“Frag Philomena Freud: Die Perlenspinne” ist der Auftakt einer neuen historischen Krimireihe der deutschen Autorin Annette Roeder. Sie entführt in die 1920er Jahre nach Wien, wo das junge Waisenkind Philomena lebt, die sich den Nachnamen Freud gegeben hat, weil sie direkt vor der Praxis des bekannten Nervenarztes Sigmund Freud ihr Geld verdient und Schuhe putzt. Dort bekommt sie einiges mit, auch von seinen Patient:innen. Als die freundliche Baronin Wallersee ermordet wurde und deren aufgenommenes Waisenkind Sidonie verdächtigt und in eine Nervenheilansalt eingewiesen wird, glaubt Philomena sofort an deren Unschuld. Bald hat sie auch schon eine Idee, um dies zu beweisen. Doch wer ist der wahre Täter? Ein glorreiches Setting mit viel historischem (und auch sprachlichem, österreichischem) Charme mit einer sehr taffen, sympathischen Heldin. Souverän und unterhaltsam erzählt. Für Jugendliche ab 11 Jahren und interessierte Erwachsene.
Wien. Hier lebt die 14-jährige Philomena. Zwei Jahre war sie in einem Waisenhaus untergebracht gewesen, unter schlimmen Bedingungen. Wer nicht spurte, wurde schon mal für einige Zeit in den dunklen Keller gesperrt. Doch nach zwei Jahren konnte sie flüchten und schlägt sich seitdem tapfer durch. Sie ist Mitglied einer
Bande von Jugendlichen, die sich auf den Straßen gegenseitig unterstützen. Während sie im Waisenhaus nur mit einer Nummer benannt wurden, geben sich die Mitglieder nun eigene Nachnamen. Philomena hat sich mit Nachnamen “Freud” genannt, weil sie als Schuhputzerin auf der Straße arbeitet und dies immer vor dem Haus des bekannten Nervenarztes und Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. So manches bekommt sie von seiner Praxis und seinen Patient:innen mit und gibt mitunter selbst recht gute Ratschläge. Doch sie liebt es auch sich mit ihrem Freund Wachtmeister Wachs über Kriminalfälle auszutauschen. “Dabei rätselten sie gemeinsam über die spannendsten Verbrechen Wiens, die in der Kriminalabteilung von Kommissar Kraus bearbeitet und oft nicht gelöst wurden.” (Zitat S.14 aus “Frag Philomena Freud: Die Perlenspinne) Der Wachtmeister warnt sie auch immer mal wieder, wenn Frau Schnürschuh unterwegs ist, die fürs Jugendamt arbeitet und Philomena noch immer einzusperren versucht. Nun wurde jedoch ausgerechnet die Baronin Wallersee ermordet, die zu Philomena immer sehr nett war. “Die Baronin war im vergangenen Frühjahr ein paar Mal zu Professor Freud zur Behandlung gekommen
und hatte sich nach den Therapiestunden von Philomena jedes Mal die Stiefeletten polieren lassen. Dabei war sie immer freundlich und redselig gewesen.” (Zitat S.35) Einmal hat sie ihr sogar ein Paar Schuhe geschenkt, die ihrer Nichte Sidonie zu klein waren. Sidonie wurde von der Baronin adoptiert, sie stammt auch aus dem Waisenhaus, aus welchem Philomena ausgebrochen ist. Und ausgerechnet Sidonie soll die Täterin sein. Sie hat sogar von der Tat zuvor geträumt, was sie bei einem Therapiebesuch Dr. Freud erzählte, was Philomena zufällig mitbekam: “Natürlich wünschen Sie nicht den Tod iher Vormundin. Sie müssen sich nicht schlecht fühlen deswegen! Im Traum bearbeiten wir vor allem Erlebnisse aus der frühen Kindheit, die uns im Unterbewussten quälen. Die Personen und Orte, die im Traum auftauchen, sind nur Stellvertreter, die sich Ihr Gehirn gewissermaßen aus dem Hier und Jetzt ausleiht, um eine lang vergangene, ungelöste Situation darzustellen. Können Sie mir folgen?” (Zitat S.60) Philomena kann sich einfach nicht vorstellen, dass Sidonie ihren Vormund ermordet haben soll und beginnt zu ermitteln. Denn Sidonie hatte Angst
vor Spinnen und die Baronin wurde mit einer Haarnadel erstochen, die eine diamantene Verzierung einer Spinne hatte. Unmöglich, dass Sidonie sie ausgerechnet mit dieser ermordet haben soll. Doch wer ist der wahre Täter?
