Passend zur Jahreszeit gibt es von der deutschen Autorin Antonia Michaelis ein neues Buch. Ein Mysterythriller mit herbstlich-winterlichen Vibes, der auf eine einsame Hütte in den Bergen entführt. Dorthin flüchtet Jespers Mutter, um ihr Burnout zu überwinden und ihr Sohn begleitet sie. Der Bergführer, der sie zur Hütte bringt, warnt sie davor, die Wege im Wald zu verlassen. Jesper begegnet nicht nur einem sonderbaren alten Mann dort in der Wildnis, den die Leute im Tal nur den “Hexer” nennen, und um den sich unheilvolle Legenden ranken, sondern auch der gleichaltrigen Erle, die ebenfalls in der Einsamkeit der Natur zu leben scheint. Jesper ist von ihr fasziniert, doch Erle fordert sie auf, lieber zurück ins Tal zu gehen, ehe es zu spät sei. Blutige Spuren im Wald. Ihre Handys, die plötzlich verschwunden sind. Zu viele Gräber im Wald, wie Erle sagt. Bald erfährt Jesper von einem ungelösten Todesfall in den Bergen… Geheimnisvoll, atmosphärisch und sprachgewaltig. Von einer Autorin, die einfach richtig gut erzählen kann! Bestes Lesefutter für den Herbst. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Der 17-jährige Jesper macht sich Sorgen um seine Mutter Lisa. “Die Stadt und der Puls der Zeit hatten Lisa aufgefressen. Sie arbeitete viel zu viel.” (Zitat aus “Never Leave the Path” S.14) Sie ist Architektin und völlig überarbeitet, kann einfach nicht mehr und ist völlig ausgebrannt. Deshalb bucht sie kurzerhand eine Hütte in den Bergen, um endlich einmal abzuschalten. “Sie hatte sich immer nur um ihre Zeichnungen, ihre Häuser, ihre Konferenzen gekümmert. Jetzt sah sie aus, als würde sie sich demnächst auflösen. Verbraucht.
Allein? Im Wald, in den Bergen? Keine Chance. Buchungsbestätigung, Hütte Abendschein, eine Person. “Zwei Personen”, sagte Jesper.” (Zitat S.16) Doch Jesper begleitet sie. Er kann sie auf keinen Fall alleine lassen, will auf sie aufpassen. Schwarzbuch, der Besitzer der Hütte, holt sie im Dorf ab und führt sie kilometerweit in die absolute Einöde. Auf einen Berg, in eine Hütte, in der es nicht einmal Strom gibt. “Hier war alles anders. Ursprünglich. Die einen lebten, die anderen starben. Wer Wärme wollte, musste Feuer machen, wer sich waschen wollte, musste Wasser holen. Keine Mikrowelle, kein Durchlauferhitzer, nichts geschah auf Knopfdruck, nichts war digital. Und kein künstliches Licht zerbrach die Dunkelheit.” (Zitat S.34) In ein paar Tagen will Schwarzbuch wiederkommen, um ihnen noch ein paar Lebensmittel zu bringen. In der Hütte hängen Nägel an den Wänden, aber keine Bilder. Sie wurden alle wieder abgehängt, weil sie den letzten Gästen nicht gefielen. Zeic
hnungen mit Pflanzen, auf denen immer ein schwarzer Schatten zu sehen ist. “Hier ist er auch. Und hier. Er ist auf allen Bildern. Ein Mann, der sich verbirgt. Man sieht ihn nie wirklich, man ahnt ihn nur. Er trägt einen schwarzen Mantel. Sind Sie das?” “Ich? Nein!” Schwarzbuch lachte. “Dachten Sie das? Nein, nein. Wenn überhaupt jemand auf den Bildern ist… was auch Einbildung sein kann…” Er sprach jetzt leiser. “.…dann ist es der Hexer vom Berg. Eine alte Geschichte, die man sich im Dorf erzählt. Ein Märchen. Aber ein dunkles.” (Zitat S.41) Kurz darauf trifft Jesper tatsächlich im Wald einen älteren Mann, der sich höchst merkwürdig verhält. Ist er der “Hexer”? Und dann begegnet Jesper noch einer weiteren Person. Einem Mädchen, genauso alt wie er. Sie heißt Erle und scheint ebenfalls völlig zurückgezogen in der Wildnis zu leben. “Niemand folgte ihr. Niemand durfte ihr folgen. Wir leben zwischen den Zeilen, hatte er gesagt, und niema
