Antonia Michaelis — Im Schatten des Märchenerzählers

Kasimira21.August 2022

Dass es von dem Best­sel­ler “Der Mär­chen­er­zäh­ler” eine Fort­set­zung geben würde, damit hät­te ich nie­mals gerech­net. Doch hier ist sie: “Im Schat­ten des Mär­chen­er­zäh­lers”, geschrie­ben von der deut­schen Autorin Anto­nia Michae­lis. Dies­mal steht Abels Sohn Eli­as im Mit­tel­punkt der Geschich­te. Er beob­ach­tet sei­ne Mut­ter, wie sie Brie­fe schreibt, an Abels Grab depo­niert und auch wel­che erhält. Lebt sein Vater etwa doch noch? Dann taucht plötz­lich wie­der ein neu­es Mär­chen auf und es gibt den ers­ten Toten… Sprach­ge­wal­tig und geheim­nis­voll — die­ses Buch übt eine gro­ße Fas­zi­na­ti­on aus und zieht sei­ne Leser erneut in einen Bann. Von einer Meis­te­rin des Erzäh­lens. Eine Lie­bes­ge­schich­te, ein Mär­chen, ein Thril­ler und so viel mehr. Bril­lan­te, anspruchs­vol­le Lite­ra­tur für Leser ab 16 Jah­ren und Erwach­se­ne, die bereit sind sich auf außer­ge­wöhn­li­che Geschich­ten einzulassen.

Der 17-jäh­ri­ge Eli­as hat sei­nen Vater Abel nie ken­nen­ge­lernt. “Sein Vater hat­te Mär­chen erzählt. Aber man­che Mär­chen waren zu trau­rig. Er war so alt gewe­sen wie Eli­as jetzt, als er sich das Leben genom­men hat­te. Er hat­te nichts von Eli­as Exis­tenz gewusst.” (Zitat S.15) Mit Abels Schwes­ter Micha, die sei­ne Tan­te ist, ist Eli­as wie mit einer Schwes­ter zusam­men auf­ge­wach­sen. Die bei­den haben sich am Strand ver­ab­re­det, wol­len zusam­men spa­zie­ren gehen. Eli­as, der einen Hund hat, der wie ein Wolf aus­sieht, ist zu früh dran und gerät in einen KasimiraSturm. “Der ver­damm­te Sturm war zu stark, er kam nicht vor­an, kämpf­te sich mit gesenk­tem Kopf vor­wärts. Die Wel­len waren grau jetzt, der Tag ver­schwun­den unter einem Man­tel aus zu frü­her Nacht, Blit­ze zuck­ten übers Meer. Der Hund drück­te sich zit­ternd gegen Eli­as’ Bei­ne. In der Luft war der Geruch von Elek­tri­zi­tät.” (Zitat aus “Im Schat­ten des Mär­chen­er­zäh­lers” S.16) Eli­as sucht Schutz in einer Boden­sen­ke und wird von einem umfal­len­den Baum dort fest­ge­hal­ten. Doch ein unbe­kann­tes Mäd­chen, das ein Kind dabei hat, ret­tet ihn. Ehe er sich jedoch bei ihr bedan­ken kann, ist sie ver­schwun­den. Aber Eli­as hat sie gefilmt. Zufäl­lig. Er liebt es Gitar­re zu spie­len und klei­ne Fil­me zu dre­hen, will spä­ter auf die Film­hoch­schu­le gehen. “Die Fil­me waren so eine Sache; er hat­te immer schon Din­ge gese­hen, die ande­re Men­schen nicht sahen, win­zi­ge Din­ge, schö­ne KasimiraDin­ge, Aus­schnit­te. Manch­mal auch schlim­me Din­ge.” (Zitat S.14) Auch von dem Sturm hat er einen Film gedreht, den sei­ne Tan­te ohne sein Wis­sen bei einem Wett­be­werb ein­reicht. Er gewinnt ihn. Gibt ein Inter­view und wird sogar mit Foto in der Zei­tung ver­öf­fent­licht. Ein Leh­rer an sei­ner Schu­le ist fast scho­ckiert, wie ähn­lich Eli­as dar­auf sei­nem Vater sieht. Und er warnt Eli­as ein­dring­lich. “Sie… haben sei­ne Gene. Das ist eine gewis­se Gefahr. Aber es ist an Ihnen, zu wäh­len, was Sie sein wol­len. […] Ich… weiß nicht, wie viel Sie wis­sen. Über Ihren Vater.” (Zitat S.35) Plötz­lich bemerkt Eli­as, das sei­ne Mut­ter Anna ihm etwas ver­schweigt. Sie schreibt Brie­fe, obwohl sie angeb­lich mon­tags immer in die Büche­rei geht, und depo­niert die­se an Abels Grab in einer Kis­te. Und sie erhält eben­falls wel­che. Die Zustel­le­rin iKasimirast nie­mand Gerin­ge­res als das Mäd­chen, das Eli­as in dem Sturm geret­tet hat. Von wem hat sie die­se Brie­fe? “Was, wenn sie ihn belo­gen hat­ten, Anna, Micha, Magnus, Lin­da, all die Jah­re? Viel­leicht hat­ten sie gelo­gen, um ihn zu schüt­zen?” (Zitat S.53) Was, wenn Abel tat­säch­lich noch lebt? Unwei­ger­lich kommt Eli­as dem unbe­kann­ten Mäd­chen näher, um genau das her­aus­zu­fin­den. Doch auch sie hat etwas zu verbergen…

