Annette Roeder — Frag Philomena Freud: Die Perlenspinne

12.Oktober 2025

“Frag Phi­lo­me­na Freud: Die Per­len­spin­ne” ist der Auf­takt einer neu­en his­to­ri­schen Kri­mi­rei­he der deut­schen Autorin Annet­te Roe­der. Sie ent­führt in die 1920er Jah­re nach Wien, wo das jun­ge Wai­sen­kind Phi­lo­me­na lebt, die sich den Nach­na­men Freud gege­ben hat, weil sie direkt vor der Pra­xis des bekann­ten Ner­ven­arz­tes Sig­mund Freud ihr Geld ver­dient und Schu­he putzt. Dort bekommt sie eini­ges mit, auch von sei­nen Patient:innen. Als die freund­li­che Baro­nin Wal­ler­see ermor­det wur­de und deren auf­ge­nom­me­nes Wai­sen­kind Sido­nie ver­däch­tigt und in eine Ner­ven­heil­an­salt ein­ge­wie­sen wird, glaubt Phi­lo­me­na sofort an deren Unschuld. Bald hat sie auch schon eine Idee, um dies zu bewei­sen. Doch wer ist der wah­re Täter? Ein glor­rei­ches Set­ting mit viel his­to­ri­schem (und auch sprach­li­chem, öster­rei­chi­schem) Charme mit einer sehr taf­fen, sym­pa­thi­schen Hel­din. Sou­ve­rän und unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 11 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Wien. Hier lebt die 14-jäh­ri­ge Phi­lo­me­na. Zwei Jah­re war sie in einem Wai­sen­haus unter­ge­bracht gewe­sen, unter schlim­men Bedin­gun­gen. Wer nicht spur­te, wur­de schon mal für eini­ge Zeit in den dunk­len Kel­ler gesperrt. Doch nach zwei Jah­ren konn­te sie flüch­ten und schlägt sich seit­dem tap­fer durch. Sie ist Mit­glied einer Ban­de von Jugend­li­chen, die sich auf den Stra­ßen gegen­sei­tig unter­stüt­zen. Wäh­rend sie im Wai­sen­haus nur mit einer Num­mer benannt wur­den, geben sich die Mit­glie­der nun eige­ne Nach­na­men. Phi­lo­me­na hat sich mit Nach­na­men “Freud” genannt, weil sie als Schuh­put­ze­rin auf der Stra­ße arbei­tet und dies immer vor dem Haus des bekann­ten Ner­ven­arz­tes und Begrün­der der Psy­cho­ana­ly­se Sig­mund Freud. So man­ches bekommt sie von sei­ner Pra­xis und sei­nen Patient:innen mit und gibt mit­un­ter selbst recht gute Rat­schlä­ge. Doch sie liebt es auch sich mit ihrem Freund Wacht­meis­ter Wachs über Kri­mi­nal­fäl­le aus­zu­tau­schen. “Dabei rät­sel­ten sie gemein­sam über die span­nends­ten Ver­bre­chen Wiens, die in der Kri­mi­nal­ab­tei­lung von Kom­mis­sar Kraus bear­bei­tet und oft nicht gelöst wur­den.” (Zitat S.14 aus “Frag Phi­lo­me­na Freud: Die Per­len­spin­ne) Der Wacht­meis­ter warnt sie auch immer mal wie­der, wenn Frau Schnür­schuh unter­wegs ist, die fürs Jugend­amt arbei­tet und Phi­lo­me­na noch immer ein­zu­sper­ren ver­sucht. Nun wur­de jedoch aus­ge­rech­net die Baro­nin Wal­ler­see ermor­det, die zu Phi­lo­me­na immer sehr nett war. “Die Baro­nin war im ver­gan­ge­nen Früh­jahr ein paar Mal zu Pro­fes­sor Freud zur Behand­lung gekom­men und hat­te sich nach den The­ra­pie­stun­den von Phi­lo­me­na jedes Mal die Stie­fe­let­ten polie­ren las­sen. Dabei war sie immer freund­lich und red­se­lig gewe­sen.” (Zitat S.35) Ein­mal hat sie ihr sogar ein Paar Schu­he geschenkt, die ihrer Nich­te Sido­nie zu klein waren. Sido­nie wur­de von der Baro­nin adop­tiert, sie stammt auch aus dem Wai­sen­haus, aus wel­chem Phi­lo­me­na aus­ge­bro­chen ist. Und aus­ge­rech­net Sido­nie soll die Täte­rin sein. Sie hat sogar von der Tat zuvor geträumt, was sie bei einem The­ra­pie­be­such Dr. Freud erzähl­te, was Phi­lo­me­na zufäl­lig mit­be­kam: “Natür­lich wün­schen Sie nicht den Tod iher Vor­mun­din. Sie müs­sen sich nicht schlecht füh­len des­we­gen! Im Traum bear­bei­ten wir vor allem Erleb­nis­se aus der frü­hen Kind­heit, die uns im Unter­be­wuss­ten quä­len. Die Per­so­nen und Orte, die im Traum auf­tau­chen, sind nur Stell­ver­tre­ter, die sich Ihr Gehirn gewis­ser­ma­ßen aus dem Hier und Jetzt aus­leiht, um eine lang ver­gan­ge­ne, unge­lös­te Situa­ti­on dar­zu­stel­len. Kön­nen Sie mir fol­gen?” (Zitat S.60) Phi­lo­me­na kann sich ein­fach nicht vor­stel­len, dass Sido­nie ihren Vor­mund ermor­det haben soll und beginnt zu ermit­teln. Denn Sido­nie hat­te Angst vor Spin­nen und die Baro­nin wur­de mit einer Haar­na­del ersto­chen, die eine dia­man­te­ne Ver­zie­rung einer Spin­ne hat­te. Unmög­lich, dass Sido­nie sie aus­ge­rech­net mit die­ser ermor­det haben soll. Doch wer ist der wah­re Täter?

Das Cover ist aus­ge­spro­chen schön und pas­send gestal­tet — dazu noch der knall­ro­te Farb­schnitt der Erst­auf­la­ge: ein Hin­gu­cker! Der his­to­ri­sche Kri­mi­nal­ro­man beginnt mit der Schil­de­rung eines Traums von Sido­nie und star­tet dann mit dem Haupt­teil. Die Kapi­tel hei­ßen bei­spiels­wei­se “14.Kapitel in dem sich Phi­lo­me­na ein Loch in den Bauch freut über etwas, das ein Loch hat”  oder “17.Kapitel in dem Wacht­meis­ter Wachs, lei­der zu einem ungüns­ti­gen Zeit­punkt, auf roman­ti­sche Ideen kommt”. Die­se ver­ra­ten noch nicht zu viel und machen neu­gie­rig. Phi­lo­me­na ist ein äußerst sym­pa­thi­scher Cha­rak­ter. Taff, gerech­tig­keits­lie­bend, klug und sehr auf­merk­sam: “Jedes Mal, wenn die­se ihn ansprach, hat­te der jun­ge Mann die lin­ke Faust geballt und die Lip­pen leicht auf­ein­an­der­ge­presst, als müss­te er sich eine pat­zi­ge Ant­wort ver­knei­fen. Die meis­ten nah­men solch win­zi­gen Bewe­gun­gen an ande­ren gar nicht wahr. Phi­lo­me­na dage­gen hat­te früh gelernt, wie nütz­lich es sein konn­te, ihre Mit­men­schen genau zu beob­ach­ten.” (Zitat S.38) Auch hat sie einen Hund, einen Rie­sen­schnau­zer, den sie Kai­ser Franz nennt, der ihr bei so man­cher Situa­ti­on zur Sei­te steht. Gera­de das Set­ting in “Frag Phi­lo­me­na Freud: Die Per­len­spin­ne” ist sehr gelun­gen. Der Text ist durch­zo­gen mit vie­len, typi­schen, öster­rei­chi­schen Aus­drü­cken, für die es einen aus­führ­li­chen Glos­sar am Ende gibt. Hier­bei hät­te man sich jedoch dar­auf einen Hin­weis zu Beginn des Buches gewünscht oder eine Mar­kie­rung der jewei­li­gen Wör­ter, die man hin­ten nach­schla­gen kann, oder sogar Fuß­no­ten auf der jewei­li­gen Sei­te, was den Lese­fluss weni­ger stö­ren wür­de. Den Wie­ner Dia­lekt erlebt man auch bei den Dia­lo­gen, wobei Phi­lo­me­na die­sen sel­te­ner ver­wen­det, eher ihre jewei­li­gen Gesprächspartner:innen: “Beim Dep­perl­dok­tor?”, frag­te der Bau­er und schnitt eine Gri­mas­se. “Wo die vor­neh­men Fräu­leins hin­gehn, die wo sonst kei­ne Pro­ble­me ham?” “Genau, beim berühm­ten Ner­ven­arzt und Ent­wick­ler der Psy­cho­ana­ly­se!”, ant­wor­te­te Phi­lo­me­na lachend. “Falls ich gera­de nicht da sein soll­te, fra­gen sie ein­fach nach Phi­lo­me­na Freud. Unter die­sem Namen ken­nen mich all mei­ne Freun­de!” (Zitat S.12) Dr. Freud selbst bekommt man zwar nicht wirk­lich zu Gesicht, son­dern hört ihn nur ein­mal durch ein Fens­ter, dafür aber sei­ne Toch­ter Anna Freud, die Phi­lo­me­na bei­spiels­wei­se etwas erklärt. “Was ist eine Pho­bie?”, woll­te Phi­lo­me­na wis­sen. “Eine Pho­bie ist eine star­ke, nicht begrün­de­te Angst vor bestimm­ten Objek­ten, Situa­tio­nen oder auch Hand­lun­gen, die eigent­lich kei­ne wirk­li­che Gefahr dar­stel­len.” (Zitat S.49) Auch von Ört­lich­kei­ten bekommt man eini­ges mit. Sogar in eine Ner­ven­heil­an­stalt und auf einen Fried­hof führt Phio­me­na ihre Leser:innen. Die Span­nung bewegt sich nicht auf aller­höchs­tem Niveau, aber man beglei­tet die Hel­din ganz ger­ne auf ihrer Suche nach dem Täter. Das Buch endet in sich abge­schlos­sen und mit einer letz­ten Sicht­wei­se von Sido­nie. Die Fra­ge am Ende, habe ich lei­der nicht wirk­lich ver­stan­den, wor­auf die­se anspie­len soll. In dem bereits erwähn­ten Glos­sar wer­den auch noch gewis­se Per­sön­lich­kei­ten näher beschrieben.

Dir gefällt der Erzähl­stil von AnnLesealternativenette Roe­der? Für Jugend­li­che schrieb sie bei­spiels­wei­se noch “Ein Herz auf Flü­geln zart” (ab 12) und “Bone Bud­dies: echt net­te Ske­let­te” (ab 11). Sonst eher Bücher für jün­ge­re Kin­der. Du suchst noch mehr Lese­al­ter­na­ti­ven? Eben­falls aus dem Kne­se­beck Ver­lag sind fol­gen­de Titel: “Ein Fall für Wells & Wong”-Rei­he von Robin Ste­vens, “Eno­la-Hol­mes”-Rei­he von Nan­cy Sprin­ger und “Myrt­le-Hard­cast­le”-Rei­he von Eliza­beth C. Bun­ce. Emp­feh­len kann ich außer­dem “Tod im Samt­man­tel” von Sarah Wyn­ne (Zeit­rei­se in die 1960er) oder “Fräu­lein Flo­ren­ti­nes Gespür für Mord” von Alex­an­dra-Fischer Hunold (19.Jahrhundert). Kri­mis mit his­to­ri­schem Set­ting fin­dest du auch bei den drei !!!: “Der Skan­dal im Spree­pa­last” (1920er) und “Der Ball der Baro­nes­se” (19.Jahrhundert). Oder lies die Neu­erschei­nung “Gre­ta Gri­mal­di und der Jun­ge aus dem Schat­ten” von David Moro­si­not­to.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Knesebeck
ISBN: 978-3-95728-982-7
Erscheinungsdatum: 21.August 2025
Einbandart: Hardcover
Ausstattung: Erstauflage mit Farbschnitt
Preis: 18,00€
Seitenzahl: 272
Illustrator*in: Julia Plath


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Kasimiras Bewertung:

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