nd darf je von uns wissen.” (Zitat S.12) Jesper ist fasziniert von ihr. Kommt ihr allmählich näher. Doch während Schwarzbuch sie nur davor warnte, die Wege im Wald zu verlassen, wird Erle deutlicher: “Ich muss gehen”, wisperte sie. “Und du auch. Ihr. Es ist nicht gut für euch hier oben. Wenn deine Mutter wiederauftaucht, nimm sie mit und geh! Runter ins Tal. Bevor der Winter kommt. Bevor… etwas passiert.” (Zitat S.113) Was ist in dem Wald geschehen? Warum will Erle, dass sie gehen? Bald erfährt Jesper von einem Todesfall in den Bergen. Eine junge Frau wurde vor vielen Jahren tot in einer Schlucht aufgefunden und der Fall konnte nie aufgeklärt werden…
Das Cover sieht schön düster und faszinierend aus. Passend zum Setting der Geschichte. Das Buch wird in mehreren Teilen erzählt und hauptsächlich aus Jespers Perspektive. Aber zuweilen kommt auch Erle zu Wort. Beide berichten in personaler
Erzählweise. Gerade Erles Gedankengänge mitzuerleben, gibt immer mehr Einblick in ihr außergewöhnliches Leben in der Wildnis. “Es waren wieder welche da. Gewöhnlich mied sie dann eine Weile die Gegend um die Hütte, aber in letzter Zeit war sie ein paarmal in der Nähe geblieben. Die Welt da unten faszinierte sie und stieß sie gleichermaßen ab. Sie wusste, dass sie nicht dort sein durfte, wo die Wege waren, dass sie möglichst weit davon entfernt sein sollte, um nicht das kleinste Risiko einzugehen, dass jemand sie sah.” (Zitat S.37) Denn eigentlich vermeidet sie den Kontakt zu anderen. Merkt aber bei Jesper schnell, dass er anders ist. “Ja, er war anders als die anderen, sie spürte es. Er war einer, der die Wege verlassen würde. Er würde zu tief in den Wald vordringen, würde zu viel wissen wollen.” (Zitat S.38) Eine Slow-Burn-Romance entwickelt sich zwischen den beiden. “Verschwinde, bevor es zu spät ist”, wisperte sie noch einmal. Sie lachte sich selber aus. Es war längst zu spät. Sie fühlte. Etwas, das sie
noch nie gefühlt hatte. Und es tat jetzt schon weh.” (Zitat S.39) Jedoch finden sich auch ein paar philosophische Untertöne in der Geschichte, vor allem zu Beginn, als Lisa Burnout näher thematisiert wird und sich Jesper Gedanken über das Alleinsein in der Gesellschaft, das Funktionieren, den Zeitdruck macht. “All die Menschen dort unten waren allein, rannten zu ihren Terminen, in ihre Büros, telefonierten im Gehen mit anderen Menschen, die ebenfalls allein waren; sie alle waren Sklaven von Uhrzeiten, von Bildschirmen, von Terminkalendern. Das Ganze drehte sich um sich selbst, gab keinen Sinn: Die Menschen wurden geboren, um zu Terminen zu rennen, bekamen Kinder, an bestimmten Terminen, und die Kinder rannten wieder zu Terminen, aber wozu?” (Zitat S.14) Dazu bildet die Idylle im Wald einen ziemlichen Bruch. Doch die Idylle trügt. Undurchdringliche Nebelschwaden; Handys, die plötzlich verschwinden; dazu die Abgeschiedenheit und der bald einsetzende Schnee — der pe
