Antje Babendererde — Schneetänzer

14.November 2019

End­lich mal wie­der etwas Neu­es von der deut­schen Autorin Ant­je Baben­der­er­de! “Schnee­tän­zer” heißt ihr aktu­el­les Werk, das den Leser mit­ten in die kana­di­sche Wild­nis ver­schlägt, wo neben der Suche eines Jun­gen nach sei­nem Vater auch eine zar­te Lie­bes­ge­schich­te ihren Anfang nimmt. Ein sanft erzähl­tes Buch, mit einer schö­nen Spra­che und der Lieb­lings­the­ma­tik der Autorin: India­ner. Sehr toll vor allem für Jungs zu lesen! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwach­se­ne.

Vier Wochen vor den Abitur­prü­fun­gen haut er ab: der 18-jäh­ri­ge Jakob. Denn seit aus­ge­rech­net sein ver­hass­ter Stief­va­ter ihm im Streit eine Wahr­heit an den Kopf gewor­fen hat, von der er bis­her nichts wuss­te, ist alles anders. “Mum hat­te mir jah­re­lang weis­ge­macht, ich wäre die Fol­ge eines One-Night-Stands. […] Und am nächs­ten Mor­gen, als sie aus ihrem Mari­hua­na-Rausch erwacht war, hät­te er bereits das Wei­te gesucht. Damit hat­ten sich alle wei­te­ren Fra­gen erüb­rigt.” (Zitat aus “Schnee­tän­zer” S.10) Doch Jakobs Vater ist kein One-Night-Stand gewe­sen, son­dern ein India­ner und sie hat sogar 4 Jah­re langKasimira gemein­sam mit ihm in Kana­da gelebt, ehe sie ihn ver­las­sen hat. Dass Jakobs Erin­ne­run­gen an die­se Zeit nicht mehr da sind, liegt auch an ihrem Tren­nungs­grund: Jakobs Vater ist nach einem Streit betrun­ken Auto gefah­ren und hat dabei einen Unfall ver­ur­sacht, der Jakob für kur­ze Zeit ins Koma brach­te und sei­nen Vater ins Gefäng­nis. Danach hat sei­ne Mut­ter mit dem 4‑Jährigen das Wei­te gesucht und ist nach Deutsch­land gekom­men. Erneut stieg Wut in mir hoch. Auf mei­ne Mut­ter, die mich jah­re­lang betro­gen hat­te, aber auch auf mei­nen ver­ant­wor­tungs­lo­sen Vater, der vor vier­zehn Jah­ren unse­re Fami­lie zer­stört hat­te. Bei­de waren schuld dar­an, dass ich mein bis­he­ri­ges Leben unter fal­schen Vor­zei­chen gelebt hat­te.” (Zitat S.9) Nun will Jakob end­lich nach sei­nen Wur­zeln for­schen und reist — wütend und ent­täuscht von sei­ner Mut­ter - nach Kana­da, um dort nach sei­nem Vater zu suchen. Auf der Zug­fahrt trifft er auf die schnip­pi­sche, abwei­sen­de Kimi. Auf sei­nen Vater trifft er so schnell nicht, der soll in den Wäl­dern unter­wegs sein. Ein Mann bie­tet Jakob an, ihn zu sei­nem KasimiraCamp zu brin­gen. Doch als er mit­ten in der Wild­nis kurz pin­keln muss, fährt die­ser mit dem Schnee­fahr­zeug ein­fach wei­ter und lässt ihn allei­ne zurück. “Ich starr­te auf die Sachen und frag­te mich, was in den Mann gefah­ren war, mich mit­ten in der Wild­nis allein zurück­zu­las­sen. Ich hat­te ihm nichts getan. Das Ange­bot, mich zu mei­nem Vater zu brin­gen, war sei­ne Idee gewe­sen. Doch sosehr ich auch grü­bel­te, Mikes Beweg­grün­de blie­ben mir ein Rät­sel. Er muss­te ver­rückt sein.” (Zitat S.54) Mit­ten im größ­ten Schnee­ge­stö­ber und mit gera­de mal zwei Müs­li­rie­geln ist Jakob den Urge­wal­ten der Natur aus­ge­setzt und einem Bären, der ihn schließ­lich angreift und schwer ver­letzt. Dann ist es aus­ge­rech­net Kimi, die ihn gemein­sam mit ihrem Groß­va­ter ret­tet und in ihr klei­nes Häus­chen in der Wild­nis holt, um ihn wie­der auf­zu­päp­peln. Uner­war­tet kom­men die bei­den sich näher. Aber auch Kimi hat etwas zu ver­ber­gen…

