Annika Scheffel — Nur wir

21.September 2026

“Nur wir” ist das zwei­te Jugend­buch der deut­schen Autorin Anni­ka Schef­fel. Sie lässt vier Jugend­li­che bei einem orga­ni­sier­ten Sur­vi­val­trip, der zugleich eine Chall­enge ist, in einer abge­le­ge­nen Seen­land­schaft mit einem Kanu auf Tour gehen. Als sie auf einer ver­las­se­nen Pri­vat­in­sel stran­den und ihr Boot ver­schwun­den ist, beschlie­ßen die vier höchst unter­schied­li­chen Jugend­li­chen ihre ver­ein­bar­ten fünf Tage dort noch zu genie­ßen, ehe sie der Team­er hof­fent­lich abho­len wird. Doch dann taucht Teo auf, ein frem­der Jun­ge, der auf der Insel wohnt. Er scheint erstaun­lich viel über sie zu wis­sen und kennt ihre gehei­men Sehn­süch­te. Was zu Beginn noch fas­zi­nie­rend wirkt, wird bald immer selt­sa­mer. Die Grup­pe beschleicht ein unheil­vol­ler Ver­dacht: Kann es sein, dass Teo nicht echt ist…? Ein Roman, der in einer sehr kla­ren, prä­zi­se erzähl­ten, jugend­na­hen Spra­che geschrie­be­ner ist. Die Autorin besitzt das Talent aus einer harm­lo­sen Situa­ti­on etwas mehr und mehr Unheil­vol­les ent­ste­hen und schließ­lich rich­tig eska­lie­ren zu las­sen. Eine Geschich­te über Mensch­lich­keit und die Fra­ge, was den Men­schen von einer Maschi­ne unter­schei­det – gera­de wenn Angst, Miss­trau­en und Grup­pen­druck die Ober­hand gewin­nen. Für die Leser:innen von “Nichts: Was im Leben wich­tig ist” und “Herr der Flie­gen”. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Eine Chall­enge. Fünf Tage. Meh­re­re Teams von Jugend­li­chen. “Wenn ihr das schafft, die­se Woche, die­ses gro­ße Aben­teu­er, allein, aber eben zusam­men, habt ihr gute Chan­cen auf den Sieg. Wel­ches Team am längs­ten durch­hält, hat gewon­nen, logisch.” (Zitat aus “Nur wir” S.18) Eine ein­sa­me Seen­land­schaft. Alle bekom­men ein Kanu­boot, Zel­te, Aus­rüs­tung und Pro­vi­ant. Ada hat nicht wirk­lich Lust auf den Trip. Sie möch­te lie­ber bei ihrem Freund Selim sein, der sie zum Treff­punkt hin­ge­fah­ren hat. “Sie will bei ihm sein, will kei­ne Sekun­de ver­pas­sen, es ist noch ganz neu, das mit ihnen, und sie kriegt nicht genug. Aber der stei­ni­ge Wald­weg ist holp­rig, das Küs­sen nicht ein­fach. Fast eine Woche ohne Selim, wie bit­te soll sie das über­ste­hen? Sie ist ja schon jetzt rand­voll mit Sehn­sucht.” (Zitat S.10) Elio ist dage­gen bes­tens vor­be­rei­tet. Er hat sogar das Sur­vi­val­hand­buch von sei­nem Vater ein­ge­packt und nimmt die Sache rich­tig ernst. Noo­mi mit den auf­fäl­lig pin­ken Haa­ren ist auch mit dabei, es war die Idee ihrer Oma hier mit­zu­ma­chen, um mal aus der sti­cki­gen Stadt raus­zu­kom­men. Ty mit der gro­ßen Klap­pe hin­ge­gen ist nicht wirk­lich begeis­tert von dem Aus­flug, auch sein Han­dy abzu­ge­ben, das passt ihm nicht. Zum Glück hat er noch ein Ersatz­han­dy mit­ge­nom­men, das er mit auf das Kanu schmug­gelt. “Ty spürt das Han­dy an sei­ner Brust. Kör­per­warm und schwer liegt es da. Das ist die Welt. Dar­in fin­det die statt. Nur dort ist Ty wirk­lich er selbst.” (Zitat S.14) Als sie wäh­rend eines Sturms auf einer klei­nen Pri­vat­in­sel lan­den, die mit “Nicht betreten”-Schildern ver­se­hen ist, beschlie­ßen sie jedoch — als ihr Boot am nächs­ten Mor­gen weg ist — nicht sofort über das Funk­te­le­fon, das sie mit­be­kom­men haben, Hil­fe zu holen, son­dern die Zeit bis zum Ablauf der fünf Tage auf der Insel zu genie­ßen. Bis auf ein­mal ein frem­der Jun­ge auf­taucht, der auf der Insel wohnt. Teo. Sei­ne Eltern sind weg, wer­den aber bald wie­der zurück­kom­men. Dies ist sein Man­tra. Er weiß nicht genau, wann sie zurück­kom­men, aber er glaubt fest dar­an. Teo wirkt etwas ver­wahr­lost. Aber er ist freund­lich und zuge­wandt, auf­rich­tig und ernst­haft an ihnen inter­es­siert. Und er kann wun­der­bar zuhö­ren. Geht auf jeden ein­zel­nen ein und scheint ihre geheims­ten Sehn­süch­te zu ken­nen. “Es ist schon ganz gut, dass er auf­ge­taucht ist, die­ses ver­wahr­los­te Mil­lio­närs­söhn­chen. Teo tut ihnen gut. Ada weiß nicht genau, wie und war­um, aber in sei­ner Gegen­wart ver­än­dern sich die Din­ge, wer­den sie wei­cher mit­ein­an­der.” (Zitat S.82) Doch all­mäh­lich fal­len ihnen merk­wür­di­ge Sachen an Teo auf. Manch­mal kann er nicht rich­tig auf­ste­hen. Oder er zwin­kert komisch. “Teos Gesicht ver­fins­tert sich, er zieht die Augen­brau­en zusam­men: “Ich will nicht, dass ihr geht.” Ada schau­dert. Plötz­lich macht er ihr Angst. Mit die­sem Blick, mit die­ser selt­sam mono­to­nen Stim­me, die voll­kom­men fremd klingt aus sei­nem Mund. Was, wenn bei Teo irgend­et­was nicht stimmt? So im Kopf?” (Zitat S.83) Bald kommt ihnen ein außer­ge­wöhn­li­cher Ver­dacht. Kann es sein, dass Teo nicht echt ist? Als sie auf der Insel auf sein Eltern­haus tref­fen, sto­ßen sie auf eine bri­san­te Wahr­heit, die alles ver­än­dern wird…

