Antje Babendererde — Sommer der blauen Wünsche

Kasimira25.März 2021

Som­mer der blau­en Wün­sche” ist der neu­es­te Roman der deut­schen Autorin Ant­je Baben­der­er­de. Auf ihre Bücher freue ich mich immer sehr! Dies­mal ent­führt sie ihre Leser das ers­te Mal ins raue Schott­land. Ein jun­ges Mäd­chen, das aus einem tur­bu­len­ten All­tag zu ihrer Groß­mutter in die High­lands flüch­tet und dort auf einen geheim­nis­vol­len Jun­gen im Roll­stuhl trifft, von dem sie sich — wenn es nach ihrer Groß­mutter gin­ge — lie­ber fern­hal­ten soll­te. Eine facet­ten­rei­che, tief­grün­di­ge Geschich­te, gespickt mit aller­lei Legen­den und his­to­ri­schen Bezü­gen, die einen wun­der­ba­ren Ein­blick in die schot­ti­sche Lebens­art bereit­hält. Ein­drucks­voll, äußerst roman­tisch und authen­tisch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und für inter­es­sier­te Erwachsene.

Von Ber­lin nach Schott­land. Für die jun­ge Car­lin ver­än­dert sich alles, als sie zu ihrer Groß­mutter zieht, die sie schon seit Ewig­kei­ten nicht mehr gese­hen hat. “Offen­bar kann man im Nord­wes­ten der Graf­schaft Suther­land außer Scha­fe­zäh­len nicht viel ande­res machen. Gran wohnt in einer klei­nen Künst­ler­ko­lo­nie am Rand der schot­ti­schen Küs­ten­ge­mein­de Cala­da­le. Zwei­hun­dert Men­schen leben im Dorf, zwan­zig in der Kolo­nie, die für eine Wei­le auch mein Zuhau­se sein wird.” (Zitat aus “Som­mer der blau­en Wün­sche” S.5) Seit Car­lins Vater die Fami­lie ver­las­sen hat, um sei­ne Kar­rie­re vor­an­zu­trei­ben, als sieKasimira sie­ben Jah­re alt war, exis­tiert die Fami­lie ihres Vaters für ihre Mut­ter qua­si nicht mehr. Auch ihre Groß­mutter nicht. Doch jetzt geht es ein­fach nicht anders. Als Car­lin ihre Gran anruft und ihr die aktu­el­le Situa­ti­on schil­dert, lädt die­se sie sofort an, für eine Wei­le bei ihr zu woh­nen. Denn Car­lin Mut­ter ist manisch-depres­siv und nun in einer Kli­nik gelan­det. “Ich sen­ke den Blick auf mei­nen Tel­ler und den­ke an die emo­tio­na­le Ach­ter­bahn­fahr­ten der letz­ten drei Jah­re. Fra­ge mich, ob Gran auch nur eine Ahnung davon hat, wie das für mich war, mit Ma zu leben. Mit einer Mut­ter, die zwei Gesich­ter hat, eins lachend, eins wei­nend. Eins für­sorg­lich, eins erschre­ckend. Und nie­mand, mit dem ich mir die Auf­ga­be, für sie da zu sein, tei­len konn­te.” (Zitat S.15) In dem klei­nen, über­schau­ba­ren Calda­le lässt ihre Groß­mutter Car­lin alle Frei­hei­ten die Gegend zu ent­de­cken. Sie lernt die Land­schaft und eini­ge Leu­te ken­nen. Trifft auch auf den sar­kas­ti­schen, geheim­nis­vol­len KasimiraArran. “Arran ist der Sohn eines Lords, eine Adli­ger mit einem Stamm­baum, der bis ins zwölf­te Jahr­hun­dert zu König Mac­beth zurück­reicht. Bes­ser, ich schla­ge ihn mir aus dem Kopf.” (Zitat S.116) Er war län­ge­re Zeit nicht mehr in Cala­da­le. Ist jetzt zurück­ge­kom­men. Und er sitzt im Roll­stuhl. “Arran Mack­ay”, stößt Gran her­vor, als wür­de sie den Namen des Teu­fels aus­spre­chen. “Hei­li­ger Stroh­sack, was will der denn hier in Cala­da­le? […] Gib dich bloß nicht mit die­sem üblen Bur­schen ab, Car­lin”, wet­tert sie. “Er ist ein arro­gan­ter Mist­kerl, genau­so wie sein Vater” (Zitat S.86) Doch Car­lin, die all­mäh­lich wie­der ihre Frei­heit ein eige­nes Leben zu füh­ren genießt und rich­tig­ge­hend auf­blüht, kommt Arran unwei­ger­lich immer näher. Aber auch er hat eine schick­sal­haf­te Vergangenheit…

