“Die Attentäter” ist das neue Buch der deutschen Autorin und Sprachvirtuosin Antonia Michaelis. Eine Geschichte vor den Hintergründen der Anschläge von Paris am 13. November 2015. Ein Roman über Terrorismus und den Menschen dahinter. Die Schilderung einer Kindheit, des Erwachsenwerdens — bis hin zu einer furchtbaren Bluttat. Diesmal in Berlin. Brillant erzählt, erschreckend in seiner Intensität und so greifbar, als wäre es tatsächlich passiert. Für Jugendliche ab 16 Jahren und vor allem für Erwachsene.
Im Alter von vier Jahren zog Alain mit seinen Eltern von der französischen Küste nach Berlin. In dem Mietshaus, das sie bewohnen, leben auch Margarete und Cliff, mit denen er sich anfreundet. Mit Margarete baut er “Häuser für Zwerge zwischen den Blumen im Hinterhof, und sie pflanzten mit Coco und mit Margaretes Mutter Johannisbeeren und Bananen. […] Mit Margarete war alles einfach und schön, und wenn ihre blassen, kühlen Hände seine berührten, fühlte er sich leicht.” (Zitat aus “Die Attentäter” S.24). Mit Cliff hingegen ist es anders. Cliff zeigt ihm, wie man Steine wirft und schneidet Regenwürmer durch. Seine Eltern leben getrennt und seine Mutter darf er nur ab und zu sehen. Sie studiert, hat kaum Zeit für ihn und kann mit seinen gelegentlichen Wutausbrüchen nicht umgehen. “Er hatte sie schon ein paar Mal gehauen, mit den Fäusten, oder getreten oder gebissen. Es gab Momente, in denen er
ihr wehtun wollte. Einfach, damit sie kapierte, dass er da war. Wenn er sah, was er getan hatte, erschrak er vor sich selbst. Er war sehr stark für seine fünf Jahre. Er liebte sie.” (Zitat S.43) Cliffs Vater ist arbeitslos und trinkt zu viel. Tägliche Streitereien sind an der Tagesordnung. An Weihnachten findet Alain seinen Freund morgens in einem Schuppen draußen im Hof, bei eisigen Temperaturen. Cliff hat die ganze Nacht dort verbracht. Ob die Türe nur geklemmt hat oder sein Vater ihn dort eingesperrt hat, weiß niemand. “Wenn ich groß bin, sperr ich die ganze Welt in einen Schuppen. Und denn wart mal, bis es richtig kalt ist.” (Zitat S.33) Das sagt Cliff zu Alain, als er die Wohnung dessen Eltern, wo man ihn aufgepäppelt hat, wieder verlässt. Und niemand ahnt, wie Recht er mit dieser Aussage behält. Denn Jahre später ist Cliff Mitglied bei den Rechten. “Hinter der Maske, unter der Verkleidung, war er nie ein Neonazi, die anderen, die echten Neonazis, waren naiv. Cliff nicht, noch nicht einmal mit fünfzehn. Unter seiner Oberfläche, er spürte es selbst, lauerte etwas noch viel Dunkleres.” (Zitat S.93). Und dann schließlich konvertiert er zum Islam und schließt sich dem IS an…
Antonia Michaelis wagt sich in “Die Attentäter” an ein hochbrisantes und brandaktuelles Thema. Es sind die Ereignisse in Paris am 13. November 2015, die sie zu ihrer Idee geführt haben: “Am Abend des 15.Novembers schickte ich dem Oetinger Verlag den Plot für die Attentäter. Ohne zu glauben, dass sie den Stoff nehmen würden. Einfach, weil die Geschichte mich überfallen hatte. Einen Tag später baten sie mich zu schreiben. Am 8.Februar war das Buch fertig.” Ein solch umfangreiches Werk (448 Seiten) in solch kurzer Zeit zu schreiben — Respekt! Die Geschichte verlangt dem Leser einiges ab — vor allem emotional gesehen. Sie wird aus drei Perspektiven erzählt, wobei — neben Margaretes Sicht — Alain und Cliff die zentralen Erzählpersonen sind. Manchmal ist es ein wenig verwirrend herauszufinden, welcher der drei gerade berichtet, dies löst sich jedoch meist nach ein paar Sätzen auf. Jedoch sollte man in Antonias Michaelis zum Teil sehr ausschweifenden Geschichte geduldig sein — sie porträtiert sehr intensiv und wechselt zwischen Geschehnissen der Jetztzeit (alle drei sind um die 20 Jahre alt) und denen der Vergangenheit. Doch man wird immer wieder belohnt: durch ihre gewohnt
