Dass es von dem Bestseller “Der Märchenerzähler” eine Fortsetzung geben würde, damit hätte ich niemals gerechnet. Doch hier ist sie: “Im Schatten des Märchenerzählers”, geschrieben von der deutschen Autorin Antonia Michaelis. Diesmal steht Abels Sohn Elias im Mittelpunkt der Geschichte. Er beobachtet seine Mutter, wie sie Briefe schreibt, an Abels Grab deponiert und auch welche erhält. Lebt sein Vater etwa doch noch? Dann taucht plötzlich wieder ein neues Märchen auf und es gibt den ersten Toten… Sprachgewaltig und geheimnisvoll — dieses Buch übt eine große Faszination aus und zieht seine Leser erneut in einen Bann. Von einer Meisterin des Erzählens. Eine Liebesgeschichte, ein Märchen, ein Thriller und so viel mehr. Brillante, anspruchsvolle Literatur für Leser ab 16 Jahren und Erwachsene, die bereit sind sich auf außergewöhnliche Geschichten einzulassen.
Der 17-jährige Elias hat seinen Vater Abel nie kennengelernt. “Sein Vater hatte Märchen erzählt. Aber manche Märchen waren zu traurig. Er war so alt gewesen wie Elias jetzt, als er sich das Leben genommen hatte. Er hatte nichts von Elias Existenz gewusst.” (Zitat S.15) Mit Abels Schwester Micha, die seine Tante ist, ist Elias wie mit einer Schwester zusammen aufgewachsen. Die beiden haben sich am Strand verabredet, wollen zusammen spazieren gehen. Elias, der einen Hund hat, der wie ein Wolf aussieht, ist zu früh dran und gerät in einen
Sturm. “Der verdammte Sturm war zu stark, er kam nicht voran, kämpfte sich mit gesenktem Kopf vorwärts. Die Wellen waren grau jetzt, der Tag verschwunden unter einem Mantel aus zu früher Nacht, Blitze zuckten übers Meer. Der Hund drückte sich zitternd gegen Elias’ Beine. In der Luft war der Geruch von Elektrizität.” (Zitat aus “Im Schatten des Märchenerzählers” S.16) Elias sucht Schutz in einer Bodensenke und wird von einem umfallenden Baum dort festgehalten. Doch ein unbekanntes Mädchen, das ein Kind dabei hat, rettet ihn. Ehe er sich jedoch bei ihr bedanken kann, ist sie verschwunden. Aber Elias hat sie gefilmt. Zufällig. Er liebt es Gitarre zu spielen und kleine Filme zu drehen, will später auf die Filmhochschule gehen. “Die Filme waren so eine Sache; er hatte immer schon Dinge gesehen, die andere Menschen nicht sahen, winzige Dinge, schöne
Dinge, Ausschnitte. Manchmal auch schlimme Dinge.” (Zitat S.14) Auch von dem Sturm hat er einen Film gedreht, den seine Tante ohne sein Wissen bei einem Wettbewerb einreicht. Er gewinnt ihn. Gibt ein Interview und wird sogar mit Foto in der Zeitung veröffentlicht. Ein Lehrer an seiner Schule ist fast schockiert, wie ähnlich Elias darauf seinem Vater sieht. Und er warnt Elias eindringlich. “Sie… haben seine Gene. Das ist eine gewisse Gefahr. Aber es ist an Ihnen, zu wählen, was Sie sein wollen. […] Ich… weiß nicht, wie viel Sie wissen. Über Ihren Vater.” (Zitat S.35) Plötzlich bemerkt Elias, das seine Mutter Anna ihm etwas verschweigt. Sie schreibt Briefe, obwohl sie angeblich montags immer in die Bücherei geht, und deponiert diese an Abels Grab in einer Kiste. Und sie erhält ebenfalls welche. Die Zustellerin i
st niemand Geringeres als das Mädchen, das Elias in dem Sturm gerettet hat. Von wem hat sie diese Briefe? “Was, wenn sie ihn belogen hatten, Anna, Micha, Magnus, Linda, all die Jahre? Vielleicht hatten sie gelogen, um ihn zu schützen?” (Zitat S.53) Was, wenn Abel tatsächlich noch lebt? Unweigerlich kommt Elias dem unbekannten Mädchen näher, um genau das herauszufinden. Doch auch sie hat etwas zu verbergen…
