nach einem Para­dies. Ein unheim­lich ergrei­fen­des, phi­lo­so­phi­sches Buch, vol­ler Atmo­sphä­re und einer schö­nen, beson­de­ren Spra­che. Abso­lu­ter Lese­tipp!! Für Erwa­che­ne und Jugend­li­che ab 16.

Der 9-jäh­ri­ge David ist nach der Schu­le nicht nach Hau­se gekom­men. Viel­leicht ist er noch bei Freun­den, ver­mu­tet sei­ne Mut­ter Lovis, eine Künst­le­rin, die sich in letz­ter Zeit nicht all­zu viel um ihn küm­mern konn­te, weil sie eine Aus­stel­lung vor­be­rei­tet. Ihr Mann ist Arzt in einer Kli­nik und meis­tens erst spät zu Hau­se. Nach­dem alle Freun­de durch­t­e­le­fo­niert sind und auch die Poli­zei ein­ge­schal­ten wur­de, kommt spät abends plötz­lich der Anruf: David liegt nach einem Fron­tal­zu­sam­men­stoß mit einem Auto im Kran­ken­haus. Der Unfall ereig­ne­te sich jedoch auf der Auto­bahn! Was hat er dort gewollt? Jetzt liegt er mit schwe­ren Ver­let­zun­gen im Koma und nie­mand weiß, ob er jemals wie­der auf­wa­chen wird. Lovis beschließt her­aus­zu­fin­den, was in ihrem Sohn vor sich gegan­gen ist und fin­det eine geheim­nis­vol­le Klad­de unter Davids Bett. Dar­in sein Werk­statt­be­richt über ein beson­de­res Pro­jekt. Denn David war dabei ein Para­dies zu schaf­fen. Lovis beschließt den Plan ihres Soh­nes zu voll­enden…

Para­dies für alle” wird kom­plett aus der Per­spek­ti­ve der Mut­ter erzählt. Hier­bei spricht Lovis den Leser zwi­schen­zeit­lich auch direkt an, sie erzählt ihm ihre Geschich­te. Die fein gezeich­ne­ten Cha­rak­te­re sind hier­bei ein beson­de­res Merk­mal. David wird — obwohl man ihn nie “live” erlebt — durch die Schil­de­run­gen sei­ner Mut­ter und sei­nen eige­nen Werk­statt­be­richt leben­dig: ein klei­ner, hoch­in­tel­li­gen­ter Jun­ge, der sich selbst Latein und Japa­nisch bei­gebracht hat und zuwei­len wis­sen­schaft­li­che Tex­te liest. Mit gro­ßer Freu­de wid­met er sich selbst aus­ge­dach­ten Pro­jek­ten und wirkt wie ein zer­streu­ter Pro­fes­sor mit der Vor­lie­be Fremd­wör­ter zu ver­wen­den, die er jedoch meis­tens mit­ein­an­der ver­wech­selt. In der Schu­le haben sie sich mit Welt­re­li­gio­nen beschäf­tigt und so macht sich David mit sei­ner Freun­din Lot­ta, die ihn gera­de­zu anhim­melt, Gedan­ken über das Para­dies. Antonia Michaelis Paradies für alleWas gehört dazu? Wie macht man ande­re Men­schen glück­lich? War­um gibt es das Leid? Was ist das Böse? Und war­um ist es manch­mal so schwer zwi­schen Gut und Böse zu unter­schei­den? Gibt es einen Gott? Die­se phi­lo­so­phi­schen Grund­über­le­gun­gen gera­de aus der nai­ven Sicht eines Kin­des mit­ver­fol­gen zu kön­nen, macht den beson­de­ren Reiz die­ser Geschich­te aus. Die Erleb­nis­se des Soh­nes eröff­nen sich der Mut­ter und dem Leser erst nach und nach. Denn David hat die mit Schreib­ma­schi­ne getipp­ten Abschnit­te sei­nes Berich­tes auf unter­schied­li­che Wei­se ver­schlüs­selt. Mit ein­ge­bun­den sind klei­ne Zeich­nun­gen und Fotos. Somit wech­selt sich das Erle­ben der Mut­ter in der Jetzt-Zeit mit den ver­gan­ge­nen Gescheh­nis­sen des Soh­nes ab. Lovis reka­pi­tu­liert gleich­zei­tig die Bezie­hung zu ihrem Sohn, aber auch die zu ihrem Mann. Und sie muss sich ein­ge­ste­hen, dass da eine Mau­er ent­stan­den ist zwi­schen ihr und der Außen­welt. Nur die klei­ne Lot­te, Davids treus­te, aber sehr schweig­sa­me Freun­din, schafft es selt­sa­mer­wei­se die­se zu über­win­den. Die Spra­che in “Para­dies für alle” ist sehr klar und zugleich beson­ders inten­siv. Anto­nia Michae­lis erzeugt beim Schrei­ben eine beson­de­re Atmo­sphä­re, die den Leser an Gefüh­len wie Trau­rig­keit, Ernüch­te­rung, Hoff­nung und dem Glau­ben an eine bes­se­re Welt teil­ha­ben lässt. Ein para­die­si­sches Buch! Eine Geschich­te, die noch lan­ge nach­wirkt…

Dir gefällt die­ses Buch? Von Anto­nia Michae­lis gibt es noch den Mär­chen­er­zäh­ler”, der letz­tes Jahr von den Jugend­li­chen selbst für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de. Die­ses Buch ist eben­so wie Solan­ge die Nach­ti­gall singt” ab 1516 zu emp­feh­len und für LesealternativenErwach­se­ne eben­so geeig­net. Toll, aber noch nicht ganz so bekannt ist auch Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin”, ein Roman über Gewalt, eine beson­de­re Freund­schaft und die Macht der Wör­ter. Oder ihr neu­es­te Werk Nie­mand liebt Novem­ber”.
Ein bezau­bern­des Buch über einen klei­nen Jun­gen ist Wun­der” von Raquel J. Pala­cio (für Erwach­se­ne und Jugend­li­che; Deut­scher Jugend­li­te­ra­tur­preis 2014, gewählt von den Jugend­li­chen selbst!). “Wun­der­voll” geht es auch bei “Schwa­nen­mäd­chen” von Lucy Chris­to­pher zu. Dir gefal­len Roma­ne, die ein wenig phi­lo­so­phisch sind? Dann lies das bekann­te Sophies Welt” von Jostein Gaar­der oder Min­ous Geschich­te” von Met­te Jakobsen. Oder reli­gi­ös geprägt: The­os Rei­se” von Cathe­ri­ne Clé­ment. Ein sehr beein­dru­cken­des Buch über ein Kind, das Gerech­tig­keit üben will (ähn­lich wie David) und dies vol­ler Selbst­lo­sig­keit tut, ist 33 Cent — um ein Leben zu ret­ten” von Lou­is Jen­sen.
Mich per­sön­lich hat die Zeich­nung des Cha­rak­ters und das gelun­ge­ne Hin­ein­ver­set­zen in die Haupt­fi­gur auch ein wenig an die Roma­ne von Jodi Picoult erin­nert, die sich eben­falls mit stets außer­ge­wöhn­li­chen The­men zu befas­sen weiß.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Droemer Knaur 
ISBN: 978-3-426-21367-4
Erscheinungsdatum: 3.August 2015
Einbandart: Broschur
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 480
Übersetzer: -
Originaltitel: "Paradies für alle"
Originalverlag: Droemer Knaur

Deutsches Originalcover:
Antonia Michaelis Paradies für alle












Trailer zum Buch:

Kasimiras Bewertung:

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