Amy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben

Amy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben21.Oktober 2018

Jetzt ist alles, was wir haben” ist der ers­te Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Amy Giles. Ein Buch über dunk­le Geheim­nis­se in einer Fami­lie, emo­tio­na­len Miss­brauch und ein jun­ges Mäd­chen mit­ten zwi­schen den Fron­ten einer ers­ten gro­ßen Lie­be und dem Schat­ten der Gewalt. Ein packend erzähl­tes, stil­les, aber doch unheim­lich lau­tes Buch. Eine wich­ti­ge Geschich­te, die zu lesen, sich defi­ni­tiv lohnt. Lese­tipp!! Für Jugend­li­che ab 13 Jah­ren und für Erwach­se­ne.

Die 17-jäh­ri­ge Had­ley stammt aus einer wohl­ha­ben­den, ange­se­he­nen Fami­lie. Sie ist Käpt’n des Lacrosse Teams und eine 1A Spie­le­rin. In der Schu­le schreibt sie Best­no­ten und nimmt neben­bei Flug­un­ter­richt. Bald wird sie auf das eli­tä­re Cor­nell Col­le­ge gehen. Ihre 10-jäh­ri­ge Schwes­ter Lila sieht bewun­dernd zu Had­ley auf. Doch der Schein trügt: “Mit ihren zehn Jah­ren hält Lila mein Leben für auf­re­gend. Ich gehe zu fei­er­li­chen Preis­ver­lei­hun­gen mit mei­nem Lacrosse-Team. Ich neh­me Flug­stun­den am McK­in­ley-Flug­ha­fen. Ihr ist noch immer nicht bewusst, wie viel von mei­nem Leben mir in Wirk­lich­keit gar nicht gehört.” (Zitat aus “Jetzt ist alles, was wir haben” S.15) Denn eigent­lich sind die­se Ent­schei­dun­gen gar nicht ihre eige­nen. Eigent­lich ist es ihr Vater, der für sie ent­schei­det. Und weil er Amy Giles: Jetzt ist alles, was wir habenaufs Cor­nell Col­le­ge gegan­gen ist, wird sie dort auch hin­ge­hen. Weil er damals im Lacrosse Team war, ist sie es nun auch. Und weil er ein begeis­ter­ter Flie­ger ist, nimmt Had­ley eben­so Flug­stun­den. Zudem wirft ihr Vater sie jeden Mor­gen um 4:30 aus dem Bett um mir ihr lau­fen zu gehen und lässt sie ein har­tes Kraft­trai­ning absol­vie­ren. Es zählt nur der Sieg, der Erfolg, die Per­fek­ti­on. Nichts ande­res. Mit Jungs aus­ge­hen, das darf Had­ley auch nicht: “Das hat mein Vater letz­tes Jahr unmiss­ver­ständ­lich klar­ge­stellt, als er bei der blo­ßen Erwäh­nung, mich könn­te mög­li­cher­wei­se ein Jun­ge aus­füh­ren, das Wein­glas mei­ner Mut­ter gegen den Küchen­schrank knall­te.” (Zitat S.34) Aber jetzt hat Had­ley sich ver­liebt. Und das ver­än­dert alles. Doch wie lan­ge wird sie es schaf­fen die Bezie­hung vor ihrem Vater geheim zu hal­ten? Und was wird pas­sie­ren, wenn er es erfährt? Bald über­schla­gen sich die Ereig­nis­se…

