“Schwebezustand” ist das zweite Buch von dem österreichischen Autoren Andreas Jungwirth und ein typischer Adoleszenzroman, der eine Jugendliche in den Vordergrund stellt, die mit der Liebe, einer langsam zerbrechenden Freundschaft und der Trennung ihrer Eltern konfrontiert wird. Berührend und sehr unterhaltsam erzählt. Für Jugendliche ab 13 Jahren.
Wien. Die 14-jährige Sophie wohnt mit ihren Eltern in einem 13-stöckigen Hochhaus, im 9. Stock. Der Vater hat seinen Job verloren und eine Stelle in einer anderen Stadt annehmen müssen, deshalb ist er jetzt nur noch am Wochenende da. Auch sonst hat sich in Sophies Leben einiges verändert. Ihre beste Freundin Vanessa ist jetzt mit Jonas zusammen und in Gedanken oft woanders. Das gleiche T‑Shirt mit dem Totenkopf anzuziehen, das findest die Freundin plötzlich uncool. Vanessa ist auch sonst nicht mehr all zu entspannt. Kurz bevor sie auf eine Party zu der vermögenden Olivia wollen, wirft sie ihrem Freund vor, einer anderen Frau hinterhergeguckt zu haben und ergreift beleidigt die Flucht. Also fahren Jonas und Sophie alleine zu der Party. Dort lernt sie überraschend den älteren Moritz kennen, Sohn des Hauses, Besitzer eines Porsches. Der 19-jährige nimmt sie mit seinem Auto mit und auf eine Spritztour durch die Stadt. “Obwohl Sophie nichts über Moritz weiß und ihr tausend Fragen durch den Kopf gehen, sagt sie nichts. Nicht einmal, wie verrückt das ist…
als Vierzehnjährige um drei Uhr morgens in einer Autobahnraststätte mit einem Typen zu sitzen, von dem sie vor ein paar wenigen Stunden noch nicht einmal wusste, dass er existiert. Vermutlich ist es komplett verrückt und sie sollte beunruhigt sein. Ist sie aber nicht…” (Zitat S.41) Denn mit Moritz zusammen zu sein, ist irgendwie ganz anders. In seinem schnellen Auto durch die Gegend zu heizen, das fühlt sich wie pures Adrenalin, wie Fliegen an und lässt Sophie all ihre Sorgen vergessen. Die baldigen Streitereien mit Sophie und die Schreckensnachricht, dass ihre Eltern sich vielleicht trennen werden. Doch dann zeigt sich Moritz auf einmal von einer ganz anderen Seite… und Sophie trifft auf Paul. Paul, der Junge, der im gleichen Hochhaus wie sie seit Kurzem wohnt. Der sie schon beobachtet hat und fasziniert ist von ihr. Doch auch er trägt eine Last mit sich herum…
“Schwebezustand” ist aus der Sicht eines allwissenden Erzählers geschrieben, der sich jedoch dezent zurückhält und Sophies Perspektive schildert. Dann und wann werden in kursiv gedruckter Schrift Teile eingeblendet, die Pauls Blickwinkel zeigen. Er ist von seinem Deutschlehrer dazu aufgefordert worden, Tagebuch zu schreiben. “Ich soll gelegentlich aufschreiben, was mir so durch den Kopf geht. Wozu das denn? Mein Leben ist ohnehin schon total kompliziert. Ich wäre fast ausgeflippt. Aber Herr Valentin meinte, ich soll es probieren, es 
würde mir helfen.” (Zitat S.23) Zunächst haben diese beiden Sichtweisen noch nicht viel miteinander zu tun. Treffen noch nicht aufeinander. Erst allmählich begreift man die Zusammenhänge und erkennt, dass sie nun beide im selben Wohnhaus wohnen. Dass es Sophie ist, die er beobachtet. Paul, der jetzt bei seinem Großvater lebt, weil seine Mutter nach einem Unfall ins Koma gefallen ist: “Vielleicht ist Koma ja eine Art Schwebezustand, in dem man die Gedanken der Menschen lesen kann, die um einen herum sind. Abe da niemand sich daran erinnern kann, die aus dem Koma erwachen, wissen wir nichts davon. Der Alte hat natürlich nichts gesagt und meine Mutter bloß wie eine Außerirdische angestarrt.” (Zitat S.49) Irgendwann endet dann auch dieser Tagebuchstil, nämlich dann, wenn Sophie und Paul ihre erste richtige Begegnung haben, wobei dies erst im hinteren Teil des Buches stattfindet. Das, was zu Beginn des Romans passiert, der große (oberflächliche) Zickenkrieg der besten Freundin, das liest sich noch eher mäßig interessant, doch dann — obwohl sich so viel gar nicht ereignet - wird das Buch wirklich unterhaltsam. Andreas Jungwirth hat einen sehr flüssigen Erzählstil, auch wenn er in das Buch keinen riesengroßen Konflikt eingebaut hat, keinen wirklichen roten Faden, an dem alles hängt — schafft er es zu unterhalten und ein Mädchen zwischen zwei Jungs und beim Erwachsenwerden zu zeigen, das nicht immer einfach ist und bei dem manche Dinge auch einfach mal “in der Schwebe” sein können…
Fazit: Eine leichte, lockere Geschichte übers Erwachsenwerden.
Wenn dir “Schwebezustand” gefallen hat, kannst du noch das erste Buch von Andreas Jungwirth lesen: “Kein einziges Wort”, ein Roman über Zivilcourage, sehr packend erzählt. Bücher übers Erwac
hsenwerden gibt es wie Sand am Meer. Ein paar schöne, herausgegriffene sind zum Beispiel “Funkensommer” von Martina Holzinger (schon etwas älter, aber sprachlich sehr schön erzählt), “Ich will endlich fliegen, so einfach ist das” von Katarina von Bredow (sensibel und mitreißend), “Papierfliegerworte” von Dawn O’Porter (auch über schwierige Familienverhältnisse, Freundschaft) und “Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt” von Hilde Kvalvaag (sehr authentisch). Ein Roman, in dem ebenfalls Junge und Mädchen abwechselnd zu Wort kommen und mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens zurechtkommen müssen, ist “Sternschnuppensommer” von Julie Leuze. Eine sehr gute Alternative ist auch “Charlottes Traum” von Gabi Kreslehner. Ein Mädchen zwischen zwei Jungs und Eltern, die sich trennen, sind hier die Hauptthematiken.
Bibliografische Angaben:Verlag: cbt ISBN: 978-3-570-31081-6 Erscheinungsdatum: 11.September 2017 Einbandart: Taschenbuch Preis: 9,99€ Seitenzahl: 320 Übersetzer: - Originaltitel: - Originalverlag: - Originalcover: -
Kasimiras Bewertung:
(4 von 5 möglichen Punkten)

Verlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31081-6
Erscheinungsdatum: 11.September 2017
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 9,99€
Seitenzahl: 320
Übersetzer: -
Originaltitel: -
Originalverlag: -
Originalcover: -