Das Cover ist perfekt gestaltet und passt genau zum Buch, erinnert vom Design her auch an den ersten Band. Der Roman startet mit einem englischen Liedtext und einem Prolog, der äußerst mysteriös ist. Ein Unbekannter, der seltsam benebelt wirkt, agiert dort: “Der Schal will sich nicht von dem Hals trennen, er nimmt die Zähne, wie ein Tier, arbeitet fieberhaft, und dann ist sie
frei, und er zieht sie hoch, aber sie regt sich noch immer nicht. Sie ist wie eine Puppe, und die Schuld ist so eisig wie tausend Winter. Er hat sie kaputt gemacht.” (Zitat S.10) Das Buch ist in personaler Erzählweise geschrieben und hauptsächlich aus Elias Sicht. Bereits der erste Satz des Hauptteils klingt wohltuend und wie ein “Nachhausekommen”: “Der Tag, an dem Elias das Märchen fand, war der erste wirklich goldene Tag des Herbstes.” (Zitat S.13) Man kann die Geschichte rein theoretisch auch lesen, ohne den ersten Teil zu kennen, wird durch die vergangenen Details geführt, so dass sich einem vieles erschließt. “Es waren drei Morde. Drei Menschen. Rainer Liersky, Sören Marinke und der Knaake, sein Lehrer. Aber Knaake hat überlebt, er hat ihn selbst gerettet. Und ja, ich weiß, womit er nachts sein Geld verdient hat, ich kenne die ganze bescheuerte, tr
agische Geschichte, wir haben keine Geheimnisse zu Hause.” (Zitat S.32) Aber natürlich ist es einfacher, man kennt die Vorgeschichte. Das Wiedersehen mit den Figuren aus “Der Märchenerzähler” ist sehr faszinierend. Besonders mitzubekommen, was aus ihnen geworden ist, wie die vergangene Zeit sie geprägt hat. Micha hat angefangen Medizin zu studieren, will in die Pathologie. Anna hilft in einem Jugendzentrum aus, um Jugendliche, die in ähnlichen Verhältnissen wie Abel einst aufgewachsen sind, zu fördern. Was an den Romanen von Antonia Michaelis aber immer wieder absolut brillant ist, das ist ihre Art zu schreiben. Ihre atmosphärische Sprache, mit der sie Situationen einfängt, so wie zum Beispiel diese: “Es war ein windiger Tag, ein Tag voller zerrissener graublauer Wolken, und vor dem Himmel wirbelte das Gold. Fetzen, Scherben, Blattgold: Gold
blätter. Die Luft war voll davon. Sie hatten Sturm angesagt. Er mochte Sturm.” (Zitat S.13) Dazu das Spiel mit mehreren Ebenen, die Symbolgewaltigkeit und das Verweben von inhaltlichen Elementen und sprachlicher Raffinesse, das beherrscht die Autorin einfach tadellos. Die Geschichte ist anspruchsvoll, keine Frage. Wunderschön und erbarmungslos zugleich: “Liebe geht am Ende immer schief. Anna hat geliebt, und es ist schiefgegangen. Liebe ist kein rosa Zuckerwölkchen, das man auf Instagram postet. Liebe ist etwas Großes und Schreckliches, sie frisst dich auf, foltert dich, ist grausam.” (Zitat S.22) Dass Elias sich verlieben wird, das ahnt man bereits. Dass er nicht ruhen wird, bis er auf die Fragen nach seinem Vater eine Antwort finden wird, ebenfalls. Lebt er wirklich noch? Kann man einen Schuss in den Kopf überleben? Und wer ist der Unbekannte, der Micha seit einiger Zeit folgt? “I
