Antje Herden — Keine halben Sachen

Kasimira28.April 2019

Die deut­sche Autorin Ant­je Her­den hat mit “Kei­ne hal­ben Sachen” — neben vie­len Kin­der­bü­chern — nun nicht nur ihr ers­tes Jugend­buch ver­fasst, son­dern wur­de für die­ses auch mit dem “Peter-Härt­ling-Preis 2019” aus­ge­zeich­net. Ein Roman über eine Freund­schaft und über den Absturz eines Jun­gen. Authen­tisch, mit­rei­ßend und äußerst bewe­gend geschrie­ben. Mit einem Ende, das deut­lich macht — Ant­je Her­den macht defi­ni­tiv kei­ne hal­ben Sachen;-)! Für Jugend­li­che, die Ernst genom­men wer­den und sich mit dem The­ma Dro­gen aus­ein­an­der­set­zen wol­len. Und für inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Der 15-jäh­ri­ge Robin wür­de sich nicht direkt als Ein­zel­gän­ger beschrei­ben, denn er hat ein paar Kum­pels, mit denen er ab und zu abhängt, aber so ganz zuge­hö­rig fühlt er sich nicht: “Sie waren irgend­wie nicht genug. Oder das, was wir sag­ten und taten, war es nicht. Ich fühl­te mich nie hun­dert­pro­zen­tig rich­tig. Nicht mit ihnen. Aber auch mit nie­man­dem sonst. Nicht ein­mal mit mir selbst.” (Zitat S.10) Alles ändert sich in Robins Leben, als Leo plötz­lich vor sei­nem Haus und dann auch noch in sei­ner Klas­se auf­taucht. Er setzt sich auf den frei­en Platz neben ihn. Auf den schon seit drei Jah­ren nie­mand mehr saß. Der ein­zi­ge, freie Platz. Sie fan­gen an sich zuKasimiraunter­hal­ten. Sie tref­fen sich nach der Schu­le. Hän­gen zusam­men im Park ab. Und irgend­wie fühlt sich das plötz­lich genau rich­tig an. Und weil Leo sich regel­mä­ßig einen Joint zieht, will auch Robin damit begin­nen: Ich hat­te mich ent­schie­den, mit dem Kif­fen anzu­fan­gen. Genau­so wie vor drei Wochen für das Rau­chen. Natür­lich kann­te ich das Dafür und das Dage­gen. […] Ich hat­te sämt­li­che Infor­ma­tio­nen gegen­ein­an­der abge­wo­gen. Für mich war die Sache klar. Ich woll­te das. Ich ver­sprach mir etwas davon.” (Zitat S.18) Immer öfter schwän­zen Robin und Leo den Unter­richt. Die Brie­fe von der Schu­le fängt Robin ab. Sei­ne Mut­ter, deren gute Freun­din plötz­lich an Krebs erkrankt ist, ist mit den Gedan­ken sowie­so wo ganz anders. Sein Geld, das er eigent­lich fürs Mit­tag­essen aus­ge­ben soll­te, wird immer sel­te­ner für die­sen Zweck ein­ge­setzt. “Du und ich, der Park, Joints, […] Ziga­ret­ten, Mate, immer öfter eine Fla­sche bil­li­gen Mori­ot Mus­kat, dei­ne Play­list, die auch mei­ne wur­de, und unse­re Gesprä­che über Gott und die Welt. Ich ver­miss­te nichts und woll­te nir­gend­wo anders sein.” (Zitat S.20) Robin geht es gut. Er genießt sei­ne Frei­heit. Er genießt das Zusam­men­sein mit Leo, der so cool und anders ist. Läs­sig. Und unbe­küm­mert. Im Park hän­gen sie oft mit ande­ren Jugend­li­chen ab, die regel­mä­ßig drauf sind. Ich bewun­der­te sie für ihre Selbst­ver­ges­sen­heit, für ihre Scheiß-auf-die-Welt-Atti­tü­de. Alles und alle ande­ren schie­nen ihnen egal zu sein. Nur sie selbst zähl­ten, der Moment, die Musik, der Rede- und der Bewe­gungs­drang, denen sie hem­mungs­los nach­ga­ben. Ich wuss­te, dass sie alle Druf­fis und voll auf Speed waren. Sie schnupf­ten das gelb­li­che Pul­ver in aller Öffent­lich­keit von ihren Han­dy­dis­plays. Du mach­test von Anfang an mit.” (Zitat S.21) Doch dann ler­nen sie die bei­den Mäd­chen Anna und Kar­la ken­nen. Und Robin stürzt noch wei­ter ab. Nimmt noch här­te­re Dro­gen. Nicht ein­mal Leo kann ihn noch zur Ver­nunft brin­gen…

