“Not your girl” ist das zweite Jugendbuch der deutschen Autorin Annette Mierswa, die sich stets mit wichtigen Themen beschäftigt und diese äußerst jugendnah, realistisch und zugleich unheimlich packend in einen Roman einbindet. Das aktuelle Buch ist ein Beitrag zur #metoo Bewegung, das ein junges Mädchen zwischen der Sehnsucht nach Erfolg durch eine Modelkarriere und deren Schattenseiten begleitet. Sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe auch in ihrem privaten Umfeld — damit muss ein vermeintliches taffes und starkes Mädchen erst einmal klar kommen. Äußerst bewegend geschrieben! Für (reife) Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
An ihrer Bitch-Attitüde hat die 15-jährige Kathinka, genannt Tinka, hart gearbeitet. Sie ist cool, sie ist ‑angesagt. Sie weiß, was sie will. Die Jungs stehen auf sie. Ihr erstes Mal hätte Tinka auf zahlreichen Partys im Alkoholrausch bereits passieren können, hätte ihre beste Freundin Vivian nicht eingegriffen und sie aus diesen Situationen gerettet. Dennoch hat Tinka große Angst davor, will nichts falsch machen und gleichzeitig möglichst erfahren wirken. Lieber mit einem anonymen Fremden in der Disko, den sie hinterher
nicht mehr wiedersehen muss. Doch auf einer Party nach einem Joint bei Klassenkameraden kommt es ganz anders als sie denkt und plötzlich wird Tinka von vier Jungs ausgezogen und von einem schließlich entjungfert. Ein Foto im Internet von der blutigen Decke, auf der dies passierte, später und die Spekulationen im Klassenchat, wer das gewesen sein könnte, werden immer größer. Ausgerechnet Vivian wird für besagtes, ehemals jungfräuliches Mädchen gehalten. Unmöglich, dass Tinka das aufklären kann, auch wenn man ihre Freundin nun mobbt. Ihre Freundschaft droht zu zerbrechen. Als dann plötzlich ein Modefotograf auf Tinka aufmerksam wird, scheint ihr größter Traum auf einmal wahr zu werden. Sie, die immer im Schatten ihres erfolgreichen Profi-Fußballer-Bruders stand, könnte nun endlich durchstarten. Aber der Erfolg hat seine Schattenseiten und lässt Tinka Dinge tun, die sie eigentlich nicht will…
“Not your girl” — wieder mit einem sehr ansprechenden Cover gestaltet — erzählt nicht nur die Geschichte einer beginnenden Modelkarriere, wie der Klappentext suggeriert, sondern startet im privaten Umfeld von Tinka. Ein Mädchen, das bereits als Kleinkind davon träumt Model zu werden und jeden ihrer Geburtstage unter das Motto “Perfect Girl” - eine Castingshow — stellt, um ihrem großen Traum immer näher zu kommen. Der Roman wird durchgängig in der Ich-Perspektive aus Tinkas Sicht erzählt. Viele Themen werden darin aufgegriffen. Ein Cocktail voller Erlebnisse und Emotionen erwartet den Leser. Nicht nur Freundschaft, das Sehnen nach Erfolg, sexueller Missbrauch, sondern auch die Themen Tod (Tinkas Oma ist gestorben), langsame Entfremdung von den Eltern (die wenig Zeit haben) und auch das einer Zwangsstörung (wiederholtes Desinfizieren) werden aufgegriffen: “Hör doch mit diesem Quatsch auf. Er hat dich ja nicht mal berührt.” “Aber beinah.” Ich wusste selbst, wie bescheuert das klang, aber ein schmutziger Gedanke reichte, die Ahnung
eines pikanten Körperkontakts, und ich musste dagegen anwischen, gegen all das Schlechte, das herausquoll. Panisch angelte ich nach dem Fläschchen.” (Zitat S.20) Ein Thema, das irgendwie immer dabei ist in Annette Mierswas Jugendbüchern, das ist die Wirkung nach Außen über soziale Netzwerke, das gefährliche Inszenieren ihrer Charaktere in Instagram beispielsweise. “Denn obwohl ich eine bodenlose Traurigkeit wahrnahm, schien sie nichts mit mir zu tun haben. Sie umgab mich wie eine Blase, in deren Mitte ich fortan leben und von der jeder abprallen würde, der mir zu nahe kam. Ich war sicher in der Blase… aber auch ohne Verbindung zur Außenwelt. Der einzige Kanal war mein Insta-Kanal.” (Zitat S.81) Was mir besonders gut gefallen hat, ist wie facettenreich die Charaktere, insbesondere Tinka, beschrieben werden. Wie sie einerseits ihre Bitch-Attitüde pflegt und taff und abgebrüht erscheint, dann aber doch im Umgang mit Jungs zurückhaltend reagiert. Wie sie oberflächliche Bekanntschaften geradezu sucht, aber doch Angst vor Nähe hat. “Du machst der ganzen Welt
