“Enia und der Regenzauber” ist der neuste Roman der deutschen Autorin Antonia Michaelis. Sie entführt erneut nach Madagaskar (wie auch in “Weil wir träumten”, ab 14). Diesmal allerdings für eine jüngere Leserschaft. Die Autorin, die selbst dort mit ihrer Familie zwei Jahre lang gelebt und eine Schule und ein Kinderhaus eröffnet hat, schildert in ihrem aktuellen Werk die Geschichte zweier Kinder: Enia, die mit ihrem Vater, der Biologe ist, nach Madagaskar reist, um ein angeblich ausgestorbenes Tier zu finden. Und Don, der dort in ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Dorf lebt und ihr bei der Suche zusammen mit anderen Kindern hilft. Der Lemur mit den Flügeln, den sie suchen, kann angeblich Wasser finden. Denn in Dons Dorf und der Umgebung leiden die Menschen unter der großen Trockenheit, da es seit Ewigkeiten nicht mehr geregnet hat. Doch bald bekommen auch die Dahalos, eine gemeine Räuberbande, Wind von ihrer Suche und versuchen ihnen das Leben schwer zu machen und den Wasserlemur selbst zu finden… Eine bezaubernde (Abenteuer-)Geschichte, garniert mit einem Hauch Fantastik, sprachlich wunderbar und mit ganz viel Herz erzählt. Macht aufmerksam auf Probleme des Klimawandels, die Armut in Madagaskar, zeigt aber die Stärke und Kraft des Zusammenhalts und dass gemeinsam vieles möglich ist. Richtig schöne Unterhaltung für Jugendliche ab 10 Jahren und interessierte Erwachsene.
Die 11-jährige Enia lebt bei ihrem Vater, der Biologie ist. Ihre Mutter, die ebenfalls Forscherin war, ist verstorben. Ihr Vater geht völlig auf in seinem Beruf. Allerdings geht es bei ihm hauptsächlich ums Aussterben. “Er muss den Studenten heute schon wieder was über das Aussterben von Tieren erzählen, und er forscht ja auch darüber… Bei uns zu Hause geht es quasi nur ums Aussterben. Aussterben, Artensterben, Waldsterben. Würde mich gar nicht wundern, wenn er irgendwann abends statt >Schlaf schön< zu mir sagen würde: >Stirb schön aus.<” (Zitat aus “Enia und der Regenzauber” S.15) In der Schule soll Enia eigentlich Pyramiden in Ägypten recherchieren und stößt zufällig auf
einen Reiseblog, in dem über ein Tier berichtet wird, das angeblich ausgestorben ist. “Nur, dass es nicht ausgestorben ist. Jemand hat es gesehen. Ein Reiseblogger. Vor zwei Wochen. Im Süden von Madagaskar. […] Und dieses Tier ist nirgends offiziell beschrieben! Es hat nicht mal einen lateinischen Namen. In einem Reisebericht von 1705 ist es erwähnt, den sollte man finden, liegt wohl in irgendeinem Archiv in Berlin. Also, sagt das Netz.” (Zitat S.18) Es ist ein Lemur, ein Halbaffe, aber winzig klein und mit Flügeln. Angeblich kann man Wasser finden, wenn man ihm folgt. Enia überredet ihren Vater, dieses Tier zu suchen und zumindest bei einem Tier das Artensterben mal zu verwerfen und die beiden machen sich bepackt mit einem gelben Zelt auf die Reise nach Madagaskar. Sie suchen das kleine Dorf auf, in dessen Nähe der Wasserlemur das letzte Mal gesehen wurde. Dort lebt der 11-jährige Don mit seinem kleinen Bruder Fito und der blinden Feno. Sie leben in sehr ärmlichen Verhältnissen. Aber sie haben eine Schule. “Ihre Wänden bestanden aus Ästen, tief in die Erde gesteckt, mit einem Dach aus losen Ästen.” (Zitat S.7) Hier unterrichtet sie