Das Cover von “Kei­ne hal­ben Sachen” wirkt unschein­bar und gleich­zei­tig doch irgend­wie fas­zi­nie­rend. Es ist anders. Spielt mit der Wahr­neh­mung, sug­ge­riert Fer­ne und Nähe, unter­schied­li­che Rea­li­tä­ten und könn­te auf den Inhalt bezo­gen pas­sen­der nicht sein. Der Roman wird durch­ge­hend aus Robins Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Eine Beson­der­heit hier­bei ist, dass er in Kasimirasei­ner Sicht­wei­se von Leo immer wie­der in der Du-Form spricht. Dies hebt die Freund­schaft der bei­den und den Ein­fluss von Leo auf Robin beson­ders her­vor und ist ein prak­ti­sches Stil­mit­tel. Die Ent­wick­lung der “Dro­gen­kar­rie­re” von Robin liest sich wie eine Spi­ra­le, die lang­sam aber ste­tig abwärts führt. Den Rausch, den er erlebt, das wird äußerst authen­tisch und ergrei­fend geschil­dert: “Rück­bli­ckend erschei­nen mir die Wochen mit Kar­la wie ein schwar­zes Loch, in dem jede Sekun­de für immer ver­schwand. Doch damals waren sie ein Wir­bel. Ein Wir­bel aus Lie­be, Far­ben, Musik, Dro­gen und Küs­sen. […] Wir schlie­fen oder waren drauf. Kei­ne wache Sekun­de ohne Lie­be, ohne Pil­len, Gras, Ziga­ret­ten, Mori­ot Mus­kat oder Sex. Ein stän­di­ger Rausch. Her­vor­ge­ru­fen aus einer Mischung aus Oxy­to­cin, MDMA, THC, Niko­tin und Alko­hol.” (Zitat S.64) Die Spra­che ist ange­nehm und flüs­sig. Der Roman mit 136 Sei­ten rei­nem Text auch rela­tiv kurz gehal­ten, daher auch ide­al für eine Buch­vor­stel­lung oder als Klas­sen­lek­tü­re. War­um ist Robin süch­tig gewor­den? War­um stürzt er immer mehr ab? Der Text bie­tet jede Men­ge Stoff zum Dis­ku­tie­ren und Nach­den­ken, zeigt auch Kasimiraselbst phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen des Prot­ago­nis­ten: “Ich hat­te den Faden ver­lo­ren. Oder gemerkt, dass es kei­nen gab. Um was ging es hier eigent­lich? Lie­ßen wir ein­fach nur irgend­wie die Zeit ver­ge­hen? Zeit, nach der wir nicht gefragt hat­ten, die uns von unse­ren Eltern auf­ge­zwun­gen wor­den war, als sie vor sech­zehn Jah­ren ent­schie­den, dass wir exis­tie­ren soll­ten?” (Zitat S.39) Die Geschich­te ist durch­ge­hend flüs­sig erzählt und nimmt einen schnell gefan­gen. Dafür sor­gen vor allem die gele­gent­li­chen Andeu­tun­gen, die der Ich-Erzäh­ler ein­schiebt, so wie: “Dass es am Ende doch gefähr­lich wer­den wür­de, hat­te nicht nur mit den ver­lo­re­nen zehn Kilos zu tun.” (Zitat S.18) Und am Ende, das mit einem Pau­ken­schlag daher­kommt, denkt man wirk­lich: Wow — am bes­ten noch mal von vor­ne lesen! Ein beein­dru­cken­des Buch.

Fazit: Ein kurz­wei­li­ger Roman, der zu Recht preis­ge­krönt ist.

Ant­je Her­den hat — wie bereits erwähnt — bis­her noch kein wei­te­res Jugend­buch geschrie­ben. Wenn du an ihren ande­ren Kin­der­bü­chern inter­es­siert bist, dann erhältst du hier eine Über­sicht. Eine beson­de­re Freund­schaft und eine Art von Absturz, das erlebst du zudem in dem höchst gLesealternativenelun­ge­nen, lite­ra­ri­schen “Wicker King” von Kay­la Ancrum. Rich­tig gut geschrie­ben und in eine ähn­li­che Rich­tung geht “Kom­pass ohne Nor­den” von Neal Shus­ter­man, das 2019 für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert wur­de. Dro­gen­ab­hän­gig­keit und ein lang­sa­mes Abstür­zen, das kannst du auch in die­sen Roma­nen ent­de­cken: Du denkst, die Welt zer­fällt, und brichst nur selbst in Stü­cke” von Armin Kas­ter, “Junk” von Mel­vin Bur­gess, “Wenn ich will, hör ich auf” von Wer­ner Fär­ber und in “Speed” von Mau­re­en Ste­wart. Hier spie­len über­all Jungs die Haupt­rol­le. Zwei Klas­si­ker, die in der Schu­le oft gele­sen wer­den, sind “Cold Tur­key” von Ange­li­ka Mech­tel und “Wir Kin­der vom Bahn­hof Zoo” von Chris­tia­ne F. Sehr authen­tisch fand ich vor allem “Clean” von Juno Daw­son, in dem ein jun­ges Mäd­chen in einer Kli­nik sich ihrer Sucht­pro­ble­me stel­len muss. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Das Ende von “Kei­ne hal­ben Sachen” hat mich an eine gro­ße Anzahl von Büchern den­ken las­sen, die die­ses Erzähl­mo­tiv eben­falls ver­wen­den, lies hier­zu zum Bei­spiel “Als ich dich such­te” von Lau­ren Oli­ver oder Feu­er­schwes­ter” von Emi­ko Jean. Etwas älter sind “Böser Bru­der, toter Bru­der” von Narin­der Dha­mi , “1000 Mal gedenk ich dein” von Hei­ke E. Schmidt, “Tote Mäd­chen schrei­ben kei­ne Brie­fe” von Gail Giles und “Böse, böse” von Eliza­beth Woods. Aber auch die Neu­erschei­nung von Tania Wit­te (“Die Stil­le zwi­schen den Sekun­den”) arbei­tet mit sel­bi­gem Sche­ma. ««««««ENDE SPOILER»»»»»

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-81248-3
Erscheinungsdatum: 13.März 2019
Einbandart: Broschur
Preis: 12,95€ 
Seitenzahl: 144 
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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