Das Cover ist ausgesprochen schön und passend gestaltet — dazu noch der knallrote Farbschnitt der Erstauflage: ein Hingucker! Der historische Kriminalroman beginnt mit der Schilderung eines Traums von Sidonie und startet dann mit dem Hauptteil. Die Kapitel heißen beispielsweise “14.Kapitel in dem sich Philomena ein Loch in den Bauch freut über etwas, das ein Loch hat” oder “17.Kapitel in dem Wachtmeister Wachs, leider zu einem ungünstigen Zeitpunkt, auf romantische Ideen kommt”. Diese verraten noch nicht zu viel und machen neugierig. Philomena ist ein äußerst sympathischer Charakter. Taff, gerechtigkeitsliebend, klug und sehr aufmerksam: “Jedes Mal, wenn diese ihn ansprach, hatte der junge Mann die linke Faust geballt und die Lippen leicht aufeinandergepresst, als müsste er sich eine patzige Antwort verkneifen. Die meisten nahmen solch winzigen Bewegungen an anderen gar nicht wahr. Philomena
dagegen hatte früh gelernt, wie nützlich es sein konnte, ihre Mitmenschen genau zu beobachten.” (Zitat S.38) Auch hat sie einen Hund, einen Riesenschnauzer, den sie Kaiser Franz nennt, der ihr bei so mancher Situation zur Seite steht. Gerade das Setting in “Frag Philomena Freud: Die Perlenspinne” ist sehr gelungen. Der Text ist durchzogen mit vielen, typischen, österreichischen Ausdrücken, für die es einen ausführlichen Glossar am Ende gibt. Hierbei hätte man sich jedoch darauf einen Hinweis zu Beginn des Buches gewünscht oder eine Markierung der jeweiligen Wörter, die man hinten nachschlagen kann, oder sogar Fußnoten auf der jeweiligen Seite, was den Lesefluss weniger stören würde. Den Wiener Dialekt erlebt man auch bei den Dialogen, wobei Philomena diesen seltener verwendet, eher ihre jeweiligen Gesprächspartner:innen: “Beim Depperldoktor?”, fragte der Bauer und schnitt eine Grimasse. “Wo die vornehmen Fräuleins hingehn, die wo sonst keine Probleme ham?” “Genau, beim berühmten Nervenarzt und Entwickler der Psychoanalyse!”, antwortete Philomena lachend. “Falls ich gerade nicht da sein sollte, fragen
sie einfach nach Philomena Freud. Unter diesem Namen kennen mich all meine Freunde!” (Zitat S.12) Dr. Freud selbst bekommt man zwar nicht wirklich zu Gesicht, sondern hört ihn nur einmal durch ein Fenster, dafür aber seine Tochter Anna Freud, die Philomena beispielsweise etwas erklärt. “Was ist eine Phobie?”, wollte Philomena wissen. “Eine Phobie ist eine starke, nicht begründete Angst vor bestimmten Objekten, Situationen oder auch Handlungen, die eigentlich keine wirkliche Gefahr darstellen.” (Zitat S.49) Auch von Örtlichkeiten bekommt man einiges mit. Sogar in eine Nervenheilanstalt und auf einen Friedhof führt Phiomena ihre Leser:innen. Die Spannung bewegt sich nicht auf allerhöchstem Niveau, aber man begleitet die Heldin ganz gerne auf ihrer Suche nach dem Täter. Das Buch endet in sich abgeschlossen und mit einer letzten Sichtweise von Sidonie. Die Frage am Ende, habe ich leider nicht wirklich verstanden, worauf diese anspielen soll. In dem bereits erwähnten Glossar werden auch noch gewisse Persönlichkeiten näher beschrieben.
Dir gefällt der Erzählstil von Ann
ette Roeder? Für Jugendliche schrieb sie beispielsweise noch “Ein Herz auf Flügeln zart” (ab 12) und “Bone Buddies: echt nette Skelette” (ab 11). Sonst eher Bücher für jüngere Kinder. Du suchst noch mehr Lesealternativen? Ebenfalls aus dem Knesebeck Verlag sind folgende Titel: “Ein Fall für Wells & Wong”-Reihe von Robin Stevens, “Enola-Holmes”-Reihe von Nancy Springer und “Myrtle-Hardcastle”-Reihe von Elizabeth C. Bunce. Empfehlen kann ich außerdem “Tod im Samtmantel” von Sarah Wynne (Zeitreise in die 1960er) oder “Fräulein Florentines Gespür für Mord” von Alexandra-Fischer Hunold (19.Jahrhundert). Krimis mit historischem Setting findest du auch bei den drei !!!: “Der Skandal im Spreepalast” (1920er) und “Der Ball der Baronesse” (19.Jahrhundert). Oder lies die Neuerscheinung “Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten” von David Morosinotto.
Bibliografische Angaben:Verlag: Knesebeck ISBN: 978-3-95728-982-7 Erscheinungsdatum: 21.August 2025 Einbandart: Hardcover Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt Preis: 18,00€ Seitenzahl: 272 Illustrator*in: Julia Plath Kasimira auf Instagram:
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Verlag: Knesebeck
ISBN: 978-3-95728-982-7
Erscheinungsdatum: 21.August 2025
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 272
Illustrator*in: Julia Plath
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