Antonia Michaelis — Enia und der Regenzauber

19.November 2024

Enia und der Regen­zau­ber” ist der neus­te Roman der deut­schen Autorin Anto­nia Michae­lis. Sie ent­führt erneut nach Mada­gas­kar (wie auch in “Weil wir träum­ten”, ab 14). Dies­mal aller­dings für eine jün­ge­re Leser­schaft. Die Autorin, die selbst dort mit ihrer Fami­lie zwei Jah­re lang gelebt und eine Schu­le und ein Kin­der­haus eröff­net hat, schil­dert in ihrem aktu­el­len Werk die Geschich­te zwei­er Kin­der: Enia, die mit ihrem Vater, der Bio­lo­ge ist, nach Mada­gas­kar reist, um ein angeb­lich aus­ge­stor­be­nes Tier zu fin­den. Und Don, der dort in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen in einem klei­nen Dorf lebt und ihr bei der Suche zusam­men mit ande­ren Kin­dern hilft. Der Lemur mit den Flü­geln, den sie suchen, kann angeb­lich Was­ser fin­den. Denn in Dons Dorf und der Umge­bung lei­den die Men­schen unter der gro­ßen Tro­cken­heit, da es seit Ewig­kei­ten nicht mehr gereg­net hat. Doch bald bekom­men auch die Daha­los, eine gemei­ne Räu­ber­ban­de, Wind von ihrer Suche und ver­su­chen ihnen das Leben schwer zu machen und den Was­ser­le­mur selbst zu fin­den… Eine bezau­bern­de (Abenteuer-)Geschichte, gar­niert mit einem Hauch Fan­tas­tik, sprach­lich wun­der­bar und mit ganz viel Herz erzählt. Macht auf­merk­sam auf Pro­ble­me des Kli­ma­wan­dels, die Armut in Mada­gas­kar, zeigt aber die Stär­ke und Kraft des Zusam­men­halts und dass gemein­sam vie­les mög­lich ist. Rich­tig schö­ne Unter­hal­tung für Jugend­li­che ab 10 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Die 11-jäh­ri­ge Enia lebt bei ihrem Vater, der Bio­lo­gie ist. Ihre Mut­ter, die eben­falls For­sche­rin war, ist ver­stor­ben. Ihr Vater geht völ­lig auf in sei­nem Beruf. Aller­dings geht es bei ihm haupt­säch­lich ums Aus­ster­ben. “Er muss den Stu­den­ten heu­te schon wie­der was über das Aus­ster­ben von Tie­ren erzäh­len, und er forscht ja auch dar­über… Bei uns zu Hau­se geht es qua­si nur ums Aus­ster­ben. Aus­ster­ben, Arten­ster­ben, Wald­ster­ben. Wür­de mich gar nicht wun­dern, wenn er irgend­wann abends statt >Schlaf schön< zu mir sagen wür­de: >Stirb schön aus.<” (Zitat aus “Enia und der Regen­zau­ber” S.15) In der Schu­le soll Enia eigent­lich Pyra­mi­den in Ägyp­ten recher­chie­ren und stößt zufäl­lig auf einen Rei­se­blog, in dem über ein Tier berich­tet wird, das angeb­lich aus­ge­stor­ben ist. “Nur, dass es nicht aus­ge­stor­ben ist. Jemand hat es gese­hen. Ein Rei­se­blog­ger. Vor zwei Wochen. Im Süden von Mada­gas­kar. […] Und die­ses Tier ist nir­gends offi­zi­ell beschrie­ben! Es hat nicht mal einen latei­ni­schen Namen. In einem Rei­se­be­richt von 1705 ist es erwähnt, den soll­te man fin­den, liegt wohl in irgend­ei­nem Archiv in Ber­lin. Also, sagt das Netz.” (Zitat S.18) Es ist ein Lemur, ein Halb­af­fe, aber win­zig klein und mit Flü­geln. Angeb­lich kann man Was­ser fin­den, wenn man ihm folgt. Enia über­re­det ihren Vater, die­ses Tier zu suchen und zumin­dest bei einem Tier das Arten­ster­ben mal zu ver­wer­fen und die bei­den machen sich bepackt mit einem gel­ben Zelt auf die Rei­se nach Mada­gas­kar. Sie