“Nur wir” ist das zweite Jugendbuch der deutschen Autorin Annika Scheffel. Sie lässt vier Jugendliche bei einem organisierten Survivaltrip, der zugleich eine Challenge ist, in einer abgelegenen Seenlandschaft mit einem Kanu auf Tour gehen. Als sie auf einer verlassenen Privatinsel stranden und ihr Boot verschwunden ist, beschließen die vier höchst unterschiedlichen Jugendlichen ihre vereinbarten fünf Tage dort noch zu genießen, ehe sie der Teamer hoffentlich abholen wird. Doch dann taucht Teo auf, ein fremder Junge, der auf der Insel wohnt. Er scheint erstaunlich viel über sie zu wissen und kennt ihre geheimen Sehnsüchte. Was zu Beginn noch faszinierend wirkt, wird bald immer seltsamer. Die Gruppe beschleicht ein unheilvoller Verdacht: Kann es sein, dass Teo nicht echt ist…? Ein Roman, der in einer sehr klaren, präzise erzählten, jugendnahen Sprache geschriebener ist. Die Autorin besitzt das Talent aus einer harmlosen Situation etwas mehr und mehr Unheilvolles entstehen und schließlich richtig eskalieren zu lassen. Eine Geschichte über Menschlichkeit und die Frage, was den Menschen von einer Maschine unterscheidet – gerade wenn Angst, Misstrauen und Gruppendruck die Oberhand gewinnen. Für die Leser:innen von “Nichts: Was im Leben wichtig ist” und “Herr der Fliegen”. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
Eine Challenge. Fünf Tage. Mehrere Teams von Jugendlichen. “Wenn ihr das schafft, diese Woche, dieses große Abenteuer, allein, aber eben zusammen, habt ihr gute Chancen auf den Sieg. Welches Team am längsten durchhält, hat gewonnen, logisch.” (Zitat aus “Nur wir” S.18) Eine einsame Seenlandschaft. Alle bekommen ein Kanuboot, Zelte, Ausrüstung und Proviant. Ada hat nicht wirklich
Lust auf den Trip. Sie möchte lieber bei ihrem Freund Selim sein, der sie zum Treffpunkt hingefahren hat. “Sie will bei ihm sein, will keine Sekunde verpassen, es ist noch ganz neu, das mit ihnen, und sie kriegt nicht genug. Aber der steinige Waldweg ist holprig, das Küssen nicht einfach. Fast eine Woche ohne Selim, wie bitte soll sie das überstehen? Sie ist ja schon jetzt randvoll mit Sehnsucht.” (Zitat S.10) Elio ist dagegen bestens vorbereitet. Er hat sogar das Survivalhandbuch von seinem Vater eingepackt und nimmt die Sache richtig ernst. Noomi mit den auffällig pinken Haaren ist auch mit dabei, es war die Idee ihrer Oma hier mitzumachen, um mal aus der stickigen Stadt rauszukommen. Ty mit der großen Klappe hingegen ist nicht wirklich begeistert von dem Ausflug, auch sein Handy abzugeben, das passt ihm nicht. Zum Glück hat er noch ein Ersatzhandy mitgenommen, das er mit auf das Kanu schmuggelt. “Ty spürt das Handy an seiner Brust. Körperwarm und schwer liegt es da. Das ist die Welt. Darin findet die statt. Nur dort ist Ty wirklich er selbst.”
(Zitat S.14) Als sie während eines Sturms auf einer kleinen Privatinsel landen, die mit “Nicht betreten”-Schildern versehen ist, beschließen sie jedoch — als ihr Boot am nächsten Morgen weg ist — nicht sofort über das Funktelefon, das sie mitbekommen haben, Hilfe zu holen, sondern die Zeit bis zum Ablauf der fünf Tage auf der Insel zu genießen. Bis auf einmal ein fremder Junge auftaucht, der auf der Insel wohnt. Teo. Seine Eltern sind weg, werden aber bald wieder zurückkommen. Dies ist sein Mantra. Er weiß nicht genau, wann sie zurückkommen, aber er glaubt fest daran. Teo wirkt etwas verwahrlost. Aber er ist freundlich und zugewandt, aufrichtig und ernsthaft an ihnen interessiert. Und er kann wunderbar zuhören. Geht auf jeden einzelnen ein und scheint ihre geheimsten Sehnsüchte zu kennen. “Es ist schon ganz gut, dass er aufgetaucht ist, dieses verwahrloste Millionärssöhnchen. Teo tut ihnen gut. Ada weiß nicht genau, wie und warum, aber in seiner Gegenwart verändern sich die Dinge
, werden sie weicher miteinander.” (Zitat S.82) Doch allmählich fallen ihnen merkwürdige Sachen an Teo auf. Manchmal kann er nicht richtig aufstehen. Oder er zwinkert komisch. “Teos Gesicht verfinstert sich, er zieht die Augenbrauen zusammen: “Ich will nicht, dass ihr geht.” Ada schaudert. Plötzlich macht er ihr Angst. Mit diesem Blick, mit dieser seltsam monotonen Stimme, die vollkommen fremd klingt aus seinem Mund. Was, wenn bei Teo irgendetwas nicht stimmt? So im Kopf?” (Zitat S.83) Bald kommt ihnen ein außergewöhnlicher Verdacht. Kann es sein, dass Teo nicht echt ist? Als sie auf der Insel auf sein Elternhaus treffen, stoßen sie auf eine brisante Wahrheit, die alles verändern wird…
