“If you could see the sun” ist ein Roman der chinesischen Autorin Ann Liang. Sie erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in Peking auf eine internationale Privatschule geht, sich in der Welt der Reichen und Schönen aber sehr unsichtbar fühlt und nur durch ihre guten Noten zu überzeugen versucht. Doch ihr größter Rivale ist Henry, der ihr den Platz eins in der Leistungshierarchie oft streitig macht. Als Alice eines Tages plötzlich für kurze Momente unsichtbar wird, versucht sie diese Fähigkeit zu nutzen, um ihre Dienste mittels einer App anderen Mitschüler:innen anzubieten. Denn die Schulgebühren sind gestiegen und ihre Familie kann das Geld nicht mehr aufbringen. Aber für die Entwicklung der App braucht Alice dummerweise Henrys Hilfe… Eine durchweg unterhaltsamer Coming-of-Age-Roman über Leistungsdruck, soziale Unterschiede und dem Wunsch gesehen zu werden. Eine Slow-Burn-Romance mit Tiefgang und einem angenehmen Prise Sarkasmus und einem Hauch von Magie. Für Jugendliche ab 13 Jahren und interessierte Erwachsene.
Alice Sun ist eine Musterschülerin. Ständig am Lernen und sie schreibt die besten Noten. Sie geht in Peking auf eine internationale Privatschule. Sie könnte die beste Schülerin der Stufe sein, wäre da nicht ihr Kontrahent Henry Li. Seit vier Jahren macht er ihr mit seinen Traumnoten, seiner arroganten Art und seinem Reichtum das Leben
schwer. “Wie immer habe ich, wenn ich seinen Namen nur denke, diesen scharfen, bitteren Geschmack im Mund, wie Gift. Gott, ich hasse ihn. […] Ich hasse es, wie die Leute ihn anschauen und sehen, selbst wenn er vollkommen still ist und mit gesenktem Kopf an seinem Pult arbeitet. Ich hasse ihn schon, seit er vor vier Jahren in die Schule stolziert kam, brandneu und alles überstrahlend. Am Ende des ersten Tages hatte er ich mit sage und schreibe zweieinhalb Punkten in unserem Geschichtstest geschlagen und alle kannten seinen Namen.” (Zitat aus “If you could see the sun” S.10ff) Henry ist auch noch beliebt und wird von allen gesehen. Alice hingegen fühlt sich oft unsichtbar. Da sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt, kann sie sich die Schule nur mittels eines halben Stipendiums finanzieren. Für den Rest kommen ihre Eltern auf. Als diese ihr jedoch eines Tages eröffnen, dass sie sich die schon wieder gestiegenen Schulgebühren einfach nicht mehr leisten können und Alice nur noch das nächste halbe Jahr auf die Airington Privatschule gehen kann, bricht für sie eine Welt zusammen. Und so muss sie ausgerechnet Henry Li, ihren Erzfeind, um Hilfe
bitten. “Objektiv betrachtet gibt es hier in der Schule eine Person, die sich als nützlich erweisen könnte. Eine Person, die zum Vergnügen irgendwelche obskuren akademischen Journale liest, […] die womöglich tatsächlich gelassen bleiben würde und kompetent genug wäre, dieser ganzen beschissenen Situation auf den Grund zu gehen.” (Zitat S.38) Denn seit einiger Zeit wird Alice immer wieder für einige Minuten unsichtbar, wirklich komplett unsichtbar. Mit Unterstützung von Henry beginnt Alice aus dieser neuen, unverhofften Superkraft Profit zu ziehen. “Aber stell dir doch nur mal vor, wie viel Geld die Leute zu zahlen bereit wären, nur um… ich weiß auch nicht, zu erfahren, ob ihre Ex sich noch immer alte Fotos von ihnen ansieht oder ihre beste Freundin hinter ihrem Rücken über sie lästert. Wir würden innerhalb kürzester Zeit einen satten Profi einstreichen.” (Zitat S.78) Henry programmiert ihr eine App, die sie “Beijing Ghost” nennen und Alice bietet anonym ihren Mitschüler:innen ihre Dienste an. Sie spioniert andere aus, die vermuten, dass sie betrogen werden oder löscht prekäre Fotos von Handys. Und verdient damit Geld. “Noch zehn Aufträge, schätze ich
, dann habe ich die Summe zusammen. Noch zwanzig Aufträge, dann kann ich nicht nur für die Airington bezahlen, sondern auch ein ganzes Jahr am College finanzieren. Es ist wie eine Sucht. Wie ein Rausch. Wen interessiert, dass ich so viel zu tun habe, dass ich kaum atmen kann?” (Zitat S.159) Bald kommt sie auch Henry ein wenig näher, der doch gar nicht so übel ist. Aber allmählich werden die Aufträge der anderen Schüler:innen immer heftiger. Wie weit wird Alice gehen, um ihr Ziel zu erreichen?
