Antje Wagner — Hyde

Antje Wagner Hyde24.Juli 2018

Die deut­sche Auto­rin Ant­je Wag­ner beehrt ihre Leser mit einem neu­en Buch! “Hyde” ist ein Roman, der eine Wahr­heit ver­birgt, die sich erst nach und nach ent­blät­tert. Über ein alter­na­ti­ves Leben, das plötz­lich zu Ende ist und ein Mäd­chen, das Rache nimmt. Geheim­nis­voll. Fas­zi­nie­rend. Und sprach­lich — wie gewohnt von der Auto­rin — gekonnt erzählt. Ein Buch, das rasch gefan­gen nimmt und nicht los­lässt. Bes­te Unter­hal­tung für Jugend­li­che ab 15 Jah­ren und Erwach­se­ne, die eine Freun­de an anspruchs­vol­ler, facet­ten­rei­cher Lite­ra­tur haben!

Hyde. Das Haus hin­ter den Hecken. Mit­ten in der Natur, fern­ab von der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on. Hier ist Kat­ri­na mit ihrer Zwil­lings­schwes­ter Zoe und ihrem Vater auf­ge­wach­sen. Hier ver­ber­gen sich das Glück und zugleich die Sor­gen ihrer Kind­heit. Denn bei Dun­kel­heit durf­ten sie das Haus nicht ver­las­sen. “Von Anfang Juni bis Ende Febru­ar hat­ten wir Hyde nicht mehr ver­las­sen dür­fen, sobald es däm­mer­te. […] Das Dun­kel war ver­bo­ten. Es war zu gefähr­lich. Lebens­ge­fähr­lich.” (Zitat S.37) Jetzt ist Kat­ri­na mitt­ler­wei­le 18 Jah­re alt, Tisch­le­rin gewor­den und befin­det sich auf der Walz. Sie reist von Ort zu Ort und ver­dient sich dort Geld, wo ihre Hil­fe benö­tigt wird. Immer ist sie dar­auf ange­wie­sen, von jeman­dem mit dem Auto ein Stück mit­ge­nom­men zu wer­den, so wie zum Bei­spiel von der Radio­mo­de­ra­to­rin und Wahr­sa­ge­rin Jose­fi­ne, die ihr zufäl­lig auchAntje Wagner Hyde einen nächs­ten Job ver­mit­telt. Aber obwohl sie die Frau, die ihr sogar ihre Visi­ten­kar­te gibt, auf Anhieb sym­pa­thi­sche fin­det, kann Kat­ri­na nicht län­ger als nötig bei ihr blei­ben: “Ich strich den Gedan­ken sofort wie­der durch. Bin­dun­gen ein­zu­ge­hen, war aus­ge­schlos­sen. Sie hiel­ten nur auf. Ich war nicht unter­wegs um Freun­de zu fin­den, son­dern auf einem Feld­zug. Dar­auf soll­te ich mich kon­zen­trie­ren.” (Zitat S.17) Nach einem Aus­beu­ter­job in einer zwie­lich­ti­gen Abstei­ge lan­det Kat­ri­na schließ­lich im Haus Wald­kauz, einem weit abge­le­ge­nen Anwe­sen, das bereits völ­lig ver­wahr­lost und her­un­ter­ge­kom­men ist und um das sich düs­te­re Geschich­ten ran­ken. Leu­te aus dem nächs­ten Dorf erzäh­len, dass der Teu­fel dar­in wohnt; for­dern, dass es abge­brannt wird. Es wur­de der Gemein­de unter bestimm­ten Auf­la­gen ver­erbt. Dar­un­ter eine, die besagt, dass ein bestimm­ter Raum in dem Haus nie­mals geöff­net wer­den dür­fe. Schon eini­ge Ver­wal­ter hat das Haus mit der düs­te­ren Ver­gan­gen­heit hin­ter sich gelas­sen. Trotz­dem nimmt Kat­ri­na den Job, das Haus wie­der in Schuss zu set­zen, an. Denn das jun­ge Mäd­chen hat einen Plan. Einen Rache­plan: “Sie wer­den für alles bezah­len, Zoe. Dach­te ich. Du kannst dich auf mich ver­las­sen. Zahn um Zahn. Sie wis­sen es nicht, aber ich bin schon unter­wegs.” (Zitat S.42) Und nichts und nie­mand wird Kat­ri­na auf­hal­ten…