vor, du seist so irrsinnig erfahren und die heißeste Bitch ever, dabei machst du sofort einen Rückzieher, wenn sich ein wirklich netter Junge nähert. Und weißt du warum? Weil du eine Scheißangst hast, dass er dir wehtun könnte.. Denn das kann nun mal passieren, wenn man Gefühle zeigt…” (Zitat S.31) Von einem Monster oder gar einem Biest ist in dem Roman zuweilen die Rede, wird im ersten einleitenden Kapitel bereits erwähnt. Tinka selbst hält sich dafür, für abstoßend und ungeliebt, und auch wenn sie alles dafür tut um gesehen zu werden, um Macht auszuüben und alles im Griff zu haben, so sprüht sie dennoch Gift um sich und baut ihren Schutzwall immer höher und höher. Genau diese Widersprüchlichkeit ihrer Protagonistin zu beschreiben, das gelingt Annette Mierswa bravourös. “Weinend rannte ich in mein Zimmer und schloss die Tür ab. Jetzt konnte ich mich wieder hassen und ein bisschen besser verstehen, warum man mir etwas angetan hatte. Denn ich hatte nichts Besseres verdient.” (Zitat S.118) Die Autorin lässt den Leser atemlos und mit einem perfekt
gezeichneten Spannungsbogen teilhaben an alldem, was Tinka passiert und mitbangen und hoffen, dass sie sich befreien kann aus ihrem Gefängnis aus Missbrauch, Selbsthass und Ablehnung. Die Sprache ist teils sehr jugendsprachlich, mit manch derberen Ausdrücken, aber immer authentisch. Die Altersempfehlung vom Verlag ab 12 Jahren finde ich noch etwas zu niedrig gesetzt. Von der Heftigkeit der Thematiken her definitiv ab 14 Jahren. Das Ende: ein nervenaufreibender Showdown! Und leider viel zu schnell vorbei… ein paar mehr ausführliche Erklärungen zu den Reaktionen von Tinkas eigener Familie oder dieser kaum erwähnten Onkel-Freddy-Sache hätte ich mir noch gewünscht. Trotzdem: ein sehr gut erzähltes und wichtiges Buch!!
Wenn dir “Not your girl” gefallen hat, dann lies unbedingt Annette Mierswas erstes Jugendbuch: “Instagirl” über die Suche nach Anerkennung in sozialen Netzwerken, Veränderung des Schönheitsbildes und einer gefährlichen Freundschaft. Sehr bewegend erzählt. Eine gute inhaltliche Leseralternative ist “Du wolltest es doch” von Louise
O’Neill. Eine nicht ganz so heftige Geschichte über einen sexuellen Übergriff in einem Feriencamp, findest du in “Drei fast perfekte Wochen” von Christina Ebertz. Die Modewelt und das Thema Missbrauch kannst du zudem in dem Thriller “Dying for Beauty” von Todd Strasser entdecken. Auf einer Party vergewaltigt worden zu sein, das behandeln folgende zwei Romane: “Almost” von Anne Eliot (sehr bewegend) und “Sprich” von Laurie Halse Anderson. Oder lies “Entscheide dich!” von Annika Thor, in welchem es auch zu einem Übergriff mehrerer Personen auf ein Mädchen kommt. Ein heftiges Buch ist zudem “Hass gefällt mir” von Johanna Nilsson, in dem ein Mädchen zu einer sexuellen Handlung in Anwesenheit mehrerer Personen gezwungen wird, was gefilmt und anschließend online verbreitet wird. Zwei etwas ältere Bücher sind “Kurzer Rock” von Christina Wahldén und “Eigentlich ist gar nichts passiert” von Norma Mazer. Aktuellere Beiträge zur #Metoo-Debatte sind “#Fingerweg” von Susanne Fülscher und die Neuerscheinung “Ich will das nicht!” von Susanne Fülscher. Oder lies den Kurzgeschichtenband “Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht” von Lina Muzur.
Bibliografische Angaben:Verlag: Loewe ISBN: 978-3-7432-0478-2 Erscheinungsdatum: 18.September 2019 Einbandart: Taschenbuch Preis: 6,95€ Seitenzahl: 224 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-0478-2
Erscheinungsdatum: 18.September 2019
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,95€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -