Annette Mierswa — Not your girl

30.September 2019

Not your girl” ist das zwei­te Jugend­buch der deut­schen Autorin Annet­te Miers­wa, die sich stets mit wich­ti­gen The­men beschäf­tigt und die­se äußerst jugend­nah, rea­lis­tisch und zugleich unheim­lich packend in einen Roman ein­bin­det. Das aktu­el­le Buch ist ein Bei­trag zur #metoo Bewe­gung, das ein jun­ges Mäd­chen zwi­schen der Sehn­sucht nach Erfolg durch eine Model­kar­rie­re und deren Schat­ten­sei­ten beglei­tet. Sexu­el­le Beläs­ti­gung und sexu­el­le Über­grif­fe auch in ihrem pri­va­ten Umfeld — damit muss ein ver­meint­li­ches taf­fes und star­kes Mäd­chen erst ein­mal klar kom­men. Äußerst bewe­gend geschrie­ben! Für (rei­fe) Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

An ihrer Bitch-Atti­tü­de hat die 15-jäh­ri­ge Kathin­ka, genannt Tin­ka, hart gear­bei­tet. Sie ist cool, sie ist ‑ange­sagt. Sie weiß, was sie will. Die Jungs ste­hen auf sie. Ihr ers­tes Mal hät­te Tin­ka auf zahl­rei­chen Par­tys im Alko­hol­rausch bereits pas­sie­ren kön­nen, hät­te ihre bes­te Freun­din Vivi­an nicht ein­ge­grif­fen und sie aus die­sen Situa­tio­nen geret­tet. Den­noch hat Tin­ka gro­ße Angst davor, will nichts falsch machen und gleich­zei­tig mög­lichst erfah­ren wir­ken. Lie­ber mit einem anony­men Frem­den in der Dis­ko, den sie hin­ter­herKasimira nicht mehr wie­der­se­hen muss. Doch auf einer Par­ty nach einem Joint bei Klas­sen­ka­me­ra­den kommt es ganz anders als sie denkt und plötz­lich wird Tin­ka von vier Jungs aus­ge­zo­gen und von einem schließ­lich ent­jung­fert. Ein Foto im Inter­net von der blu­ti­gen Decke, auf der dies pas­sier­te, spä­ter und die Spe­ku­la­tio­nen im Klas­sen­chat, wer das gewe­sen sein könn­te, wer­den immer grö­ßer. Aus­ge­rech­net Vivi­an wird für besag­tes, ehe­mals jung­fräu­li­ches Mäd­chen gehal­ten. Unmög­lich, dass Tin­ka das auf­klä­ren kann, auch wenn man ihre Freun­din nun mobbt. Ihre Freund­schaft droht zu zer­bre­chen. Als dann plötz­lich ein Mode­fo­to­graf auf Tin­ka auf­merk­sam wird, scheint ihr größ­ter Traum auf ein­mal wahr zu wer­den. Sie, die immer im Schat­ten ihres erfolg­rei­chen Pro­fi-Fuß­bal­ler-Bru­ders stand, könn­te nun end­lich durch­star­ten. Aber der Erfolg hat sei­ne Schat­ten­sei­ten und lässt Tin­ka Din­ge tun, die sie eigent­lich nicht will…

