Annette Mierswa — Unsere blauen Nächte: Wir trinken, bis die Welt erwacht

18.Juli 2023

Die deut­sche Autorin Annet­te Miers­wa hat sich in ihrem neu­en Roman “Unse­re blau­en Näch­te: Wir trin­ken, bis die Welt erwacht” eines höchst wich­ti­gen The­mas ange­nom­men: Alko­hol­sucht bei Jugend­li­chen. Sie erzählt die Geschich­te eines Jun­gen, der regel­mä­ßig mit sei­ner Cli­que fei­ern geht und sich betrinkt. Bis die Din­ge eines Nachts außer Kon­trol­le gera­ten und die Poli­zei am nächs­ten Tag vor sei­ner Tür steht. Nun muss Oscar Sozi­al­stun­den auf einem Gna­den­hof ableis­ten. All­mäh­lich kommt er dazu sein Leben zu über­den­ken… Ein Buch über Alko­hol­miss­brauch, Abhän­gig­keit und fal­sche Freund­schaf­ten. Unter­halt­sam und bewe­gend erzählt. Ide­al auch als Klas­sen­lek­tü­re oder für eine Buch­vor­stel­lung. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Oscar, der aus ver­mö­gen­den Ver­hält­nis­sen stammt, ist gera­de 16 Jah­re alt gewor­den. Ein Grund zu fei­ern, für ihn und sei­ne Freun­de: Flin­te — sein bes­ter Freund, Julia — des­sen Freun­din, die Oscar auch ganz toll fin­det, Bel­la — mit der Oscar eine Nacht ver­brach­te, an die er sich nicht mehr erin­nert und Dr.Korn — der eigent­lich Den­nis heißt und schon etwas älter ist. “Lasst uns sau­fen, solan­ge die Tan­nen grün sind.” Julia und Dr. Korn lach­ten sich schlapp über den Witz — bis Julia sich plötz­lich zur Sei­te dreh­te und ohne Vor­war­nung in die Wala­chai kotz­te. Okay, da waren wir also schon. Bedeu­te­te meis­tens, dass es schon spät war…” (Zitat S.12) Nun kann Oscar end­lich selbst Alko­hol kau­fen gehen. Wenn auch nicht den ganz hoch­pro­zen­ti­gen. Das über­nimmt Dr.Korn für die Grup­pe. Eigent­lich sind die Jugend­li­chen stän­dig am Trin­ken. In jeder frei­en Minu­te. Machen Blöd­sinn und alber­ne Trink­spie­le. “Auf euer Wohl, ihr Schluck­spech­te und Schnaps­dros­seln.” Ich stieß mit dem Dok­tor an, der sich eben­falls einen Becher gefüllt hat­te. “Cin. Cin.” Ich trank die Brü­he auf ex und spür­te dem Heil­mit­tel nach, das mich wenigs­tens heu­te von mei­nen Lei­den befrei­en soll­te. Es brann­te. Von Geschmack war gar nicht zu reden. Ich spür­te ein­zig das Feu­er, das sich in mei­ner Keh­le aus­brei­te­te wie durch die Fun­ken einer Zünd­schnur. Und es dau­er­te nicht lan­ge, bis mein Hirn in Gelee abtauch­te, in seli­ger süßer Göt­ter­spei­se, die mei­ne Welt mit einem Guss über­zog und die quä­len­den Gedan­ken ein­dick­te.” (Zitat S.50) Doch eines Nachts gerät alles außer Kon­trol­le. Oscar hat Ver­let­zun­gen im Gesicht und kann sich an nichts mehr erin­nern. Am nächs­ten Mor­gen steht die Poli­zei vor sei­ner Tür. Er hat eine Anzei­ge von einem Tier­heim bekom­men, weil er einen Hund mit Alko­hol abge­füllt hat. “Plötz­lich knick­te der Hund hin­ten ein und kipp­te auf den Asphalt. Bel­la schrie auf, aber Keil pfiff aner­ken­nend. Der Zot­tel ver­such­te, sich auf­zu­rich­ten, ver­lor jedoch immer wie­der das Gleich­ge­wicht und klapp­te zusam­men. Da schlug Bel­la abwech­selnd auf Keil und mich ein. Ich fühl­te so eine ange­neh­me Taub­heit in mir drin. Mir mach­te das alles nichts aus. Über­haupt mach­te mir nichts mehr was aus. (Zitat S.59) Flin­te hat das Gan­ze auf Video auf­ge­nom­men und in den Klas­sen­chat gestellt. Das hat Fol­gen. Bald muss Oscar Sozi­al­stun­den