Das Cover ist per­fekt gestal­tet und passt genau zum Buch, erin­nert vom Design her auch an den ers­ten Band. Der Roman star­tet mit einem eng­li­schen Lied­text und einem Pro­log, der äußerst mys­te­ri­ös ist. Ein Unbe­kann­ter, der selt­sam bene­belt wirkt, agiert dort: “Der Schal will sich nicht von dem Hals tren­nen, er nimmt die Zäh­ne, wie ein Tier, arbei­tet fie­ber­haft, und dann ist sie Kasimirafrei, und er zieht sie hoch, aber sie regt sich noch immer nicht. Sie ist wie eine Pup­pe, und die Schuld ist so eisig wie tau­send Win­ter. Er hat sie kaputt gemacht.” (Zitat S.10) Das Buch ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben und haupt­säch­lich aus Eli­as Sicht. Bereits der ers­te Satz des Haupt­teils klingt wohl­tu­end und wie ein “Nach­hau­se­kom­men”: “Der Tag, an dem Eli­as das Mär­chen fand, war der ers­te wirk­lich gol­de­ne Tag des Herbs­tes.” (Zitat S.13) Man kann die Geschich­te rein theo­re­tisch auch lesen, ohne den ers­ten Teil zu ken­nen, wird durch die ver­gan­ge­nen Details geführt, so dass sich einem vie­les erschließt. “Es waren drei Mor­de. Drei Men­schen. Rai­ner Liers­ky, Sören Marin­ke und der Knaa­ke, sein Leh­rer. Aber Knaa­ke hat über­lebt, er hat ihn selbst geret­tet. Und ja, ich weiß, womit er nachts sein Geld ver­dient hat, ich ken­ne die gan­ze bescheu­er­te, trKasimiraagi­sche Geschich­te, wir haben kei­ne Geheim­nis­se zu Hau­se.” (Zitat S.32) Aber natür­lich ist es ein­fa­cher, man kennt die Vor­ge­schich­te. Das Wie­der­se­hen mit den Figu­ren aus “Der Mär­chen­er­zäh­ler” ist sehr fas­zi­nie­rend. Beson­ders mit­zu­be­kom­men, was aus ihnen gewor­den ist, wie die ver­gan­ge­ne Zeit sie geprägt hat. Micha hat ange­fan­gen Medi­zin zu stu­die­ren, will in die Patho­lo­gie. Anna hilft in einem Jugend­zen­trum aus, um Jugend­li­che, die in ähn­li­chen Ver­hält­nis­sen wie Abel einst auf­ge­wach­sen sind, zu för­dern. Was an den Roma­nen von Anto­nia Michae­lis aber immer wie­der abso­lut bril­lant ist, das ist ihre Art zu schrei­ben. Ihre atmo­sphä­ri­sche Spra­che, mit der sie Situa­tio­nen ein­fängt, so wie zum Bei­spiel die­se: “Es war ein win­di­ger Tag, ein Tag vol­ler zer­ris­se­ner grau­blau­er Wol­ken, und vor dem Him­mel wir­bel­te das Gold. Fet­zen, Scher­ben, Blatt­gold: GoldKasimirablät­ter. Die Luft war voll davon. Sie hat­ten Sturm ange­sagt. Er moch­te Sturm.” (Zitat S.13) Dazu das Spiel mit meh­re­ren Ebe­nen, die Sym­bol­ge­wal­tig­keit und das Ver­we­ben von inhalt­li­chen Ele­men­ten und sprach­li­cher Raf­fi­nes­se, das beherrscht die Autorin ein­fach tadel­los. Die Geschich­te ist anspruchs­voll, kei­ne Fra­ge. Wun­der­schön und erbar­mungs­los zugleich: “Lie­be geht am Ende immer schief. Anna hat geliebt, und es ist schief­ge­gan­gen. Lie­be ist kein rosa Zucker­wölk­chen, das man auf Insta­gram pos­tet. Lie­be ist etwas Gro­ßes und Schreck­li­ches, sie frisst dich auf, fol­tert dich, ist grau­sam.” (Zitat S.22) Dass Eli­as sich ver­lie­ben wird, das ahnt man bereits. Dass er nicht ruhen wird, bis er auf die Fra­gen nach sei­nem Vater eine Ant­wort fin­den wird, eben­falls. Lebt er wirk­lich noch? Kann man einen Schuss in den Kopf über­le­ben? Und wer ist der Unbe­kann­te, der Micha seit eini­ger Zeit folgt? “IKasimirach bin mir nicht mal sicher, dass es ein Mensch ist. Manch­mal den­ke ich, es ist ein Tier. Ein Wolf. Ich sehe ihn schon seit Lan­gem. Seit­dem ich allei­ne in den Wald kom­me.” (Zitat S.24) Als dann auch noch ein Mär­chen auf­taucht, das in den Brie­fen an Anna ent­hal­ten ist, schließt sich der Kreis und das gro­ße Rät­sel­ra­ten beginnt, eben­so wie in “Der Mär­chen­er­zäh­ler”. Wer steckt dies­mal hin­ter den Figu­ren? “Im Schat­ten des Mär­chen­er­zäh­lers” bleibt geheim­nis­voll, auf­re­gend und span­nungs­ge­la­den und ent­führt sei­ne Leser wie­der ein­mal in eine ande­re (grau­sa­me) Welt, in der Fan­ta­sie und Rea­li­tät mit­ein­an­der ver­schmel­zen. Wel­ches Ende wird die Geschich­te dies­mal haben? Das wird man erst am Ende unwei­ger­lich her­aus­fin­den. Die Alters­emp­feh­lung ab 16 Jah­ren ist gerecht­fer­tigt, denn es wer­den wie­der hoch­bri­san­te, hef­ti­ge The­men ange­schnit­ten, auf die eine Trig­ger­war­nung zu Beginn eben­so auf­merk­sam macht. Wäh­rend es zwi­schen­drin manch­mal fast etwas zu ver­wor­ren und geheim­nis­voll wird, stei­gert sich die Span­nung am Schluss des Buches unauf­halt­sam und man möch­te “Im Schat­ten des Mär­chen­er­zäh­lers” eigent­lich kaum mehr aus den Hän­den legen. Man­che Wen­dung am Ende habe ich tat­säch­lich schon erahnt, aber über­ra­schend und gelun­gen ist es auf jeden Fall.