KasimiraNot your girl” — wie­der mit einem sehr anspre­chen­den Cover gestal­tet — erzählt nicht nur die Geschich­te einer begin­nen­den Model­kar­rie­re, wie der Klap­pen­text sug­ge­riert, son­dern star­tet im pri­va­ten Umfeld von Tin­ka. Ein Mäd­chen, das bereits als Klein­kind davon träumt Model zu wer­den und jeden ihrer Geburts­ta­ge unter das Mot­to “Per­fect Girl” - eine Cas­ting­show — stellt, um ihrem gro­ßen Traum immer näher zu kom­men. Der Roman wird durch­gän­gig in der Ich-Per­spek­ti­ve aus Tin­kas Sicht erzählt. Vie­le The­men wer­den dar­in auf­ge­grif­fen. Ein Cock­tail vol­ler Erleb­nis­se und Emo­tio­nen erwar­tet den Leser. Nicht nur Freund­schaft, das Seh­nen nach Erfolg, sexu­el­ler Miss­brauch, son­dern auch die The­men Tod (Tin­kas Oma ist gestor­ben), lang­sa­me Ent­frem­dung von den Eltern (die wenig Zeit haben) und auch das einer Zwangs­stö­rung (wie­der­hol­tes Des­in­fi­zie­ren) wer­den auf­ge­grif­fen: Hör doch mit die­sem Quatsch auf. Er hat dich ja nicht mal berührt.” “Aber bei­nah.” Ich wuss­te selbst, wie bescheu­ert das klang, aber ein schmut­zi­ger Gedan­ke reich­te, die Ahnung Kasimiraeines pikan­ten Kör­per­kon­takts, und ich muss­te dage­gen anwi­schen, gegen all das Schlech­te, das her­aus­quoll. Panisch angel­te ich nach dem Fläsch­chen.” (Zitat S.20) Ein The­ma, das irgend­wie immer dabei ist in Annet­te Miers­was Jugend­bü­chern, das ist die Wir­kung nach Außen über sozia­le Netz­wer­ke, das gefähr­li­che Insze­nie­ren ihrer Cha­rak­te­re in Insta­gram bei­spiels­wei­se. “Denn obwohl ich eine boden­lo­se Trau­rig­keit wahr­nahm, schien sie nichts mit mir zu tun haben. Sie umgab mich wie eine Bla­se, in deren Mit­te ich fort­an leben und von der jeder abpral­len wür­de, der mir zu nahe kam. Ich war sicher in der Bla­se… aber auch ohne Ver­bin­dung zur Außen­welt. Der ein­zi­ge Kanal war mein Ins­ta-Kanal.” (Zitat S.81) Was mir beson­ders gut gefal­len hat, ist wie facet­ten­reich die Cha­rak­te­re, ins­be­son­de­re Tin­ka, beschrie­ben wer­den. Wie sie einer­seits ihre Bitch-Atti­tü­de pflegt und taff und abge­brüht erscheint, dann aber doch im Umgang mit Jungs zurück­hal­tend reagiert. Wie sie ober­fläch­li­che Bekannt­schaf­ten gera­de­zu sucht, aber doch Angst vor Nähe hat. “Du machst der gan­zen Welt Kasimiravor, du seist so irr­sin­nig erfah­ren und die hei­ßes­te Bitch ever, dabei machst du sofort einen Rück­zie­her, wenn sich ein wirk­lich net­ter Jun­ge nähert. Und weißt du war­um? Weil du eine Scheiß­angst hast, dass er dir weh­tun könn­te.. Denn das kann nun mal pas­sie­ren, wenn man Gefüh­le zeigt…”  (Zitat S.31) Von einem Mons­ter oder gar einem Biest ist in dem Roman zuwei­len die Rede, wird im ers­ten ein­lei­ten­den Kapi­tel bereits erwähnt. Tin­ka selbst hält sich dafür, für absto­ßend und unge­liebt, und auch wenn sie alles dafür tut um gese­hen zu wer­den, um Macht aus­zu­üben und alles im Griff zu haben, so sprüht sie den­noch Gift um sich und baut ihren Schutz­wall immer höher und höher. Genau die­se Wider­sprüch­lich­keit ihrer Prot­ago­nis­tin zu beschrei­ben, das gelingt Annet­te Miers­wa bra­vou­rös. “Wei­nend rann­te ich in mein Zim­mer und schloss die Tür ab. Jetzt konn­te ich mich wie­der has­sen und ein biss­chen bes­ser ver­ste­hen, war­um man mir etwas ange­tan hat­te. Denn ich hat­te nichts Bes­se­res ver­dient.” (Zitat S.118) Die Autorin lässt den Leser atem­los und mit einem per­fekt Kasimiragezeich­ne­ten Span­nungs­bo­gen teil­ha­ben an all­dem, was Tin­ka pas­siert und mit­ban­gen und hof­fen, dass sie sich befrei­en kann aus ihrem Gefäng­nis aus Miss­brauch, Selbst­hass und Ableh­nung. Die Spra­che ist teils sehr jugend­sprach­lich, mit manch der­be­ren Aus­drü­cken, aber immer authen­tisch. Die Alters­emp­feh­lung vom Ver­lag ab 12 Jah­ren fin­de ich noch etwas zu nied­rig gesetzt. Von der Hef­tig­keit der The­ma­ti­ken her defi­ni­tiv ab 14 Jah­ren. Das Ende: ein ner­ven­auf­rei­ben­der Show­down! Und lei­der viel zu schnell vor­bei… ein paar mehr aus­führ­li­che Erklä­run­gen zu den Reak­tio­nen von Tin­kas eige­ner Fami­lie oder die­ser kaum erwähn­ten Onkel-Fred­dy-Sache hät­te ich mir noch gewünscht. Trotz­dem: ein sehr gut erzähl­tes und wich­ti­ges Buch!!

Wenn dir “Not your girl” gefal­len hat, dann lies unbe­dingt Annet­te Miers­was ers­tes Jugend­buch“Ins­ta­girl” über die Suche nach Aner­ken­nung in sozia­len Netz­wer­ken, Ver­än­de­rung des Schön­heits­bil­des und einer gefähr­li­chen Freund­schaft. Sehr bewe­gend erzählt. Eine gute inhalt­li­che Leser­al­ter­na­ti­ve ist “Du woll­test es doch” von Loui­se LesealternativenO’N­eill. Eine nicht ganz so hef­ti­ge Geschich­te über einen sexu­el­len Über­griff in einem Feri­en­camp, fin­dest du in “Drei fast per­fek­te Wochen” von Chris­ti­na Ebertz. Die Mode­welt und das The­ma Miss­brauch kannst du zudem in dem Thril­ler “Dying for Beau­ty” von Todd Stras­ser ent­de­cken. Auf einer Par­ty ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein, das behan­deln fol­gen­de zwei Roma­ne: “Almost” von Anne Eli­ot (sehr bewe­gend) und “Sprich” von Lau­rie Hal­se Ander­son. Oder lies “Ent­schei­de dich!” von Anni­ka Thor, in wel­chem es auch zu einem Über­griff meh­re­rer Per­so­nen auf ein Mäd­chen kommt. Ein hef­ti­ges Buch ist zudem “Hass gefällt mir” von Johan­na Nils­son, in dem ein Mäd­chen zu einer sexu­el­len Hand­lung in Anwe­sen­heit meh­re­rer Per­so­nen gezwun­gen wird, was gefilmt und anschlie­ßend online ver­brei­tet wird. Zwei etwas älte­re Bücher sind “Kur­zer Rock” von Chris­ti­na Wahl­dén und “Eigent­lich ist gar nichts pas­siert” von Nor­ma Mazer. Aktu­el­le­re Bei­trä­ge zur #Metoo-Debat­te sind “#Fing­erweg von Susan­ne Fül­scher und die Neu­erschei­nung “Ich will das nicht!” von Susan­ne Fül­scher. Oder lies den Kurz­ge­schich­ten­band “Sag­te sie. 17 Erzäh­lun­gen über Sex und Macht” von Lina Muzur.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0478-2
Erscheinungsdatum: 18.September 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,95€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

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