Schon das Cover von “Jetzt ist alles, was wir haben” ist zwar schlicht, aber den­noch unheim­lich gelun­gen und ein ech­ter Hin­gu­cker! (eben­so wie das eng­li­sche, sie­he unten) Es wirkt irgend­wie geheim­nis­voll und zeigt die Prot­ago­nis­tin vor nächt­li­cher Sil­hou­et­te. Sicher­lich eine Anspie­lung auf die früh­mor­gend­li­chenAmy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben Lauf­ein­hei­ten mit ihrem Vater mit­ten durch die Stadt. Der Roman ist in einer beson­de­ren Erzähl­wei­se geschrie­ben. Immer aus Had­leys Sicht in der Ich-Per­spek­ti­ve, aber ein­mal mit der Über­schrift “Jetzt” und ein­mal mit der Über­schrift “Damals”. So erfährt der Leser gleich zu Beginn in “Jetzt”, dass es einen Flug­zeug­ab­sturz gege­ben hat, bei dem Had­leys Fami­lie ums Leben gekom­men ist und sie die­je­ni­ge war, die das Unglück tat­säch­lich über­lebt hat. Sie, die jetzt im Kran­ken­haus ist und mit all dem fer­tig wer­den muss: “Der Lärm, das Cha­os, all das gehört zu einer ande­ren Welt, einer ande­ren Dimen­si­on. Nicht zu mei­ner. Ich bin gar nicht wirk­lich hier. Ich bin mit ihnen gestor­ben. Ich muss mit ihnen gestor­ben sein. Ich soll­te mit ihnen gestor­ben sein. Ich soll­te nicht hier sein.” (Zitat S.47) Sie, die schließ­lich in einer Kli­nik lan­det. Was pas­siert ist, das setzt sich lang­sam zusam­men wie ein Puz­zle. Der Haupt­teil wird durch Had­leys eige­ne Erzäh­lung bestimmt, wel­che lang­samAmy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben auf den Flug­zeug­ab­sturz zusteu­ert. Es gibt aber auch Abschnit­te, die in kur­si­ver Schrift gedruckt wer­den, in denen die Flug­si­cher­heits­be­hör­de sich des Fal­les annimmt und unter­sucht, wie es zu dem Absturz kom­men konn­te und alle Per­so­nen aus Had­leys nähe­rem Umfeld dazu befragt. Das zumeist in Inter­view­form auf­ge­zeich­ne­te Gespräch gibt hier inter­es­san­te Ein­bli­cke und — was mir schon am Anfang beim Lesen beson­ders posi­tiv auf­ge­fal­len ist — bie­tet zudem sehr gelun­ge­ne, ange­neh­me Über­gän­ge zwi­schen den ein­zel­nen Erzähl­tei­len. Es ergibt sich somit ein immer umfas­sen­de­res Bild einer Fami­lie: Einer Mut­ter, die zu viel trinkt und weg­sieht. “Er hat sie -klein­ge­kriegt, vor Jah­ren schon.” (Zitat S.51ff) Eines Vater, der die ältes­te Toch­ter kon­trol­liert und tyran­ni­siert. Had­ley, die es nicht schafft, sich gegen ihn auf­zu­leh­nen, aber immer­hin ver­sucht ihre jün­ge­re Schwes­ter Lila von all dem fern­zu­hal­ten. Und doch hat man beim Lesen immer das Gefühl, dass es noch viel mehr Dunk­les und Furcht­ba­res gibt, was man über die Fami­lie nicht weiß. Das sich erst lang­sam noch ent­blät­tert. Hier­bei wird man gna­den­los in einen Sog gezo­gen, dem man sich so schnell nicht ent­zie­hen kann! Der Span­nungs­bo­gen hält sich kon­stant durch das gan­ze Buch hin­durch — etwas, was nicht jeder Autor schafft. Das Ende: über­ra­schend, dra­ma­tisch und gelun­gen. Mit einem Anhang, in dem Mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt wer­den sich Hil­fe zu holen.

Fazit: Ein abso­lut emp­feh­lens­wer­tes Buch, das ich wirk­lich sehr ger­ne gele­sen habe!

Ein Flug­zeug­ab­sturz, der ein Leben ver­än­dert? Das erlebst du zudem in “Love is a mir­cacle” von Eliza­beth Scott, die sehr ein­dring­lich erzähl­te Roma­ne schreibt. Lie­bes­ge­schich­te und häLesealternativenusli­che Gewalt, das fin­dest du nicht nur in “Nur noch ein ein­zi­ges Mal” von Col­le­en Hoo­ver (hier ist es der Freund und nicht der Vater), son­dern auch in der Span­nungs­rei­he von Rebec­ca Dono­van: “Lie­be ver­letzt”“Lie­be ver­wun­det”“Lie­be ver­rät”. Oder greif zu “Wie der Vater so der Tod” von Tra­cy Bilen oder zu “Der Feind ganz nah” von Susan­ne Clay. Rich­tig klas­se fand ich eben­so “In dei­nem Licht und dei­nem Schat­ten” von Loui­sa Reid oder “Das Ende der Lügen” von Lau­ra Sum­mers. Nichts ganz so extrem, aber auch ein wenig grenz­wer­tig ver­hält sich der Vater in Die­ses Leben gehört: Alan Cole” von Eric Bell. Wie Kin­der die Gewalt eines Vaters ganz unter­schied­lich erle­ben, davon kannst in “Kei­nen Schlag wei­ter!” von Chris­ti­ne Bier­nath lesen. Das The­ma Gewalt in der Fami­lie fin­dest du eben­falls in “Die Wor­te der wei­ßen Köni­gin” von Anto­nia Michae­lis (sprach­ge­wal­tig und gran­di­os erzählt!), “Evil — das Böse” von Jan Guill­ou (der moder­ne Klas­si­ker zum The­ma Gewalt), “Ele­fan­ten sieht man nicht” von Susan Krel­ler (wur­de für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert) oder Mit offe­nen Augen” von Joy­ce C. Oates.

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbj
ISBN:  978-3-570-16487-7
Erscheinungsdatum: 15.Oktober 2018
Einbandart: Hardcover
Preis: 17,00€ 
Seitenzahl: 400 
Übersetzer: Isabel Abedi 
Originaltitel: "Now is everything"
Originalverlag: Harper Teen

Amerikanisches Originalcover: 
Amy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben











Amerikanischer Trailer:
 Amy Giles in einem Fernsehinterview (auf Englisch):

Kasimiras Bewertung:

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(5 von 5 mög­li­chen Punk­ten)

Die­ser Titel hat es in fol­gen­de Kate­go­rie geschafft: **Kasi­mi­ras Lieb­lings­bü­cher**

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