ableis­ten. Auf einem Gna­den­hof, der Tie­ren den Lebens­abend so ange­nehm wie mög­lich zu machen ver­sucht. Unter den Tie­ren ist aus­ge­rech­net auch der “blaue” Hund, dem Oscar Alko­hol ein­ge­flöst hat und der seit­dem gesund­heit­li­che Pro­ble­me hat. “War­um moch­te mich die­ser Köter, dem ich so zuge­setzt hat­te? War­um ver­zieh er mir so mühe­los, was mein Vater mir noch in hun­dert Jah­ren vor­hal­ten wür­de? War­um hass­te er mich nicht ein­fach.. so wie ich mich selbst? “Ver­dammt Süf­fel, sieh mich nicht so an!” Er wedel­te und leck­te mir über die Hand.” (Zitat S116) Wäh­rend sich Oscar einer­seits danach sehnt wie­der mit sei­nen Freun­den abzu­hän­gen und zu trin­ken — trotz allem, was vor­ge­fal­len ist‑, fängt er aber all­mäh­lich an über gewis­se Sachen nachzudenken…

Das Cover macht neu­gie­rig. Die blaue Fla­sche steht sym­bo­lisch für das Haupt­the­ma des Jugend­bu­ches, sogar der Hund ist ganz klein abge­bil­det. Was zu Beginn jedoch fehlt, ist eine Trig­ger­war­nung, die bei­spiels­wei­se auf das The­ma Tier­quä­le­rei auf­merk­sam macht. Der Roman wird durch­ge­hend aus Oscars Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Sei­ne Gedan­ken­gän­ge sind manch­mal etwas wirr — es gab immer wie­der Stel­len, die ich mehr­mals lesen muss­te, um zu ver­ste­hen, was der Proto­go­nist eigent­lich mein­te. Der Text ent­hält vie­le Dia­lo­ge und die Autorin ver­wen­det eine sehr jugend­sprach­li­che Aus­drucks­wei­se, die aber sehr authen­tisch und pas­send wirkt: “Alles klar.” Ich stell­te sie auf unse­re Plat­te zu den ande­ren Geträn­ken und über­leg­te kurz, Flin­te eine rein­zu­hau­en. Ging aber nicht. Alle glotz­ten mich an. Also setz­te ich die­sen scheiß Whis­ky an den Mund und kipp­te das Zeug her­un­ter. War nicht meins, den­noch nick­te ich aner­ken­nend in die Run­de. Scheiß Num­mer.” (Zitat S.46) Die Spra­che ist zum Teil auch recht flip­pig und frech. Mit aller­lei Meta­phern gespickt, die per­fekt zum Kon­text pas­sen: “Sprit war alle. Also trank ich eini­ge Schlu­cke aus mei­ner Fla­sche, in die ich einen Ener­gy­drink gefüllt hat­te. Nun tat sich was. Der Motor lief an und damit kehr­te auch die Erin­ne­rung an die Sinus­kur­ve zurück. Ah, und da war auch was mit Pro­zen­ten… Pro­zent­satz? Hoch­pro­zen­ti­ges? Bruch­zah­len? Brech­zah­len?… Mir wur­de schwin­de­lig. Noch ein paar Schlu­cke aus der Pul­le. Tief durch­at­men. Lang­sam trenn­te sich die Spreu vom Wei­zen, die Fusel­sät­ze von den For­mel­sät­zen. Und dann lief der Motor geschmei­dig und alles schien gut.” (Zitat S.16) Vor allem die Balan­ce zwi­schen All­tag und Alk­ho­hol­ab­stür­zen ist sehr gut getrof­fen. Wäh­rend Oscar am Anfang noch recht unsym­pa­thisch und ober­fläch­lich wirkt — es sich eigent­lich alles um Alko­hol und das Fei­ern dreht, ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te -, gelingt es Annet­te Miers­wa den Prot­ago­nis­ten zuneh­mend zum Nach­den­ken zu bewe­gen. Eine Figur, die eine inter­es­san­te Wand­lung durch­lebt, wenn auch zuwei­len etwas bruch­stück­haft (Gesprä­che mit der Sucht­be­ra­tung wer­den z.B. nur knapp in Rück­blen­den erwähnt). Auch die Rol­le der Sucht und die Bedeu­tung von Alko­hol in der Cli­que (ver­bun­den mit Grup­pen­zwang) spie­len hier­bei eine wich­ti­ge Rol­le: “Eigent­lich hat­te ich mir nach der Sache vor­ge­nom­men, nie wie­der so viel zu trin­ken, dass ich Din­ge tat, die ich hin­ter­her bereu­en wür­de. War mir dann doch nicht gelun­gen. Ich woll­te ja mei­ne Freun­de nicht ver­lie­ren. Abs­ti­nenz­ler waren für Flin­te und Dr.Korn die Pro­vo­ka­ti­on Num­mer eins. Und die meis­ten Mädels schie­nen trink­fes­te Ker­le auch attrak­ti­ver zu fin­den als ent­halt­sa­me.” (Zitat S.25) Das Ende ist in man­cher Hin­sicht ein wenig pathe­tisch. Der Vater, der ein­fach raus­ge­schmis­sen wird, damit das Fami­li­en­le­ben wie­der funk­tio­niert? Das wirkt etwas ein­fach gemacht. Auch tau­chen dann doch sehr vie­le Leu­te in dem Buch auf, die mit Alko­hol ein Pro­blem haben/hatten — neben den Jugend­li­chen auch der Leh­rer der Klas­se und sogar die Besit­ze­rin des Gna­den­hofs und dann plötz­lich auch noch die Schwes­ter von Oscar, was etwas über­frach­tet wirkt. Weni­ger wäre da mehr gewe­sen. Im Anhang fin­det man — was sehr pas­send gemacht ist — Sofort­hil­fe­maß­nah­men bei Sucht und Adres­sen, an die man sich im Not­fall wen­den kann.

Dir gefällt der Erzähl­stil von Annet­te Miers­wa? Dann lies noch ihre ande­ren Bücher — chro­no­lo­gisch nach Erschei­nungs­da­tum sor­tiert: Sehr gut gefal­len haben mir “Ins­ta­girl” und “Not your girl”Danach erschie­nen “Wir sind die Flut” und “Lie­be sich, wer kann” (auch sehr zu emp­feh­len). Alkoholkonsum/Sucht bei Jugend­li­chen ist in der Jugend­li­te­ra­tur schon immer ein gro­ßes The­ma gewe­sen, erst in den letz­ten Jah­ren ist es etwas weni­ger an Neu­erscLesealternativenhei­nun­gen gewor­den: Alki? Ich doch nicht!” von Mau­re­en Ste­wart (1997), Die Lun­te brennt” von Tuu­la Kal­lio­nie­mi (2002), Vol­le Pul­le” von Wer­ber Fär­ber (2004), “Voll” von Susan­ne Clay (2007), “Voll im Rausch” von Maja von Vogel (2007) und “Immer tie­fer” von Bir­git Schlie­per (2007), Hoch­pro­zen­ti­ges Spiel” von Chris­ti­ne Bier­nath (2008), “Bis an Limit” von Bri­git­te Kol­loch, Eli­sa­beth Zöl­ler (2009), “Betrun­ken von dir” von Michae­la Hanau­er (2009), “Film­riss” von Olaf Bütt­ner (2010), “Alk. Außer Kon­trol­le” von Wolf­gang Hänel (2010), “Bis ins Koma” von Blog­el Bri­git­te (2020), “Kater­tag: Oder: Was sagt der Knopf bei Nacht?” von Regi­na Dürig, “Mei­ne Freun­din Mia” von Peter Pohl (ab 10 Jah­ren bereits, 2012), Juli­schat­ten” von Ant­je Baben­der­erde (2012), Heu­te schie­ßen wir uns mal wie­der rich­tig ab!” von Annet­te Weber (2013), Per­fekt ist jetzt” von Tim Tharp (2014), “Ich kann­te kein Limit: Mein Leben mit dem Alko­hol” von T.A.Wegberg, K.Sascha (2014) und Total­ab­sturz” von Bea­te Döl­ling (2015), Immer die­se Herz­schei­ße” von Nana Rade­ma­cher (2017). Ein sehr gelun­ge­ner Roman über Süch­te ist auch “Point of view: Wenn du nicht weg­schau­en kannst” von Patrick Bard (Por­no­gra­fie­sucht). Geschich­ten von Abstür­zen, die sehr lesens­wert sind, sind außer­dem “Kei­ne hal­ben Sachen” von Ant­je Her­den, “Befrei­ungs­schlag” von Ste­fan Gemmel/Uwe Zis­se­ner und “Bis einer stirbt: Dro­gen­sze­ne Inter­net: Die Geschich­te von Ley­la und Josh” von Isa­bell Beer.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-74321454-5
Erscheinungsdatum: 19.Juli 2023 
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,95€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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