ch bin mir nicht mal sicher, dass es ein Mensch ist. Manchmal denke ich, es ist ein Tier. Ein Wolf. Ich sehe ihn schon seit Langem. Seitdem ich alleine in den Wald komme.” (Zitat S.24) Als dann auch noch ein Märchen auftaucht, das in den Briefen an Anna enthalten ist, schließt sich der Kreis und das große Rätselraten beginnt, ebenso wie in “Der Märchenerzähler”. Wer steckt diesmal hinter den Figuren? “Im Schatten des Märchenerzählers” bleibt geheimnisvoll, aufregend und spannungsgeladen und entführt seine Leser wieder einmal in eine andere (grausame) Welt, in der Fantasie und Realität miteinander verschmelzen. Welches Ende wird die Geschichte diesmal haben? Das wird man erst am Ende unweigerlich herausfinden. Die Altersempfehlung ab 16 Jahren ist gerechtfertigt, denn es werden wieder hochbrisante, heftige Themen angeschnitten, auf die eine Triggerwarnung zu Beginn ebenso aufmerksam macht. Während es zwischendrin manchmal fast etwas zu verworren und geheimnisvoll wird, steigert sich die Spannung am Schluss des Buches unaufhaltsam und man möchte “Im Schatten des Märchenerzählers” eigentlich kaum mehr aus den Händen legen. Manche Wendung am Ende habe ich tatsächlich schon erahnt, aber überraschend und gelungen ist es auf jeden Fall.
Dir gefällt Antonia Michaelis Art zu schreiben? Dann lies noch alle anderen Jugendbücher von ihr, chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wunderliche Reise von Oliver und Twist” (2003), “Morgenstern” (2004), “Das Adoptivzimmer” (200
4), “Tigermond” (2005), “Das Geheimnis des 12.Kontinents” (2007), “Laura und der Silberwolf” (2007), “Drache der Finsternis” (2008), “Die Nacht der gefangenen Träume” (2008, toll!), “Jenseits der Finsterbachbrücke” (2009), “Wenn der Windmann kommt” (2009), “Die geheime Reise der Mariposa” (2010), “Der Märchenerzähler” (2011, eines ihrer besten Bücher!), “Wolfsgarten” (2011), “Die Worte der weißen Königin” (2011, gefiel mir auch gut), “Solange die Nachtigall singt” (2012, grandios), “Nashville oder Das Wolfsspiel” (2013, etwas schwächer), “Niemand liebt November” (2014, okay), “Das Blaubeerhaus” (2015), “Die Attentäter” (2016, bewegend!) und “Grenzlandtage” (zusammen mit Peer Martin, 2016), “Wind und der geheime Sommer” (2018) und “Tankstellenchips” (2018, amüsant & tiefgründig), “Hexenlied” (2019, faszinierend), “Der Koffer der tausend Zauber” (2020), “Weil wir träumten” (2022 Herzensbuch!), und “Manchmal muss man Pferde stehlen” (2022). Eine Lesealternative zu “Der Märchenerzähler”/“Im Schatten des Märchenerzählers” zu finden, ist nicht wirklich einfach, diese Bücher sind schwer zu erreichen. Es gibt jedoch ein paar Titel, die mich beim Lesen tatsächlich in manchen Aspekten ein wenig daran erinnert haben: “The Hurting: Als du mich gestohlen hast” von Lucy van Smit, “In einer Sommernacht wie dieser” von Tanja Heitmann, “Die Tiefen deines Herzens” von Antje Szillat und “Vor uns die Nacht” von Bettina Belitz.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0165-0 Erscheinungsdatum: 12.Juli 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 22,00€ Seitenzahl: 464 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Trailer zum Buch:
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0165-0
Erscheinungsdatum: 12.Juli 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€
Seitenzahl: 464
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Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
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