Antonia Michaelis — Die Attentäter

Antonia Michaelis Die Attentäter22.August 2016

Die Atten­tä­ter” ist das neue Buch der deut­schen Autorin und Sprach­vir­tuo­sin Anto­nia Michae­lis. Eine Geschich­te vor den Hin­ter­grün­den der Anschlä­ge von Paris am 13. Novem­ber 2015. Ein Roman über Ter­ro­ris­mus und den Men­schen dahin­ter. Die Schil­de­rung einer Kind­heit, des Erwach­sen­wer­dens — bis hin zu einer furcht­ba­ren Blut­tat. Dies­mal in Ber­lin. Bril­lant erzählt, erschre­ckend in sei­ner Inten­si­tät und so greif­bar, als wäre es tat­säch­lich pas­siert. Für Jugend­li­che ab 16 Jah­ren und vor allem für Erwach­se­ne.

Im Alter von vier Jah­ren zog Alain mit sei­nen Eltern von der fran­zö­si­schen Küs­te nach Ber­lin. In dem Miets­haus, das sie bewoh­nen, leben auch Mar­ga­re­te und Cliff, mit denen er sich anfreun­det. Mit Mar­ga­re­te baut er “Häu­ser für Zwer­ge zwi­schen den Blu­men im Hin­ter­hof, und sie pflanz­ten mit Coco und mit Mar­ga­re­tes Mut­ter Johan­nis­bee­ren und Bana­nen. […] Mit Mar­ga­re­te war alles ein­fach und schön, und wenn ihre blas­sen, küh­len Hän­de sei­ne berühr­ten, fühl­te er sich leicht.” (Zitat aus “Die Atten­tä­ter” S.24). Mit Cliff hin­ge­gen ist es anders. Cliff zeigt ihm, wie man Stei­ne wirft und schnei­det Regen­wür­mer durch. Sei­ne Eltern leben getrennt und sei­ne Mut­ter darf er nur ab und zu sehen. Sie stu­diert, hat kaum Zeit für ihn und kann mit sei­nen gele­gent­li­chen Wut­aus­brü­chen nicht umge­hen. “Er hat­te sie schon ein paar Mal gehau­en, mit den Fäus­ten, oder getre­ten oder gebis­sen. Es gab Momen­te, in denen er Antonia Michaelis Die Attentäterihr weh­tun woll­te. Ein­fach, damit sie kapier­te, dass er da war. Wenn er sah, was er getan hat­te, erschrak er vor sich selbst. Er war sehr stark für sei­ne fünf Jah­re. Er lieb­te sie.” (Zitat S.43) Cliffs Vater ist arbeits­los und trinkt zu viel. Täg­li­che Strei­te­rei­en sind an der Tages­ord­nung. An Weih­nach­ten fin­det Alain sei­nen Freund mor­gens in einem Schup­pen drau­ßen im Hof, bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren. Cliff hat die gan­ze Nacht dort ver­bracht. Ob die Türe nur geklemmt hat oder sein Vater ihn dort ein­ge­sperrt hat, weiß nie­mand. “Wenn ich groß bin, sperr ich die gan­ze Welt in einen Schup­pen. Und denn wart mal, bis es rich­tig kalt ist.” (Zitat S.33) Das sagt Cliff zu Alain, als er die Woh­nung des­sen Eltern, wo man ihn auf­ge­päp­pelt hat, wie­der ver­lässt. Und nie­mand ahnt, wie Recht er mit die­ser Aus­sa­ge behält. Denn Jah­re spä­ter ist Cliff Mit­glied bei den Rech­ten. “Hin­ter der Mas­ke, unter der Ver­klei­dung, war er nie ein Neo­na­zi, die ande­ren, die ech­ten Neo­na­zis, waren naiv. Cliff nicht, noch nicht ein­mal mit fünf­zehn. Unter sei­ner Ober­flä­che, er spür­te es selbst, lau­er­te etwas noch viel Dunk­le­res.” (Zitat S.93). Und dann schließ­lich kon­ver­tiert er zum Islam und schließt sich dem IS an…