Antje Wagner HydeBereits das Cover zu “Hyde” wirkt genau­so geheim­nis­voll wie der Titel des Buches. Was ver­birgt sich hin­ter den Blät­tern? Ist die Ähn­lich­keit zu dem eng­li­schen Wort “hide” (=ver­ber­gen) Absicht oder Zufall? Mit einem poe­tisch-phi­lo­so­phi­schen Start, ein paar weni­gen Sät­zen, die dem ers­ten Kapi­tel vor­an­ge­stellt sind, macht die Auto­rin bereits neu­gie­rig: “Was ist die Ursa­che für Lie­be? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass die Lie­be nicht ver­schwin­det, wenn der Mensch, dem sie gilt, stirbt. Sie ist immer noch da. Wie das Licht, wenn eine Ker­ze erlischt. Sie ist in mei­nem Inne­ren, streift suchend umher, hei­mat­los, mit wun­den Füßen, sehn­süch­ti­gen Hän­den.” (Zitat S.5) Und die Neu­gier­de ist ein Grund­ele­ment, das den Leser wie einen roten Faden durch­gän­gig durch den Roman zieht. Denn in der Geschich­te, die kom­plett aus Kat­ri­nas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben ist, befin­det sich der Leser pau­sen­los auf Spu­ren­su­che. Schon Kat­ri­na als Cha­rak­ter gibt gro­ße Rät­sel auf. Sie hat ein schwa­ches, lin­kes Bein, das sie manch­mal nach­zieht. Ihre Aus­spra­che ist undeut­lich, so dass ande­re sie nicht immer ver­ste­hen und sie trägt unent­wegt ein Tuch vor dem Mund. Die Ursa­chen schei­nen weit zurück zu lie­gen. Das erkennt auch sofort die Wahr­sa­ge­rin Jose­fi­ne, die unge­fragt ein Urteil abgibt: “Da ist etwas… etwas Grau­en­haf­tes.” Ihre Stim­me wur­de lei­ser. “Es liegt in ihrer Ver­gan­gen­heit. […] Ein gro­ßes Unrecht…” Sie wuss­te etwas! “Aus der Ver­gan­gen­heit füh­ren zwei Türen”, fuhr sie fort. “Eine öff­net sich ins LAntje Wagner Hydeicht und die ande­re in die Fins­ter­nis. Sie müs­sen sich ent­schei­den.” Sie sprach jetzt sehr lei­se und das ers­te Mal ohne Aus­ru­fe­zei­chen. “Es ist viel­leicht die wich­tigs­te Ent­schei­dung ihres Lebens.” (Zitat S.18ff) Auf der Suche nach der Wahr­heit wird rasch klar, dass Kat­ri­na mit ihrer Schwes­ter und ihrem Vater ein ganz ande­res, alter­na­ti­ves Leben geführt hat. Bruch­stü­cke und Erin­ne­run­gen an frü­her durch­trän­ken die Geschich­te immer wie­der und las­sen den Leser ein­tau­chen in ein fas­zi­nie­ren­des Stück Ver­gan­gen­heit: “Wir drei schaf­fen es”, hat­te er gesagt. “Du, Zoe und ich. Wir leben ein beson­de­res Leben. […] Pro­ble­me haben nur die Leu­te drau­ßen. Wir nicht. Für uns gibt es nur Her­aus­for­de­run­gen.” (Zitat S.40) War­um ist die­ses Leben auf ein­mal zu Ende gegan­gen? Wie ist es dazu über­haupt gekom­men? Und wo sind Zoe und ihr Vater jetzt? Fra­gen über Fra­gen bil­den sich beim Lesen wie unsicht­ba­re Sprech­bla­sen über dem Kopf. Man wird förm­lich ver­ein­nahmt von der Geschich­te und in einen Bann gezo­gen, aus dem es schwer ist, sich zu befrei­en. Gleich­zei­tig fühlt man sich zeit­wei­se völ­lig ahnungs­los, in wel­che Rich­tung vor allem das Gesche­hen der Jetzt­zeit gehen könn­te. Wäh­rend die Hand­lung mys­te­ri­ös und undurch­schau­bar erscheint, wir­ken die gezeich­ne­ten Cha­rak­te­re jedoch greif­bar und gut skiz­ziert. Wie zum Bei­spiel die Wahr­sa­ge­rin, die Kat­ri­na gleich zu Beginn von “Hyde” ken­nen­lernt: “Jose­fi­ne bevor­zug­te Ges­ten, die man auch aus der Fer­ne ver­ste­hen wür­de. Sie war der Typ für die Büh­ne. Hin­ter jedem Satz Antje Wagner Hydehör­te man Aus­ru­fe­zei­chen. Alles war für immer, nie, voll­kom­men oder zutiefst. Kein Mit­tel­maß. Nur Extre­me. Das fand ich gut. Das hat­te ich noch nie bei jeman­dem erlebt. Ja, ich kann­te sie. Irgend­wie. Nicht aus der Wirk­lich­keit. Aus einer Sehn­sucht.” (Zitat S.16) Was mir an dem Roman eben­falls beson­ders gut gefal­len hat, ist die atmo­sphä­ri­sche Spra­che, die Ant­je Wag­ner ver­wen­det. Die Stim­mun­gen, die sie in Wor­te fasst und die Bil­der, die sie im Kopf unwei­ger­lich ent­ste­hen lässt: “Voll­mond. Gera­de noch war alles schwarz wie Teer gewe­sen, jetzt schwapp­te kno­chen­wei­ßes Licht durch ein Wol­ken­loch über die ver­schnei­ten Nadel­bäu­me, spie­gel­te sich in der Schnee­de­cke über dem Hang, leg­te alles bloß. […] Wuchern­de Ran­ken lagen über der Vor­der­front wie ein Hutschlei­er über einem ver­wein­ten Gesicht. […] Der Mond beleuch­te­te den tief ver­schnei­ten Hang und der Hang leuch­te­te gespens­tisch zurück. (Zitat S.72) Das Ende ist gera­de­zu ner­ven­zeh­rend und viel­schich­tig und in einem beson­ders schö­nen Geflecht von schnell wech­seln­den Abschnit­ten aus Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart zusam­men­ge­setzt, das die Dra­ma­tik der Geschich­te gelun­gen unter­streicht und einen klei­nen Hauch Mys­tik offen­bart. (Wobei mir die aller­letz­te Hand­lung mir fast ein biss­chen too much war;-))

Fazit: Ein gran­dio­ses Buch, das sich defi­ni­tiv zu lesen lohnt!

Von der Stim­mung her, dem Geheim­nis­vol­len und der Natur­the­ma­tik habe ich auch an fol­gen­des Buch sofort den­ken müs­sen: “Solan­ge die Nach­ti­gall singt” von Anto­nia Michae­lis, eine sehr gute (eben­falls lite­ra­ri­sche) AlterLesealternativennati­ve. Oder noch etwas anspruchs­vol­ler und bril­lant geschrie­ben: “Das Mäd­chen mit den glä­ser­nen Füßen” von Ali Shaw. Die­ses Zurück­ge­zo­gen in der Natur leben, das fin­dest du eben­so in fol­gen­den Büchern: “Liber­ty Bell: Das Mäd­chen aus den Wäl­dern” von Johan­na Rosen (ali­as Jana Frey), Zer­trenn­lich” von Sas­kia Sarg­in­son und Wenn ihr uns fin­det” von Emi­ly Mur­doch. Dir gefällt Ant­je Wag­ners Erzähl­stil? Dann greif doch noch zu ihren ande­ren Jugend­bü­chern, hier chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum “Unland” (2009), “Schat­ten­ge­sicht” (2012) und “Vaku­um” (2014). Für Erwach­se­ne sind unter ande­rem “Mot­ten­licht (Kurz­ge­schich­ten)” (2003) und “Hin­ter dem Schlaf” (2005). Ganz neu ist noch “Der Schein”, das sie zusam­men mit Tania Wit­te unter dem Pseud­onym Ella Blix geschrie­ben hat — rich­tig schön fes­selnd!

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-75435-6
Erscheinungsdatum: 10.Juli 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,95€ 
Seitenzahl: 408
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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