KasimiraMir gefällt die Farb­ge­stal­tung des Covers. Mal etwas ganz ande­res. Schaut man genau­er hin, ent­deckt man in der unte­ren Hälf­te ein karier­tes Mus­ter, das an einen schot­ti­schen Kilt erin­nern. Das Buch ist vom Gewicht her über­ra­schend schwer, was der Her­stel­lungs­wei­se mit Umwelt­pa­pier geschul­det ist. Im Innen­teil der Klapp­bro­schur las­sen sich vor­ne und hin­ten Fotos der Hand­lungs­or­te ent­de­cken. Der Titel klingt fas­zi­nie­rend, eine Ahnung über des­sen Ursprün­ge erhält man bereits im ers­ten Drit­tel der Geschich­te, als Car­lin von ihrer Groß­tan­te Ish­bel erfährt, der sie wohl sehr ähn­lich sieht: Sie war wie der Wind, dei­ne Groß­tan­te. Unbe­re­chen­bar, kom­pro­miss­los und vol­ler sprü­hen­der Ener­gie. Ish­bel sehn­te sich nach Fül­le und nach Glück. Wenn es um ihre wil­den Träu­me ging, sprach sie immer von ihren blau­en Wün­schen.” Bri­gid lächel­te. Blaue Wün­sche, den­ke ich. Dar­in sind wir uns also auch ähn­lich.” (Zitat S.74) Der Roman ist Kasimirain Kapi­tel unter­teilt und ist durch­ge­hend aus Car­lins Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve geschrie­ben. “Som­mer der blau­en Wün­sche” ist eine sehr behut­sam erzähl­te Geschich­te. Sie besticht nicht durch ein hohes Erzähl­tem­po, son­dern gera­de durch die Fein­hei­ten, auf die sich Ant­je Baben­der­er­de kon­zen­triert. Sie nimmt sich Zeit für die Ent­fal­tung ihrer Cha­rak­te­re, für die Beschrei­bung von Loka­li­tä­ten und schafft es selbst ein fik­ti­ves Ört­chen namens Cala­da­le atmo­sphä­risch wir­ken zu las­sen: “Plötz­lich ein Riss in den Wol­ken. Son­nen­licht flu­tet die von Tro­cken­mau­ern und Scha­fen gemus­ter­ten Hügel, die unter Nebel­schwa­den geheim­nis­voll glit­zern. Die Wän­de des gro­ßen Hau­ses erstrah­len hell. Ein brei­ter Regen­bo­gen in Rot, Oran­ge, Gelb, Grün, Indi­go und Vio­lett spannt sich über der leuch­tend tür­kis­far­be­nen See mit den wei­ßen Schaum­kro­nen. “Calda­le heißt dich will­kom­men”, bemerkt Gran lächelnd.” (Zitat S.8) Die Autorin gibt Ein­bli­cke in die Geschich­te KasimiraSchott­lands, in ver­gan­ge­ne Zei­ten, in alte Legen­den, in das Leben von Clans, in die Tra­di­ti­on der Schaf­zucht, macht aber auch auf aktu­el­le Pro­ble­ma­ti­ken auf­merk­sam: “Durch den Bre­x­it und den Weg­fall der EU-Gel­der sind die Zukunfts­aus­sich­ten für jun­ge Leu­te hier oben im Nor­den noch weni­ger rosig gewor­den. Nie­mand lebt hier im Über­fluss, das wirst du bald fest­stel­len.” (Zitat S.43) Vie­le Per­so­nen, vor allem Neben­fi­gu­ren tau­chen in dem Roman auf, erfor­dern zu Beginn eine gewis­se Kon­zen­tra­ti­on beim Lesen. Es gibt schein­bar belang­lo­se Details, die erwähnt wer­den und die spä­ter eine Bedeu­tung bekom­men, man merkt schnell, hier wird nichts dem Zufall über­las­sen. Vie­le Geheim­nis­se prä­gen den Erzähl­text. Gran meint es gut mit mir, aber sie weiß nicht, was ich getan habe. Nie­mand weiß das, außer Ma. Wenn die Depres­si­on ihre dunk­len Flü­gel hebt und sie es begreift, wird sie mich auf ewig dafür has­sen. Ich schlu­cke gegen die Enge an, die mei­ne Keh­le zuschnürt. Noch bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich außer­halb der Welt mei­ner Mut­ter über­haupt eKasimiraxis­tie­re.” (Zitat S.7) Was hat Car­lin getan, ehe sie nach Schott­land kam? Wie geht es wei­ter mit ihrer Mut­ter und mit ihrem Leben an sich? Sie, die in den letz­ten Jah­ren völ­lig zurück­ge­zo­gen gelebt hat und sich aus­schließ­lich um ihre Mut­ter geküm­mert hat? Ihre Wand­lung zu beob­ach­ten liest sich sehr authen­tisch und bewe­gend. Das Mäd­chen, das immer nur schwar­ze Klei­dung trägt und all­mäh­lich aus sich her­aus­kommt und sich bei­spiels­wei­se ein neu­es far­bi­ges Ober­teil besorgt: “Es ist, als habe ich mei­ne alter Haut abge­streift und dar­un­ter ist eine ande­re Car­lin zum Vor­schein gekom­men. Die neue Car­lin gefällt mir, sie sieht weib­li­cher aus, aber der Anblick ist unge­wohnt. Aus der alten Haut zu schlüp­fen, ist nicht so leicht.” (Zitat S.93) Aber auch den Spu­ren ihrer eige­nen schot­ti­schen Ver­wandt­schaft zu fol­gen, auf die sie in Cala­da­le unwei­ger­lich stößt, ist ein Geheim­nis, das Car­lin erst all­mäh­lich lösen muss. Allen vor­an natür­lich ArraKasimiran, der eini­ges zu ver­ber­gen scheint und hin­ter des­sen Fas­sa­de sie erst nach und nach blickt. Die Lie­bes­ge­schich­te der bei­den wird sehr aus­führ­lich beschrie­ben, das Hin und Her, die auf­kei­men­den Gefüh­le und die Pro­ble­me, die zwi­schen ihnen ste­hen. Auch Sexua­li­tät ist ein wich­ti­ger Bestand­teil, der jedoch sprach­lich sehr behut­sam und sen­si­bel geschil­dert wird. Allein die beson­de­ren Gescheh­nis­se zwi­schen Car­lin und Fio­na (und deren Ent­wick­lung) waren mir per­sön­lich etwas too much. Wie Car­lin jedoch lernt sich wie­der auf ande­re Men­schen ein­zu­las­sen und ver­trau­en zu fas­sen, liest sich äußerst berüh­rend. Das Ende — abso­lut passend.

