Andreas Götz — Wir sind die Wahrheit

Kasimira27.Februar 2020

Der deut­sche Autor Andre­as Götz hat mit “Wir sind die Wahr­heit” einen neu­en gesell­schafts­po­li­ti­schen Roman geschrie­ben, der sich mit Rechts­ex­tre­mis­mus, Gewalt und Radi­ka­li­sie­rung aus­ein­an­der­setzt. Mit­ten­drin ein Mäd­chen, deren Bru­der nach einer Schlä­ge­rei im Koma liegt und einer rech­ten Grup­pie­rung ver­fal­len zu sein scheint. Auf der Suche nach der Wahr­heit gerät sie selbst in den Bann des Anfüh­rers. Ein wich­ti­ges und mit­rei­ßen­des Buch. Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne.

Das Abitur hat Leah hin­ter sich gebracht. Möch­te nun nach Ber­lin zie­hen. Doch jetzt ist ihr Zwil­lings­bru­der Noah bru­tal zusam­men­ge­schla­gen wor­den und liegt im Koma. Immer wie­der hat er sich für Flücht­lin­ge enga­giert. Nun scheint er von Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, mit denen er zuvor auch noch gespro­chen hat, so schwer ver­letzt wor­den zu sein, dass man nicht weiß, wann und ob er wie­der auf­wa­chen wird. “Er spürt kei­nen Schmerz, ver­si­chern uns die Ärz­te und Pfle­ger wie­der und wie­der, und so fried­lich, wie er daliegt, glau­be ich ihnen das auch. Dafür spü­re ich den Schmerz.” (Zitat aus “Wir sind die Wahr­heit” S.9) Für Leah sind Besu­che im Kran­ken­haus bei­na­he unmög­lich. Sie kann ihren Bru­derKasimira in die­sem Zustand ein­fach nicht sehen. Hat wahn­sin­ni­ge Angst um ihn. Jetzt ist auch noch ein Video von der Tat­nacht bei der Poli­zei auf­ge­taucht, das mehr über den Ablauf ver­rät: “Es wirkt alles cool, Noah lacht und die Män­ner lachen mit. Bis die Stim­mung wie aus dem Nichts umschlägt. Auf ein­mal sind die Män­ner total auf­ge­bracht, sie brül­len rum und sto­ßen Noah. Es gibt die ers­ten Schlä­ge. Faust­hie­be. Noah wehrt sich, aber nicht sehr ent­schlos­sen. Die Schlä­ge wer­den hef­ti­ger, er geht zu Boden und wird getre­ten.” (Zitat S.17) Bald bekommt Leah selbst von einem Unbe­kann­ten Vide­os zuge­schickt, die sie nur ein­mal öff­nen kann, ehe sie wie­der spur­los ver­schwin­den. Sie zei­gen das Video­ta­ge­buch ihres Bru­ders und Aus­sa­gen von ihm, die Leah mehr und mehr ver­wir­ren. Immer öfter hat sie das Gefühl ihren Bru­der nicht mehr zu ken­nen. Auch eine ehe­ma­li­ge Klas­sen­ka­me­ra­din, die Jour­na­lis­tin wer­den will, warnt sie, Noah sei in die rech­te Sze­ne abge­rutscht. Selbst Kasimirader Sohn der bes­ten Freun­din ihrer Mut­ter scheint mehr zu wis­sen als Leah: “Ich weiß bloß, dass er sich mit irgend­wel­chen Leu­ten getrof­fen hat.” “Was denn für Leu­te?” “Hat er nicht gesagt. Ich hab auch nicht groß gefragt. War alles super­ge­heim. Dein Anhän­ger da, den hat er von denen.” Er deu­tet auf Noahs gol­de­ne Adler­mün­ze, die ich wie einen Talis­man für ihn um den Hals tra­ge.” (Zitat S.62ff) Schließ­lich trifft Leah auf den cha­ris­ma­ti­schen Alex­an­der, der einer rech­ten Bewe­gung ange­hört und auch Noah gekannt hat. Und das ver­än­dert alles…

Das Cover von “Wir sind die Wahr­heit” macht schon von der äuße­ren Gestal­tung und vor allem mit dem Schrift­bild und Titel klar, um was es in dem Buch gehen wird. Es beginnt mit einem der Ich-Erzäh­le­rin Leah an ihren Bru­der: “Bit­te stirb nicht! DU DARFST NICHT KasimiraSTERBEN! Ich ver­bie­te es! Weil… ein Leben ohne dich kann ich mir nicht vor­stel­len! Und ich will es auch nicht! Du und ich, wir waren immer zu zweit, von Geburt an.” (Zitat S.5) Dann beginnt der Haupt­teil des Buches, der in vier Tei­le geglie­dert ist, die fol­gen­de Titel tra­gen: “Die Vide­os”, “Die Grup­pe”, “Gefüh­le” und “Die Wahr­heit”. Der Erzähl­stil ist sehr flüs­sig, teils mit kur­zen, prä­gnan­ten Sät­zen. Die Wor­te von Noahs Video­ta­ge­buch wer­den mit einem “Play”-Zeichen ein­ge­lei­tet und sind in einem ande­ren Schrift­bild gestal­tet. Eben­so wie Leah taucht man als Leser erst lang­sam in die Welt des Rechts­ra­di­ka­lis­mus ein. Beglei­tet sie dabei mehr dar­über her­aus­zu­fin­den. Vor allem der Pro­zess sich ein­zu­ge­ste­hen, was aus ihrem Bru­der gewor­den ist, liest sich sehr authen­tisch und inten­sivVolks­ver­rä­ter wur­den schon immer und über­all auf­ge­knüpft! Es wäre an der Zeit, dass die­ser schö­ne Brauch wie­der­be­lebt wird! Wir sind die Opfer, sie die Täter! Wann kapiert ihr lin­ken Idio­ten das end­lich! Mein Wider­stands­geist ist erwacht. So etwas Unmensch­li­ches soll mein Bru­der geschrie­ben haben? Nie im Leben!” (Zitat S.68) Leah wehrt sich dage­gen. Kann Kasimiranicht glau­ben, was ihr Bru­der da von sich gibt. Was er im Inter­net angeb­lich unter Pseud­onym geschrie­ben haben soll, was er aber auch in sei­nem Video­ta­ge­buch ihr gegen­über äußert. Die Geschich­te ver­ein­nahm beim Lesen immer mehr, lässt die unter­schwel­li­ge Bedro­hung immer spür­ba­rer wer­den. Denn es stellt sich vor allem eine Fra­ge: Wer schickt ihr die­se Vide­os? Was bezweckt die Per­son damit? Und wel­che Wahr­heit wird Leah am Ende zuta­ge beför­dern? Was mir nicht so gut an “Wir sind die Wahr­heit” gefiel, ist die gele­gent­li­che Erwäh­nung des Rau­chens, die in einem Jugend­buch vor allem in die­ser For­mu­lie­rung nicht wirk­lich sein muss: “Stef­fi zün­det sich ihre selbst gedreh­te Ziga­ret­te an. Rau­chen beru­higt, sagt sie.” (Zitat S.44) Was hin­ge­gen sehr gut getrof­fen wur­de, sind die zwie­späl­ti­gen Gefüh­le, die Leah Alex­an­der gegen­über ent­wi­ckelt (auch wenn etwas schnell bereits von “Lie­be” gespro­chen wird), die­se Sehn­sucht einer­seits, aber auch die Ver­nunft, für was er steht, ande­rer­seits. Das Ende war — ich kann gar nicht genau­so sagen war­um — für mich irgend­wie nicht ganz so zufrie­den­stel­lend. Ein biss­chen viel Pathos, ein wenig feh­len­de Authen­ti­zi­tät hin­sicht­lich der Ent­wick­lung des Bru­ders, der Über­ra­schungs­mo­ment, irgend­wie war das nicht ganz rund. Aber am bes­ten selbst lesen und eine eige­ne Mei­nung bil­den!

Fazit: Ein fes­seln­des, the­ma­tisch sehr wich­ti­ges Buch mit ganz klei­nen Schwä­chen.

Dir gefällt Andre­as Götz Erzähl­stil? Dann lies doch noch sei­ne ande­ren Bücher (alles Thril­ler): “Stirb lei­se, mein Engel!”, “Hörst du den Tod?” und “Denn mor­gen sind wir tot”. Außer­dem hat er noch die Soap-arti­ge Rei­he “Bad Boys & Litt­le Bit­ches” und die Fort­set­zung “Bad Boys & Litt­le Bit­ches: Klei­ne Sün­den” geschrie­ben. Hin­sicht­lich des zwi­schen­drin ein­ge­blen­de­ten Video­ta­ge­buchs, das den Erzähl­text immer wie­der unter­bricht, wur­de ich auch ein wenig an “Tote Mäd­chen lügen nicht” von Best­sel­ler­au­tor Jay ALesealternativensher erin­nert, wenn auch mit ande­rer Hin­ter­grund­the­ma­tik. Falls es gera­de das The­ma Rechts­ex­tre­mis­mus ist, das dich inter­es­siert, dann hast im Jugend­buch jede Men­ge Titel, die du lesen kannst: “Angst sollt ihr haben” von Man­fred Thei­sen (2017), “Anschlag von rechts” von Rei­ner Engel­mann (2017), “Neo­na­zi” von Timo F. (2017), “Der Schuss” von Chris­ti­an Lin­ker (2017),“Som­mer unter schwar­zen Flü­geln” (Band 1, 2015) + “Win­ter so weit” (Band 2, 2017) von Peer Mar­tin, “Schwar­zer, Wolf, Skin” von Marie Hage­mann (2016), “Der rech­te Weg” von Bri­git­te Blo­bel (2014), “Bluts­brü­der” von Micha­el Wil­den­hain (2011), “Ich hab dich gese­hen” von C.Z. Nightin­ga­le (2011), “Der Kick: Ein Lehr­stück über Gewalt” von And­res Vei­el, “Schwarz, rot, tot” von Hei­di Has­sen­mül­ler (2004), “Der Unsicht­ba­re” von Mats Wahl (2001), “Ganz schön blau­äu­gig” von Mats Berg­gren (2001). Eine gute Lese­al­ter­na­ti­ve bezüg­lich total ver­schie­de­ner Wel­ten und einer Lie­bes­ge­schich­te fin­dest du auch rich­tig gut geschrie­ben in der Neu­erschei­nung “Es war die Nach­ti­gall” von Kat­rin Bon­gard. Wie schnell Radi­ka­li­sie­rung abläuft (zum Dschi­had) das erlebst du zudem in “Dschi­had online” von Best­sel­ler­au­tor Mor­ton Rhue. Sehr ergrei­fend und höchst lite­ra­risch ist außer­dem “Die Atten­tä­ter” von Anto­nia Michae­lis.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: Dressler
ISBN: 978-3-7891-50148-2
Erscheinungsdatum: 23.März 2020
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€ 
Seitenzahl: 288
Übersetzer: -
Originaltitel: - 
Originalverlag: -
Originalcover: -

Kasimiras Bewertung:

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