suchen das klei­ne Dorf auf, in des­sen Nähe der Was­ser­le­mur das letz­te Mal gese­hen wur­de. Dort lebt der 11-jäh­ri­ge Don mit sei­nem klei­nen Bru­der Fito und der blin­den Feno. Sie leben in sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen. Aber sie haben eine Schu­le. “Ihre Wän­den bestan­den aus Ästen, tief in die Erde gesteckt, mit einem Dach aus losen Ästen.” (Zitat S.7) Hier unter­rich­tet sie die zau­ber­haf­te Mai­tres­se Tui, die die Buch­sta­ben tan­zen las­sen kann und auch sonst aller­lei fan­ta­sie­vol­le Din­ge beherrscht. Die Kin­der lie­ben ihre Leh­re­rin über alles, doch auf­grund der star­ken Tro­cken­heit in ihrer Regi­on wird die Lage immer schwie­ri­ger. Der Was­ser­man­gel ist über­all spür­bar. Und so ist der Dorf­chef bereit die Kon­se­quen­zen zu zie­hen: “Wir haben zu lan­ge gewar­tet. Die Hilfs­lie­fe­run­gen kom­men nicht bis hier­her. Wir kön­nen nichts mehr anbau­en. Die Boh­nen sind ver­trock­net, der Rest des Saat­guts ist nicht mal auf­ge­gan­gen. Der Ent­schluss steht fest. Wenn es in zwei Wochen nicht reg­net, unter­zeich­nen wir den Ver­trag mit der kana­di­schen Fir­ma. Dann wer­den sie hier den Glim­mer­stein abbau­en, der im Boden schläft.” (Zitat S.32ff) Dafür zahlt die kana­di­sche Fir­ma dem Dorf eine Men­ge Geld. Aber Mai­tres­se Tui ist davon nicht begeis­tert, denn dann wird der Boden durch­lö­chert und alles kaputt gemacht. Auch die Schu­le wür­de dann abge­ris­sen wer­den. Sie hofft noch immer auf eine posi­ti­ve Ver­än­de­rung: “Mai­tres­se Tui schloss die Augen. “Den Regen”, sag­te sie lei­se. “Ich wünsch­te, ich könn­te den Regen hören. Es ist das drit­te Jahr, dass er aus­bleibt. Aber die Zie­ge hat recht. Und Fen­om­ei­ne auch. Es fühlt sich so an, als ob etwas kommt. Als ob sich etwas ver­än­dert. Bald. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes oder etwas Gefähr­li­ches ist. Viel­leicht bei­des. Es kommt dar­auf an, was wir dar­aus machen.” (Zitat S.8) Als Enia und ihr Vater in dem Dorf ankom­men und nach dem Was­ser­le­mur suchen wol­len, sto­ßen sie auf gro­ße Skep­sis. Der Was­ser­le­mur sei aus­ge­stor­ben, dass es ihn gäbe, nur ein Mär­chen, sagen die meis­ten Dorf­be­woh­ner. “Es gibt ihn”, sag­te sie [Enia]. “Wir haben das Bild. Das hat einer vor zwei Mona­ten gemacht. Er kann ja nicht in zwei Mona­ten aus­ge­stor­ben sein. So schnell stirbt man nicht aus.” Die gro­ßen Jun­gen lach­ten, und die gro­ßen Mäd­chen schüt­tel­ten die Köp­fe. “Aber Don spür­te etwas wie einen Stich in sei­nem Her­zen. Das Vaza­ha-Mäd­chen war ganz anders als sie, es sah anders aus und sprach anders, aber viel­leicht… viel­leicht dach­te es ähn­lich. Die Gedan­ken im Kopf konn­te man ja nicht sehen, sie waren nicht bei einem weiß und beim ande­ren dun­kel, sie waren ein­fach da.” (Zitat S.49) Aber Don, Fito und Feno wol­len die bei­den auf jeden Fall bei ihrer Suche unter­stüt­zen. Bald fin­den sie die ers­ten Spu­ren, die in den Tro­cken­wald füh­ren. Doch auch die Daha­los, eine fie­se Räu­ber­ban­de, bekommt davon Wind und will eben­falls den Was­ser­le­mur und Was­ser fin­den, um es dann teu­er zu ver­kau­fen. Ein Wett­lauf gegen die Zeit beginnt…

Das Cover ist pas­send gestal­tet, in den Wol­ken kann bereits die Gestalt des Was­ser­le­murs (ein rein fik­ti­ves Tier) erah­nen. Geschrie­ben ist der Roman in per­so­na­ler Erzähl­wei­se, stellt haupt­säch­lich Enia, als auch Don in den Mit­tel­punkt, die abwech­selnd von ihren Erleb­nis­sen berich­ten. Ein­ge­teilt ist die Geschich­te in meh­re­re Kapi­tel, die zu Beginn mit inhalt­lich pas­sen­den Zeich­nun­gen von San­ne Wandt­ke ver­se­hen sind. “Enia und der Regen­zau­ber” besitzt eine ganz eige­ne, lie­bens­wür­di­ge Art von Humor, der sich durch das gan­ze Buch zieht: “Weil, ohne die Schu­le kann ich nicht leben. Kei­ner kann das.” “Mei­ne Zie­ge auch nicht”, sag­te Fito hin­ter ihnen. “Sie kann schon fast die Buch­sta­ben!” Die Zie­ge kau­te immer noch auf dem Busch her­um. Sie sah nicht aus, als wür­den Buch­sta­ben sie inter­es­sie­ren. Aber Regen hät­te sie sicher auch ger­ne gehabt, dann hät­te der Busch bes­ser geschmeckt.” (Zitat S.35ff) Dies sieht man auch an den Kapi­tel­über­schrif­ten, die stets aller­lei tur­bu­len­te Ankün­di­gun­gen machen, wie: “1.Kapitel, in wel­chem ziem­lich viel Staub vor­kommt, jemand fast von einem Fah­nen­mast fällt, eine Zie­ge Schluck­auf hat, ein Lemur in der Schu­le gefun­den wird und es nicht reg­net” (Zitat S.5) Vor allem das “und es nicht reg­net” zieht sich durch ziem­lich vie­le Kapi­tel. Die Tro­cken­heit in Mada­gas­kar, die Aus­wir­kun­gen auf die Dorf­be­woh­ner, das schil­dert Anto­nia Michae­lis sehr ein­drucks­voll. Wäh­rend Eni­as Vater sich hier­bei zunächst noch recht ohn­mäch­tig fühlt - “Er ist dau­ernd trau­rig. Er macht sich zu vie­le Sor­gen. Kli­ma­wan­del und all das, die Welt geht den Bach run­ter, sagt er. Und dann kommt er nach Hau­se und sitzt am Küchen­tisch und trinkt Tee und sorgt sich.” (Zitat S.15) — ist es sehr schön und bewe­gend zu lesen, was die Kin­der alles unter­neh­men, um aktiv etwas zu tun. Etwas zu ver­än­dern. Land­schaft­lich wird eini­ges von Mada­gas­kar beschrie­ben: “Drau­ßen zog die Land­schaft vor­über, wild und karg und, dach­te Enia, wun­der­bar. Es war ganz anders als in Deutsch­land, wo zwi­schen auf­ge­räum­ten Aphalt­stra­ßen Leu­te im Mor­gen­ne­bel an Bus­hal­te­stel­len war­te­ten und auf Han­dys guck­ten. Es war heiß und stau­big und wun­der­bar.” (Zitat S.37) Aber auch über die Tie­re, die dort leben, erfährt man so man­ches Lehr­rei­ches: “Ein Ten­rek!”, sag­te Papa, begeis­tert wie ein klei­ner Jun­ge. “Ein mada­gas­si­scher Igel! Wuss­tet ihr, dass er mit sei­nen Sta­cheln sin­gen kann wie eine Heu­schre­cke, die ihre Bei­ne anein­an­der­reibt?” “Nein”, sag­te Enia, und der Ten­rek wuss­te es offen­bar auch nicht, denn er lief davon, ohne zu sin­gen, in sei­ne eige­ne geheim­nis­vol­le Nacht.” (Zitat S.128) Die Cha­rak­te­re sind ins­ge­samt sehr lie­be­voll gezeich­net. Enia, die offen und neu­gie­rig ist. “Sie hat­te immer ein Aben­teu­er erle­ben wol­len. Sie hat­te ein biss­chen Angst, aber sie war bereit.” (Zitat S.41). Ihr Vater, der als “lebens­un­tüch­tig” bezeich­net wird, sich immer irgend­wo in Schwie­rig­kei­ten bringt und in des­sen Haar sich stän­dig irgend­et­was ver­fängt. Tia­nay, der den Regen hören kann und oft­mal auf Hän­den statt Füßen unter­wegs ist. Fito, der sei­ne Zie­ge über­all mit hin­schleppt. Die blin­de Feno, die viel mehr wahr­nimmt, als die ande­ren den­ken. Und Don, der wun­der­bar Flö­te spielt. “Immer­hin war er elf Jah­re alt, also fast ein Mann, und er konn­te lesen.” (Zitat S.6). Eine zen­tra­le Per­sön­lich­keit in “Enia und der Regen­zau­ber” ist jedoch Mai­tres­se Tui. Dass der Roman, der zugleich eine Hom­mage an die Vor­stel­lungs­kraft isKasimirat, vol­ler über­bor­den­der Fan­ta­sie spru­delt, das ist vor allem ihr zu ver­dan­ken. Am Ende des Unter­richts gibt sie den Kin­dern Tel­ler und lässt sie mit rei­ner Ima­gi­na­ti­on Reis mit Fisch essen, obwohl die Tel­ler völ­lig leer sind. Sie hat ein Fah­r­ad, das zuwei­len flie­gen kann und einen Fahr­rad­korb, aus dem sie Din­ge her­vor­holt, die dort unmög­lich drin sein kön­nen. Einen Topf, der grö­ßer ist, als der Korb selbst, eine Steh­lam­pe, ein Seil, aber auch Regen­schir­me, mit denen die Kin­der in einer Sze­ne mit dem Wind flie­gen kön­nen. Mai­tres­se Tui ist die moder­ne MIss Pop­pins der Geschich­te und lehrt ihre Schü­ler vor allem eines: “Es ist alles eine Fra­ge des­sen, was wir glau­ben.” (Zitat S.29) Und so wach­sen die Kin­der über sich hin­aus, aber auch die Erwach­se­nen von Zeit zu Zeit. Die Gren­zen der Fan­ta­sie wer­den in dem Roman sehr stark aus­ge­lo­tet, hier pas­sie­ren Din­ge, die schon recht fan­tas­tisch sind, aber den­noch immer zum Kon­text pas­sen und ein­fach Spaß machen zu lesen. Außer­dem hält die Autorin zum Schluss noch eine beson­de­re Bot­schaft für ihre Leser:innen bereit: “Ich [Mai­tres­se Tui] hat­te auch Angst vor den Män­nern in der Dorf­ver­samm­lung. Aber ich glau­be, es war falsch. Frau­en kön­nen genau­so viel wie Män­ner. Und jun­ge Leu­te genau­so viel wie Alte. Sogar Kin­der. Vor allem Kin­der.”  (Zitat S.282) Der Roman ist in sich abge­schlos­sen und endet mit einem Hap­py-End, das in sich stim­mig ist und fast ein biss­chen Hoff­nung macht, dass es noch ein wei­te­res Aben­teu­er von Enia und ihren Freun­den geben könnte;-)

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3-7512-0259-6
Erscheinungsdatum: 13.September 2024
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 336
Illustrator*in: Sanne Wandtke


Trailer zum Buch:
 

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Kasimiras Bewertung:

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