Das Cover sieht interessant aus, der Titel ist passend und gewissermaßen doppeldeutig, da er einerseits auf Alice (Nachname: Sun) Unsichtbarkeit anspielt, aber auch auf ihre Sehnsucht nach Geld und Erfolg (= ihre Sonne). Der Roman wird durchgehend aus Alices Sicht in der Ich-Perspektive erzählt und verfügt über einen schönen, sarkastischen Unterton, beginnt beispielsweise mit folgendem Satz: “Meine Eltern führen mich stets nur aus einem von drei Gründen zum Essen aus. Erstens: Jemand ist tot — was angesichts unserer über neunzig Mitglieder
starken WeChat-Familiengruppe öfters passiert, als man meinen würde. Zweitens: Jemand hat Geburtstag. Oder drittens: Sie haben mir etwas Lebensveränderndes zu verkünden.” (Zitat S.7) Die Hauptfigur ist sympathisch und man kann sich gut in diese einfühlen. Ein Mädchen, das es nicht immer einfach hat im Leben und darum kämpft, gesehen zu werden. Als sie bei einer Preisverleihung ausgezeichnet wird und nach vorne auf die Bühne darf, markiert dies einen besonderen Höhepunkt in ihrer schulischen Laufbahn: “Alle Augen richten sich auf mich, als ich mich langsam von meinem Stuhl erhebe. Es brandet kein begeisterter Jubel auf, nicht wie bei Rainie, aber wenigstens schauen sie her. Wenigstens können sie mich sehen. […] Aber das hier, diese Art von positives Aufmerksamkeit, während mein vollständiger Name auf einem Bildschirm erstrahlt und Applaus wie Paukenschläge durch den Raum hallt? Es würde mir nicht das Geringste ausmachen, mich bis in alle Ewigkeit in diesem Moment zu sonnen.” (Zitat S.28) Doch natürlich erhält Widersacher Henry noch mal eine Spur mehr Applaus. Heimst auch einen Preis ein. Er, der zusätzlich — im Gegensatz
zu Alice — auch noch beliebt ist, wird vor allem von den anderen wahrgenommen. Als Alice öfters mit ihm zu tun hat und mit ihm beispielsweise durch dei Flure der Schule läuft, wird dies offensichtlich: “Neben Henry durch die überfüllten Kooridore der Airington zu gehen, ist eine zutiefst eigenartige Erfahrung. Es bleiben auf dem kurzen Weg vom Ethikraum zu unseren Spinden mehr Leute — Lehrkräfte eingeschlossen — stehen, um ihm Hallo zu sagen, als die Anzahl der Personen, mit denen ich mich seit Schulbeginn unterhalten haben. Und das ist noch nicht mal übertrieben.” (Zitat S.88ff) Diese Liebesgeschichte in dieser Rivals-to-Lovers-Romance ist sehr behutsam und zart eingebunden. Eine Slow-burn-Romance, bei der man Geduld braucht. “Danke… für das alles. Ehrlich. Es… es ist noch besser, als ich es mir vorgestellt hatte.” Vielleicht ist es nur eine optische Täuschung durch das Licht, aber ich könnte schwören, dass sich seine Ohren rosa färben. “Freut mich”, erwiderte er leise und hält meinen Blick gefühlt eine Sekunde zu lang fest. Ich räuspere mich und schaue weg, plötzlich seltsam verlegen.” (Zitat S.93) Denn neben dem Hauch Magie, den die Fähigkeit u