KasimiraDas schön gestal­te­te Cover macht bereits von außen neu­gie­rig auf “Schnee­tän­zer”. Ein Buch, das hof­fent­lich von der Gestal­tung her nicht nur Mäd­chen, son­dern auch Jungs anspre­chen wird, denn haupt­säch­lich erzählt wird der Roman tat­säch­lich aus Jakobs Sicht. Nur zuwei­len gibt es ein paar weni­ge Kapi­tel, die die per­so­na­le Erzähl­per­spek­ti­ve von Kimi zei­gen: “Kimi star­te in die Dun­kel­heit. Wie ver­wir­rend nah Jacob ihr war. Ihrem Kör­per, ihrem Leben, ihren Gedan­ken und Gefüh­len. In den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren hat­te sich um ihr wun­des Herz eine har­te Scha­le gebil­det und dar­un­ter war es unbe­rühr­bar und taub gewor­den. Doch nun bekam die Scha­le Ris­se. Sie spür­te wie­der etwas. Das war ver­stö­rend.” (Zitat S.104) Die Spra­che ist — wie immer bei der Autorin — sehr schön, an man­chen Stel­len fast ein wenig poe­tisch und sehr kraft­voll. Die win­ter­li­che Sze­ne­rie zu schil­dern, die Gefah­ren in der Wild­nis und das Über­le­ben auf ganz aut­ar­ke Wei­se (wie Kimi und ihr Groß­va­ter es noch tun), das gelingt Ant­je Baben­der­er­de äußerst gut. An man­chen Stel­len wird auch das Jagen und Aus­wei­den von KasimiraTie­ren deut­lich beschrie­ben. Für Jakob als Vege­ta­ri­er, der all­mäh­lich zu sei­nen Wur­zeln zurück­zu­fin­den ver­sucht, kein ein­fa­ches The­ma. Beson­ders sei­ne Zwie­späl­tig­keit zwi­schen dem Leben in Deutsch­land und den vie­len Tra­di­tio­nen sei­ner zwei­ten Iden­ti­tät, näm­lich der eines Cree-India­ners, liest sich sehr authen­tisch: “Die Wild­nis da drau­ßen for­der­te etwas von mir, etwas, das zwei­fel­los in mir ange­legt, jedoch vie­le Jah­re im Ver­bor­ge­nen geblie­ben war. Woll­te ich wirk­lich, dass es wie­der zum Vor­schein kam? Die Welt der Cree-Vor­fah­ren war macht­voll. Ein gan­zer Kos­mos von tra­gi­schen Geschich­ten, von Ritua­len und altem Wis­sen tat sich vor mir auf, in so rasen­der Geschwin­dig­keit, dass mir davon ganz schwin­de­lig wur­de.” (Zitat S.197) Neben einem span­nen­den Sur­vi­val-Aben­teu­er und einer Lie­bes­ge­schich­te wird vor allem auch eine Fami­li­en­ge­schich­te erzählt, eine Vater-Sohn-Bezie­hung, die all­mäh­lich auf­ge­baut wird und die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit, die schließ­lich ans Licht zu gera­ten dro­hen. Wäh­rend mich die Geschich­te am Anfang tat­säch­lich noch Kasimiranicht ganz so packen konn­te, änder­te sich dies für mich unge­fähr ab der Hälf­te des Buches und man fühlt sich schließ­lich völ­lig ver­ein­nahmt von die­ser kana­di­schen Welt und beglei­tet Jakob auf sei­nem Auf und Ab der Gefüh­le. In einem Nach­wort gibt Ant­je Baben­der­er­de an, schon immer mal einen “Win­ter­ro­man” habe schrei­ben zu wol­len, der im Nor­den Kana­das spielt. Dies hat sie getan und dazu auch jede Men­ge vor Ort (in Moo­so­nee) recher­chiert. Auch ein düs­te­res Kapi­tel in der Geschich­te der India­ner, in dem es um Miss­hand­lung in Mis­si­ons­schu­len geht, fin­det Ein­zug in das Buch.

Fazit: Ein Roman, der anfäng­lich noch ein biss­chen in Fahrt kom­men muss, dann aber sei­ne vol­le Wir­kung ent­fal­tet und sehr schön cho­reo­gra­phiert ist!

Wenn dir “Schnee­tän­zer” gefal­len hat, dann kannst du natür­lich noch die ande­ren India­ner-Roma­ne von Ant­je Baben­der­er­de lesen. LesealternativenHier chro­no­lo­gisch sor­tiert nach Erschei­nungs­da­tum: “Der Gesang der Orcas” (2003), “Lako­ta Moon” (2005), “Tali­tha Run­ning Hor­se” (2005), “Libel­len­som­mer” (eines ihrer bekann­tes­ten Bücher, 2006), “Zwei­herz” (2007), “Die ver­bor­ge­ne Sei­te des Mon­des” (2007), “Indi­go­som­mer” (2009), “Rain Song” (2010). Dann erschien mal ein Buch ohne India­ner­be­zug, aber auch sehr span­nend und spielt in Thü­rin­gen, der Hei­mat der Autorin: “Ise­grim” (2013) Eben­so “Der Kuss des Raben” (2016) wid­met sich ihren Thrü­rin­ger Wur­zeln. Mit “Wie die Son­ne in der Nacht” (2018) und die­sem hier rezen­sier­ten Werk kehrt Ant­je Baben­der­er­de wie­der zurück zur India­ner-The­ma­tik. Eine Autorin, die eben­falls zum Teil über India­ner und fremd­län­di­sche Kul­tu­ren schreibt, ist Fede­ri­ca de Ces­co. Du magst Geschich­ten, in denen ein Jun­ge nach sei­nem Vater sucht? Dann lies unbe­dingt “Der Son­ne nach” von Gabrie­le Cli­ma und “Hal­be Hel­den” von Erin Jade Lan­ge. Sel­bi­ges für Mäd­chen wäre “Orca­som­mer” von Sabi­ne Gieb­ken. Einen Kampf ums Über­le­ben in der Wild­nis von Kana­da erlebst du auch in die­sen drei Büchern: in “Wolf Moon River” von Rai­ner Maria Schrö­der und etwas roman­ti­scher in “Das Glück an mei­nen Fin­ger­spit­zen” von Julie Leu­ze und in “Sur­vi­ve: Wenn der Schnee mein Herz berührt” von  Alex Morel. Toll fand ich auch die Neu­erschei­nung von die­sem Jahr: “Unter dem Zelt der Ster­ne”  von Jenn Benett.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60441-1
Erscheinungsdatum: 23.September 2019
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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