“Nächte im Tunnel” ist ein Roman der niederländischen Autorin Anna Woltz (mit britischen Wurzeln). Eine Geschichte, die während des zweiten Weltkriegs in London spielt und ein Mädchen in den Vordergrund stellt, die mit ihrem kleinen Bruder und dem Rest ihrer Familie regelmäßig nachts Unterschlupf in einer U‑Bahnstation sucht und die Bekanntschaft mit zwei anderen Jugendlichen macht. Vor dem Hintergrund des Krieges teilen sie ihre Sehnsüchte, Sorgen und Ängste miteinander. Mit einer sehr bildhaften und eindringlichen Sprache erzählt. Von einer vielfach ausgezeichneten Autorin, die ein hervorragendes Gespür für Zwischentöne hat. Erschreckend aktuell. Für Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene.
1940. Die 14-jährige Ella lebt mit ihrem kleinen Bruder und ihren Eltern in London. Sie war lange Zeit schwer krank und hat ein steifes Bein, das sie stark hinken lässt. Nun ist seit einem Jahr auch noch Krieg. “Jede Nacht fallen Bomben. Überall in London sieht man riesige Brände und zerstörte Häuser und vielleicht auch Tote. Und was machen wir? Wir stehen schon seit über vier Stunden in der Schlange mit einem Karren voller Decken voller Kissen und Decken.” (Zitat aus “Nächte im Tunnel” S.8) Jeden Tag steht sie bereits frühzeitig mit ihrer Mutter oder mit ihrem kleinen Bruder Robbie an der U‑Bahnstation an, um sich einen guten Schlafplatz für die Nacht zu sichern. Im eigenen Haus zu schlafen, ist momentan viel zu riskant. Beim Warten lernt sie über ihren Bruder Robbie Jay kennen, einen kleinen Gauner, der
mit allen möglichen Tricks an Geld zu kommen versucht: “Also, er heißt Jay, und er ist schon sechszehn. Und er hat einen Plan. Wenn wir dem Wärter sagen, du könntest wirklich nicht so lange anstehen, dann dürfen wir vor. Dann können wir jetzt schon rein und als Erste unsere Decken hinlegen!” (Zitat S.9) Jay will sogar anderen, die erst später kommen können, gegen Geld einen Platz sichern. Das findet Ella überhaupt nicht gut. Dass man in solch einer Lage auch noch Profit schlagen möchte. Sie will vor allem nicht, dass Robbie etwas mit Jay zu tun haben könnte. Doch irgendwie ist sie auch fasziniert von ihm. “..kurz habe ich die unsinnige Hoffnung, er könnte besser sehen als die anderen. Dass er sieht, wer ich früher war. Dass er mich in Farbe sieht.” (Zitat S.20) Sie begegnet ihm in den nächsten Tagen immer wieder. Ella lernt auch Quinn kennen, ein Mädchen aus reichem Haus, das von ihrem Landgut abgehauen ist: “Ich kann den
Blick nicht von ihr abwenden. Sie sieht völlig anders aus als die grauen, erschöpften Menschen um uns herum. Dieses Mädchen schaut nicht, als würde sie sich tapfer durchschlagen, sondern als hätte sie wirklich Lust auf diesen Tag.” (Zitat S.25) Quinn ist ein bisschen naiv, hat nicht gedacht, dass wirklich Krieg ist und hat die (Hand-)Tasche voller Schmuck. Sie will freiwillig in einem Krankenhaus arbeiten. Am Bahnhof hat Quinn ausgerechnet Jay ihren Koffer gegeben, der ihn für sie aufbewahren wollte. Aber Ella hilft ihr, ihn wieder zurückzubekommen. Durch die Bekanntschaft von Quinn und Jay wird Ellas Leben, das so von ihrer Krankheit so geprägt war, plötzlich wieder ereignisreich: “Zum ersten Mal seit Monaten spüre ich, dass ich mehr bin als ein verkrüppeltes Bein. Mehr als ein bleiches Mädchen, das man nicht allein lassen kann.
Ein grau gestrichener Krankenwagen fährt vorbei und ich ziehe die Schultern zurück. Zum ersten Mal seit Monaten bin ich gespannt, was jetzt passieren wird.” (Zitat S.31) Und so unterstützt sie Quinn dabei ihren Bruder wiederzufinden. Doch dann gerät Ellas eigener Bruder plötzlich in große Gefahr…
Das Cover von “Nächte im Tunnel” ist ausgesprochen schön und passend gestaltet. Der Roman ist durchgehend aus der Ich-Perspektive aus Ellas Sicht geschrieben. Schon die ersten Sätze verraten, was einem in diesem Buch erwarten wird: “Wir sind jetzt zu dritt. Wir waren zu viert, aber einer von uns wird sterben. Besser, du weißt das. Jetzt schon, bevor ich anfange. […] Wir drei haben alles überstanden. Die Bomben, die Brände, die Nächte. Wir sind noch da.” (Zita
t S.5) Die vier Personen, das sind Ella und ihr 9‑jähriger Bruder Robbie, Jay und Quinn. Bereits zu Beginn fallen vor allem die tollen Beschreibungen und Bilder, die Anna Woltz erzeugt, ins Auge: “Ich bleibe zurück. Ganz allein zwischen all den anderen Menschen. Ich habe nächtelang nicht geschlafen und die Welt scheint aus Glas zu sein. Eine einzige falsche Bewegung und alles bricht zusammen.” (Zitat S.8) Eine begnadete Erzählerin, die es vor allem schafft Ella, die eine hochinfektiöse Viruserkrankung (Polio) hinter sich hat, und die nun erst langsam ins Leben zurückfindet, perfekt in Szene zu setzen: “Nach all den Monaten im Bett fühlt es sich an, als würde sich die Welt schneller drehen als vorher. Leute bewegen sich eiliger, das Licht ist schärfer, Geräusche sind schriller. Ich setze mich auf die Bank und schaue auf meine Hände. Ich bin noch immer in Schwar
z‑Weiß. Und die Welt ist plötzlich in Farbe.” (Zitat S.14) Immer wieder kommen Bruchstücke von Ellas Krankheit ans Licht. Wird von dem Leid erzählt, das sie im letzten Jahr erfahren hat. Während sie mit ihrer Familie in vielen Nächten Unterschlupf in der U‑Bahn findet, in den dortigen Tunneln, wird immer wieder eine Parallele zu ihrer Krankheit gezogen: “Aber dann spüre ich diesen anderen Tunnel wieder. Ich erinnere mich an die Panik, als ich aufwachte und mein Körper nicht mehr mir gehörte. Eine Maschine regierte über mich. Mein Kopf ragte heraus, aber mein Körper war völlig unerreichbar.” (Zitat S.81). Die Schrecken der Krankheit holen sie ein, ebenso wie die des Krieges, die Anna Woltz mit ihrer klaren und intensiven Sprache einfängt: “Je näher wir unserer Straße kommen, desto schneller gehen wir. Und dann biegen wir um die letzte Ecke. Es steht noch da. Wir haben noch ein Haus.” (Zitat S.22)
Viele Häuser sind über Nacht den Bomben zum Opfer gefallen. Auch das beschreibt die Autorin. Wirft mit Sätzen um sich, die die Grausamkeit des Alltags gnadenlos enthüllen und einen beim Lesen erst einmal innehalten lassen: “Bevor ich am Eingang der U‑Bahn ankomme, muss ich erst am Bahnhof vorbei. Eine Reihe Kindergartenkinder ist auf dem Weg zum Zug: Ausgelassen winken sie mit Teddybären, Köfferchen und Gasmasken.” (Zitat S.24) Im Mittelteil hatte ich — abgesehen von der Information, dass einer der Vier sterben wird — den Eindruck ein wenig den roten Faden in der Geschichte zu verlieren. Das Gefühl, irgendwie nicht zu wissen, auf was die Autorin mit ihrer Erzählung eigentlich hinaus will. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Tunnel, auch wenn einiges tagsüber außerhalb davon spielt. Gerade das Setting ist mit der U‑Bahn ist ebenso faszinierend wie erschreckend: “Da liegen wir. Dreihundert Fr
emde auf einem grell beleuchteten Bahnsteig. In U‑Bahnhöfen ist es immer miefig, aber nach so vielen Stunden mit so vielen Menschen ist die Luft hier zum Schneiden. Ein erstickendes Gemisch aus Schweiß, abgestandenem Brandgeruch, fish & chips und Urin.” (Zitat S.18) Sogar ein Ticket müssen sie kaufen, wenn sie Unterschlupf auf dem Bahnsteig finden wollen. Nachts Ausnahmezustand und tagsüber weitestgehende Normalität: “Die unermesslich hohen Rolltreppen wurden angehalten und ich kann es fast nicht glauben: Auch hier schlafen Menschen. Sie hängen auf den Stufen, halb sitzend, halb liegend, sie stützen den Kopf auf eine Tasche oder einen zusammengefalteten Pullover. Männer in Anzügen, junge Frauen, die morgen früh ganz normal wieder zur Arbeit müssen.” (Zitat S.55) Doch dann nimmt der Roman einen wieder gefangen, lässt sogar eine kleine Liebesgeschichte zu, macht Mut aus gesellschaftlichen Käfigen auszubrechen und Hoffnung in Zeiten von Schrecken und Krieg, berührt an manchen Stellen mit solch sprachlicher Zartheit, dass man diese Sätze immer wieder lesen möchte. Traurig und hoffnungsvoll zugleich endet das Buch mit einem Blick in die Zukunft und zeigt in einem Art Epilog, was sechs Jahr später noch geschieht.
Dir gefällt der Erzählstil von Anna W
oltz? Sie hat noch einige andere Kinder-/Jugendbücher geschrieben: “Kükensommer” (2015), “Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess” (2015), “Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte” (2016), “Hundert Stunden Nacht” (2017), “Für immer Alaska” (2018, sehr zu empfehlen!), “Sonntag, Montag, Sternentag” (2020), “Haifischzähne” (2020), “Heute kommt Jule” (2021). Du magst historische Romane, die während des Zweiten Weltkriegs spielen? Dann lies zum Beispiel die Neuerscheinung “Als die Welt uns gehörte” von Liz Kessler oder die Romane von John Boyne: “Der Junge im gestreiften Pyjama” und “Der Junge auf dem Berg” oder “28 Tage” von David Safier. Ein wenig musste ich auch an “So lebe ich jetzt” von Meg Rosoff denken.
Bibliografische Angaben:Verlag: Carlsen ISBN: 978-3-551-58474-8 Erscheinungsdatum: 29.August 2022 Einbandart: Hardcover Preis: 16,00€ Seitenzahl: 224 Übersetzer: Andrea Kluitmann Originaltitel: "De tunnel" Originalverlag: Querido Niederländisches Originalcover:
Die Autorin im Interview (auf Niederländisch):
Kasimira auf Instagram:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)
-------------------------------------------- Niederländisches Cover: Homepage von Querido

Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-551-58474-8
Erscheinungsdatum: 29.August 2022
Einbandart: Hardcover
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 224
Übersetzer: Andrea Kluitmann
Originaltitel: "De tunnel"
Originalverlag: Querido
Niederländisches Originalcover:
Die Autorin im Interview (auf Niederländisch):