Antonia Michaelis Die AttentäterAnto­nia Michae­lis wagt sich in “Die Atten­tä­ter” an ein hoch­bri­san­tes und brand­ak­tu­el­les The­ma. Es sind die Ereig­nis­se in Paris am 13. Novem­ber 2015, die sie zu ihrer Idee geführt haben: Am Abend des 15.Novembers schick­te ich dem Oetin­ger Ver­lag den Plot für die Atten­tä­ter. Ohne zu glau­ben, dass sie den Stoff neh­men wür­den. Ein­fach, weil die Geschich­te mich über­fal­len hat­te. Einen Tag spä­ter baten sie mich zu schrei­ben. Am 8.Februar war das Buch fer­tig.” Ein solch umfang­rei­ches Werk (448 Sei­ten) in solch kur­zer Zeit zu schrei­ben — Respekt! Die Geschich­te ver­langt dem Leser eini­ges ab — vor allem emo­tio­nal gese­hen. Sie wird aus drei Per­spek­ti­ven erzählt, wobei — neben Mar­ga­re­tes Sicht — Alain und Cliff die zen­tra­len Erzähl­per­so­nen sind. Manch­mal ist es ein wenig ver­wir­rend her­aus­zu­fin­den, wel­cher der drei gera­de berich­tet, dies löst sich jedoch meist nach ein paar Sät­zen auf. Jedoch soll­te man in Anto­ni­as Michae­lis zum Teil sehr aus­schwei­fen­den Geschich­te gedul­dig sein — sie por­trä­tiert sehr inten­siv und wech­selt zwi­schen Gescheh­nis­sen der Jetzt­zeit (alle drei sind um die 20 Jah­re alt) und denen der Ver­gan­gen­heit. Doch man wird immer wie­der belohnt: durch ihre gewohnt Antonia Michaelis Die Attentäterpoe­ti­sche Spra­che (“Der Him­mel war hell­blau und faden­schei­nig an die­sem Tag wie etwas, das wir so lan­ge benutzt hat­ten, bis es bei­na­he zer­riss.” (Zitat S.13)) und ihre stim­mungs­ge­la­de­nen Bil­der: “Alain fühl­te sich wie­der glück­lich und hat­te gleich­zei­tig Angst. Das schwar­ze Fun­keln in Cliffs Blick fraß sich in sein Inne­res, wie ein Schatz aus einem Mär­chen, der über­all, wo er ein­mal liegt, ver­brann­te Erde hin­ter­lässt.” (Zitat S.32) Wie wird ein Mensch zu einem Atten­tä­ter? Was hat er erlebt? Was hat ihn geprägt? Wie ent­steht das Böse? In “Die Atten­tä­ter” nähert sich die Autorin die­sen Fra­ge behut­sam an. In dem Vor­wort des Buches schreibt sie: Alles beginnt irgend­wo. Auch der Extre­mis­mus. Und ich spre­che von allen Arten des Extre­mis­mus, denn dies ist kein Buch nur über den Dschi­had, weit ent­fernt. Es ist ein Buch über den Beginn. Und der Beginn ist, in den meis­ten Fäl­len, ein Ver­lust. Ein Ver­lie­ren.” Sehr pas­send gewählt ist auch die Sym­bo­lik der Flü­gel, die ver­wen­det wird, das Spiel zwi­schen Licht und Dun­kel­heit, Gut und Böse und den Grau­tö­nen dazwi­schen, um die Bezie­hung zwi­schen Cliff und Alain zu ver­deut­li­chen. Untrenn­bar sind sie — und auch Mar­ga­re­te — mit­ein­an­der ver­bun­den, eine Ména­ge à trois, eine Bezie­hung (auch sexu­el­ler Art), Antonia Michaelis Die Attentäterdie kom­plex und anders ist. Kann Alain sei­nen Freund auf­hal­ten? “Er kam aus der Tie­fe und war plötz­lich da, der strah­len­de Engel mit den Flü­geln aus Licht. […] Er war ein gefähr­li­cher Engel, er ver­führ­te mich dazu, weich zu wer­den und ver­letz­lich und am Ende zu ertrin­ken, zu erfrie­ren. Er hat nie begrif­fen, dass er das Meer die­ses Alp­traums nicht mit sei­nem Licht fül­len und auch nicht aus­trock­nen konn­te, dass es immer da sein wür­de.” (Zitat S.82) Der Roman ist hef­tig zu lesen und ganz gewiss kei­ne leich­te Kost. Auch gewalt­tä­ti­ge Sze­nen wer­den nicht aus­ge­spart, daher die Alters­emp­feh­lung erst ab 16 Jah­ren. Im Ver­gleich zu ihren ande­ren Jugend­bü­chern weist “Die Atten­tä­ter” rela­tiv viel Bru­ta­li­tät auf und ist nichts für Zart­be­sai­te­te.

Fazit: Eine gelun­ge­ne, scho­nungs­los erzähl­te Geschich­te und ein lite­ra­ri­sches Kunst­werk vol­ler Bri­sanz.

Wenn dir “Die Atten­tä­ter” gefal­len hat, lies doch noch die ande­ren Jugend­bü­cher von Anto­nia Michae­lis: “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin”, “Nash­ville oder Das Wolfs­spiel” oder “Nie­mand liebt Novem­ber”. Ihre zwei gelun­gens­ten Bücher (fand ich) sind “Der Mär­chen­er­zäh­ler” (das auch zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen bekom­men hat und für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de) Lesealternativenund “Solan­ge die Nach­ti­gall singt”. Über das The­ma IS/Dschihad wur­de im Jugend­buch bereits eini­ges geschrie­ben: 2011 erschien Black Box Dschi­had: Dani­el und Sa’ed auf ihrem Weg ins Para­dies” von Mar­tin Schäub­le (2013 als Taschen­buch). 2012 wur­de “Regio­nal­ex­press” von Agnes Ham­mer ver­öf­fent­licht, wel­ches Anfang die­ses Jah­res noch ein­mal neu auf­ge­legt wur­de mit dem Titel “Nächs­ter Halt: Dschi­had”. 2013 kam “Dji­had Para­dies” von Anna Kuschna­ro­wa her­aus (2016 als Taschen­buch). 2015 folg­te “Dschi­had cal­ling” von Chris­ti­an Lin­ker. Mit auf­fal­lend vie­len Neu­erschei­nun­gen ist die­ses Jahr zu rech­nen: Im Juli erschie­nen “Mond über Rak­ka: Ver­füh­rung Dschi­had” von Robert Kle­ment und Blood & Ink: Die Bücher von Tim­buk­tu” von Ste­phen Davies. Im August kam “Kadir, der Krieg und die Kat­ze des Pro­phe­ten” von Ben­no Köp­fer her­aus und auch Rea­li­ty-Best­sel­ler-Autor Mor­ton Rhue hat sich in “Dschi­had online” die­ses brand­ak­tu­el­len The­mas ange­nom­men (eben­falls August).

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Oetinger
ISBN: 978-3789104565
Erscheinungsdatum: 22.September 2016
Einbandart: Hardcover
Preis: 19,99€ 
Seitenzahl: 448 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Trailer zum Buch:
 

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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