“Hexenlied” ist das neueste Buch der deutschen Autorin und Sprachvirtuosin Antonia Michaelis. Eine Geschichte über eine Schulklasse, die dabei ist ein besonderes Theaterstück einzuüben, dessen Grenzen zwischen Realität und Aufführung langsam verschwimmen. Inmitten ein Mädchen, eine Außenseiterin, die einer Hexe gleicht. Und ein Junge, der dazugehört und doch irgendwie nicht. Ein schön choreografierter Roman mit einer außergewöhnlichen Sprache. Keine Null-acht-fünfzehn-Geschichte. Für reife Jugendliche ab 14 Jahren, die Spaß an Geschichten mit Anspruch haben und für Erwachsene.
Lilith ist eine Außenseiterin. “…ein dünnes Mädchen in schwarzen Jeans und einem zu großen schwarzen Strickpullover.” (Zitat aus “Hexenlied” S.12). Sie ist meist für sich. Beteiligt sich an keinen Gesprächen. Schreibt aber die besten Noten. Manchmal sieht man sie mit einem Buch im Pausenhof sitzen. Tim hingegen gehört dazu. Er hat Freunde. Lars, Wenzel, Ninon und Otis. Sie spielen sogar in einer Band. zusammen. Doch der Schein trügt. “Tim hatte sich immer Mühe gegeben, zu sein wie sie. Ein hartes Stück Arbeit.” (Zitat S.29) Denn Tim verbirgt ein Geheimnis vor den anderen. Es gibt etwas, das ihn
anders macht. Das ihn in eine Welt des Schmerzes eintauchen lässt. Und das mit seiner Familie zu tun hat. Aber davon weiß niemand etwas. Nun steht erst einmal Theater auf dem Programm. Tim und seine Clique der Elftklässler, die regelmäßig in der Theatergruppe der Schule ein Stück aufführen, werden nun das letzte Mal daran teilnehmen. Im nächsten Jahr werden sie wegen dem Abitur keine Zeit mehr dafür haben. Doch diesmal nimmt auch Lilith an dem seltsamen, mexikanischen Stück über eine Hexe, ein kleines Dorf und eine geplante Revolution teil. “Sie zwängte sich durch die Tür, ohne sie wirklich zu öffnen, wie ein nachträglicher Gedanke, setzte sich auf die Lehne eines Stuhls, der ein wenig abseits an der Wand stand, und stellte die Füße auf die Sitzfläche. […] Sie gehörte nicht zur Theatercrew, sie wirkte fehl am Platz, und Tim wünschte sich in diesem Moment, sie würde einfach wieder gehen.” (Zitat S.15) Lilith spielt “la bruja” — die Hexe. Und irgendwie scheint sie genau zu wissen, wie das Theaterstück weitergeht, obwohl Herr Wegner, ihr Lehrer, es nur in Bruchstücken mit ihnen durchgeht und der komplette Text noch nicht einmal im Internet zu finden ist. Und dann beginnen auf einmal die
Grenzen zwischen Theaterstück und Realität zu verschwimmen. Ein Feuer, das in dem Stück vorkommt, bricht in echt aus. Ein Toter, der laut Regieanweisungen aufgefunden wird, hält auch Einzug in die Wirklichkeit, als der Hausmeister der Schule plötzlich tot in seinem Büro aufgefunden wird. Und dann fängt Tim auch noch an diese komischen Träume zu haben. Welche Rolle spielt Lilith bei alldem? Kann sie wirklich Träume beeinflussen und Gedanken lesen? Unweigerlich kommt Tim dem mysteriösen Mädchen näher. Bis in dem einwöchigen Theatercamp in der Einsamkeit der Berge alles aus den Fugen zu geraten scheint…
Das Cover ist wunderschön (wenn auch leider eher Mädchen als Jungs ansprechend, obwohl es ein Buch vor allem für Jungs ist!) und wirkt ebenso geheimnisvoll wie vieles in “Hexenlied”. Antonia Michaelis erschafft keine Standardcharaktere. Das fängt bei Lilith an, die hervorsticht aus der Masse. “Früher habe ich versucht, zu sein wie die anderen”, flüsterte sie. “Aber ich war nicht gut darin. Da dachte ich, ich kann es genauso bleiben lassen und gut darin werden, anders zu