rfekte Nährboden für unheimliche Begegnungen und dunkle Geheimnisse, die ans Licht zu geraten drohen. Auch sprachlich zeigt “Never Leave the Path” genau das, was Antonia Michaelis’ Bücher so besonders macht: eine ausdrucksstarke, poetische und bildgewaltige Sprache, die immer wieder ein echter Genuss ist. Die Autorin ist eine Wortkünstlerin und verfügt über eine ganz eigene, wiedererkennbare Satzmelodie. Selbst für scheinbar nebensächliche Beobachtungen findet sie höchst treffende und eindringliche Bilder. “Der Bus mit der Nummer 13 war beinahe leer, der Markt ein Karree aus Kopfsteinpflaster zwischen alten grauen Häusern. Ein paar Autos parkten dort, eine verlorene Taube ging über die Pflastersteine und sah nach Regen aus.” (Zitat S.18) Gerade solche Beschreibungen verleihen der Geschichte ihren ganz eigenen Ton. Gleichzeitig spielt Michaelis immer wieder mit den verschiedenen Realitäten und lässt die Grenzen zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen. Gerade wenn
man glaubt, die Geschichte durchschaut zu haben, ist plötzlich doch alles ganz anders. Und was hat es mit Erle und ihrer besonderen Verbindung zum Wetter auf sich? Dadurch bekommt das Buch etwas Geheimnisvolles, Mystisches und stellenweise beinahe Märchenhaftes. “Sie hielt Schneestürme an. Manchmal war sie ihm unheimlich. Vielleicht würde er nie erfahren, wie viele Gräber es gab hier oben im Wald. Aber vielleicht war die Vergangenheit unwichtig. Und auch die Wahrheit. Es war nur der Moment, der zählte.” (Zitat S.242) Zum Ende hin wird es noch einmal schön dramatisch, bevor der Thriller einen überzeugenden und glaubwürdigen* Abschluss findet.
* Achtung Spoiler: bis auf Erles Wandlung am Ende von Töten zu Mitgehen, fand ich etwas zu schlagartig.
Antonia Michaelis schrieb zahlreiche Bücher für Jugendliche, hier chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wunderliche Reise von Oliver und Twist” (2003), “Morgenstern” (2004), “Das Adoptivzimmer” (2004), “Tigermond” (2005), “Das Ge
heimnis des 12.Kontinents” (2007), “Laura und der Silberwolf” (2007), “Drache der Finsternis” (2008), “Die Nacht der gefangenen Träume” (2008, toll!), “Jenseits der Finsterbachbrücke” (2009), “Wenn der Windmann kommt” (2009), “Die geheime Reise der Mariposa” (2010), “Der Märchenerzähler” (2011, eines ihrer besten Bücher!), “Wolfsgarten” (2011), “Die Worte der weißen Königin” (2011, gefiel mir auch gut), “Solange die Nachtigall singt” (2012, grandios), “Nashville oder Das Wolfsspiel” (2013, etwas schwächer), “Niemand liebt November” (2014, okay), “Das Blaubeerhaus” (2015), “Die Attentäter” (2016, klasse!), “Wind und der geheime Sommer” (2018), “Tankstellenchips — Ein Heldenepos” (2018), “Hexenlied” (2019, faszinierend), “Der Koffer der tausend Zauber” (2020), “Manchmal muss man Pferde stehlen” (2022), “Weil wir träumten” (2022, toll!), “Im Schatten des Märchenerzählers” (2022, gelungen!), “Die Bucht des blauen Oktopus” (2023), “Scheißglitzertage” (2023), “Enia und der Regenzauber” (2024, zauberhaft!). Gemeinsam mit Peer Martin schrieb sie außerdem “Grenzlandtage” (2016) und “Tomorrow Land” (2025, bewegend und wichtig!). Du möchtest noch andere Romane lesen mit ein wenig Gruselatmosphäre, passend zur Jahreszeit? Dann greif zu unbedingt zu den Büchern von C.G. Drews: “Hazelthorn” und “Don’t Let the Forest in”. Oder die Neuerscheinung “And the River Drags her Down” von Jihyun Yun.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0703-4 Erscheinungsdatum: 11.September 2026 Einbandart: Broschur Preis: 18,00€ Seitenzahl: 384
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Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0703-4
Erscheinungsdatum: 11.September 2026
Einbandart: Broschur
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 384