Das Cover wirkt eher etwas unscheinbarer, der Titel ist jedoch auf den Punkt gebracht. “Nur wir” ist das zweite Jugendbuch von Annika Scheffel. Es beginnt mit einem passenden,
einleitenden Zitat von Mary Shelley aus “Frankenstein” und einem kurzen, mysteriösen Prolog einer namenlosen Person: “Das hier ist so was wie Sterben. Ich kann mich kaum noch bewegen. Kein Ding. Sei nicht traurig. Keine Angst. Bis sie zurückkommen, kann ich sie mir denken, kann sie erzählen, wie ich will. Das hier ist unsere Geschichte.” (Zitat S.7) Dann beginnt der Hauptteil. Der Roman ist in personaler Erzählweise geschrieben und lässt Ada, Noomi, Ty und Elio abwechselnd zu Wort kommen. Die Sprache ist sehr klar und präzise. Teils etwas abgehackter, aber jugendsprachlich locker und mit manch bildhaften Wortkreationen versehen. “Fick dich!” zischt Ty. “Und macht den Lärm aus. Das nervt voll!” Aber Nick grinst nur noch breiter, dreht noch lauter. “Entspann dich mal, Kleiner! Ich sag dir, dann wird das der Sommer deines Lebens!” “Fresse!” “Nee, im Ernst jetzt, versuch doch mal, ’ne gute Zeit zu haben!” (Zitat S.14) Die Atmosphäre, die Annika Scheffel erschafft, ist zu Beginn eher eine, die nach sommerlicher Freiheit und unbeschwerter Zeit klingt. Und
dennoch arbeitet sie interessante Themen mit ein, wie die Abhängigkeit von Handys und der eigenen Darstellung in Social-Media-Welten beispielsweise. “Er will das hier teilen, will nicht, dass dieser Moment einfach so verfliegt. An Bilder im Kopf speichern, an Leb im Moment, an so einen Quatsch glaubt Ty längst nicht mehr. Er glaubt an kollektives Erschauern, er glaubt daran, dass Gefühle wahrer, nee, echter, nee überhaupt nur real sind, wenn man sie mit möglichst vielen teilt.” (Zitat S.54) Jeder der Jugendlichen hat scheinbar sein eigenes Päckchen zu tragen. Und Teo ist derjenige, der sofort Zugang zu allen findet, der zuhört und der Anteil nimmt und auf seine Weise zu reagieren weiß. Während der Anfang des Buches noch nicht allzu fesselnd ist, gelingt es der Autorin die Spannung mehr und mehr zu steigern und aus einer scheinbar harmlosen Situation etwas mehr und mehr Unheilvolles entstehen zu lassen. Was sich aus dem Roman entwickelt, damit hä
tte ich anfangs überhaupt nicht gerechnet. Doch als Teos “Identität” aufgedeckt wird, geraten die Ereignisse zunehmend außer Kontrolle. Die Jugendlichen eskalieren völlig und überschreiten bald körperliche und moralische Grenzen, die vor allem die Frage nach Menschlichkeit im eigenen Handeln in den Fokus rückt. Wer will man sein? Wie verhält man sich, wenn Angst, Misstrauen und Gruppendruck das eigene Handeln bestimmen? Was ist richtig und was ist falsch? Was sind die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine? “Kann man zu jemandem, der gar nicht echt fühlt, zu deutlich, zu fies sein? Kann man jemanden, der nichts spürt, verletzen?” (Zitat S.150) Das Buch wirft viele Fragen auf, ist unglaublich heftig und zugleich berührend. Daher eignet es sich auch hervorragend als Klassenlektüre oder für eine Buchvorstellung. Das Ende hat noch mal eine besondere Wendung. Beklemmend und unter die Haut gehend. Eine Geschichte, die noch lange nachwirkt.
Du möchtest noch mehr von Annika Scheffel lesen? Ihr erstes Jugendbuch war “Alle Farben von Licht”. Für etwas jüngere Leser:innen schrieb s
ie außerdem “Wanda” (aktuell nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 in der Kategorie “Kinderbuch”) und die “Solupp”-Reihe: “Sommer auf Solupp” (Band 1), “Winter auf Solupp” (Band 2), “Frühling auf Solupp” (Band 3) und “Herbst auf Solupp” (Band 4). Du suchst Lesealternativen zu “Nur wir”? Dann greif auf jeden Fall zu dem Klassiker “Herr der Fliegen” von William Golding und zu “Nichts — Was im Leben wichtig ist” von Janne Teller. Gut könnte ich mir auch “Dreckstück” von Clémentine Beauvais, “Weil” von Martin Muser und “Was wir nicht wollten” von Daniel Höra vorstellen.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58657-5 Erscheinungsdatum: 31.August 2026 Einbandart: Hardcover Preis: 15,00€ Seitenzahl: 240
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Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58657-5
Erscheinungsdatum: 31.August 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 240