die zauberhafte Maitresse Tui, die die Buchstaben tanzen lassen kann und auch sonst allerlei fantasievolle Dinge beherrscht. Die Kinder lieben ihre Lehrerin über alles, doch aufgrund der starken Trockenheit in ihrer Region wird die Lage immer schwieriger. Der Wassermangel ist überall spürbar. Und so ist der Dorfchef bereit die Konsequenzen zu ziehen: “Wir haben zu lange gewartet. Die Hilfslieferungen kommen nicht bis hierher. Wir können nichts mehr anbauen. Die Bohnen sind vertrocknet, der Rest des Saatguts ist nicht mal aufgegangen. Der Entschluss steht fest. Wenn es in zwei Wochen nicht regnet, unterzeichnen wir den Vertrag mit der kanadischen Firma. Dann werden sie hier den Glimmerstein abbauen, der im Boden schläft.” (Zitat S.32ff) Dafür zahlt die kanadische Firma dem Dorf eine Menge Geld. Aber Maitresse Tui ist davon nicht begeistert, denn dann wird der Boden durchlöchert und alles kaputt gemacht. Auch die Schule würde dann abgerissen werden. Sie hofft noch immer auf eine positive Veränderung: “Maitresse Tui schloss die Augen. “Den Regen”, sagte sie leise. “Ich wünschte, ich könnte den Regen hören. Es ist das dritte Jahr, dass er ausbleibt. Aber die Ziege hat
recht. Und Fenomeine auch. Es fühlt sich so an, als ob etwas kommt. Als ob sich etwas verändert. Bald. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes oder etwas Gefährliches ist. Vielleicht beides. Es kommt darauf an, was wir daraus machen.” (Zitat S.8) Als Enia und ihr Vater in dem Dorf ankommen und nach dem Wasserlemur suchen wollen, stoßen sie auf große Skepsis. Der Wasserlemur sei ausgestorben, dass es ihn gäbe, nur ein Märchen, sagen die meisten Dorfbewohner. “Es gibt ihn”, sagte sie [Enia]. “Wir haben das Bild. Das hat einer vor zwei Monaten gemacht. Er kann ja nicht in zwei Monaten ausgestorben sein. So schnell stirbt man nicht aus.” Die großen Jungen lachten, und die großen Mädchen schüttelten die Köpfe. “Aber Don spürte etwas wie einen Stich in seinem Herzen. Das Vazaha-Mädchen war ganz anders als sie, es sah anders aus und sprach anders, aber vielleicht… vielleicht dachte es ähnlich. Die Gedanken im Kopf konnte man ja nicht sehen, sie waren nicht bei einem weiß und beim anderen dunkel, sie waren einfach da.” (Zitat S.49) Aber Don, Fito und Feno wollen die beiden auf jeden Fall bei ihrer Suche unterstützen. Bald finden sie die ersten Spuren, die in den Trockenwald
führen. Doch auch die Dahalos, eine fiese Räuberbande, bekommt davon Wind und will ebenfalls den Wasserlemur und Wasser finden, um es dann teuer zu verkaufen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt…
Das Cover ist passend gestaltet, in den Wolken kann bereits die Gestalt des Wasserlemurs (ein rein fiktives Tier) erahnen. Geschrieben ist der Roman in personaler Erzählweise, stellt hauptsächlich Enia, als auch Don in den Mittelpunkt, die abwechselnd von ihren Erlebnissen berichten. Eingeteilt ist die Geschichte in mehrere Kapitel, die zu Beginn mit inhaltlich passenden Zeichnungen von Sanne Wandtke versehen sind. “Enia und der Regenzauber” besitzt eine ganz eigene, liebenswürdige Art von Humor, der sich durch das ganze Buch zieht: “Weil, ohne die Schule kann ich nicht leben. Keiner kann das.” “Meine Ziege auch nicht”, sagte Fito hinter ihnen. “Sie kann schon fast die Buchstaben!” Die Ziege kaute immer noch auf dem Busch herum. Sie sah nicht aus, als würden Buchstaben sie interessieren. Aber Regen hätte sie sicher auch gerne gehabt, dann hätte der Busch besser geschmeckt.” (Zitat S.35ff) Dies sieht man auch an den Kapitelüberschriften, die stets allerlei
turbulente Ankündigungen machen, wie: “1.Kapitel, in welchem ziemlich viel Staub vorkommt, jemand fast von einem Fahnenmast fällt, eine Ziege Schluckauf hat, ein Lemur in der Schule gefunden wird und es nicht regnet” (Zitat S.5) Vor allem das “und es nicht regnet” zieht sich durch ziemlich viele Kapitel. Die Trockenheit in Madagaskar, die Auswirkungen auf die Dorfbewohner, das schildert Antonia Michaelis sehr eindrucksvoll. Während Enias Vater sich hierbei zunächst noch recht ohnmächtig fühlt - “Er ist dauernd traurig. Er macht sich zu viele Sorgen. Klimawandel und all das, die Welt geht den Bach runter, sagt er. Und dann kommt er nach Hause und sitzt am Küchentisch und trinkt Tee und sorgt sich.” (Zitat S.15) — ist es sehr schön und bewegend zu lesen, was die Kinder alles unternehmen, um aktiv etwas zu tun. Etwas zu verändern. Landschaftlich wird einiges von Madagaskar beschrieben: “Draußen zog die Landschaft vorüber, wild und karg und, dachte Enia, wunderbar. Es war ganz anders als in Deutschland, wo zwischen aufgeräumten Aphaltstraßen Leute im Morgennebel an Bushaltestellen warteten und auf Handys guckten. Es war heiß und staubig und wunderbar.” (Zitat S.37) Aber auch über die Tiere, die dort leben, erfährt man so manches Lehrreiches: “Ein Tenrek!”, sagte Pa
