Ann Liang — If you could see the sun

30.August 2024

“If you could see the sun” ist ein Roman der chi­ne­si­schen Autorin Ann Liang. Sie erzählt die Geschich­te eines Mäd­chens, das in Peking auf eine inter­na­tio­na­le Pri­vat­schu­le geht, sich in der Welt der Rei­chen und Schö­nen aber sehr unsicht­bar fühlt und nur durch ihre guten Noten zu über­zeu­gen ver­sucht. Doch ihr größ­ter Riva­le ist Hen­ry, der ihr den Platz eins in der Leis­tungs­hier­ar­chie oft strei­tig macht. Als Ali­ce eines Tages plötz­lich für kur­ze Momen­te unsicht­bar wird, ver­sucht sie die­se Fähig­keit zu nut­zen, um ihre Diens­te mit­tels einer App ande­ren Mitschüler:innen anzu­bie­ten. Denn die Schul­ge­büh­ren sind gestie­gen und ihre Fami­lie kann das Geld nicht mehr auf­brin­gen. Aber für die Ent­wick­lung der App braucht Ali­ce dum­mer­wei­se Hen­rys Hil­fe… Eine durch­weg unter­halt­sa­mer Coming-of-Age-Roman über Leis­tungs­druck, sozia­le Unter­schie­de und dem Wunsch gese­hen zu wer­den. Eine Slow-Burn-Romance mit Tief­gang und einem ange­neh­men Pri­se Sar­kas­mus und einem Hauch von Magie. Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und inter­es­sier­te Erwachsene.

Ali­ce Sun ist eine Mus­ter­schü­le­rin. Stän­dig am Ler­nen und sie schreibt die bes­ten Noten. Sie geht in Peking auf eine inter­na­tio­na­le Pri­vat­schu­le. Sie könn­te die bes­te Schü­le­rin der Stu­fe sein, wäre da nicht ihr Kon­tra­hent Hen­ry Li. Seit vier Jah­ren macht er ihr mit sei­nen Traum­no­ten, sei­ner arro­gan­ten Art und sei­nem Reich­tum das Leben schwer. “Wie immer habe ich, wenn ich sei­nen Namen nur den­ke, die­sen schar­fen, bit­te­ren Geschmack im Mund, wie Gift. Gott, ich has­se ihn. […] Ich has­se es, wie die Leu­te ihn anschau­en und sehen, selbst wenn er voll­kom­men still ist und mit gesenk­tem Kopf an sei­nem Pult arbei­tet. Ich has­se ihn schon, seit er vor vier Jah­ren in die Schu­le stol­ziert kam, brand­neu und alles über­strah­lend. Am Ende des ers­ten Tages hat­te er ich mit sage und schrei­be zwei­ein­halb Punk­ten in unse­rem Geschichts­test geschla­gen und alle kann­ten sei­nen Namen.” (Zitat aus “If you could see the sun” S.10ff) Hen­ry ist auch noch beliebt und wird von allen gese­hen. Ali­ce hin­ge­gen fühlt sich oft unsicht­bar. Da sie aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen stammt, kann sie sich die Schu­le nur mit­tels eines hal­ben Sti­pen­di­ums finan­zie­ren. Für den Rest kom­men ihre Eltern auf. Als die­se ihr jedoch eines Tages eröff­nen, dass sie sich die schon wie­der gestie­ge­nen Schul­ge­büh­ren ein­fach nicht mehr leis­ten kön­nen und Ali­ce nur noch das nächs­te hal­be Jahr auf die Airing­ton Pri­vat­schu­le gehen kann, bricht für sie eine Welt zusam­men. Und so muss sie aus­ge­rech­net Hen­ry Li, ihren Erz­feind, um Hil­fe bit­ten. “Objek­tiv betrach­tet gibt es hier in der Schu­le eine Per­son, die sich als nütz­lich erwei­sen könn­te. Eine Per­son, die zum Ver­gnü­gen irgend­wel­che obsku­ren aka­de­mi­schen Jour­na­le liest, […] die womög­lich tat­säch­lich gelas­sen blei­ben wür­de und kom­pe­tent genug wäre, die­ser gan­zen beschis­se­nen Situa­ti­on auf den Grund zu gehen.” (Zitat S.38) Denn seit eini­ger Zeit wird Ali­ce immer wie­der für eini­ge Minu­ten unsicht­bar, wirk­lich kom­plett unsicht­bar. Mit Unter­stüt­zung von Hen­ry beginnt Ali­ce aus die­ser neu­en, unver­hoff­ten Super­kraft Pro­fit zu zie­hen. “Aber stell dir doch nur mal vor, wie viel Geld die Leu­te zu zah­len bereit wären, nur um… ich weiß auch nicht, zu erfah­ren, ob ihre Ex sich noch immer alte Fotos von ihnen ansieht oder ihre bes­te Freun­din hin­ter ihrem Rücken über sie läs­tert. Wir wür­den inner­halb kür­zes­ter Zeit einen sat­ten Pro­fi ein­strei­chen.” (Zitat S.78) Hen­ry pro­gram­miert ihr eine App, die sie “Bei­jing Ghost” nen­nen und Ali­ce bie­tet anonym ihren Mitschüler:innen ihre Diens­te an. Sie spio­niert ande­re aus, die ver­mu­ten, dass sie betro­gen wer­den oder löscht pre­kä­re Fotos von Han­dys. Und ver­dient damit Geld. “Noch zehn Auf­trä­ge, schät­ze ichKasimira, dann habe ich die Sum­me zusam­men. Noch zwan­zig Auf­trä­ge, dann kann ich nicht nur für die Airing­ton bezah­len, son­dern auch ein gan­zes Jahr am Col­lege finan­zie­ren. Es ist wie eine Sucht. Wie ein Rausch. Wen inter­es­siert, dass ich so viel zu tun habe, dass ich kaum atmen kann?” (Zitat S.159) Bald kommt sie auch Hen­ry ein wenig näher, der doch gar nicht so übel ist. Aber all­mäh­lich wer­den die Auf­trä­ge der ande­ren Schüler:innen immer hef­ti­ger. Wie weit wird Ali­ce gehen, um ihr Ziel zu erreichen?

Das Cover sieht inter­es­sant aus, der Titel ist pas­send und gewis­ser­ma­ßen dop­pel­deu­tig, da er einer­seits auf Ali­ce (Nach­na­me: Sun) Unsicht­bar­keit anspielt, aber auch auf ihre Sehn­sucht nach Geld und Erfolg (= ihre Son­ne). Der Roman wird durch­ge­hend aus Ali­ces Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve erzählt und ver­fügt über einen schö­nen, sar­kas­ti­schen Unter­ton, beginnt bei­spiels­wei­se mit fol­gen­dem Satz: “Mei­ne Eltern füh­ren mich stets nur aus einem von drei Grün­den zum Essen aus. Ers­tens: Jemand ist tot — was ange­sichts unse­rer über neun­zig Mit­glie­der star­ken WeChat-Fami­li­en­grup­pe öfters pas­siert, als man mei­nen wür­de. Zwei­tens: Jemand hat Geburts­tag. Oder drit­tens: Sie haben mir etwas Lebens­ver­än­dern­des zu ver­kün­den.” (Zitat S.7) Die Haupt­fi­gur ist sym­pa­thisch und man kann sich gut in die­se ein­füh­len. Ein Mäd­chen, das es nicht immer ein­fach hat im Leben und dar­um kämpft, gese­hen zu wer­den. Als sie bei einer Preis­ver­lei­hung aus­ge­zeich­net wird und nach vor­ne auf die Büh­ne darf, mar­kiert dies einen beson­de­ren Höhe­punkt in ihrer schu­li­schen Lauf­bahn: “Alle Augen rich­ten sich auf mich, als ich mich lang­sam von mei­nem Stuhl erhe­be. Es bran­det kein begeis­ter­ter Jubel auf, nicht wie bei Rai­nie, aber wenigs­tens schau­en sie her. Wenigs­tens kön­nen sie mich sehen. […] Aber das hier, die­se Art von posi­ti­ves Auf­merk­sam­keit, wäh­rend mein voll­stän­di­ger Name auf einem Bild­schirm erstrahlt und Applaus wie Pau­ken­schlä­ge durch den Raum hallt? Es wür­de mir nicht das Gerings­te aus­ma­chen, mich bis in alle Ewig­keit in die­sem Moment zu son­nen.” (Zitat S.28) Doch natür­lich erhält Wider­sa­cher Hen­ry noch mal eine Spur mehr Applaus. Heimst auch einen Preis ein. Er, der zusätz­lich — im Gegen­satz Kasimirazu Ali­ce — auch noch beliebt ist, wird vor allem von den ande­ren wahr­ge­nom­men. Als Ali­ce öfters mit ihm zu tun hat und mit ihm bei­spiels­wei­se durch dei Flu­re der Schu­le läuft, wird dies offen­sicht­lich: “Neben Hen­ry durch die über­füll­ten Koori­do­re der Airing­ton zu gehen, ist eine zutiefst eigen­ar­ti­ge Erfah­rung. Es blei­ben auf dem kur­zen Weg vom Ethik­raum zu unse­ren Spin­den mehr Leu­te — Lehr­kräf­te ein­ge­schlos­sen — ste­hen, um ihm Hal­lo zu sagen, als die Anzahl der Per­so­nen, mit denen ich mich seit Schul­be­ginn unter­hal­ten haben. Und das ist noch nicht mal über­trie­ben.” (Zitat S.88ff) Die­se Lie­bes­ge­schich­te in die­ser Rivals-to-Lovers-Romance ist sehr behut­sam und zart ein­ge­bun­den. Eine Slow-burn-Romance, bei der man Geduld braucht. “Dan­ke… für das alles. Ehr­lich. Es… es ist noch bes­ser, als ich es mir vor­ge­stellt hat­te.” Viel­leicht ist es nur eine opti­sche Täu­schung durch das Licht, aber ich könn­te schwö­ren, dass sich sei­ne Ohren rosa fär­ben. “Freut mich”, erwi­der­te er lei­se und hält mei­nen Blick gefühlt eine Sekun­de zu lang fest. Ich räus­pe­re mich und schaue weg, plötz­lich selt­sam ver­le­gen.” (Zitat S.93) Denn neben dem Hauch Magie, den die Fähig­keit unsicht­bar zu wer­den, Ali­ce ver­leiht, sind es vor allem Leis­tungs­druck, unglei­che Chan­cen und sozia­le Klas­sen­un­ter­schie­de, die zen­tra­len The­men in “If you could see the sun”. Aber auch Inte­gra­ti­on und der Suche nach einer Hei­mat spie­len in dem Roman eine bedeut­sa­me Rol­le. Ali­ce, die zwar in Peking gebo­ren ist, ist mit ihren Eltern nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert, um dort den “ame­ri­ka­ni­schen Traum” zu leben, der aber schei­ter­te, wes­we­gen die Fami­lie wie­der zurück nach Peking gezo­gen ist. Die Eltern, die kaum Geld für die all­täg­li­chen Din­ge haben, die U‑Bahn neh­men müs­sen, weil ein eige­nes Auto zu teu­er ist, tun alles für ihre Toch­ter, um ihr die bes­te schu­li­sche Aus­bil­dung zu ermög­li­chen und sto­ßen den­noch an ihre Gren­zen. Trotz ihrem guten Wil­len mit der App für ihre Schul­ge­büh­ren und ihre Fami­lie Geld zu ver­die­nen, stößt auch Ali­ce an ihre Leis­tungs­gren­zen. “Ich schät­ze, Noten sind das Ein­zi­ge, wor­über ich Macht habe. Das Ein­zi­ge, was ich habe.” In dem Moment, in dem ich es laut aus­spre­che, wird mir klar, wie trau­rig das klingt.” (Zitat S.188) Sie, die sich nur über Leis­tung defi­niert und ihr Leben kaum mehr genie­ßen kann, merkt all­mäh­lich selbst, dass sie so nicht wei­ter­ma­chen kann. Wie sich alles dar­auf­hin ent­wi­ckelt, wel­che Höhen und Tie­fen sie erle­ben darf, das liest sich durch­weg sehr unter­halt­sam und faszinierend.

