Anna February — The Hive: Wenn die Königin fällt

23.August 2025

The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” ist ein dys­to­pi­scher Thril­ler der bri­ti­schen Autorin Anna Febru­ary, der in eine unter­ir­di­sche Kolo­nie ent­führt, in einer nach dem Kli­ma­wan­del zer­stör­ten Welt. Wie in einem Bie­nen­stock leben die Men­schen dort im “Hive”. Es gibt zwei Köni­gin­nen, die über alles regie­ren. Eine Schar voll Aszen­den­ten, die die nächs­ten Anwär­ter auf den Thron oder den Rat des Hives sind und Arbei­ter, die ver­schie­de­ne Diens­te leis­ten. Ein stren­ges Regle­ment bestimmt den All­tag. Wer krank oder alt ist oder Feh­ler macht, könn­te bei der nächs­ten Aus­le­se aus­sor­tiert wer­den, wird nach drau­ßen geschickt oder getö­tet. Auch die Mög­lich­keit sich fort­zu­pflan­zen wird nur von den Köni­gin­nen bestimmt. Alles geschieht für die Gemein­schaft und zum Wohl des Hives. Are­ni­te ist mit der Aszen­den­tin Euphe­mia schon seit Geburt durch ein Schutz­schild ver­bun­den. Sie wür­de ihr Leben für Euphe­mia geben und wur­de nur dazu aus­ge­bil­det, um sie zu beschüt­zen. Doch dann wird ihr Schütz­ling eines Tages ermor­det und Are­ni­te für die Täte­rin gehal­ten. Eigent­lich hät­te sie gar nicht über­le­ben dür­fen. Stirbt der Schütz­ling, so stirbt das Schild auto­ma­tisch. Are­ni­te hat drei Tage Zeit ihre Unschuld zu bewei­sen, sonst wird sie hin­ge­rich­tet wer­den. Dabei hilft ihr der könig­li­che Außen­sei­ter Niko­los. Es beginnt ein Wett­lauf gegen die Zeit. Bald geschieht der nächs­te Mord… Ein äußerst fas­zi­nie­ren­des Buch, das schon recht anspruchs­voll und kom­plex ist, aber span­nend und unter­halt­sam geschrie­ben ist. Eine inter­es­san­te Mischung aus Dys­to­pie und Kri­mi. Ein außer­ge­wöhn­li­ches Lese­er­leb­nis! Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwachsene.

