Auf neue Romane der deutschen Autorin Antje Babendererde freue ich mich immer sehr! Ihr aktuelles Werk heißt “Im Schatten des Fuchsmondes” und entführt seine Leser*innen — wie schon in “Der Sommer der blauen Wünsche” — wieder nach Schottland. Auf einem herrschaftlichen Landwesen mitten in den schottischen Highlands verliebt sich die Tochter des Hauses in einen für ihren Vater nicht gerade standesgemäßen jungen Mann, der jedoch eine dunkle Vergangenheit mit sich trägt. Ein oppulentes Werk — ein Gesamtpaket mit einer gut durchdachten Mischung aus Liebes- und Familiengeschichte, angereichert mit jeder Menge Wissenswertem über Land, Natur, Tiere und die Jagd. Faszinierend und sehr unterhaltsam! Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Die 16-jährige Lia und ihre jüngere Schwester Kelsi verbringen ihre Ferien auf dem Landgut ihres Vaters, welches mitten in den schottischen Highlands liegt. “Von Badfearna aus erstreckt sich Loch Maree jeweils zehn Kilometer in Richtung Osten und in Richtung Westen. Er ist ein dunkler, in der Eiszeit entstandener Gletschersee, lang gezogen, aber nur vier Kilometer breit und durch einen gebirgigen Streifen Land vom Meer getrennt. Ich liebe es, mit dem Kajak zwischen seinen zerklüfteten Inseln zu paddeln.” (Zitat S.49) Lia liebt die Natur und die Tiere dort und ist sehr gerne draußen. Ihre Schwester ist nicht sehr
begeistert, hatte sich auf Sommerferien in Kalifornien gefreut. Doch weil ihre Mutter sich um die Großeltern kümmern muss, deren Haus abgebrannt ist, ist dieser Urlaub ausgefallen. “Früher hat Kelsi es genauso geliebt, auf unserem Landgut zu sein wie ich. Doch seit sie sich in eine Insta-Sternchen verwandelt hat und hauptsächlich mit Klamotten und Jungs beschäftigt ist, hält meine Schwester unseren alten Clansitz für den ödesten Ort der Welt.” (Zitat S.11) Lia freut sich darauf Struan wiederzusehen, den Sohn des Verwalters, den sie seit Kindheitstagen kennt und in den sie schon seit Ewigkeiten verliebt ist. Das letzte Mal, als sie sich gesehen haben, haben sie sich sogar geküsst. Doch Struan Anreise wird sich um einige Zeit verschieben und so ist sie erst mal allein auf sich gestellt. Ihre Schwester vergräbt sich in ihrem Zimmer, um mit ihren Freunden zu skypen. Ihr Vater, der um die finanzielle Situation des Landsitzes besorgt ist, und diesen nun an vermögende Jagdgäste vermietet, um über die Runden zu kommen, hat auch wenig Zeit. “Wenn die Engländer und der Russe anreisen, soll in der Lodge und auf dem Anwesen alles perfekt sein,
damit die Gäste die Unterkunft, das Ambiente und den Service in den höchsten Tönen loben und weiterempfehlen unter ihren reichen Geschäftsfreunden.” (Zitat S.14) Dafür ist Lia oft mit Duncan, einem älteren Mann, unterwegs, der der Wildhüter von Badfearna ist. Sie möchte auch eines Tages Wildtiermanagement studieren, auch wenn ihrem Vater das gar nicht so gefällt. “Von Duncan McGowan habe ich im Laufe der Jahre eine Menge über das komplexe Zusammenspiel von Mensch und Natur gelernt und der Wildhüter hat nie versucht, mir meinen Wunsch auszureden, mal in seine Fußstapfen zu treten.” (Zitat S.24) Doch dann begegnet Lia eines Tages Finn. Der in der Nähe des Berges herumstreift. Dem sie immer mal wieder über den Weg läuft und der sich unmöglich ihr gegenüber verhält. Und dann wird er sogar auf dem Landgut als Hilfsarbeiter eingestellt. “Ich kann es nicht fassen. Finn wird den Sommer über auf Badfearna arbeiten. Mir jeden Tag über den Weg laufen. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut oder schrecklich finden soll. Und warum weiß ich nichts
davon, dass Duncan einen Großneffen aus Glasgow hat? Einen so unverschämten… so unverschämt gut aussehenden Neffen.” (Zitat S.87) Aber irgendetwas stimmt nicht mit dem Jungen, der sie immer “Mylady” nennt und mit einem zahmen Fuchs spielt. Lia will unbedingt herausfinden, was das ist…
Das Cover und der Titel von “Im Schatten des Fuchsmondes” sind wunderschön gestaltet und ein echter Hingucker. Der Roman beginnt mit einem geheimisvollen, fast unheilvollen Prolog, in welchem sich ein Mädchen mit ihrem Geliebten auf einer Insel trifft, auf der ein Wunschbaum steht. Man steckt eine Münze in den Stamm und darf sich dann etwas wünschen. “Fraser warnte Olivia, nichts von der Insel mitzunehmen, […] weil das Unglück über sie bringen würde. Doch Olivia lachte nur. Sie war ein modernes Mädchen aus der Stadt und glaubte nicht an solche Dinge.” (Zitat S.8) Denn als Erinnerung an die gemeinsame Nacht nimmt sie heimlich einen
Kieselstein mit. Der Prolog endet mit: “Zu Hause in Glasgow legte sie den weißen Kiesel in eine Schatulle, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte. Und erinnerte sich erst wieder an ihn, als das Unglück begann.” (Zitat S.8) Wer Olivia ist, erfährt man recht bald und welche Rolle sie spielt. Das Buch ist in Kapitel eingeteilt (die Kapitelzahlen sind in einen Fuchs gezeichnet) und wird größtenteils aus Lias Sicht in der Ich-Perspektive erzählt. Ab und zu gibt es jedoch auch ein paar Passagen, in denen Finn in personaler Sichtweise seinen Blickwinkel auf die Dinge beschreibt. Die Geschichte ist schon zu Beginn sehr atmospärisch geschrieben und lässt den Leser*in wunderbar eintauchen in das schottische Setting: “Die Rosabel, unser kleines Boot mit dem schwarzen Rumpf, gesteuert vom alten Duncan, tuckert zwischen Eilean Sùbhainn und Eilean Eachainn durch die klaren Wasser des Loch Maree, während über den dichten Kieferkronen ein Fischadler seine Kreise zieht. Kein Wind bewegt die Wasseroberfläche des Lochs, auf der sich die schlanken, kupferfarbenen Stämme der schottischen Kiefern spiegeln
wie ein schwimmender Wald voller dunkler Geheimnisse.” (Zitat S.9) Die Autorin nimmt sich Zeit für die Ausarbeitung ihrer Figuren, die Schilderung von geschichtlichen Ereignissen oder landestypischen Begebenheiten. Auch das Mythische kommt in “Im Schatten des Fuchsmondes” nicht zu kurz: “Seit Tausenden von Jahren ranken sich Mythen und Legenden um den weißen Hirsch und es gibt viele Geschichten über folgenreiche Begegnungen. In der Artus-Sage gilt er als das einzige Tier Schottlands, das nie gefangen werden konnte.” (Zitat S.34) Das verlangsamt den Lesefluss manchmal ein wenig, ist aber dennoch hochinteressant, da man nicht einfach nur eine Liebesgeschichte vorgesetzt bekommt, sondern eine Geschichte mit Substanz und Hintergrundwissen. Ebenso auf die aktuelle Lage, die Auswirkungen von Corona und Brexit geht Antje Babendererde an einigen Stellen ein. Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Natur. Man kann hier tatsächlich einiges lernen, über die Jagd, über das Gleichgewicht in der Natur, das vor allem Lias Vater und der Wildhüter Duncan
versuchen einzuhalten: “Im Winter mussten sie Futterrüben verteilen, weil sonst Tiere verhungert wären. Gib es jedoch im Frühjahr zu viele Hirsche, zertrampeln sie die Gelege der Moorhühner und anderer Bodenbrüter in der Heide. Auch die zarten Baumschösslinge haben gegen ihren Appetit keine Chance. Das sensible Gleichgewicht zu halten, ist für Dad und seine Wildhüter eine immerwährende Gratwanderung durch alle Jahreszeiten.” (Zitat S.35) Es werden viele Begrifflichkeiten, auch schottische Bezeichnungen erklärt (wenn auch leider nicht alles, was ist denn ein Headstalker? Ein Sporran?). Im Mittelteil hat mir manchmal ein bisschen der Spannungsbogen gefehlt, aber im letzten Viertel des Buches hat mich die Geschichte dann wieder völlig mitgerissen. Das Ende ist glaubwürdig und passend.
Wenn dir “Im Schatten des Fuchsmondes” gefallen hat, dann kannst du natürlich noch die anderen Romane von Antje Babendererde lesen.
Sie hat sich vor allem auf das Thema Indianer spezialisiert. Hier chronologisch sortiert nach Erscheinungsdatum: “Der Gesang der Orcas” (2003), “Lakota Moon” (2005), “Talitha Running Horse” (2005), “Libellensommer” (eines ihrer bekanntesten Bücher, 2006), “Zweiherz” (2007), “Die verborgene Seite des Mondes” (2007), “Indigosommer” (2009), “Rain Song” (2010). Dann erschien mal ein Buch ohne Indianerbezug, aber auch sehr spannend und spielt in Thüringen, der Heimat der Autorin: “Isegrim” (2013) Ebenso “Der Kuss des Raben” (2016) widmet0 sich ihren Thüringer Wurzeln. Mit “Wie die Sonne in der Nacht” (2018) und “Schneetänzer” (2019) kehrt Antje Babendererde wieder zurück zur Indianer-Thematik. 2021 veröffentlichte sie noch “Sommer der blauen Wünsche”, ihr erster (unabhängig zu lesender) Schottland-Roman. Du magst Liebesgeschichten, die in Schottland spielen? Dann kann ich dir noch “By your side” von Beth Anne Miller empfehlen, oder die zweibändige Reihe von Jana Schäfer “The way we fall” (Band 1) und “The hope we find” (Band 2). Eine sehr gute Alternative, die auch einige Parallelen hat zu “Im Schatten des Fuchsmondes” ist das schon etwas ältere, aber sehr gelungene “Wenn du mich küsst” von Juliana Stone.
Bibliografische Angaben:Verlag: Arena ISBN: 978-3-401-60541-8 Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 17,00€ Seitenzahl: 400 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60541-8
Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 400
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