nsichtbar zu werden, Alice verleiht, sind es vor allem Leistungsdruck, ungleiche Chancen und soziale Klassenunterschiede, die zentralen Themen in “If you could see the sun”. Aber auch Integration und der Suche nach einer Heimat spielen in dem Roman eine bedeutsame Rolle. Alice, die zwar in Peking geboren ist, ist mit ihren Eltern nach Amerika ausgewandert, um dort den “amerikanischen Traum” zu leben, der aber scheiterte, weswegen die Familie wieder zurück nach Peking gezogen ist. Die Eltern, die kaum Geld für die alltäglichen Dinge haben, die U‑Bahn nehmen müssen, weil ein eigenes Auto zu teuer ist, tun alles für ihre Tochter, um ihr die beste schulische Ausbildung zu ermöglichen und stoßen dennoch an ihre Grenzen. Trotz ihrem guten Willen mit der App für ihre Schulgebühren und ihre Familie Geld zu verdienen, stößt auch Alice an ihre Leistungsgrenzen. “Ich schätze, Noten sind das Einzige, worüber ich Macht habe. Das Einzige, was ich habe.” In dem Moment, in dem ich es laut ausspreche, wird mir klar, wie traurig das klingt.” (Zitat S.188) Sie, die sich nur über Leistung definiert und ihr Leben kaum mehr genießen kann, merkt allmählich selbst, dass sie so nicht weitermachen kann. Wie sich alles daraufhin entwickelt, welche Höhen und Tiefen sie erleben darf, das liest sich durchweg sehr unterhaltsam und faszinierend.
Dir gefällt Ann Liangs Erzählstil? Dann lies noch ihr anderes Jugendbuch: “This Time it’s real”. Für Erwachsene schrieb sie noch “A Song to Drown Rivers” (welches im Oktober 2024 auf Deutsch erscheinen wird). Ein Roman, an den ich als Leseralternative sofort denken musste, ist “Was du niemals tun solltest, wenn du unsichtbar bist” von Ross Welford. Andere Bücher, die das Thema Unsichtbarkeit haben (eher für jüngere Leser:innen) sind “Plötzlich unsichtbar” von Liz Kessler und “Windmächen” von Kai Aline Hula. Hinsichtlich der Geldsorgen der Protagonistin könnte ich mir auch gut “Friday I’m in Love” von Camryn Garrett vorstellen oder auch — bezüglich der Herkunft der Hauptfigur — die Romane von Jenny Han.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbj ISBN: 978-3-570-16707-6 Erscheinungsdatum: 24.Juli 2024 Einbandart: Broschur Preis: 16,00€ Seitenzahl: 400 Übersetzer*in: Doris Attwood Originaltitel: "If You Could See the Sun" Originalverlag: Inkyard Press Englisches Originalcover:
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(4,5 von 5 möglichen Punkten)
------------------------------------------------ Englisches Cover: Homepage von Ann Liang

Verlag: cbj
ISBN: 978-3-570-16707-6
Erscheinungsdatum: 24.Juli 2024
Einbandart: Broschur
Preis: 16,00€
Seitenzahl: 400
Übersetzer*in: Doris Attwood
Originaltitel: "If You Could See the Sun"
Originalverlag: Inkyard Press
Englisches Originalcover:
