Antje Babendererde — Im Schatten des Fuchsmondes

Kasimira25.Oktober 2022

Auf neue Roma­ne der deut­schen Autorin Ant­je Baben­der­er­de freue ich mich immer sehr! Ihr aktu­el­les Werk heißt “Im Schat­ten des Fuchs­mon­des” und ent­führt sei­ne Leser*innen — wie schon in “Der Som­mer der blau­en Wün­sche” — wie­der nach Schott­land. Auf einem herr­schaft­li­chen Land­we­sen mit­ten in den schot­ti­schen High­lands ver­liebt sich die Toch­ter des Hau­ses in einen für ihren Vater nicht gera­de stan­des­ge­mä­ßen jun­gen Mann, der jedoch eine dunk­le Ver­gan­gen­heit mit sich trägt. Ein oppu­len­tes Werk — ein Gesamt­pa­ket mit einer gut durch­dach­ten Mischung aus Lie­bes- und Fami­li­en­ge­schich­te, ange­rei­chert mit jeder Men­ge Wis­sens­wer­tem über Land, Natur, Tie­re und die Jagd. Fas­zi­nie­rend und sehr unter­halt­sam! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Die 16-jäh­ri­ge Lia und ihre jün­ge­re Schwes­ter Kel­si ver­brin­gen ihre Feri­en auf dem Land­gut ihres Vaters, wel­ches mit­ten in den schot­ti­schen High­lands liegt. “Von Bad­fear­na aus erstreckt sich Loch Maree jeweils zehn Kilo­me­ter in Rich­tung Osten und in Rich­tung Wes­ten. Er ist ein dunk­ler, in der Eis­zeit ent­stan­de­ner Glet­scher­see, lang gezo­gen, aber nur vier Kilo­me­ter breit und durch einen gebir­gi­gen Strei­fen Land vom Meer getrennt. Ich lie­be es, mit dem Kajak zwi­schen sei­nen zer­klüf­te­ten Inseln zu pad­deln.” (Zitat S.49) Lia liebt die Natur und die Tie­re dort und ist sehr ger­ne drau­ßen. Ihre Schwes­ter ist nicht sehr Kasimirabegeis­tert, hat­te sich auf Som­mer­fe­ri­en in Kali­for­ni­en gefreut. Doch weil ihre Mut­ter sich um die Groß­el­tern küm­mern muss, deren Haus abge­brannt ist, ist die­ser Urlaub aus­ge­fal­len. “Frü­her hat Kel­si es genau­so geliebt, auf unse­rem Land­gut zu sein wie ich. Doch seit sie sich in eine Ins­ta-Stern­chen ver­wan­delt hat und haupt­säch­lich mit Kla­mot­ten und Jungs beschäf­tigt ist, hält mei­ne Schwes­ter unse­ren alten Clan­sitz für den ödes­ten Ort der Welt.” (Zitat S.11) Lia freut sich dar­auf Stru­an wie­der­zu­se­hen, den Sohn des Ver­wal­ters, den sie seit Kind­heits­ta­gen kennt und in den sie schon seit Ewig­kei­ten ver­liebt ist. Das letz­te Mal, als sie sich gese­hen haben, haben sie sich sogar geküsst. Doch Stru­an Anrei­se wird sich um eini­ge Zeit ver­schie­ben und so ist sie erst mal allein auf sich gestellt. Ihre Schwes­ter ver­gräbt sich in ihrem Zim­mer, um mit ihren Freun­den zu sky­pen. Ihr Vater, der um die finan­zi­el­le Situa­ti­on des Land­sit­zes besorgt ist, und die­sen nun an ver­mö­gen­de Jagd­gäs­te ver­mie­tet, um über die Run­den zu kom­men, hat auch wenig Zeit. “Wenn die Eng­län­der und der Rus­se anrei­sen, soll in der Lodge und auf dem Anwe­sen alles per­fekt sein, Kasimiradamit die Gäs­te die Unter­kunft, das Ambi­en­te und den Ser­vice in den höchs­ten Tönen loben und wei­ter­emp­feh­len unter ihren rei­chen Geschäfts­freun­den.” (Zitat S.14) Dafür ist Lia oft mit Dun­can, einem älte­ren Mann, unter­wegs, der der Wild­hü­ter von Bad­fear­na ist. Sie möch­te auch eines Tages Wild­tier­ma­nage­ment stu­die­ren, auch wenn ihrem Vater das gar nicht so gefällt. “Von Dun­can McGo­wan habe ich im Lau­fe der Jah­re eine Men­ge über das kom­ple­xe Zusam­men­spiel von Mensch und Natur gelernt und der Wild­hü­ter hat nie ver­sucht, mir mei­nen Wunsch aus­zu­re­den, mal in sei­ne Fuß­stap­fen zu tre­ten.” (Zitat S.24) Doch dann begeg­net Lia eines Tages Finn. Der in der Nähe des Ber­ges her­um­streift. Dem sie immer mal wie­der über den Weg läuft und der sich unmög­lich ihr gegen­über ver­hält. Und dann wird er sogar auf dem Land­gut als Hilfs­ar­bei­ter ein­ge­stellt. “Ich kann es nicht fas­sen. Finn wird den Som­mer über auf Bad­fear­na arbei­ten. Mir jeden Tag über den Weg lau­fen. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut oder schreck­lich fin­den soll. Und war­um weiß ich nichts Kasimiradavon, dass Dun­can einen Groß­nef­fen aus Glas­gow hat? Einen so unver­schäm­ten… so unver­schämt gut aus­se­hen­den Nef­fen.” (Zitat S.87) Aber irgend­et­was stimmt nicht mit dem Jun­gen, der sie immer “Myla­dy” nennt und mit einem zah­men Fuchs spielt. Lia will unbe­dingt her­aus­fin­den, was das ist…

Das Cover und der Titel von “Im Schat­ten des Fuchs­mon­des” sind wun­der­schön gestal­tet und ein ech­ter Hin­gu­cker. Der Roman beginnt mit einem gehei­mis­vol­len, fast unheil­vol­len Pro­log, in wel­chem sich ein Mäd­chen mit ihrem Gelieb­ten auf einer Insel trifft, auf der ein Wunsch­baum steht. Man steckt eine Mün­ze in den Stamm und darf sich dann etwas wün­schen. “Fra­ser warn­te Oli­via, nichts von der Insel mit­zu­neh­men, […] weil das Unglück über sie brin­gen wür­de. Doch Oli­via lach­te nur. Sie war ein moder­nes Mäd­chen aus der Stadt und glaub­te nicht an sol­che Din­ge.” (Zitat S.8) Denn als Erin­ne­rung an die gemein­sa­me Nacht nimmt sie heim­lich einen KasimiraKie­sel­stein mit. Der Pro­log endet mit: “Zu Hau­se in Glas­gow leg­te sie den wei­ßen Kie­sel in eine Scha­tul­le, in der sie ihren Schmuck auf­be­wahr­te. Und erin­ner­te sich erst wie­der an ihn, als das Unglück begann.” (Zitat S.8) Wer Oli­via ist, erfährt man recht bald und wel­che Rol­le sie spielt. Das Buch ist in Kapi­tel ein­ge­teilt (die Kapi­tel­zah­len sind in einen Fuchs gezeich­net) und wird größ­ten­teils aus Lias Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Ab und zu gibt es jedoch auch ein paar Pas­sa­gen, in denen Finn in per­so­na­ler Sicht­wei­se sei­nen Blick­win­kel auf die Din­ge beschreibt. Die Geschich­te ist schon zu Beginn sehr atmos­pä­risch geschrie­ben und lässt den Leser*in wun­der­bar ein­tau­chen in das schot­ti­sche Set­ting: “Die Rosa­bel, unser klei­nes Boot mit dem schwar­zen Rumpf, gesteu­ert vom alten Dun­can, tuckert zwi­schen Eilean Sùb­hainn und Eilean Eachainn durch die kla­ren Was­ser des Loch Maree, wäh­rend über den dich­ten Kie­fer­kro­nen ein Fisch­ad­ler sei­ne Krei­se zieht. Kein Wind bewegt die Was­ser­ober­flä­che des Lochs, auf der sich die schlan­ken, kup­fer­far­be­nen Stäm­me der schot­ti­schen Kie­fern spie­geln Kasimirawie ein schwim­men­der Wald vol­ler dunk­ler Geheim­nis­se. (Zitat S.9) Die Autorin nimmt sich Zeit für die Aus­ar­bei­tung ihrer Figu­ren, die Schil­de­rung von geschicht­li­chen Ereig­nis­sen oder lan­des­ty­pi­schen Bege­ben­hei­ten. Auch das Mythi­sche kommt in “Im Schat­ten des Fuchs­mon­des” nicht zu kurz: “Seit Tau­sen­den von Jah­ren ran­ken sich Mythen und Legen­den um den wei­ßen Hirsch und es gibt vie­le Geschich­ten über fol­gen­rei­che Begeg­nun­gen. In der Artus-Sage gilt er als das ein­zi­ge Tier Schott­lands, das nie gefan­gen wer­den konn­te.” (Zitat S.34) Das ver­lang­samt den Lese­fluss manch­mal ein wenig, ist aber den­noch hoch­in­ter­es­sant, da man nicht ein­fach nur eine Lie­bes­ge­schich­te vor­ge­setzt bekommt, son­dern eine Geschich­te mit Sub­stanz und Hin­ter­grund­wis­sen. Eben­so auf die aktu­el­le Lage, die Aus­wir­kun­gen von Coro­na und Bre­x­it geht Ant­je Baben­der­er­de an eini­gen Stel­len ein. Haupt­au­gen­merk liegt jedoch auf der Natur. Man kann hier tat­säch­lich eini­ges ler­nen, über die Jagd, über das Gleich­ge­wicht in der Natur, das vor allem Lias Vater und der Wild­hü­ter Dun­can Kasimiraver­su­chen ein­zu­hal­ten: “Im Win­ter muss­ten sie Fut­ter­rü­ben ver­tei­len, weil sonst Tie­re ver­hun­gert wären. Gib es jedoch im Früh­jahr zu vie­le Hir­sche, zer­tram­peln sie die Gele­ge der Moor­hüh­ner und ande­rer Boden­brü­ter in der Hei­de. Auch die zar­ten Baum­schöss­lin­ge haben gegen ihren Appe­tit kei­ne Chan­ce. Das sen­si­ble Gleich­ge­wicht zu hal­ten, ist für Dad und sei­ne Wild­hü­ter eine immer­wäh­ren­de Grat­wan­de­rung durch alle Jah­res­zei­ten.” (Zitat S.35) Es wer­den vie­le Begriff­lich­kei­ten, auch schot­ti­sche Bezeich­nun­gen erklärt (wenn auch lei­der nicht alles, was ist denn ein Head­stal­ker? Ein Spor­ran?). Im Mit­tel­teil hat mir manch­mal ein biss­chen der Span­nungs­bo­gen gefehlt, aber im letz­ten Vier­tel des Buches hat mich die Geschich­te dann wie­der völ­lig mit­ge­ris­sen. Das Ende ist glaub­wür­dig und passend.

Wenn dir “Im Schat­ten des Fuchs­mon­des” gefal­len hat, dann kannst du natür­lich noch die ande­ren Roma­ne von Ant­je Baben­der­er­de lesenLesealternativenSie hat sich vor allem auf das The­ma India­ner spe­zia­li­siert. Hier chro­no­lo­gisch sor­tiert nach Erschei­nungs­da­tum: “Der Gesang der Orcas” (2003), “Lako­ta Moon” (2005), “Tali­tha Run­ning Hor­se” (2005), “Libel­len­som­mer” (eines ihrer bekann­tes­ten Bücher, 2006), “Zwei­herz” (2007), “Die ver­bor­ge­ne Sei­te des Mon­des” (2007), “Indi­go­som­mer” (2009), “Rain Song” (2010). Dann erschien mal ein Buch ohne India­ner­be­zug, aber auch sehr span­nend und spielt in Thü­rin­gen, der Hei­mat der Autorin: “Ise­grim” (2013) Eben­so “Der Kuss des Raben” (2016) widmet0 sich ihren Thü­rin­ger Wur­zeln. Mit “Wie die Son­ne in der Nacht” (2018) und “Schnee­tän­zer” (2019) kehrt Ant­je Baben­der­er­de wie­der zurück zur India­ner-The­ma­tik. 2021 ver­öf­fent­lich­te sie noch “Som­mer der blau­en Wün­sche”, ihr ers­ter (unab­hän­gig zu lesen­der) Schott­land-Roman. Du magst Lie­bes­ge­schich­ten, die in Schott­land spie­len? Dann kann ich dir noch By your side” von Beth Anne Mil­ler emp­feh­len, oder die zwei­bän­di­ge Rei­he von Jana Schä­fer “The way we fall” (Band 1) und “The hope we find” (Band 2). Eine sehr gute Alter­na­ti­ve, die auch eini­ge Par­al­le­len hat zu “Im Schat­ten des Fuchs­mon­des” ist das schon etwas älte­re, aber sehr gelun­ge­ne “Wenn du mich küsst” von Julia­na Stone.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Arena
ISBN: 978-3-401-60541-8
Erscheinungsdatum: 14.Oktober 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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