Die gro­ße Flut hat als Fol­ge des Kli­ma­wan­dels die Erde nahe­zu unbe­wohn­bar gemacht. Doch es gibt den Hive. Eine neue Lebens­form, ähn­lich wie einen Bie­nen­stock. Ein rie­si­ges, kam­mern­ähn­li­ches Gebil­de, eine gro­ße unter­irr­di­sche Kolo­nie im Meer. Ein gro­ßer Blitz­ab­lei­ter an der Kup­pe ver­sorgt die Men­schen mit Ener­gie. Es regie­ren zwei Köni­gin­nen über den Hive. Die ent­schei­den, wer gebo­ren wer­den darf und wer aus­sor­tiert wird, weil er über­flüs­sig ist, denn die Res­sour­cen im Hive sind begrenzt. Alles geschieht zum Wohl der Köni­gin­nen und der Gemein­schaft. Die Cut­ter die­nen der könig­li­chen Fami­lie. Die Miner arbei­ten unten in der Wabe und dür­fen die obe­ren Eta­gen nicht betre­ten. “Da sie klei­ner und schwä­cher sind als wir, brau­chen sie weni­ger Nah­rung, sodass sie in der Regel die ers­ten Betrof­fe­nen sind, wenn die Köni­gin­nen Vor­rä­te ein­spa­ren wol­len.” (Zitat aus “The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” S.19) Außer­dem gibt es noch den Apex, den könig­li­chen Rat des Hives, bestehend aus fünf Mit­glie­dern. Die Aszen­de­ten sind die nächs­te Gene­ra­ti­on und Anwär­ter auf den Thron oder kön­nen Mit­glied des Rats wer­den. Hier leben auch Are­ni­te und Euphe­mia. Letz­te­re ist Aszen­den­tin und hofft dar­auf eines Tages selbst Köni­gin zu wer­den. “Die könig­li­che Fami­lie bewohnt die obe­ren Stock­wer­ke des Hives. Euphe­mia ver­bringt viel Zeit in ihrer eig­nen Eta­ge, um Alli­an­zen zu schmie­den. Ganz gleich, wel­che Mäd­chen ein­mal Köni­gin­nen sein wer­den, als sol­che wer­den sie auch dar­über ent­schei­den, wer die übri­gen fünf Plät­ze im neu­en Apex ein­nimmt — des­halb ist es für sie wich­tig, von den ande­ren Aszen­den­ten gemocht zu wer­den.” (Zitat S.16) Are­ni­te ist seit Geburt an mit Euphe­mia ver­bun­den, durch ein Schutz­band und wur­de dar­in aus­ge­bil­det sie zu ver­tei­di­gen. “Ich bin ein Schutz­schild und dazu erzo­gen wor­den, nur einem ein­zi­gen Zweck zu die­nen: die Per­son zu schüt­zen, die mir anver­traut wur­de. Ich soll­te kei­ne Angst vor Blit­zen haben. Ich soll­te vor gar nichts Angst haben.” (Zitat S.9) Doch nun wird Euphe­mia getö­tet und Are­ni­te sieht nur den ver­mumm­ten Täter flüch­ten. Kann ihr aber nicht mehr hel­fen. Eigent­lich hät­te sie eben­falls ster­ben sol­len, denn wenn ein Schütz­ling stirbt, stirbt das Schutz­schild auto­ma­tisch. Nie­mand kann sich erklä­ren, wie­so Are­ni­te über­lebt hat. Aber sie wird zur Mör­de­rin erklärt und soll nun hin­ge­rich­tet wer­den. “Gefan­gen in den Fisch­tun­neln unter der Mee­res­ober­flä­che, um zu ertrin­ken, wenn das Was­ser her­ein­flu­tet. Ein­ge­mau­ert in einer dunk­len Zel­le, um zu ver­hun­gern. An den Turm geket­tet, um von innen zu ver­bren­nen, wenn der Blitz in den Kör­per schießt. Oder der erbar­mungs­lo­sen Hit­ze der Son­ne im Son­nen­raum aus­ge­setzt, um gegrillt zu wer­den. Was­ser und Gestein, Sturm und Son­ne: die vier Kräf­te, die unser Leben bestim­men. Und eine von ihnen wird mein Ende sein.(Zitat S.58) Drei Tage hat Are­ni­te Zeit ihren Mör­der zu fin­den. Dabei soll sie Niko­los — ein könig­li­cher Außen­sei­ter und Meis­ter der dunk­len Küns­te — unter­stüt­zen, der den Fall auf­klä­ren soll. Er soll sein eige­nes Schutz­schild ermor­det haben und ist eben­falls von Are­ni­tes Schuld über­zeugt. Hat Are­ni­te über­haupt noch eine Chan­ce? Dann geschieht ein wei­te­rer Mord. Und es wird nicht der Letz­te bleiben…

Das Cover ist sehr gelun­gen, dazu der Schim­mer der Gold­fo­lie. Der Titel per­fekt gewählt (The Hive = Der Bie­nen­stock). Denn der Titel ist Pro­gramm in dem Buch, das Sys­tem der Kolo­nie geht tat­säch­lich auf das Vor­bild eines Bie­nen­schwarms zurück: “Die Bie­nen­kö­ni­gin war das Herz des Bie­nen­stocks und die­je­ni­ge, die neu­es Leben her­vor­brach­te. Alle ande­ren Bie­nen leb­ten und star­ben nur, um ihr zu die­nen und sie zu beschüt­zen, denn ohne sie wäre ihre Art dem Unter­gang geweiht gewe­sen. Wenn sie bedroht war, opfer­ten die ande­ren ihr Leben. Alle dach­ten und han­del­ten tat­säch­lich wie ein ein­zi­ger Orga­nis­mus, der von ihr kon­trol­liert wur­de: Es war das gemein­sa­me Bewusst­sein des Bie­nen­stocks. Und das war es auch, was die Men­schen nach der gro­ßen Flut brauch­ten — den Wil­len, ihr Leben zum Wohl des Gan­zen hin­zu­ge­ben, statt sinn­los zu kämp­fen und sich dabei selbst zu zer­stö­ren.” (Zitat S.171ff) Der dys­to­pi­sche Thril­ler wird durch­ge­hend aus Are­ni­tes Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt. Er ist in Kapi­tel ein­ge­teilt mit Zeit­an­ga­ben (Z.B. “zwei Tage spä­ter” alles auf den ers­ten Mord bezo­gen) und teil­wei­se tau­chen Über­schrif­ten auf wie “Ers­ter Mord”, “Zwei­ter Mord”. Man darf in dem Buch flei­ßig mit­ra­ten, wer der Täter gewe­sen sein könn­te. Anna Februray macht es ihren Leser:innen hier­bei nicht leicht. An sich ist “The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” schon ein etwas anspruchs­vol­le­res Buch. Man erhält zwar einen Stamm­baum der könig­li­chen Fami­lie und ihrer Aszen­den­ten und jewei­li­gen Schil­der, aber es sind unglaub­lich vie­le Per­so­nen, die man zuord­nen muss. Details, die man im Fort­lauf der Geschich­te behal­ten muss, um alles ein­zu­ord­nen. Teil­wei­se konn­te ich nicht alle Gedan­ken­gän­ge der Prot­ago­nis­ten bei der Täter­suche nach­voll­zie­hen. Den­noch ist das Grund­set­ting des Buches abso­lut gelun­gen und sehr fas­zi­nie­rend. Ein Sys­tem, das schein­bar zu funk­tio­nie­ren scheint, aber auch erschre­ckend ist: “Droh­nen über vier­zig wer­den zu fünf­und­sieb­zig Pro­zent redu­ziert.” (Zitat S.11) Auch die Aus­le­se, an der die Aszen­den­ten maß­geb­lich betei­ligt sind, lie­fert jede Men­ge Dis­kus­si­ons­stoff. Darf man Men­schen ein­fach so aus­sor­tie­ren? Nur, weil sie nicht mehr jung genug, funk­ti­ons­fä­hig oder feh­ler­los sind? Sie wer­den dann ein­fach nach drau­ßen gelas­sen. “Kein Wun­der, dass nie­mand den Hive ver­lässt, der nicht dazu gezwun­gen ist. Wir füh­ren unser gesam­tes Leben unter der Erde, in den hoh­len Adern die­ser Insel, weil sie unse­re ein­zi­ge Zuflucht vor dem gna­den­lo­sen Him­mel und der tosen­den See ist, die uns umgibt.” (Zitat S.14) Was dort drau­ßen ist, das hät­te ich mir noch ein wenig aus­führ­li­cher gewünscht, hier gibt es nur Andeu­tun­gen, auch von ande­ren Men­schen außer­halb hät­te ich ger­ne noch mehr erfah­ren. Höchst dis­ku­ta­bel ist auch die Tat­sa­che, dass allein die Köni­gin­nen über die wei­te­re Fort­pflan­zung bestim­men: “Nur die könig­li­che Fami­lie besitzt die Fähig­keit, die seit der Grün­dung des Hives durch ihre ver­ehr­te Vor­fah­rin Melissa seit Jahr­hun­der­ten wei­ter­ge­ge­ben wur­de: die Fähig­keit, sich unge­hin­dert fort­zu­pflan­zen und die Kunst der Medi­zin und der Gene­tik zu nut­zen, um auch ande­ren zum Kin­der­se­gen zu ver­hel­fen. Ohne die­se Gabe wären wir alle längst aus­ge­stor­ben. Sie ist so kost­bar und wich­tig, dass nur die Köni­gin­nen sie anwen­den dür­fen. Des­halb erhal­ten alle Aszen­den­ten ein Ver­hü­tungs­im­plan­tat, das bei den Mäd­chen, die zu Köni­gin­nen aus­ge­wählt wer­den, wie­der enfernt wird, wäh­rend es die ande­ren für immer behal­ten.” (Zitat S.71ff) Indi­viua­li­tät und eige­nes Den­ken wer­den in “The Hive: Wenn die Köni­gin fällt” klein gehal­ten. Auch Are­ni­te ist seit Geburt an so kon­di­tio­niert wor­den, dank­bar für ihr ein­ge­schränk­tes Leben zu sein, ohne ihre eige­nen Wün­sche und Bedürf­nis­se in den Vor­der­grund zu stel­len. Hier­bei macht sie eine glaub­haf­te Wand­lung inner­halb des Buches durch, ent­wi­ckelt sich wei­ter. Eine sehr sehr zar­te Slow Burn Romance ist in die Geschich­te mit ein­ge­floch­ten, die aber tat­säch­lich ohne kör­per­li­che Annä­he­rung (Kuss) aus­kommt, was in sehr weni­gen Büchern der Fall ist. Die Spra­che von Anna Februra­ry ist ange­nehm und teils etwas anti­quier­ter und gewähl­ter, passt aber zum Sys­tem des Hives: “Doch fürch­te ich ein wenig, dass Köni­gin Sire­ne es nicht gut­hei­ßen wird — da ich schon nicht den Anstand hat­te zu ster­ben, als die Zeit dafür gekom­men war, wird sie ver­mut­lich den­ken, ich soll­te zumin­dest so zer­lumpt und halb ver­hun­gert blei­ben, wie ich bin. In gewis­ser Wei­se bin ich sogar geneigt, ihr recht zu geben. Ande­rer­seits wäre nur ein Bad bes­ser als fri­sche Kla­mot­ten, und da Ers­te­res nicht infra­ge kommt, neh­me ich mit dem Zwei­ten vor­lieb.” (S.116) Zum Ende hin wird es unge­mein span­nend und es erwar­tet die Leser:innen noch die ein oder ande­re über­ra­schen­de Wen­dung. Das Buch ist in sich abge­schlos­sen, hät­te aber grund­sätz­lich noch viel Poten­ti­al für eine Fortsetzung.

LesealternativenDu magst Dys­to­pien? Zwei Alter­na­ti­ven, die mir direkt in den Sinn kamen, sind RC 2722: Gefähr­li­che Frei­heit” und “New Earth Pro­ject: Töd­li­che Hoff­nung” von David Moi­tet (hier leben die Prot­ago­nis­ten auch in einem unter­irr­di­schen Schutz­bun­ker bzw in einer Glas­kup­pel, bei­de Bücher unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen) oder die “God­sped”-Tri­lo­gie von Beth Revis. Gut könn­te ich mir auch “Brea­the: Gefan­gen unter Glas” von Sarah Crossan vor­stel­len oder die “Ele­ria”-Tri­lo­gie von Ursu­la Pozn­an­ski. Du möch­test noch ande­re Bücher lesen, in denen Bie­nen eine gro­ße Rol­le spie­len? Lies zum Bei­spiel Bie­nen­kö­ni­gin” von Clau­dia Prax­may­er (fas­zi­nie­rend und sehr flott erzählt!), “Der Som­mer, in dem ich die Bie­nen ret­te­te” von Robin Ste­ven­son oder “Zweet” von Marit Kald­hol (wun­der­schön!) und “Das Nest” von Ken­neth Oppel (für Ner­ven­star­ke! Hor­ror, aber sehr gelun­gen). Etwas kämp­fe­ri­scher wären “Storm­glass. Angriff der Kil­ler­bie­nen” von Andy Deemer und “Infi­ni­ty Dra­ke: Scar­lat­tis Söh­ne” von John McNal­ly.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Karibu
ISBN: 978-39612-9511-1
Erscheinungsdatum: 6.August 2025
Einbandart: Broschur
Preis: 16,99€
Seitenzahl: 352 
Übersetzer*in: Knut Krüger
Originaltitel: "The Hive"
Originalverlag: Chicken House

Britisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Britisches Cover: Homepage von Anna February

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