sein.” (Zitat S.28) Das Mädchen, das nicht greifbar scheint und immer wieder völlig unerwartet handelt. Die sich Gedanken macht, die viel mehr zu wissen scheint als der Leser, der die Geschichte nur aus Tims personaler Erzählweise miterlebt. “Hast du mal darüber nachgedacht, dass gerade jetzt jemand stirbt?” “Was? Nein. Unsinn.” “Doch in dieser Sekunde stirbt jemand. Aber wir sind hier, und wir leben. Manchmal finde ich das fast unheimlich.” (Zitat S.28) Liliths Gegenwart lässt eine fast unheilvolle Atmosphäre entstehen, ein Nicht-Zuordnen-Können, ein Ahnen und ein gleichzeitiges Völlig-im-Dunkeln-Stehen. Ist sie wirklich eine Hexe? Beeinflusst sie Dinge? Und dann ist da noch Tim, der zwar aus seiner Sicht erzählt, aber dennoch mit vielen Andeutungen aufwartet, die man erst nach und nach entschlüsseln kann. “Aber alles, was er herausbekommt, ist ein Wispern. Er bekommt keine Luft. Es ist wie damals, als die Sache mit Charlotte passiert ist, die Sache, von der keiner weiß. Er wird ersticken, und die Flammen werden seinen Körper fressen wie herrenlose Hunde in einer mexikanischen Straße ein Stück Fleisch.” (Zitat S.21) Das Theaterstück (welches zwischendurch im
Fließtext eingebunden wird und das ich zu Beginn erst noch etwas gewöhnungsbedürftig fand) scheint die Schatten seiner Vergangenheit immer mehr ans Tageslicht zu befördern und sorgt für so manchen Flashback. “Hexenlied” ist wahrscheinlich nicht Antonias Michaelis stärkstes Buch, aber es ist faszinierend und außergewöhnlich. Lässt sich nicht recht in eine Form passen, aber das muss es auch nicht. Denn es wird seine Leser unweigerlich in einen Bann ziehen. Am Ende gleicht die Handlung fast einem Thriller und zerrt an den Nerven, offenbart auch einzelne groteske, blutige Szenen von seltsamen Riten. Schwarze Magie, ein Theaterstück, das in das Leben einiger Schüler einzugreifen scheint, der schmale Grat zwischen Spiel und Realität und der Suche nach der ganzen Wahrheit dahinter — eine spannende und unterhaltsame Lektüre ist garantiert!
Fazit: Tiefgründig, doppelbödig, sprachlich grandios, ein Kleinod unter den Sommerneuerscheinungen!
Dir gefällt Antonia Michaelis Art zu schreiben? Dann lies noch alle anderen Jugendbücher von ihr, chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert: “Mike und ich und Max Ernst” (2003) “Die wunderliche Reise von Oliver und Twist” (2003), “Morgenstern” (2004), “Das Adoptivzimmer” (200
4), “Tigermond” (2005), “Das Geheimnis des 12.Kontinents” (2007), “Laura und der Silberwolf” (2007), “Drache der Finsternis” (2008), “Die Nacht der gefangenen Träume” (2008, toll!), “Jenseits der Finsterbachbrücke” (2009), “Wenn der Windmann kommt” (2009), “Die geheime Reise der Mariposa” (2010), “Der Märchenerzähler” (2011, eines ihrer besten Bücher!), “Wolfsgarten” (2011), “Die Worte der weißen Königin” (2011, gefiel mir auch gut), “Solange die Nachtigall singt” (2012, grandios), “Nashville oder Das Wolfsspiel” (2013, etwas schwächer), “Niemand liebt November” (2014, okay), “Das Blaubeerhaus” (2015), “Die Attentäter” (2016, bewegend!) und “Grenzlandtage” (zusammen mit Peer Martin, 2016), “Wind und der geheime Sommer” (2018) und “Tankstellenchips” (2018, amüsant & tiefgründig). Du magst Romane, in denen es auch ein Theaterstück gibt? Dann schau dir folgende drei Titel mal genauer an: “Fast schon bühnenreif” von Lisa Rosinsky, “Sommernachtsträume” von Gerlis Zillgens und “Sommernachtszauber” von Ellen Alpsten.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7891-1052-8 Erscheinungsdatum: 22.Juli 2019 Einbandart: Hardcover Preis: 20,00€ Seitenzahl: 400 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Trailer zum Buch:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7891-1052-8
Erscheinungsdatum: 22.Juli 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 20,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Trailer zum Buch: