Amy Giles — Jene Nacht ist unser Schatten

Kasimira8.Mai 2021

Jene Nacht ist unser Schat­ten” ist der zwei­te Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Amy Giles, der (übri­gens von Isa­bel Abe­di) ins Deut­sche über­setzt wur­de. Hier wer­den ein Jun­ge und ein Mäd­chen in den Mit­tel­punkt gestellt, die nach einer Mas­sen­schie­ße­rei bei­de ihre jeweils gro­ßen Brü­der ver­lo­ren haben und ein­an­der nun uner­war­tet näher­kom­men. Eine Geschich­te über Ver­lust, Trau­er­be­wäl­ti­gung und die Lie­be. Schmerz­haft, berüh­rend und sehr sen­si­bel erzählt. Kommt für mich aller­dings lei­der nicht her­an an den den Vor­gän­ger “Jetzt ist alles, was wir haben” (unab­hän­gig von­ein­an­der zu lesen). Für Jugend­li­che ab 14 Jah­ren und Erwach­se­ne, die sich nicht scheu­en sich mit erns­ten The­men auseinanderzusetzen.

Ein Jahr ist es her, dass die 17-jäh­ri­ge Jess ihren älte­ren Bru­der Ethan bei einer Mas­sen­schie­ße­rei im Kino ver­lo­ren hat. Doch noch immer steht ihr Leben völ­lig Kopf: “An man­chen Mor­gen dau­ert es ein biss­chen län­ger, bis ich die Kur­ve krie­ge und bereit bin, mich einem wei­te­ren Tag ohne sie zu stel­len, selbst jetzt noch, nach einem Jahr.” (Zitat aus “Jene Nacht ist unser Schat­ten” S.6) Sie ver­misst ihren Bru­der. Und jetzt auch ihre bes­te Freun­din Maris­sa, die mitt­ler­wei­le in einer Pri­vat­schu­le mit psy­cho­lo­gi­scher Betreu­ung gelan­det ist, weil sie mit den Fol­gen des Amok­laufsKasimira nicht zurecht­kommt. “Vie­le Kids haben sich von jener Nacht nie erholt. Maris­sa ist eins von ihnen. Die Schu­le ließ Seel­sor­ger kom­men um dem Rest von uns bei­zu­ste­hen. Die Schul­flu­re waren voll von Leu­ten, die sich umklam­mer­ten oder sich an einer Schul­ter aus­wein­ten. Ich hat­te mei­ne Schul­ter zum Aus­wei­nen ver­lo­ren. (Zitat S.24) Und Kon­takt nach außen ist dort strengs­tens unter­sagt. Nur gele­gent­li­che Besu­che der eige­nen Fami­lie. Doch Jess hat ohne­hin mit ihrer eige­nen Mut­ter genug zu tun. Die­se ist in eine Depres­si­on gestürzt, weil sei den Tod ihres Soh­nes ein­fach nicht ver­kraf­tet hat und kann sich kaum auf­raf­fen etwas zu machen. “Es gibt viel, was mei­ne Mut­ter ein­fach nur tun muss, aber sie tut es nicht. Auf­ste­hen zum Bei­spiel, duschen, Essen machen… all das wäre schon mal ein super Anfang.” (Zitat S.42ff) Unzäh­li­ge Rech­nun­gen, die noch offen sind, sta­peln sich. Und das Geld geht lang­sam aber sicher zur Nei­ge. Jess Vater ist vor Jah­ren bereits abge­hau­en. Des­halb ist es nun Jess, die veKasimirarsucht mit klei­ne­ren Aus­hilfs­jobs über die Run­den zu kom­men. Mit größ­ter Mühe fin­det sie einen im Bau­markt “Enzo”. Dort arbei­tet auch Luca, des­sen älte­rer Bru­der Jason eben­falls bei der Schie­ße­rei im Kino ums Leben gekom­men ist. “Und ziem­lich gut aus­se­hend ist Lucas auch. Viel­leicht wird die­ser Job hier am Ende doch nicht so übel.” (Zitat S.22) Doch Luca möch­te Jess nicht um sich haben. Er, der von sei­ner Mut­ter mitt­ler­wei­le völ­lig über­be­hü­tet und umsorgt wird, möch­te mit Men­schen, die in jener Nacht dabei waren, am liebs­ten gar nichts zu tun haben. Er hat immer noch mit Panik­at­ta­cken zu kämp­fen. Hat gro­ße Schuld­ge­füh­le, über­lebt zu haben. Den­noch kom­men sich die bei­den unwei­ger­lich näher…

Das Cover ist schön gestal­tet, pas­send zum Inhalt des Buches. Erzählt wird der Roman sowKasimiraohl aus Jess’ Sicht als auch aus Lucas in der jewei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve. Die Spra­che von Amy Giles ist sehr ange­nehm. Gleich zu Beginn fiel mir eine Stel­le beson­ders schö­ner Laut­ma­le­rei auf: “Vor den Geschäf­ten schie­ben die Laden­be­sit­zer mit knir­schend metal­li­schem Schep­pern ihre schmie­de­ei­ser­nen Sicher­heits­gat­ter hoch. In Shu’s Fisch­la­den lässt Shu sei­ne kilo­schwe­ren Sil­ber­b­ras­sen auf das fri­sche Eis kra­chen.” (Zitat S.6) Von Isa­bel Abe­di auf jeden Fall sehr schön über­setzt wor­den (auch wenn an min­des­tens drei Stel­len lei­der die Anfüh­rungs­zei­chen falsch gesetzt wur­den bezie­hungs­wei­se fehl­ten;-)) “Jene Nacht ist unser Schat­ten” ist eine eher ruhig erzähl­te Geschich­te, der auf die Ent­wick­lung sei­ner Prot­ago­nis­ten fokus­siert ist und nicht durch gro­ße Span­nungs­mo­men­te besticht, sich auch mal auf ein­zel­ne Aspek­te (z.B. die Auf­zäh­lung ekli­gen Essens oder eine The­ra­pie­stun­de) kon­zen­triert und die­se aus­ufernd beschreibt. An man­chen Stel­len fehl­te mir tat­säch­lich ein wenig die Dra­ma­tik, der rote Faden beim Lesen, deKasimirar in “Jetzt ist alles, was wir haben” so über­aus bril­lant war. Die Lie­bes­ge­schich­te wird auch sehr sanft, sehr behut­sam beschrie­ben, das lang­sa­me Annä­hern und Zurück­wei­chen, das Sich-auf­ein­an­der-ein­las­sen-kön­nen und die Ängs­te sein Schutz­schild her­un­ter­zu­zie­hen. Denn — und das macht das Buch sehr deut­lich — auch wenn ein Jahr bereits seit dem schreck­li­chen Mas­sa­ker ver­gan­gen ist (wie genau die Hin­ter­grün­de dort waren, wird nie wirk­lich beschrie­ben), so sitzt der Schmerz bei bei­den Prot­ago­nis­ten immer noch sehr tief. Ist auch das Wei­ter­le­ben nicht immer ein­fach: “Die Leu­te den­ken, wir hät­ten Glück gehabt, weil wir über­leb­ten, weil unse­re Nar­ben nicht sicht­bar sind. Aber wir spü­ren sie, jeden Tag. Wir sind die wan­deln­den Ver­wun­de­ten.” (Zitat S.7) Dies in Wor­te zu fas­sen, ist Amy Giles sehr gut gelun­gen. Gera­de die Tat­sa­che, dass es eben noch lan­ge nicht vor­bei ist Schmerz, Trau­er und auch KasimiraSchuld zu emp­fin­den, wird beson­ders sen­si­bel gezeigt. So wie zum Bei­spiel in Lucas Fall, der immer noch in the­ra­peu­ti­scher Behand­lung ist und unter gele­gent­li­chen Panik­at­ta­cken lei­det: “Wohin ich auch schaue, alle um mich her­um machen mit ihrem Leben wei­ter. Vor einem Jahr war die­ser Ort hier ein Kriegs­ge­biet. Wei­nen­de Men­schen, non­stop, über­all. Ein­fach nur an einem Schließ­fach vor­bei­lau­fen konn­te ein Aus­lö­ser sein. Bei mir ist es die Sport­hal­le. Der Tro­phä­en­schrank. Dar­an vor­bei­zu­ge­hen, zer­stört mich.” (Zitat S.28) Gera­de Ver­än­de­run­gen bedeu­ten für ihn zusätz­li­chen Stress. Ver­än­de­run­gen, die auch mit der Begeg­nung von Jess daher­kom­men. Dass jeder von ihnen ein gro­ßes Päck­chen zu tra­gen hat, ist offen­sicht­lich. Als Leser fie­bert man gera­de­zu mit, bangt, hofft, dass sie begrei­fen, dass gemein­sam viel­leicht doch viel mehr mög­lich ist als gedacht. Das Ende ist pas­send und berührend.

Wenn du “Jene Nacht ist unser Schat­ten” ger­ne gele­sen hast, dann greif aufLesealternativen jeden Fall noch zu “Jetzt ist alles, was wir haben”, das mir per­sön­lich noch bes­ser gefal­len hat. Eine Lie­bes­ge­schich­te vor dem Hin­ter­grund eines Amok­laufs, das fin­dest du auch sehr bewe­gend und bril­lant erzählt in “Bis die Zeit ver­schwimmt” von Sven­ja K.Buchner. Die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit las­ten eben­so auf den Prot­ago­nis­ten in “Du bringst mein Leben so schön durch­ein­an­der” von Clai­re Chris­ti­an und in der Neu­erschei­nung “Mor­gen und die Ewig­keit danach” von Manue­la Inu­sa. Trau­er­ver­ar­bei­tung und eine Lie­bes­ge­schich­te, das fin­dest du höchst ergrei­fend auch in “Wie viel Leben passt in eine Tüte?” von Don­na Frei­tas, in der Neu­erschei­nung “All this time: Lie­ben heißt unend­lich sein” von Rachel Lip­pin­cott und Mikki Daugh­try und in “Was uns bleibt ist jetzt” von Meg Wolit­zer. 

Bibliografische Angaben:
Schilder was wo wer wannVerlag: cbt
ISBN: 978-3-570-31346-6
Erscheinungsdatum: 8.März 2021
Einbandart: Taschenbuch
Preis: 10,00€
Seitenzahl: 384
Übersetzer: Isabel Abedi
Originaltitel: "That night"
Originalverlag: HarperTeen

Amerikanisches Originalcover:
Kasimira



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Kasimiras Bewertung:

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(4 von 5 mög­li­chen Punkten)

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Amerikanisches Cover: Homepage von Amy Giles

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