pa, begeistert wie ein kleiner Junge. “Ein madagassischer Igel! Wusstet ihr, dass er mit seinen Stacheln singen kann wie eine Heuschrecke, die ihre Beine aneinanderreibt?” “Nein”, sagte Enia, und der Tenrek wusste es offenbar auch nicht, denn er lief davon, ohne zu singen, in seine eigene geheimnisvolle Nacht.” (Zitat S.128) Die Charaktere sind insgesamt sehr liebevoll gezeichnet. Enia, die offen und neugierig ist. “Sie hatte immer ein Abenteuer erleben wollen. Sie hatte ein bisschen Angst, aber sie war bereit.” (Zitat S.41). Ihr Vater, der als “lebensuntüchtig” bezeichnet wird, sich immer irgendwo in Schwierigkeiten bringt und in dessen Haar sich ständig irgendetwas verfängt. Tianay, der den Regen hören kann und oftmal auf Händen statt Füßen unterwegs ist. Fito, der seine Ziege überall mit hinschleppt. Die blinde Feno, die viel mehr wahrnimmt, als die anderen denken. Und Don, der wunderbar Flöte spielt. “Immerhin war er elf Jahre alt, also fast ein Mann, und er konnte lesen.” (Zitat S.6). Eine zentrale Persönlichkeit in “Enia und der Regenzauber” ist jedoch Maitresse Tui. Dass der Roman, der zugleich eine Hommage an die Vorstellungskraft is
t, voller überbordender Fantasie sprudelt, das ist vor allem ihr zu verdanken. Am Ende des Unterrichts gibt sie den Kindern Teller und lässt sie mit reiner Imagination Reis mit Fisch essen, obwohl die Teller völlig leer sind. Sie hat ein Fahrad, das zuweilen fliegen kann und einen Fahrradkorb, aus dem sie Dinge hervorholt, die dort unmöglich drin sein können. Einen Topf, der größer ist, als der Korb selbst, eine Stehlampe, ein Seil, aber auch Regenschirme, mit denen die Kinder in einer Szene mit dem Wind fliegen können. Maitresse Tui ist die moderne MIss Poppins der Geschichte und lehrt ihre Schüler vor allem eines: “Es ist alles eine Frage dessen, was wir glauben.” (Zitat S.29) Und so wachsen die Kinder über sich hinaus, aber auch die Erwachsenen von Zeit zu Zeit. Die Grenzen der Fantasie werden in dem Roman sehr stark ausgelotet, hier passieren Dinge, die schon recht fantastisch sind, aber dennoch immer zum Kontext passen und einfach Spaß machen zu lesen. Außerdem hält die Autorin zum Schluss noch eine besondere Botschaft für ihre Leser:innen bereit: “Ich [Maitresse Tui] hatte auch Angst vor den Männern in der Dorfversammlung. Aber ich glaube, es war falsch. Frauen können genauso viel wie Männer. Und junge Leute genauso viel wie Alte. Sogar Kinder. Vor allem Kinder.” (Zitat S.282) Der Roman ist in sich abgeschlossen und endet mit einem Happy-End, das in sich stimmig ist und fast ein bisschen Hoffnung macht, dass es noch ein weiteres Abenteuer von Enia und ihren Freunden geben könnte;-)
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-7512-0259-6 Erscheinungsdatum: 13.September 2024 Einbandart: Hardcover Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt Preis: 16,00€ Seitenzahl: 336 Illustrator*in: Sanne Wandtke Trailer zum Buch:
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Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0259-6
Erscheinungsdatum: 13.September 2024
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 336
Illustrator*in: Sanne Wandtke
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