Antonia Michaelis — Hexenlied

9.August 2019

Hexen­lied” ist das neu­es­te Buch der deut­schen Autorin und Sprach­vir­tuo­sin Anto­nia Michae­lis. Eine Geschich­te über eine Schul­klas­se, die dabei ist ein beson­de­res Thea­ter­stück ein­zu­üben, des­sen Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Auf­füh­rung lang­sam ver­schwim­men. Inmit­ten ein Mäd­chen, eine Außen­sei­te­rin, die einer Hexe gleicht. Und ein Jun­ge, der dazu­ge­hört und doch irgend­wie nicht. Ein schön cho­reo­gra­fier­ter Roman mit einer außer­ge­wöhn­li­chen Spra­che. Kei­ne Null-acht-fünf­zehn-Geschich­te. Für rei­fe Jugend­li­che ab 14 Jah­ren, die Spaß an Geschich­ten mit Anspruch haben und für Erwach­se­ne.

Lilith ist eine Außen­sei­te­rin. “…ein dün­nes Mäd­chen in schwar­zen Jeans und einem zu gro­ßen schwar­zen Strick­pull­over.” (Zitat aus “Hexen­lied” S.12). Sie ist meist für sich. Betei­ligt sich an kei­nen Gesprä­chen. Schreibt aber die bes­ten Noten. Manch­mal sieht man sie mit einem Buch im Pau­sen­hof sit­zen. Tim hin­ge­gen gehört dazu. Er hat Freun­de. Lars, Wen­zel, Nin­on und Otis. Sie spie­len sogar in einer Band. zusam­men. Doch der Schein trügt. “Tim hat­te sich immer Mühe gege­ben, zu sein wie sie. Ein har­tes Stück Arbeit.” (Zitat S.29) Denn Tim ver­birgt ein Geheim­nis vor den ande­ren. Es gibt etwas, das ihnKasimira anders macht. Das ihn in eine Welt des Schmer­zes ein­tau­chen lässt. Und das mit sei­ner Fami­lie zu tun hat. Aber davon weiß nie­mand etwas. Nun steht erst ein­mal Thea­ter auf dem Pro­gramm. Tim und sei­ne Cli­que der Elft­kläss­ler, die regel­mä­ßig in der Thea­ter­grup­pe der Schu­le ein Stück auf­füh­ren, wer­den nun das letz­te Mal dar­an teil­neh­men. Im nächs­ten Jahr wer­den sie wegen dem Abitur kei­ne Zeit mehr dafür haben. Doch dies­mal nimmt auch Lilith an dem selt­sa­men, mexi­ka­ni­schen Stück über eine Hexe, ein klei­nes Dorf und eine geplan­te Revo­lu­ti­on teil. “Sie zwäng­te sich durch die Tür, ohne sie wirk­lich zu öff­nen, wie ein nach­träg­li­cher Gedan­ke, setz­te sich auf die Leh­ne eines Stuhls, der ein wenig abseits an der Wand stand, und stell­te die Füße auf die Sitz­flä­che. […] Sie gehör­te nicht zur Thea­ter­crew, sie wirk­te fehl am Platz, und Tim wünsch­te sich in die­sem Moment, sie wür­de ein­fach wie­der gehen.” (Zitat S.15) Lilith spielt “la bru­ja” — die Hexe. Und irgend­wie scheint sie genau zu wis­sen, wie das Thea­ter­stück wei­ter­geht, obwohl Herr Weg­ner, ihr Leh­rer, es nur in Bruch­stü­cken mit ihnen durch­geht und der kom­plet­te Text noch nicht ein­mal im Inter­net zu fin­den ist. Und dann begin­nen auf ein­mal die KasimiraGren­zen zwi­schen Thea­ter­stück und Rea­li­tät zu ver­schwim­men. Ein Feu­er, das in dem Stück vor­kommt, bricht in echt aus. Ein Toter, der laut Regie­an­wei­sun­gen auf­ge­fun­den wird, hält auch Ein­zug in die Wirk­lich­keit, als der Haus­meis­ter der Schu­le plötz­lich tot in sei­nem Büro auf­ge­fun­den wird. Und dann fängt Tim auch noch an die­se komi­schen Träu­me zu haben. Wel­che Rol­le spielt Lilith bei all­dem? Kann sie wirk­lich Träu­me beein­flus­sen und Gedan­ken lesen? Unwei­ger­lich kommt Tim dem mys­te­riö­sen Mäd­chen näher. Bis in dem ein­wö­chi­gen Thea­ter­camp in der Ein­sam­keit der Ber­ge alles aus den Fugen zu gera­ten scheint…

Das Cover ist wun­der­schön (wenn auch lei­der eher Mäd­chen als Jungs anspre­chend, obwohl es ein Buch vor allem für Jungs ist!) und wirkt eben­so geheim­nis­voll wie vie­les in “Hexen­lied”Anto­nia Michae­lis erschafft kei­ne Stan­dard­cha­rak­te­re. Das fängt bei Lilith an, die her­vor­sticht aus der Mas­se. “Frü­her habe ich ver­sucht, zu sein wie die ande­ren”, flüs­ter­te sie. “Aber ich war nicht gut dar­in. Da dach­te ich, ich kann es genau­so blei­ben las­sen und gut dar­in wer­den, anders zu Kasimirasein.” (Zitat S.28) Das Mäd­chen, das nicht greif­bar scheint und immer wie­der völ­lig uner­war­tet han­delt. Die sich Gedan­ken macht, die viel mehr zu wis­sen scheint als der Leser, der die Geschich­te nur aus Tims per­so­na­ler Erzähl­wei­se mit­er­lebt“Hast du mal dar­über nach­ge­dacht, dass gera­de jetzt jemand stirbt?” “Was? Nein. Unsinn.” “Doch in die­ser Sekun­de stirbt jemand. Aber wir sind hier, und wir leben. Manch­mal fin­de ich das fast unheim­lich.” (Zitat S.28) Liliths Gegen­wart lässt eine fast unheil­vol­le Atmo­sphä­re ent­ste­hen, ein Nicht-Zuord­nen-Kön­nen, ein Ahnen und ein gleich­zei­ti­ges Völ­lig-im-Dun­keln-Ste­hen. Ist sie wirk­lich eine Hexe? Beein­flusst sie Din­ge? Und dann ist da noch Tim, der zwar aus sei­ner Sicht erzählt, aber den­noch mit vie­len Andeu­tun­gen auf­war­tet, die man erst nach und nach ent­schlüs­seln kann. “Aber alles, was er her­aus­be­kommt, ist ein Wis­pern. Er bekommt kei­ne Luft. Es ist wie damals, als die Sache mit Char­lot­te pas­siert ist, die Sache, von der kei­ner weiß. Er wird ersti­cken, und die Flam­men wer­den sei­nen Kör­per fres­sen wie her­ren­lo­se Hun­de in einer mexi­ka­ni­schen Stra­ße ein Stück Fleisch. (Zitat S.21) Das Thea­ter­stück (wel­ches zwi­schen­durch im Fließ­text ein­ge­bun­den wird und das ich zu Beginn erst noch etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig fand) scheint die Schat­ten sei­ner Ver­gan­gen­heit immer mehr ans Tages­licht zu beför­dern und sorgt für so man­chen Flash­back. “Hexen­lied” ist wahr­schein­lich nicht Anto­ni­as Michae­lis stärks­tes Buch, aber es ist fas­zi­nie­rend und außer­ge­wöhn­lich. Lässt sich nicht recht in eine Form pas­sen, aber das muss es auch nicht. Denn es wird sei­ne Leser unwei­ger­lich in einen Bann zie­hen. Am Ende gleicht die Hand­lung fast einem Thril­ler und zerrt an den Ner­ven, offen­bart auch ein­zel­ne gro­tes­ke, blu­ti­ge Sze­nen von selt­sa­men Riten. Schwar­ze Magie, ein Thea­ter­stück, das in das Leben eini­ger Schü­ler ein­zu­grei­fen scheint, der schma­le Grat zwi­schen Spiel und Rea­li­tät und der Suche nach der gan­zen Wahr­heit dahin­ter — eine span­nen­de und unter­halt­sa­me Lek­tü­re ist garan­tiert!

Fazit: Tief­grün­dig, dop­pel­bö­dig, sprach­lich gran­di­os, ein Klein­od unter den Som­m­er­neu­erschei­nun­gen!

Dir gefällt Anto­nia Michae­lis Art zu schrei­ben? Dann lies noch alle ande­ren Jugend­bü­cher von ihr, chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wun­der­li­che Rei­se von Oli­ver und Twist” (2003), “Mor­gen­stern” (2004), “Das Adop­tiv­zim­mer” (200Lesealternativen4), “Tiger­mond” (2005), “Das Geheim­nis des 12.Kontinents” (2007), “Lau­ra und der Sil­ber­wolf” (2007), “Dra­che der Fins­ter­nis” (2008), “Die Nacht der gefan­ge­nen Träu­me” (2008, toll!), “Jen­seits der Fins­ter­bach­brü­cke” (2009), “Wenn der Wind­mann kommt” (2009), Die gehei­me Rei­se der Mari­po­sa” (2010), “Der Mär­chen­er­zäh­ler” (2011, eines ihrer bes­ten Bücher!), “Wolfs­gar­ten” (2011), “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” (2011, gefiel mir auch gut), “Solan­ge die Nach­ti­gall singt” (2012, gran­di­os), “Nash­ville oder Das Wolfs­spiel” (2013, etwas schwä­cher), “Nie­mand liebt Novem­ber” (2014, okay), “Das Blau­beer­haus” (2015), “Die Atten­tä­ter” (2016, bewe­gend!) und “Grenz­land­ta­ge” (zusam­men mit Peer Mar­tin, 2016), “Wind und der gehei­me Som­mer” (2018) und “Tank­stel­len­chips” (2018, amü­sant & tief­grün­dig). Du magst Roma­ne, in denen es auch ein Thea­ter­stück gibt? Dann schau dir fol­gen­de drei Titel mal genau­er an: “Fast schon büh­nen­reif” von Lisa Rosin­sky, “Som­mer­nacht­sträu­me” von Ger­lis Zill­gens und “Som­mer­nachts­zau­ber” von Ellen Alps­ten.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7891-1052-8
Erscheinungsdatum: 22.Juli 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 20,00€ 
Seitenzahl: 400
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zum Buch:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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