poetische Sprache (“Der Himmel war hellblau und fadenscheinig an diesem Tag wie etwas, das wir so lange benutzt hatten, bis es beinahe zerriss.” (Zitat S.13)) und ihre stimmungsgeladenen Bilder: “Alain fühlte sich wieder glücklich und hatte gleichzeitig Angst. Das schwarze Funkeln in Cliffs Blick fraß sich in sein Inneres, wie ein Schatz aus einem Märchen, der überall, wo er einmal liegt, verbrannte Erde hinterlässt.” (Zitat S.32) Wie wird ein Mensch zu einem Attentäter? Was hat er erlebt? Was hat ihn geprägt? Wie entsteht das Böse? In “Die Attentäter” nähert sich die Autorin diesen Frage behutsam an. In dem Vorwort des Buches schreibt sie: “Alles beginnt irgendwo. Auch der Extremismus. Und ich spreche von allen Arten des Extremismus, denn dies ist kein Buch nur über den Dschihad, weit entfernt. Es ist ein Buch über den Beginn. Und der Beginn ist, in den meisten Fällen, ein Verlust. Ein Verlieren.” Sehr passend gewählt ist auch die Symbolik der Flügel, die verwendet wird, das Spiel zwischen Licht und Dunkelheit, Gut und Böse und den Grautönen dazwischen, um die Beziehung zwischen Cliff und Alain zu verdeutlichen. Untrennbar sind sie — und auch Margarete — miteinander verbunden, eine Ménage à trois, eine Beziehung (auch sexueller Art),
die komplex und anders ist. Kann Alain seinen Freund aufhalten? “Er kam aus der Tiefe und war plötzlich da, der strahlende Engel mit den Flügeln aus Licht. […] Er war ein gefährlicher Engel, er verführte mich dazu, weich zu werden und verletzlich und am Ende zu ertrinken, zu erfrieren. Er hat nie begriffen, dass er das Meer dieses Alptraums nicht mit seinem Licht füllen und auch nicht austrocknen konnte, dass es immer da sein würde.” (Zitat S.82) Der Roman ist heftig zu lesen und ganz gewiss keine leichte Kost. Auch gewalttätige Szenen werden nicht ausgespart, daher die Altersempfehlung erst ab 16 Jahren. Im Vergleich zu ihren anderen Jugendbüchern weist “Die Attentäter” relativ viel Brutalität auf und ist nichts für Zartbesaitete.
Fazit: Eine gelungene, schonungslos erzählte Geschichte und ein literarisches Kunstwerk voller Brisanz.
Wenn dir “Die Attentäter” gefallen hat, lies doch noch die anderen Jugendbücher von Antonia Michaelis: “Die Worte der weißen Königin”, “Nashville oder Das Wolfsspiel” oder “Niemand liebt November”. Ihre zwei gelungensten Bücher (fand ich) sind “Der Märchenerzähler” (das auch zahlreiche Auszeichnungen bekommen hat und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde)
und “Solange die Nachtigall singt”. Über das Thema IS/Dschihad wurde im Jugendbuch bereits einiges geschrieben: 2011 erschien “Black Box Dschihad: Daniel und Sa’ed auf ihrem Weg ins Paradies” von Martin Schäuble (2013 als Taschenbuch). 2012 wurde “Regionalexpress” von Agnes Hammer veröffentlicht, welches Anfang dieses Jahres noch einmal neu aufgelegt wurde mit dem Titel “Nächster Halt: Dschihad”. 2013 kam “Djihad Paradies” von Anna Kuschnarowa heraus (2016 als Taschenbuch). 2015 folgte “Dschihad calling” von Christian Linker. Mit auffallend vielen Neuerscheinungen ist dieses Jahr zu rechnen: Im Juli erschienen “Mond über Rakka: Verführung Dschihad” von Robert Klement und “Blood & Ink: Die Bücher von Timbuktu” von Stephen Davies. Im August kam “Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten” von Benno Köpfer heraus und auch Reality-Bestseller-Autor Morton Rhue hat sich in “Dschihad online” dieses brandaktuellen Themas angenommen (ebenfalls August).
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3789104565 Erscheinungsdatum: 22.September 2016 Einbandart: Hardcover Preis: 19,99€ Seitenzahl: 448 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: - Trailer zum Buch:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3789104565
Erscheinungsdatum: 22.September 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,99€
Seitenzahl: 448
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -
Trailer zum Buch:
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