Die deutsche Autorin und Buchhändlerin Angela Kirchner hat mit “Über den Dächern wir zwei” eine berührende Geschichte über eine Außenseiterin geschrieben, die sich in eine selbst gewählte Einsamkeit zurückgezogen hat. Es ist ihr Nachbar und ehemals bester Freund, der es schafft ihre Welt ins Wanken zu bringen. Eine zarte Liebesgeschichte, sensibel und anmutig erzählt. Für Jugendliche, die besondere Geschichten lieben. Ab 13 Jahren. Und für interessierte Erwachsene.
Die 17-jährige Mina verlässt ihr Haus kaum. Nur, wenn sie muss. Das heißt, um in die Schule zu gehen, um einzukaufen, den Müll rauszubringen oder mal einen Ausflug in die Bibliothek zu machen. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Marik hat sie keine Ahnung, was in der Schule so abgeht. Denn von selbiger ist sie früher immer heulend nach Hause gekommen. Als ihre Mitschüler auf einmal begannen sie als Freak zu bezeichnen und sie zu hänseln, weil sie sich nicht für die Dinge interessierte, für die sich alle interessierten. Weil sie anders war. Und deshalb hat Mina damals beschlossen sich von allen zurückzuziehen. “Weil ich nach und nach für alle meine Freunde in der Schule bestenfalls noch Mittel zum Zweck wurde. Weil selbst Leute, mit denen ich bereits zusammen im Sandkasten gespielt habe, sich auf einmal von mir abgewandt haben.” (Zitat aus “Über den Dächern wir zwei” S.18) Um dieser Schmach entgegenzuwirken, hat sie sich selbst von Theo, ihrem besten Freund
, der nebenan wohnt, distanziert. Von einem Tag auf den anderen. Ohne ihm etwas zu erklären. Aber jetzt drei Jahre später, bekommt Mina von ihrem Bruder erzählt, dass Theos Zwillingsbruder im Krankenhaus liegt. Er ist mit dem Fahrrad in ein Auto hineingefahren. Er soll Drogen konsumiert haben. Und obwohl Mina eigentlich nichts mehr von Theo und den anderen wissen möchte, steigt sie auf das Dach zwischen ihren Häusern, auf dem sie Theo sitzen sieht. “Seit wir neun Jahre alt waren, sind wir nahezu jeden Tag gemeinsam hier heraufgeklettert, um der Welt da unten zu entfliehen, haben uns Witze erzählt und uns schlimme Strafen für diejenigen ausgedacht, die uns in dem Moment auf die Nerven gefallen sind. Früher haben wir nie geschwiegen, sondern Stunden damit vertrödelt zu reden, bis uns die einbrechende Dunkelheit oder eine unserer Mütter dazu gezwungen haben runterzusteigen.” (Zitat S.10) Jetzt ist alles anders. Es ist komisch zwischen ihnen. Aber dennoch kommt es bald darauf immer wieder zu Situationen, in denen sie miteinander sprechen. Sich näher kommen. “Wieso hat mich dieses Gespräch mit Theo dermaßen aus der Fassung gebracht? Wieso gelingt es gerade ihm mit seinen Fragen Risse in meinen Panzer zu brechen? Wenn Mama oder Papa mir vorwerfen, ich würde den Rest der Welt von mir fernhalten, wabert das in mir herum wie ein Ölteppich auf dem Ozean und schwappt irgendwann einfach über den Rand ins Nirwana. Wieso nicht bei Theo?” (Zitat S.87) Irgendwie schafft er es sie aus ihrem Schneckenhaus herauszuholen. Doch es gab noch einen Grund, warum Mina sich von Theo damals abgewandt hat…
“Über den Dächern wir zwei” ist durchgehend aus der Ich-Perspektive und Minas Sicht erzählt. Die Sprache ist angenehm und leicht. Flüssiges Lesen ist ohne Weiteres möglich. Der Roman ist in Kapitel unterteilt und mit schönen Scherenschnittbildern zu Beginn versehen. Die Thematik des Außenseiterseins wird in Jugendbüchern oft thematisiert. Hier jedoch auf eine ganz besondere Art und Weise: “Ein halbes Jahr hat es mich gekostet, meinen Entschluss auf Freunde zu verzichten, in der Schule durchzusetzen. Ausdauernder als jemals zuvor wurde ich danach bedrängt und sogar umschmeichelt, weil diesen Schmarotzern plötzlich ein Opfer fehlte, das sie aussaugen konnten wie Parasiten. Auf einmal half ihnen niemand mehr aus der Patsche, wenn sie den Unterrichtsstoff nicht kapierten. Und damit nicht genug. Mit einem Mal war niemand mehr da, den man — zur Belustigung aller — hänseln konnte. Ich reagierte einfach nicht mehr. Weder auf das eine noch auf das andere.” (Zitat S.22) Eine Art, auf die die Protagonistin selbst entscheidend auf Distanz zu den anderen geht. Doch kann man in einer Gesellschaft ohne Gesellschaft (über)leben? Dass auch Mina bei dieser Frage bald ins Wanken gerät, liest sich sehr emotional und ergreifend. “Mit einem Mal wird mir klar, dass es keine gute Idee war, zu ihm aufs Dach zu steigen und ihn wieder in mein Leben zu lassen. Ich habe ewig gebraucht, um ihn loszuwerden, weil er hartnäckiger war, als all die anderen Mitschüler zusammen. Und nun sitzt er dort, trinkt Kaffee mit meiner Mutter und grinst, als wären die letzten Jahre komplett anders verlaufen.” (Zitat S.57) Besonders die flotten Dialoge haben mir sehr gut gefallen.
Eine Alternative zu “Über den Dächern wir zwei” hinsichtlich der Außenseiterrolle ist “Solitaire” von Alice Oseman mit einer wirklich
exzentrischen Außenseiterin, die auch erst wieder lernen muss, sich auf andere Menschen einzulassen. Selbiges lernt die Protagonistin in “Nur dieser eine Sommer” von Becky Citras, das sanfter erzählt ist. Sehr berührend fand ich auch die Außenseiterrolle in “This song will save your life” von Leila Sales, in dem sich die Hauptfigur zu Anfang besondere Dinge einfallen lässt, um dazuzugehören und dies dann auf eine völlig andere Art und Weise erreicht. Eine spezielle Art des Rückzugs wählt auch die junge Chelsea in “Speechless” von Hannah Harrington, das wirklich klasse ist. Nachbarskinder und beste Freunde seit Kindertagen und ein Verhältnis, das sich allmählich verändert — das findest du in folgenden Büchern: “Liebeskinder” von Jana Frey (brillant!), “Killing Butterflies” von M.Anjelais (krass) und “Zwillingssterne” von Cristina Moracho (speziell). Oder lies die Nachbars-Liebesgeschichte “Mein Sommer nebenan” von Huntley Fitzpatrick. Übrigens hat Angela Kirchner noch ein zweites Buch geschrieben, das 2017 erschienen ist: “Viel näher als zu nah”.
Bibliografische Angaben:Verlag: Oetinger ISBN: 978-3-8415-0496-8 Erscheinungsdatum: 1.Februar 2018 Einbandart: Taschenbuch Preis: 6,00€ Seitenzahl: 207 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Deutsches Originalcover:
Kasimiras Bewertung:
(4,5 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3-8415-0496-8
Erscheinungsdatum: 1.Februar 2018
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 6,00€
Seitenzahl: 207
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Deutsches Originalcover: