Annette Mierswa — Liebe sich, wer kann

Kasimira25.August 2021

Lie­be sich, wer kann” ist der aktu­el­le Roman der deut­schen Autorin Annet­te Miers­wa, die sich stets mit hoch­ak­tu­el­len, bri­san­ten The­men aus­ein­an­der­setzt. In ihrem neu­en Werk stellt sie einen Jun­gen in den Mit­tel­punkt, der unter Panik­at­ta­cken lei­det und es im Leben gene­rell nicht all­zu leicht hat. Er wird über­ra­schend von einem Mäd­chen, die auch eini­ges zu ver­ber­gen hat, zu einer Wan­de­rung ein­ge­la­den. Ein som­mer­li­ches Road­mo­vie, eine Com­ing-of-Age-Geschich­te. Sen­si­bel und trotz­dem mit einer süf­fi­san­ten Iro­nie erzählt. Ide­al für Jugend­li­che, die auf der Suche nach ihrer inne­ren Mit­te sind und ler­nen wol­len zu sich selbst zu ste­hen. Beson­ders für Jungs ab 13 Jah­ren und für inter­es­sier­te Erwachsene.

Jakob hat immer wie­der Panik­at­ta­cken. Ein­mal ist er sogar umge­kippt, als ein Mäd­chen ihm sag­te, dass er schö­ne Augen habe, sich dann aber her­aus­stell­te, dass sie ihn nur ärgern woll­te. “Mein Puls ver­drei­fach­te sich und schlug Pur­zel­bäu­me, mir blieb die Luft weg, als hät­te jemand den Sauer­stoff abge­dreht. Und so sack­te ich direkt vor den Mäd­chen auf den Boden, klapp­te mei­nen Mund auf und zu wie ein Fisch auf dem Tro­cke­nen und dach­te, ich müss­te ster­ben.” (Zitat aus “Lie­be sich, wer kann” S.16) Oft wird er in der Schu­le von ande­ren geär­gert und gede­mü­tigt. Selbst sei­ne Geschwis­ter Kasimirazie­hen ihn auf. Er hat nicht das größ­te Selbst­be­wusst­sein und sei­ne Gedan­ken lau­fen manch­mal Amok in ihm: “Es könn­te sogar ganz furcht­bar viel pas­sie­ren. Zum Bei­spiel könn­te Lot­ti mich für einen Schlapp­schwanz hal­ten und mich nie mehr sehen wol­len. Sie könn­te den­ken, dass ich ein Irrer war und das den ande­ren erzäh­len, die mich dann fer­tig­mach­ten. Sie könn­te… STOPP!” (Zitat S.14) Vor allem eine ver­un­si­chert ihn enorm: Lot­ti, für die er ein biss­chen schwärmt, und die kurz in ihre Klas­se ging, ehe sie eine über­sprin­gen durf­te. Denn Lot­ti lädt ihn ein, sie auf eine Wan­de­rung zu beglei­ten. “Jakob. Hör mal. Ich weiß, das klingt jetzt wahr­schein­lich völ­lig ver­rückt, aber… du bist mei­ne letz­te Hoff­nung.” (Zitat S.14) Sie möch­te zu einem Châ­teau wan­dern, um dort einen Erho­lungs­ur­laub zu machen, wie sie sagt, und ihre Mut­ter möch­te nicht, dass sie allei­ne geht. Kur­zer­hand — und ohne sein Glück recht fas­sen zu kön­nen — sagt Jakob Kasimirazu. Doch manch­mal ist Lot­ti ein wenig selt­sam. “Du weißt nicht, wie wich­tig mir die­se Wan­de­rung ist. Und ohne dich wäre nichts dar­aus gewor­den. Also, wenn ich mal irgend­wie komisch sein soll­te, umkeh­ren will oder so, dann lass es nicht zu, ja? Schleif mich not­falls hin­ter dir her. Ver­spro­chen?” (Zitat S.29) Sie möch­te auch nicht, dass sie sich irgend­wie näher kom­men. Das Zelt, das sie dabei haben, hat zwei gro­ße, getrenn­te Kam­mern. Und ab und zu ist sie in sich gekehrt oder läuft ein­fach trau­rig davon. Was ist der wah­re Grund für ihren Road­t­rip? All­mäh­lich kommt Jakob ihrem Geheim­nis näher… 

Das Cover ist inter­es­sant gestal­tet, tat­säch­lich fin­den sich Ele­men­te auf den Bil­dern, die im Hin­ter­grund abge­bil­det sind, auch in der Geschich­te wie­der. Die­se ist durch­ge­hend aus Jakobs Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve Kasimirageschrie­ben. In einer locke­re­ren, ange­neh­men Art, die mit­un­ter auch mit viel Iro­nie auf­war­tet, berich­tet er aus sei­nem Leben. Schon der ers­te Satz lässt einen mun­ter in die Geschich­te stol­pern: “Es war 7Uhr mor­gens und ich fühl­te mich schei­ße.” (Zitat S.7) Die Panik­at­ta­cken sind die eine Sache in sei­nem All­tag, die es ihm schwer­ma­chen, die ande­re ist vor allem feh­len­de Selbst­lie­be, ein gro­ßes The­ma in “Lie­be sich, wer kann”. Denn Jakob ist mit sich nicht wirk­lich zufrie­den: “Lei­der war es nie gut, wenn ich zu viel Zeit zum Nach­den­ken hat­te. Das führ­te eigent­lich immer zu Schluss­fol­ge­run­gen, die mich wie einen Idio­ten erschei­nen lie­ßen, der es nicht wer war, beach­tet, geschwei­ge denn geliebt zu wer­den. Ich hat­te so eine Art inne­re To-do-Lis­te, die immer län­ger wur­de. Es ging dabei aus­nahms­los um Din­ge, die ich an mir ändern muss­te.” (Zitat S.53) Er wünscht sich weni­ger Angst zu haben, muti­ger zu sein und Kasimiramehr Gelas­sen­heit zu ent­wi­ckeln. Dass es ihm egal ist, was ande­re von ihm hal­ten. Doch Jakob ist eben genau das Gegen­teil, wur­de zu oft gede­mü­tigt und geär­gert, um selbst­be­wusst zu sein. Das beginnt sich auf der Tour mit Lot­ti jedoch all­mäh­lich zu ändern und es ist schön zu beob­ach­ten, wie der an sich lie­bens­wer­te Kerl, ein wenig auf­taut: “Ich bin Jakob.” So locker hat­te ich das schon lan­ge nicht mehr über die Lip­pen gebracht. Es war ja immer­hin eine Kon­takt­auf­nah­me und bedeu­te­te Gefahr. Wer mei­nen Namen kann­te, konn­te mich leich­ter fer­tig­ma­chen. Den­noch emp­fand ich einen unge­wohn­ten Gleich­mut. Hier war ich wie ein wei­ßes Blatt Papier, auf dem noch kei­ner­lei Demü­ti­gun­gen stan­den.” (Zitat S.49ff) Die Wan­de­rung ver­än­dert ihn. Lässt ihn aus sich her­aus­kom­men und tat­säch­lich muti­ger wer­den. Die­se Ent­wick­lung hat Annet­te Miers­wa in der Tat sehr authen­tisch dar­ge­stellt. Die bei­den wer­den auch mit den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen und Men­schen kon­fron­tiert, die sie dazu bewe­gen über ihr eige­nes Leben nach­zu­den­ken, mit­un­ter fast ein wenig phi­lo­so­phisch, aber auf jugend(sprach)lichen Niveau. Das Ende ist pas­send und ver­söhn­lich und zeigt ein jeder hat sein Päck­chen zu tra­gen, gemein­sam geht es aber oft leichter.

Dir gefällt Annet­te Miers­was Erzähl­stil? Dann lies unbe­dingt noch ihre ande­ren Bücher. Sehr gut gefie­len mir “Ins­ta­girl” (The­ma: Gefah­ren sozia­ler Netz­wer­ke) und “Not your girl” (sexu­el­ler Miss­brauLesealternativench). Danach schrieb sie noch für Jugend­li­che “Wir sind die Flut” (Kli­ma­wan­del). Wenn du ein Fan von Road­mo­vies bist, dann greif noch zu die­sen gelun­ge­nen Büchern: “Tank­stel­len­chips” von Anto­nia Michae­lis“Die Köni­gin­nen der Würst­chen” von Clé­men­ti­ne Beau­vais (so toll!), “Off­line ist es nass, wenn’s reg­net” von Jes­si Kir­by (klas­se!) ‚“Mor­gen ist heu­te schon vor­bei” von Cla­re Fur­niss, “Nichts zu ver­lie­ren. Außer uns.” von Lea Coplin (roman­tisch), “Glücks­dra­chen­zeit” von Kat­rin Zip­se (lohnt sich!) und “French Sum­mer: A fuck­ing gre­at road trip” von Mari­an de Smet. Etwas neu­er wäre noch “Mari­lu” von Tania Wit­te. Außer­dem wären da noch “Zwei Wege in den Som­mer” von Robert Habeck & Andrea Paluch, “Per­fect escape” von Jen­ni­fer Brown,  “Was ich weiß von dir” von Meg Rosoff (ein klu­ges Buch) und Die wirk­li­che Wahr­heit” von Dan Gemein­hart (tra­gisch und schön!) und “Ab ins Para­dies” von Tobi­as Elsä­ßer, in wel­chem eben­falls ein Jun­ge und ein Mäd­chen wäh­rend einer Rei­se aufeinandertreffen.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Loewe
ISBN: 978-3-7432-1212-1
Erscheinungsdatum: 11.August 2021
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,95€
Seitenzahl: 240
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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