Dir gefällt Anto­nia Michae­lis Art zu schrei­ben? Dann lies noch alle ande­ren Jugend­bü­cher von ihr, chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wun­der­li­che Rei­se von Oli­ver und Twist” (2003), “Mor­gen­stern” (2004), “Das Adop­tiv­zim­mer” (200Lesealternativen4), “Tiger­mond” (2005), “Das Geheim­nis des 12.Kontinents” (2007), “Lau­ra und der Sil­ber­wolf” (2007), “Dra­che der Fins­ter­nis” (2008), “Die Nacht der gefan­ge­nen Träu­me” (2008, toll!), “Jen­seits der Fins­ter­bach­brü­cke” (2009), “Wenn der Wind­mann kommt” (2009), “Die gehei­me Rei­se der Mari­po­sa” (2010), “Der Mär­chen­er­zäh­ler” (2011, eines ihrer bes­ten Bücher!), “Wolfs­gar­ten” (2011), “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” (2011, gefiel mir auch gut), “Solan­ge die Nach­ti­gall singt” (2012, gran­di­os), “Nash­ville oder Das Wolfs­spiel” (2013, etwas schwä­cher), “Nie­mand liebt Novem­ber” (2014, okay), “Das Blau­beer­haus” (2015), “Die Atten­tä­ter” (2016, bewe­gend!) und “Grenz­land­ta­ge” (zusam­men mit Peer Mar­tin, 2016), “Wind und der gehei­me Som­mer” (2018) und “Tank­stel­len­chips” (2018, amü­sant & tief­grün­dig), “Hexen­lied” (2019, fas­zi­nie­rend), “Der Kof­fer der tau­send Zau­ber” (2020), “Weil wir träum­ten” (2022 Her­zens­buch!), und “Manch­mal muss man Pfer­de steh­len” (2022). Eine Lese­al­ter­na­ti­ve zu “Der Märchenerzähler”/“Im Schat­ten des Mär­chen­er­zäh­lers” zu fin­den, ist nicht wirk­lich ein­fach, die­se Bücher sind schwer zu errei­chen. Es gibt jedoch ein paar Titel, die mich beim Lesen tat­säch­lich in man­chen Aspek­ten ein wenig dar­an erin­nert haben: “The Hur­ting: Als du mich gestoh­len hast” von Lucy van Smit, “In einer Som­mer­nacht wie die­ser” von Tan­ja Heit­mann, “Die Tie­fen dei­nes Her­zens” von Ant­je Szil­lat und “Vor uns die Nacht” von Bet­ti­na Belitz.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0165-0
Erscheinungsdatum: 12.Juli 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 22,00€ 
Seitenzahl: 464
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zum Buch:
Trailer zu Teil eins: 

Kasimira auf Instagram:

Kasimira

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kasimiras Bewertung:

110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw 110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw110_F_27090275_P62H5g5rleoKRt9aFRaJyhqsJOmrgqsw

(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

Schreibe einen Kommentar

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner