Anne Hoffmann — Es geht ja bloß um den Rest meines Lebens

Kasimira25.Juli 2021

Die deut­sche Autorin Anne Hoff­mann hat einen Jugend­ro­man geschrie­ben, der ein jun­ges Mäd­chen in den Mit­tel­punkt setzt, das sich im letz­ten Schul­jahr vor dem Abitur befin­det und mit dem Erwar­tungs­druck nicht umge­hen kann. Eine Geschich­te über Panik­at­ta­cken, über das Fin­den einer zar­ten Lie­be und der Suche nach der eige­nen, inne­ren Stär­ke. Behut­sam und unter­halt­sam erzählt. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Eine Klein­stadt in Bran­den­burg. Länd­li­che Idyl­le. “Wir hat­ten nur eine ein­zi­ge wei­ter­füh­ren­de Schu­le, der lang­sam die Schü­ler fehl­ten, weil jedes Jahr nach dem Abitur ein Teil der Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­ner ging und nicht wie­der­kehr­te.” (Zitat aus “Es geht ja bloß um den Rest mei­nes Lebens” S.40) Hier lebt die 17-jäh­ri­ge Eli­sa. Sie ist eher unschein­bar. Durch­schnitt­lich. Unauf­fäl­lig. Schreibt Fan-Fic­tion. Ihre Eltern sind bei­de Leh­rer, ihre Mut­ter sogar Direk­to­rin. Jetzt ist sie im letz­ten Schul­jahr, hat das Abitur vor sich. Die Erwar­tungs­hal­tung ihrer Eltern ist daher hoch: “Ich will, dass du dich in dei­nem letz­ten Schul­jahr ein biss­chen mehr zusam­men­reißt. Nicht mir zulie­be, son­dern zu dei­nem eige­nen Bes­ten. Ich weiß, es nervt. Aber jetzt geht es um dei­ne Zukunft.” (Zitat S.8) Als die ers­ten Vor­prü­fun­gen anste­hen, hat Eli­sa plötz­lich mit­ten in einer Klau­sur ein KasimiraBlack­out, bekommt eine Panik­at­ta­cke: “Ich las die Auf­ga­be noch mal. Ver­stand den Sinn immer noch nicht. Ging wei­ter zur zwei­ten Auf­ga­be. Ver­stand auch die nicht. Hol­te tief Luft — und mit einem Mal, ohne Vor­war­nung, war sie da: Angst. Kei­ne nor­ma­le Angst. Kei­ne Schei­ße-ich-bin-nicht-gut-vor­be­rei­tet-Angst. Son­dern rich­ti­ge Angst, exis­ten­ti­el­le Angst.” (Zitat S.13) Sie flüch­tet aus dem Unter­richt, ver­sucht sich auf der Toi­let­te wie­der in den Griff zu bekom­men. Und wird bei ihrer Panik­at­ta­cke von einem Mit­schü­ler “erwischt”. Denn sie hat ver­se­hent­lich die Jungs- statt die Mäd­chen­toi­let­te genom­men. “Er war kaum grö­ßer als ich, hat­te blaue Augen und brau­ne Locken, die ihm wirr auf die Stirn fie­len. Sei­ne Strick­ja­cken-Jeans-Kom­bi­na­ti­on erin­ner­te an den schüch­ter­nen Gitar­ris­ten einer Indie-Band. Wie viel hat­te er gese­hen? Und was dach­te er? Nahm er mir die Geschich­te mit dem Was­ser­hahn ab?” (Zitat S.15) Eli­sa weiß Kasimiranicht, ob Leo, den sie noch aus dem Zelt­la­ger von frü­her kennt, ihre Not­lü­ge von einem kaput­ten Was­ser­hahn geschluckt hat. Denn es darf auf kei­nen Fall her­aus­kom­men, was ihr pas­siert ist. Nie­man­den, nicht ein­mal ihrer bes­ten Freun­din Hele­na kann sie davon erzäh­len. Doch Eli­sa merkt, dass defi­ni­tiv irgend­et­was komisch ist mit ihr. Ihr Schlafrhyth­mus gerät völ­lig durch­ein­an­der, sie ist oft müde, hat auf Unter­neh­mun­gen mit ihren Freun­den kei­ne Lust mehr und zieht sich lie­ber zurück. Sogar Sil­ves­ter will sie lie­ber allei­ne ver­brin­gen. Aber dann trifft sie in jener Nacht aus­ge­rech­net auf Leo und die bei­den kom­men ein­an­der uner­war­tet näher…

Das Cover wirkt sim­pel, aber der Titel ist abso­lut pas­send gewählt. Die­ser fängt die Dra­ma­tik der Geschich­te genau ein: “Heu­te, an Kasimiradie­sem ekli­gen grau­en Novem­ber­tag, begann das Vor­ab­itur. Kei­ne gro­ße Sache. Nur eine Übung fürs rich­ti­ge Abitur. Das genau­so wenig eine gro­ße Sache war. Bloß der Ein­tritt in den Rest mei­nes Lebens. Ich spuck­te schau­mi­ge Zahn­pas­ta ins Wasch­be­cken, dreh­te den Was­ser­hahn auf und hat­te plötz­lich ein komi­sches Gefühl, so eine Enge in der Brust.” (Zitat S.8) Erzählt wird “Es geht ja bloß um den Rest mei­nes Lebens” durch­ge­hend aus Eli­sas Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve. Der Erzähl­ton ist sehr flüs­sig und ange­nehm. Die Situa­ti­on des Mäd­chens wird sehr ver­ständ­lich und mit einer teils schö­nen Iro­nie geschil­dert: “Es war nass und kalt, und ich ver­fluch­te mei­ne Freun­de dafür, dass sie raus­ge­hen und etwas erle­ben woll­ten. Ich woll­te nichts erle­ben, im Gegen­teil, ich brauch­te nicht noch mehr Input für mei­nen vol­len Kopf, ich brauch­te Ruhe. Viel­leicht für ein paar Jahr­zehn­te.” (Zitat S.40ff) Wäh­rend das Haupt­au­gen­merk noch anfangs Kasimiraauf der Über­for­de­rung und der Panik­at­ta­cken liegt, gerät dies lei­der all­mäh­lich etwas in den Hin­ter­grund. Das hat mir in der Geschich­te manch­mal wirk­lich etwas gefehlt, die aus­führ­li­che Beschrei­bung ihrer körperlichen/geistigen Ver­än­de­run­gen. Man­ches wirkt ein wenig an der Ober­flä­che gehal­ten bezie­hungs­wei­se wird von ande­ren The­men über­la­gert. Das Ende ist pas­send und bie­tet eine Lösung für die Prot­ago­nis­tin an und auch für den Leser, der im Anhang Mög­lich­kei­ten erhält sich in einem ähn­li­chen Fall Hil­fe zu holen.

Ein wei­te­res Buch, an dem Anne Hoff­mann mit­ge­wirkt hat, ist die Neu­erschei­nung “Love — Fünf Geschich­ten über die Lie­be”Ein Roman, der mich sehr mit­ge­ris­sen hat und der eine ähn­li­che Über­for­de­rung schil­dert, ist “Graue Wol­ken im Kopf” vonLesealternativen Julia­ne Breinl. Hier wird das Augen­merk beson­ders auf die Krank­heit der Prot­ago­nis­tin gelegt. Eine sehr gute Alter­na­ti­ve ist zudem “Alles. Nichts. Und ganz viel dazwi­schen” von Ava Reed. In die­sem Roman steht die Haupt­fi­gur auch vor dem Abitur und bekommt mit­ten in einer Klau­sur eine Panik­at­ta­cke. Bücher über Panik­at­ta­cken sind im Jugend­buch bis­her noch recht über­schau­bar: “Ver­rückt vor Angst” von Jana Frey, “Klip­pen sprin­gen” von Clai­re Zorn (bewe­gend!) und “Schau mir in die Augen, Audrey” von Sophie Kin­sel­laEin Jun­ge, der das Haus auf­grund von Ängs­ten nicht mehr ver­las­sen hat, das fin­dest du in “Hoch­gra­dig unlo­gi­sches Ver­hal­ten” von John Corey Wha­ley und in dem bril­lan­ten “Born sca­red” von Kevin Brooks. Sehr gelun­gen fand ich außer­dem “Mein Som­mer auf dem Mond” von Adria­na Popes­cu, in wel­chem sich ein paar Jugend­li­che in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung ihren Pro­ble­men stel­len müs­sen (u.a. auch ein Mäd­chen mit einer Angst­stö­rung). Roma­ne über Depres­sio­nen gibt es im Jugend­buch eini­ge. Wie zum Bei­spiel “Schwar­ze Zeit” von Jana Frey (sehr flüs­sig geschrie­ben), “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer und “Mein Herz und ande­re schwar­ze Löcher” von Jas­mi­ne War­ga.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Magellan
ISBN: 978-3-7348-5055-4
Erscheinungsdatum: 13.Juli 2021
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -

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Kasimiras Bewertung:

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(3,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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