Wenn dir “Som­mer der blau­en Wün­sche” gefal­len hat, dann kannst du natür­lich auch noch die ande­ren Roma­ne von Ant­je Baben­der­er­de lesenLesealternativenIhre Schwer­punkt­the­ma­tik ist vor allem die heu­ti­ge Lebens­welt der India­ner Nord­ame­ri­kas. Hier chro­no­lo­gisch nach ihrem Erschei­nungs­da­tum: “Der Gesang der Orcas” (2003), “Lako­ta Moon” (2005), “Tali­tha Run­ning Hor­se” (2005), “Libel­len­som­mer” (eines ihrer bekann­tes­ten Bücher, 2006), “Zwei­herz” (2007), “Die ver­bor­ge­ne Sei­te des Mon­des” (2007), “Indi­go­som­mer” (2009), “Rain Song” (2010), “Juli­schat­ten” (2012) Danach folg­ten die Thril­ler “Ise­grim” (2013) und “Der Kuss des Raben” (2016), bei­de jedoch völ­lig ohne India­ner­be­zug, die in Thü­rin­gen, der Hei­mat von Ant­je Baben­der­er­de, spie­len. Wie­der ihrer Kern­the­ma­tik treu sind “Wie die Son­ne in der Nacht” (2018) und “Schnee­tän­zer” (2019). Du magst Lie­bes­ge­schich­ten, die in Schott­land spie­len? Dann greif unbe­dingt zu “By your side” von Beth Anne Mil­ler oder “Nichts zu ver­lie­ren. Außer uns.” von Lea Coplin, die bei­de sehr roman­tisch zu lesen sind. Ande­re Roma­ne mit glei­cher Loka­li­tät wären “Für immer dein Prinz” von Ste­pha­nie Kate Strohm, “If only” von A.J. Pine oder die “Royals”-Rei­he von Rachel Haw­kins.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60540-1
Erscheinungsdatum: 11.März 2021
Einbandart: Broschur
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 392
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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