LesealternativenDir gefällt Ann Liangs Erzähl­stil? Dann lies noch ihr ande­res Jugend­buch: “This Time it’s real”. Für Erwach­se­ne schrieb sie noch “A Song to Drown Rivers” (wel­ches im Okto­ber 2024 auf Deutsch erschei­nen wird). Ein Roman, an den ich als Leser­al­ter­na­ti­ve sofort den­ken muss­te, ist “Was du nie­mals tun soll­test, wenn du unsicht­bar bist” von Ross Wel­ford. Ande­re Bücher, die das The­ma Unsicht­bar­keit haben (eher für jün­ge­re Leser:innen) sind “Plötz­lich unsicht­bar” von Liz Kess­ler und “Wind­mä­chen” von Kai Ali­ne Hula. Hin­sicht­lich der Geld­sor­gen der Prot­ago­nis­tin könn­te ich mir auch gut “Fri­day I’m in Love” von Cam­ryn Gar­rett vor­stel­len oder auch — bezüg­lich der Her­kunft der Haupt­fi­gur — die Roma­ne von Jen­ny Han.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN: 978-3-570-16707-6
Erscheinungsdatum: 24.Juli 2024
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer*in: Doris Attwood
Originaltitel: "If You Could See the Sun"
Originalverlag: Inkyard Press

Englisches Originalcover:

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Kasimiras Bewertung:

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(4,5 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Englisches Cover: Homepage von Ann Liang

 

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