Das Cover wirkt eher etwas unschein­ba­rer, der Titel ist jedoch auf den Punkt gebracht. “Nur wir” ist das zwei­te Jugend­buch von Anni­ka Schef­fel. Es beginnt mit einem pas­sen­den, Kasimiraein­lei­ten­den Zitat von Mary Shel­ley aus “Fran­ken­stein” und einem kur­zen, mys­te­riö­sen Pro­log einer namen­lo­sen Per­son: “Das hier ist so was wie Ster­ben. Ich kann mich kaum noch bewe­gen. Kein Ding. Sei nicht trau­rig. Kei­ne Angst. Bis sie zurück­kom­men, kann ich sie mir den­ken, kann sie erzäh­len, wie ich will. Das hier ist unse­re Geschich­te.” (Zitat S.7) Dann beginnt der Haupt­teil. Der Roman ist in per­so­na­ler Erzähl­wei­se geschrie­ben und lässt Ada, Noo­mi, Ty und Elio abwech­selnd zu Wort kom­men. Die Spra­che ist sehr klar und prä­zi­se. Teils etwas abge­hack­ter, aber jugend­sprach­lich locker und mit manch bild­haf­ten Wort­krea­tio­nen ver­se­hen. “Fick dich!” zischt Ty. “Und macht den Lärm aus. Das nervt voll!” Aber Nick grinst nur noch brei­ter, dreht noch lau­ter. “Ent­spann dich mal, Klei­ner! Ich sag dir, dann wird das der Som­mer dei­nes Lebens!” “Fres­se!” “Nee, im Ernst jetzt, ver­such doch mal, ’ne gute Zeit zu haben!” (Zitat S.14) Die Atmo­sphä­re, die Anni­ka Schef­fel erschafft, ist zu Beginn eher eine, die nach som­mer­li­cher Frei­heit und unbe­schwer­ter Zeit klingt. Und Kasimiraden­noch arbei­tet sie inter­es­san­te The­men mit ein, wie die Abhän­gig­keit von Han­dys und der eige­nen Dar­stel­lung in Social-Media-Wel­ten bei­spiels­wei­se. “Er will das hier tei­len, will nicht, dass die­ser Moment ein­fach so ver­fliegt. An Bil­der im Kopf spei­chern, an Leb im Moment, an so einen Quatsch glaubt Ty längst nicht mehr. Er glaubt an kol­lek­ti­ves Erschau­ern, er glaubt dar­an, dass Gefüh­le wah­rer, nee, ech­ter, nee über­haupt nur real sind, wenn man sie mit mög­lichst vie­len teilt.” (Zitat S.54) Jeder der Jugend­li­chen hat schein­bar sein eige­nes Päck­chen zu tra­gen. Und Teo ist der­je­ni­ge, der sofort Zugang zu allen fin­det, der zuhört und der Anteil nimmt und auf sei­ne Wei­se zu reagie­ren weiß. Wäh­rend der Anfang des Buches noch nicht all­zu fes­selnd ist, gelingt es der Autorin die Span­nung mehr und mehr zu stei­gern und aus einer schein­bar harm­lo­sen Situa­ti­on etwas mehr und mehr Unheil­vol­les ent­ste­hen zu las­sen. Was sich aus dem Roman ent­wi­ckelt, damit hätte ich anfangs über­haupt nicht gerech­net. Doch als Teos “Iden­ti­tät” auf­ge­deckt wird, gera­ten die Ereig­nis­se zuneh­mend außer Kon­trol­le. Die Jugend­li­chen eska­lie­ren völ­lig und über­schrei­ten bald kör­per­li­che und mora­li­sche Gren­zen, die vor allem die Fra­ge nach Mensch­lich­keit im eige­nen Han­deln in den Fokus rückt. Wer will man sein? Wie ver­hält man sich, wenn Angst, Miss­trau­en und Grup­pen­druck das eige­ne Han­deln bestim­men? Was ist rich­tig und was ist falsch? Was sind die Unter­schie­de zwi­schen Mensch und Maschi­ne? “Kann man zu jeman­dem, der gar nicht echt fühlt, zu deut­lich, zu fies sein? Kann man jeman­den, der nichts spürt, ver­let­zen?” (Zitat S.150) Das Buch wirft vie­le Fra­gen auf, ist unglaub­lich hef­tig und zugleich berüh­rend. Daher eig­net es sich auch her­vor­ra­gend als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung. Das Ende hat noch mal eine beson­de­re Wen­dung. Beklem­mend und unter die Haut gehend. Eine Geschich­te, die noch lan­ge nachwirkt.

Du möch­test noch mehr von Anni­ka Schef­fel lesen? Ihr ers­tes Jugend­buch war “Alle Far­ben von Licht”. Für etwas jün­ge­re Leser:innen schrieb sLesealternativenie außer­dem “Wan­da” (aktu­ell nomi­niert für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis 2026 in der Kate­go­rie “Kin­der­buch”) und die “Solupp”-Rei­he: “Som­mer auf Solupp” (Band 1), “Win­ter auf Solupp” (Band 2), “Früh­ling auf Solupp” (Band 3) und “Herbst auf Solupp” (Band 4). Du suchst Lese­al­ter­na­ti­ven zu “Nur wir”? Dann greif auf jeden Fall zu dem Klas­si­ker “Herr der Flie­gen” von Wil­liam Gol­ding und zu “Nichts — Was im Leben wich­tig ist” von Jan­ne Tel­ler. Gut könn­te ich mir auch “Dreck­stück” von Clé­men­ti­ne Beau­vais, “Weil” von Mar­tin Muser und “Was wir nicht woll­ten” von Dani­el Höra vor­stel­len.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58657-5
Erscheinungsdatum: 31.August 2026
Einbandart: Hardcover
Preis: 15,00€
Seitenzahl: 240



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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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