Die deutsche Autorin Antje Herden hat mit “Keine halben Sachen” — neben vielen Kinderbüchern — nicht nur ihr erstes Jugendbuch verfasst, sondern wurde für dieses auch mit dem Peter-Härtling-Preis 2019 ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert. Ein Roman über eine Freundschaft und über den Absturz eines Jungen. Authentisch, mitreißend und äußerst bewegend geschrieben. Mit einem Ende, das deutlich macht — Antje Herden macht definitiv keine halben Sachen;-)! Für Jugendliche ab 14, die Ernst genommen werden und sich mit dem Thema Drogen auseinandersetzen wollen. Und für interessierte Erwachsene.
Der 15-jährige Robin würde sich nicht direkt als Einzelgänger beschreiben, denn er hat ein paar Kumpels, mit denen er ab und zu abhängt, aber so ganz zugehörig fühlt er sich nicht: “Sie waren irgendwie nicht genug. Oder das, was wir sagten und taten, war es nicht. Ich fühlte mich nie hundertprozentig richtig. Nicht mit ihnen. Aber auch mit niemandem sonst. Nicht einmal mit mir selbst.” (Zitat S.10) Alles ändert sich in Robins Leben, als Leo plötzlich vor seinem Haus und dann auch noch in seiner Klasse auftaucht. Er setzt sich auf den freien Platz neben ihn. Auf den schon seit drei Jahren niemand mehr saß. Der einzige, freie Platz. Sie fangen an sich zu
unterhalten. Sie treffen sich nach der Schule. Hängen zusammen im Park ab. Und irgendwie fühlt sich das plötzlich genau richtig an. Und weil Leo sich regelmäßig einen Joint zieht, will auch Robin damit beginnen: “Ich hatte mich entschieden, mit dem Kiffen anzufangen. Genauso wie vor drei Wochen für das Rauchen. Natürlich kannte ich das Dafür und das Dagegen. […] Ich hatte sämtliche Informationen gegeneinander abgewogen. Für mich war die Sache klar. Ich wollte das. Ich versprach mir etwas davon.” (Zitat S.18) Immer öfter schwänzen Robin und Leo den Unterricht. Die Briefe von der Schule fängt Robin ab. Seine Mutter, deren gute Freundin plötzlich an Krebs erkrankt ist, ist mit den Gedanken sowieso wo ganz anders. Sein Geld, das er eigentlich fürs Mittagessen ausgeben sollte, wird immer seltener für diesen Zweck eingesetzt. “Du und ich, der Park, Joints, […] Zigaretten, Mate, immer öfter eine Flasche billigen Moriot Muskat, deine Playlist, die auch meine wurde, und unsere Gespräche über Gott und die Welt. Ich vermisste nichts und wollte nirgendwo anders sein.” (Zitat S.20) Robin geht es gut. Er genießt seine Freiheit. Er genießt das Zusammensein mit Leo, der so cool und anders ist.
Lässig. Und unbekümmert. Im Park hängen sie oft mit anderen Jugendlichen ab, die regelmäßig drauf sind. “Ich bewunderte sie für ihre Selbstvergessenheit, für ihre Scheiß-auf-die-Welt-Attitüde. Alles und alle anderen schienen ihnen egal zu sein. Nur sie selbst zählten, der Moment, die Musik, der Rede- und der Bewegungsdrang, denen sie hemmungslos nachgaben. Ich wusste, dass sie alle Druffis und voll auf Speed waren. Sie schnupften das gelbliche Pulver in aller Öffentlichkeit von ihren Handydisplays. Du machtest von Anfang an mit.” (Zitat S.21) Doch dann lernen sie die beiden Mädchen Anna und Karla kennen. Und Robin stürzt noch weiter ab. Nimmt noch härtere Drogen. Nicht einmal Leo kann ihn noch zur Vernunft bringen…
Das Cover von “Keine halben Sachen” wirkt unscheinbar und gleichzeitig doch irgendwie faszinierend. Es ist anders. Spielt mit der Wahrnehmung, suggeriert Ferne und Nähe, unterschiedliche Realitäten und könnte auf den Inhalt bezogen passender nicht sein. Der Roman wird durchgehend aus Robins Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Eine Besonderheit hierbei ist, dass er in
seiner Sichtweise von Leo immer wieder in der Du-Form spricht. Dies hebt die Freundschaft der beiden und den Einfluss von Leo auf Robin besonders hervor und ist ein praktisches Stilmittel. Die Entwicklung der “Drogenkarriere” von Robin liest sich wie eine Spirale, die langsam aber stetig abwärts führt. Den Rausch, den er erlebt, das wird äußerst authentisch und ergreifend geschildert: “Rückblickend erscheinen mir die Wochen mit Karla wie ein schwarzes Loch, in dem jede Sekunde für immer verschwand. Doch damals waren sie ein Wirbel. Ein Wirbel aus Liebe, Farben, Musik, Drogen und Küssen. […] Wir schliefen oder waren drauf. Keine wache Sekunde ohne Liebe, ohne Pillen, Gras, Zigaretten, Moriot Muskat oder Sex. Ein ständiger Rausch. Hervorgerufen aus einer Mischung aus Oxytocin, MDMA, THC, Nikotin und Alkohol.” (Zitat S.64) Die Sprache ist angenehm und flüssig. Der Roman mit 136 Seiten reinem Text auch relativ kurz gehalten, daher auch ideal für eine Buchvorstellung oder als Klassenlektüre. Warum ist Robin süchtig geworden? Warum stürzt er immer mehr ab? Der Text bietet jede Menge Stoff zum Diskutieren und Nachdenken, zeigt auch
selbst philosophische Überlegungen des Protagonisten: “Ich hatte den Faden verloren. Oder gemerkt, dass es keinen gab. Um was ging es hier eigentlich? Ließen wir einfach nur irgendwie die Zeit vergehen? Zeit, nach der wir nicht gefragt hatten, die uns von unseren Eltern aufgezwungen worden war, als sie vor sechzehn Jahren entschieden, dass wir existieren sollten?” (Zitat S.39) Die Geschichte ist durchgehend mitreißend erzählt und nimmt einen schnell gefangen. Dafür sorgen vor allem die gelegentlichen Andeutungen, die der Ich-Erzähler einschiebt, so wie: “Dass es am Ende doch gefährlich werden würde, hatte nicht nur mit den verlorenen zehn Kilos zu tun.” (Zitat S.18) Und am Ende, das mit einem Paukenschlag daherkommt, denkt man wirklich: Wow — am besten noch mal von vorne lesen! Ein beeindruckendes Buch.
Fazit: Ein kurzweiliger Roman, der zu Recht preisgekrönt ist.
Antje Herden hat mittlerweile ein zweites Jugendbuch geschrieben, das 2020 erschien: “Waena: Ruf der Brandung”. Wenn du an ihren anderen Kinderbüchern interessiert bist, dann erhältst du hier eine Übersicht. Eine besondere Freundschaft und eine Art von Absturz, das erlebst du zudem in dem höchst g
elungenen, literarischen “Wicker King” von Kayla Ancrum. Richtig gut geschrieben und in eine ähnliche Richtung geht “Kompass ohne Norden” von Neal Shusterman, das 2019 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Drogenabhängigkeit und ein langsames Abstürzen, das kannst du auch in diesen Romanen entdecken: “Du denkst, die Welt zerfällt, und brichst nur selbst in Stücke” von Armin Kaster, “Junk” von Melvin Burgess, “Wenn ich will, hör ich auf” von Werner Färber und in “Speed” von Maureen Stewart. Hier spielen überall Jungs die Hauptrolle. Zwei Klassiker, die in der Schule oft gelesen werden, sind “Cold Turkey” von Angelika Mechtel und “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” von Christiane F. Sehr authentisch fand ich vor allem “Clean” von Juno Dawson, in dem ein junges Mädchen in einer Klinik sich ihrer Suchtprobleme stellen muss. ««««««ACHTUNG SPOILER:»»»»»» Das Ende von “Keine halben Sachen” hat mich an eine große Anzahl von Büchern denken lassen, die dieses Erzählmotiv ebenfalls verwenden, lies hierzu zum Beispiel “Als ich dich suchte” von Lauren Oliver oder “Feuerschwester” von Emiko Jean. Etwas älter sind “Böser Bruder, toter Bruder” von Narinder Dhami , “1000 Mal gedenk ich dein” von Heike E. Schmidt, “Tote Mädchen schreiben keine Briefe” von Gail Giles und “Böse, böse” von Elizabeth Woods. Aber auch der Roman von Tania Witte (“Die Stille zwischen den Sekunden”) arbeitet mit selbigem Schema. ««««««ENDE SPOILER»»»»»
Bibliografische Angaben:Verlag: Beltz & Gelberg ISBN: 978-3-407-81257-5 Erscheinungsdatum: 10.Februar 2021 Einbandart: Broschur Preis: 6,95€ Seitenzahl: 144 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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Verlag: Beltz & Gelberg
ISBN: 978-3-407-81257-5
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Preis: 6,95€
Seitenzahl: 144
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